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Eurozone | 10.06.2016 (editiert am 16.06.2016)

Lohn oder Kapital? – Teil 1

Über die Ursachen der Krise in der Europäischen Währungsunion ist eine Kontroverse entbrannt. Es fehlt allerdings dabei an theoretischer Klarheit, weil man sich nicht explizit mit den neoklassischen Irrungen und Wirrungen befasst.

Teil 1

Seit einigen Wochen gibt es in Deutschland, teilweise sogar heftige, Diskussion darüber, ob die deutsche Lohnzurückhaltung zu Beginn der Europäischen Währungsunion wirklich verantwortlich ist für die gewaltigen Ungleichgewichte, die in den Leistungsbilanzen der Mitgliedsländer dieser Union entstanden sind. Besonders im linken politischen Spektrum gibt es viele, die der von Hans-Werner Sinn vertretenen These zuneigen, wonach Kapitalströme eine viel größere Rolle spielten als die Lohndifferenzen. Wobei Sinn durchaus ambivalent argumentiert: Die Bedeutung der Lohnstückkostendifferenzen räumt er ein, allerdings betont er immer nur die „zu hohen“ Lohnzuwächse in den Krisenländern, vergisst aber meist die „zu niedrigen“ Lohnzuwächse in Deutschland zu erwähnen.

Sinn ist allerdings insoweit konsequent, als er als Neoklassiker die Position vertritt, dass es auch im Inland die „Ersparnisse“ (also die inländischen Kapitalströme) sind, die Investitionen induzieren, was nichts anderes heißt, als dass mehr Ersparnisse gut sind, weil sie mehr Investitionen mit sich bringen. Das überträgt er einfach auf die Außenbeziehungen und argumentiert folgerichtig, dass das Kapital immer in der Führungsrolle ist, wenn es um mehr Investitionen geht. In bester neoklassischer Tradition unterstellt er, dass es einen funktionsfähigen Zinsmechanismus gibt, der die Ersparnisse quasi automatisch und reibungslos zu Investitionen macht. Ob das von den Autoren auf der Linken auch vertreten wird, weiß ich nicht. Es wäre aber schon komisch, wenn man eine These verträte, bei der dieser Mechanismus im Inland ganz anders abliefe als in der Beziehung zum Ausland.

Ich will in dieser dreiteiligen Serie die beiden Mechanismen miteinander vergleichen und meine eigene Deutung der Vorgänge dagegenstellen, so dass jeder entscheiden kann, welche Position er für plausibler hält.

Mehr zu sparen, ist gut für das Investieren. Auf diese einfache Formel kann man die neoklassische Position bringen, die üblicherweise in der einfachen (und zumeist unkritischen) Gleichsetzung von Sparen und Investieren (I = S) ihren Ausdruck findet. Wenn die Menschen den Gürtel enger schnallen, sich also weniger von ihrem laufenden Einkommen in Form von Konsum gönnen, dann wird auch mehr investiert. Auch wenn der Staat das Gleiche tut, also weniger Schulden oder gar Überschüsse macht, indem er die öffentlichen Ausgaben zurückfährt, ist das gut, weil es Raum schafft für private Investitionen. Für die Beziehungen zwischen Ländern wird das in der gleicher Weise behauptet. Wenn ein anderes Land weniger Produkte im Inland kauft, weil es sparen und einen Leistungsbilanzüberschuss erzielen will, ist das gut für das Inland, denn auch dann steigen die verfügbaren Ersparnisse auf der Welt und es wird mehr investiert.

So einfach ist das und doch so falsch. Und schon an dieser Stelle fragt man sich, wie Ökonomen, die im übrigen nicht das neoklassische Weltbild teilen, ausgerechnet an dieser – der wichtigsten und zugleich absurdesten Stelle dieses Weltbildes – tüchtig zugreifen und versuchen, diese Absurdität in einem speziellen Fall zu rechtfertigen.

Macht der Zinsmechanismus aus Sparen unmittelbar Investieren?

Entscheidend für die Frage, ob man diese Mechanismus für plausibel hält oder nicht, ist offenbar die Frage, wie die Impulse vermehrten Sparens, also einer ursprünglichen Ausgabenkürzung eines Sektors, sich in mehr Investitionen verwandeln. Das ist die uralte Kontroverse um die Bedeutung des Zinses, die ich noch einmal kurz anhand einer Diskussion darlegen will, die ich vor einiger Zeit mit Thomas Mayer geführt habe.

In meiner Erwiderung auf einen Artikel von Thomas Mayer (hier und hier nachzulesen) heißt es: „Wie üblich führt Thomas Mayer einen Zinsmechanismus an, der vermehrte Ersparnis in Investitionen umsetzen soll. Daher stelle die Ersparnis kein Problem für Wachstum und Vollbeschäftigung dar. Zwar würden bei einer sparbedingt geringeren Konsumnachfrage Arbeitnehmer in den Konsumgüterindustrien freigesetzt, das vermehrte Angebot an Sparkapital aber drücke den Zins und das stimuliere Investitionen, die nicht nur die ausgefallene Konsumnachfrage ausglichen, sondern auch das Wachstumspotenzial für die Zukunft erhöhten. Man brauche allerdings flexible Preise und Löhne, um diesen Wandel reibungslos zu realisieren.

Diese Argumentation ist falsch. Spart ein Sektor in der Volkswirtschaft mehr, fällt unmittelbar Nachfrage für die anderen Sektoren aus. Wenn die privaten Haushalte weniger konsumieren, sinken bei den Unternehmen Umsätze und Gewinne und der Staat verzeichnet geringere Einnahmen. Daraufhin investieren die Unternehmen weniger, was auch beim Investitionsgütersektor negativ zu Buche schlägt und wieder den Staat trifft. Der Staat gibt ebenfalls weniger aus, was die Nachfrage bei den Unternehmen entweder direkt reduziert, wenn der Staat seine Rolle als Investor zurückfährt, oder indirekt, wenn der Staat Transfereinkommen verringert und die Nachfrage der privaten Haushalte drückt.

Diesem Nachfrageausfall steht kein steigendes Kapitalangebot gegenüber, das für sinkende Zinsen sorgen könnte. Warum? Weil die Sparversuche der einen die Einkommen der anderen reduzieren. Versuchen die privaten Haushalte und der Staat zu sparen, dann sinken zunächst die Gewinne, d.h., das Einkommen der Unternehmen. Halten diese (was bei sinkender Auslastung unwahrscheinlich ist) an ihren bisherigen Investitionsplänen fest, können sie das dafür notwendige Kapital jetzt nur noch zu einem Teil aus dem Gewinn aufbringen – das unternehmensinterne Kapitalangebot ist  gesunken. Sie müssten also bei den Banken mehr Kapital nachfragen für die gleiche Investitionstätigkeit wie in dem Fall ohne zusätzliche Ersparnis. Was die Sparer mehr gespart und zur Bank getragen haben, trifft folglich auf eine höhere Kapitalnachfrage. Der Effekt auf den Zins ist Null: er kann nicht sinken und deshalb steigen die Investitionen nicht. Folglich gibt es keinen automatischen Nachfrageersatz für die geringere Konsumnachfrage.

Doch die Wirkung der Sparbemühungen ist tatsächlich viel schlimmer. Denn der Fall gleich bleibender Investitionen im Falle erhöhter Sparanstrengungen ist vollkommen unrealistisch. Warum sollten die Unternehmen bei gesunkener Nachfrage nach ihren Produkten genauso viel investieren wollen wie vorher? Sie werden weniger investieren und weniger Kapital nachfragen, weil ihre Kapazitätsauslastung geringer ist und sie möglicherweise Verluste machen. Das könnte dann zwar dazu führen, dass die Zinsen doch sinken. Das wäre dann aber die Folge der geringeren Investitionstätigkeit und erzeugte keinen positiven Impuls für mehr Investitionen. Wahrscheinlich käme es daher gleichzeitig zu niedrigeren Zinsen und sinkenden Investitionen.

Das ist der Fall, der die Zentralbank auf den Plan ruft, die mit ihrer Liquidität dafür sorgt, dass die Zinsen noch weiter sinken, also einen echten Impuls darstellen. Manchmal wirkt so ein Impuls, manchmal nicht. Derzeit haben die Zentralbanken in der ganzen Welt die Zinsen auf nahe Null geschleust, doch die Investitionstätigkeit springt nicht an. In einer solchen Situation kann der gesamte Mechanismus, den sich Thomas Mayer vorstellt, ohnehin nicht zum Zuge kommen, selbst wenn das Argument eines positiven Impulses sinkender Zinsen durch mehr Sparen richtig wäre, was es nicht ist.“

Diese Argumente muss man alle für Null und nichtig halten, wenn man behauptet, ein Leistungsbilanzüberschuss bewirke in einem anderen Land einen Investitionsboom, weil der Nettokapitalexport (der buchhalterisch immer genau dem Leistungsbilanzüberschuss entspricht) ja zeige, dass es einen Nettokapitalexport gegeben habe und der könnte im Ausland investiert worden sein. Ich will niemandem meine Position aufdrängen, aber wer die neoklassische Position im Kern, also bei der Umwandlung von Sparen und Investieren, für richtig hält, muss auch die logischen Konsequenzen dieser Theorie ohne wenn und aber akzeptieren.

Im zweiten Teil werde ich die Gegenposition erklären, also zeigen, wie man von einem Lohnschock zu einem außenwirtschaftlichen Ungleichgewicht kommt.

Weitere Teile dieser Serie

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