Arbeiter vor einer Baustelle
Eurozone | 14.06.2016 (editiert am 07.07.2016)

Lohn oder Kapital? – Teil 3

Warum ist Arbeit so wichtig? Arbeit schafft nicht nur das Einkommen der Massen, sondern ist auch der entscheidende Kostenfaktor. Deswegen ist nichts wichtiger als Arbeit. Mit der Vorstellung von einem „Arbeitsmarkt“ kann man dem Phänomen nicht gerecht werden.

Den wichtigsten Schlüssel zum Verständnis der Bedeutung von Arbeit und Lohn für die gesamtwirtschaftliche Analyse findet man in einem einfachen empirischen Zusammenhang, den wir schon tausendmal gezeigt haben. Die gleichförmige Entwicklung von Lohnstückkosten und Preisen (Abbildung) über viele Jahrzehnte und in fast allen Ländern der Welt könnte der Ausgangspunkt einer umfassenden, einer allgemeinen ökonomischen Theorie sein, wenn die Ökonomen diesen Schlüssel aus ideologischen Gründen nicht schon vor langer Zeit weggeworfen hätten.


Inflation und Lohnstückkostenwachstum 1970-2013 in verschiedenen Ländern


Die Tatsache, dass die Entwicklung von Inflationsraten und Lohnstückkostenzuwächsen im Durchschnitt vieler Jahre fast genau gleich stark steigen, bringt Implikationen mit sich, vor denen sich einerseits die herrschende Lehre fürchtet wie der Teufel vor dem Weihwasser, weil sie ihr gesamtes Modell mit einem Schlag zum Einsturz bringen. Dass sich andererseits auch viele Linke Ökonomen davor fürchten, kann ich nachvollziehen, verstehen kann ich es jedoch nicht, weil sie damit die Chance vergeben, mit überzeugenden Gründen für eine neue und rationale Rollenverteilung der Wirtschaftspolitik einzutreten.

Die wichtigste Implikation dieses empirischen Befundes ist auch zugleich die einfachste. Wenn die Löhne auf lange Sicht in dieser Weise mit den Preisen korreliert sind, können die Löhne nicht auch für die Beschäftigung verantwortlich sein. Wenn sich beispielsweise einige Jahre nach einem Lohnschock (Löhne rauf oder runter) die Preise wieder an die Lohnstückkosten anpassen, ist die neoklassische Idee, dass sich die Faktorpreisrelationen dauerhaft ändern, also Arbeit auch auf lange Sicht billiger wird im Verhältnis zum Kapital, von vorneherein sinnlos. Die Unternehmen werden die Produktion ja nicht im neoklassischen Sinne umbauen, wenn sie erwarten müssen (und das müssen sie nach diesem Zusammenhang erwarten), dass über Preissenkungen, die der Wettbewerb unter den Unternehmen erzwingt, der Reallohn, der kurzfristig gesunken ist, wieder (nahezu) auf den alten Stand zurückgebracht wird.

Man muss hier von „nahezu“ reden, weil die Trendgerade nicht genau entlang der 45° Linie verläuft, sondern die Preise immer etwas stärker steigen als die Lohnstückkosten. Vielleicht würden sie bei fallenden Löhnen auch stärker absolut fallen, dazu gibt es jedoch – noch – keine ausreichende empirische Evidenz. Das bedeutet allerdings, dass das System eine gewisse Tendenz in Richtung Umverteilung zulasten der Arbeitnehmer hat. Das kann an mangelndem Wettbewerb liegen. Einer der Gründe dafür könnte aber auch sein, dass es in der Vergangenheit mehr inflationäre exogene Schocks (wie Ölpreisschübe) gegeben hat als deflationäre, was die Unternehmen veranlasst hat, die Preise auch diesen exogenen Schocks anzupassen, ohne dass sie davon profitierten. Ein weiterer wichtiger Grund wird weiter unten diskutiert.

Natürlich gilt trotz dieser langfristigen Überlegungen auch weiterhin, dass die neoklassische Beschäftigungs- und Arbeitsmarkttheorie auch deswegen fundamental zurückzuweisen ist, weil sie die kurzfristigen negativen Nachfrageeffekte sinkender Reallöhne ignoriert (bei steigenden umgekehrt). Ich habe das unter anderem hier erklärt und will an dieser Stelle darauf nicht näher eingehen (ausführlicher noch in dem Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“). Das können die Neoklassiker allerdings leicht mit „den üblichen kurzfristigen Nachfrageüberlegungen der Keynesianer“ abtun, was bei dem obigen langfristigen Befund nicht so leicht möglich oder doch wenigstens leichter durchschaubar ist.

Die neoklassische Arbeitsmarkttheorie ist falsch

Insgesamt bedeutet das, dass jeder vernünftige Mensch einen der theoretischen Kernpunkte der neoklassischen Theorie, nämlich den Arbeitsmarkt, der wie ein Kartoffelmarkt funktioniert, strikt ablehnen muss. Das schließt allerdings keineswegs aus, dass vernünftige Menschen anerkennen, dass es einen positiven Effekt von Lohnsenkungen in einer offenen Volkswirtschaft geben kann, wenn es keine Wechselkurreaktionen und keine Gegenmaßnahmen anderer Länder gibt (siehe wiederum das oben verlinkte Papier oder auch hier die „Massenarbeitslosigkeit“). Zu sagen, man neige zur Neoklassik oder verteidige diese Lehre sogar, weil man anerkennt, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, Außenhandelsergebnisse zu manipulieren, ist schlicht abwegig und bedarf keiner weiteren Kommentierung (siehe auch meine kurze Zurückweisung einer solchen „These“ hier).

Auf der Seite der linken Ökonomen arbeitet man auch nicht gern mit diesem empirischen Befund und die Gründe sind leicht nachzuvollziehen. Der Befund impliziert nämlich auch, dass Umverteilungsversuchen von Seiten der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen langfristig enge Grenzen gesetzt sind. Weil die Unternehmen immer die Möglichkeit haben, hohe nominale Lohnsteigerungen durch Preisanpassungen zu geringeren realen Lohnsteigerungen zu machen, ist der Versuch, die Primärverteilung direkt zu verändern, mit gewaltigen Schwierigkeiten verbunden.

Hier könnte man nun argumentieren, dass es in der Vergangenheit ja auch Umverteilung zulasten der Arbeitnehmer gegeben hat (siehe oben) und das müsse sich doch wenigstens wieder gut machen lassen.

Doch so einfach ist es leider nicht. Es gibt hier eine starke Asymmetrie, die den Gewerkschaften das Leben systematisch schwer macht. Werden die Nominallöhne gesenkt oder nicht entsprechend der Regel Produktivitätszuwachs plus Zielinflationsrate erhöht, gibt es nur den Druck des Wettbewerbs, der die Unternehmen zwingt, die Preise nach unten anzupassen. Treten die Gewerkschaften auf den Plan und wollen eine solche Entwicklung rückgängig machen, sehen sie sich nicht nur den Arbeitgebern gegenüber, die Widerstand leisten, sondern auch der Zentralbank. Praktisch alle Zentralbanken der westlichen Welt stehen – und zwar ganz unabhängig vom aktuellen Niveau der Lohnquote – Gewehr bei Fuß, um jeden Versuch einer Umverteilung zugunsten der Arbeitnehmerseite praktisch unmöglich zu machen. Schon auf hohe Forderungen der Arbeitnehmerseite würden die Zentralbanken mit Drohgebärden reagieren und spätestens bei der konkreten Gefahr von aus ihrer Sicht „zu hohen“ Lohnabschlüssen (anders ist ja eine Umverteilung nicht zu erreichen) wären sie jederzeit bereit, die Konjunktur abzuwürgen, Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen und damit die Verhandlungsposition der Gewerkschaften zu schwächen.

Mit der Unabhängigkeit der Zentralbanken und dem Mandat, jederzeit eine niedrige Inflation zu garantieren (in Europa ist dieser Effekt wesentlich gravierender als in den USA, wo es wenigstens formal die Aufgabe der Zentralbank ist, die Beschäftigung zu fördern), ist ein System geschaffen worden, das ohne Zweifel die Umverteilung zugunsten der Unternehmen fördert. Das liegt natürlich auch an der unbestreitbaren Unfähigkeit der Zentralbank Deflation genauso effektiv zu bekämpfen wie Inflation. Es liegt aber noch in viel stärkerem Maße an der Tatsache, dass selbst ein jahrzehntelanger fast stetiger Rückgang der Lohnquote wie in Deutschland, der nicht mit offener Deflation einherging, von der Zentralbank bei der Würdigung der „Inflationsgefahr“, die von hohen Lohnforderungen (als Teil einer Rückverteilungsstrategie der Gewerkschaften) ausgehen könnte, nicht einmal zur Kenntnis genommen wird.

Eine neue Rollenverteilung für die Wirtschaftspolitik

Wer etwas an diesen ohne Zweifel unbefriedigenden Verhältnissen ändern will, muss sich explizit mit Geldtheorie, der Rolle der Zentralbank und deren Unabhängigkeit sowie deren Mandat auseinandersetzen. Gerade in Sachen Geldtheorie ist in den vergangenen zwanzig Jahren viel passiert, es sind aber sicher nicht vorneweg linke Ökonomen, die daran beteiligt wären. Wer wirklich etwas ändern will, muss anerkennen, dass die Lohnstückkosten entscheidend sind für die Inflationsentwicklung und daraus folgern, dass jede Art von Umverteilungsversuch (also vor allem über Lohnsenkungen) mit Hilfe der Tarifverhandlungen zu extrem unerwünschten Nebenwirkungen führt, einerseits, weil er die Wirtschaft schwächt und andererseits, weil er praktisch nie mehr korrigiert werden kann.

Generell muss man der Geldpolitik eine ganz andere Rolle, nämlich die des Förderers privater und öffentlicher Investitionen zuweisen. Die Aufgabe der Lohnpolitik ist gleich eine dreifache: Sie muss, erstens, über die Anpassung der Reallöhne dafür sorgen, dass die binnenwirtschaftliche Nachfrage stabilisiert wird und jederzeit ausreicht, um alle produzierten Produkte kaufen zu können. Zweitens, die Lohnpolitik stabilisiert auf diesem Wege die Inflationsrate und verhindert, dass aus einmaligen Preisschocks dauerhafte Abweichungen der Inflationsrate vom Inflationsziel werden. Und drittens verhindert die Lohnpolitik auf diesem Wege auch, dass die Volkswirtschaft insgesamt an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland verliert, was jedenfalls dann gilt, wenn das internationale Währungssystem seine Aufgabe wahrnimmt, unterschiedliche Inflationsraten durch Ab- und Aufwertungen auszugleichen. Ob die Tarifpartner das alles alleine stemmen können oder dazu der Hilfe eines vermittelnden oder gar eingreifenden Staates bedürfen, muss man diskutieren. Diese Diskussion von vorneherein zu verweigern, weil man fürchtet, eine heilige Kuh (Tarifautonomie genannt) könnte dabei ums Leben kommen, ist mehr als problematisch, weil man genau damit den orthodoxen Marktverteidigern und ihren Umverteilungsideen in die Hände spielt.

Umverteilung der Einkommen und des Vermögens muss eine vordringliche Aufgabe des Staates sein. Und es ist keine Frage, dass der Staat hier sehr viel tun kann, ohne dass das System ins Wanken gerät. Darüber hinaus muss der Staat – unterstützt von der Geldpolitik – Sorge dafür tragen, dass die Ersparnisversuche der Privaten (also die etwa 250 Milliarden, die in diesem Jahr in Deutschland in etwa die geplante Ersparnis der Haushalte  und Unternehmen darstellen), weder zu einer Rezession führen noch zu dem sinnlosen Versuch, das Ausland über „Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit“ permanent in die Rolle des Schuldners zu drängen. Das bedeutet, der Staat hat einen ungeheuren Spielraum, um über eigene Verschuldung und öffentliche Investitionen die Wirtschaft direkt positiv zu beeinflussen und andererseits (vor allem über eine hervorragende staatliche Infrastruktur inklusive einer ökologischen Vorsorge) die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die privaten Investitionen florieren und in die richtige Richtung gelenkt werden.

So funktioniert die Marktwirtschaft oder der Kapitalismus, je nachdem, wie man es nennen will. Wenn man das System nicht vollkommen in Frage stellt, helfen Umverteilungsrhetorik und starke Sprüche über böse Kapitalisten nicht weiter. Natürlich kann und darf man das marktwirtschaftliche oder kapitalistische System vollständig in Frage stellen. Das System im Prinzip gut zu finden, seine Ergebnisse in Sachen Verteilung der Einkommen jedoch vollkommen zu verwerfen, das führt in die Irre. Ich war schon überrascht, von Sahra Wagenknecht in Anlehnung an Karl Marx zu lesen:

„Der Kapitalist kauft die Arbeitskraft und verkauft das Produkt der Arbeit, und weil beides differiert, hat er, ohne die Gesetze des gleichen Tauschs zu verletzten, dabei einen Schnitt gemacht. Diese Theorie beschreibt korrekt, was dem Gewinn zugrunde liegt, nämlich dass der abhängig Beschäftigte mehr erarbeitet, als er bezahlt bekommt, dass also ein Teil des Ertrags seiner Arbeit an den Eigentümer des Unternehmens geht.“ (S. 131) (zitiert nach dem Artikel von Paul Steinhardt, hier)

Genau! So ist das. Das ist Kapitalismus. Dass das passiert, hat aber gerade nichts mit mangelndem Wettbewerb zu tun, den Sahra Wagenknecht ansonsten beklagt und mit den Mitteln bekämpfen will, die von den Ordoliberalen der Freiburger Schule vorgeschlagen wurden. Auch bei vollkommenem Wettbewerb ist das so. Niemand hat bisher ein kapitalistisches System gefunden (oder erfunden), in dem die Ergebnisse der Produktion (also die Produktivität), die von Menschen in Kombination mit Kapital entstanden ist, anders verteilt worden wären. Man darf sich nicht vor dem klaren empirischen Befund drücken, der da heißt: Es gibt keinen Kapitalismus, auch wenn man ihn „Marktwirtschaft“ nennt, ohne die Gesetze des Kapitalismus!

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