Ölförderung
Weltwirtschaft | 10.06.2016 (editiert am 16.06.2016)

Was den Ölpreis treibt

Ist der Ölpreis von Angebot und Nachfrage abhängig? Von politischer Einflussnahme? Oder ist doch die Spekulation für die Schwankungen verantwortlich?

Der Preis für Rohöl schlug in den letzten 10 Jahren wilde Kapriolen. Von 50 US-Dollar im Jahr 2006 kletterte er auf über 140 Dollar 2008, stürzte im Jahr der Finanzkrise unter 40 Dollar, stieg 2010 wieder über 110 Dollar, schwankte die nächsten Jahre zwischen 80 und 100 Dollar, ging dann seit 2014 in den Sinkflug über und erreichte im Februar dieses Jahres ein absolutes Minimum von 28 Dollar. In den letzten Monaten hat er sich wieder etwas erholt und notiert jetzt bei knapp 50 Dollar.

Fragt man nach Gründen für diese wilde Achterbahnfahrt, erhält man unterschiedlichste Antworten: Der Preis werde von der weltwirtschaftlichen Situation, der OPEC oder auch von der Spekulation bestimmt. Im Folgenden unternehme ich den Versuch einer Spurenlese.

 Ölpreis und Weltkonjunktur


Weltkonjunktur und Ölpreis

Die Grafik 1 zeigt die Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts aller OECD-Länder (nach Berechnungen der OECD) als Indikator der Weltkonjunktur und den Rohölpreis (WTI). Es gibt zwar eine grobe Parallelität bis etwa 2014, die jedoch als Erklärung für die Preisbewegungen des Öls nicht befriedigen kann. Es bleiben zu viele Fragen offen. Ich habe drei dieser Punkte mit grünen Pfeilen markiert.

  • Warum zeigt der Ölpreis derart hysterische Ausschläge?
  • Warum kletterte der Ölpreis zwischen 2006 und 2008 in den Himmel? Er stieg von etwa 50 auf fast 150 Dollar, also um 300%, während sich die Konjunktur ab 2007 (erster grüner Pfeil) abschwächte.
  • Die konjunkturelle Entwicklung war 2010 in etwa wieder auf dem gleichen Niveau wie vor dem Einbruch 2008. Der Ölpreis lag 2008 jedoch bei fast 150 Dollar, 2010 dagegen bei 80 Dollar. Warum? Was erklärt diesen Preisunterschied von fast 100% bei einer ähnlichen Konjunkturlage?
  • Die Weltkonjunktur schwächte sich ab 2010 wieder etwas ab, nachdem der keynesianische Moment vorüber war und die Wirtschaftspolitik das Wirtschaftswachstum nicht mehr stimulierte, der Ölpreis stieg jedoch weiter (Zweiter grüner Pfeil).
  • Die Konjunktur dümpelte zwischen 2011 und 2014 mit geringen Wachstumsraten vor sich hin, der Ölpreis jedoch schwankte zwischen 80 und 110 Dollar, also um etwa 30%. Was erklärt diese Schwankungen? Die Konjunktur jedenfalls nicht.
  • Wieso stürzte der Ölpreis 2014 in den Keller? Gewaltige Konjunkturschwankungen gab es nicht (Dritter grüner Pfeil).
  • Warum steigt der Ölpreis seit 2016 wieder, während die Konjunktur sich abschwächt?

Die Konjunktur ist augenscheinlich kein sehr brauchbarer Indikator zur Erklärung der Ölpreisdynamik. Offenbar gibt es noch weitere, mächtige Kräfte, die den Ölpreis beeinflussen.

Die OPEC war der Täter

Da der Preisverfall 2014 unmöglich mit Angebot und Nachfrage erklärt werden konnte, blühten die Spekulationen über finstere Mächte in einem globalen Wirtschaftskrieg.

Am 27.11.2014 beschloss die OPEC, die Fördermengen nicht zu drosseln. Seitdem wird spekuliert. Was bedeutet diese Entscheidung? Wer führt hier gegen wen einen Wirtschaftskrieg? Etwa Saudi-Arabien gegen den Iran und die USA, wie Marcus Sauer im Mindener Tagblatt vermutete.
 Die USA und Saudi-Arabien gegen Russland und Venezuela? Dies ist die Anklage des Präsidenten Venezuelas, Nicolás Maduro.
 Ein Angriff der OPEC auf die USA und Russland? So spekuliert das Manager-Magazin.
 Eine weitere überraschende Variante erzählt eine Nachricht des Telegraph. Es handele sich um einen gemeinsamen Angriff Russlands und der OPEC auf die US-Schieferöl Industrie, so jedenfalls kann man eine Äußerung des Vizepresidenten von Lukoil, Leonid Fedun, verstehen.

Die ganzen Verschwörungstheorien haben nur einen Schönheitsfehler: Das Timing passt nicht. Der Ölpreisverfall setzte schon im August 2014 ein, drei Monate vor der OPEC-Sitzung. Außerdem erklären sie nur eine einzige Bewegung des Ölpreises und die auch noch schlecht. Will man die Preisbewegungen umfassender verstehen, bringen die Erzählungen über die OPEC und andere Verschwörungen nicht viel weiter. Wir müssen uns also nach anderen Erklärungen umsehen.

Die Spekulanten

In einem Artikel auf Forbes (hier) von Anfang Juni 2014, also einige Wochen vor dem Beginn des Verfalls des Ölpreises, sah Jesse Colombo die Wende kommen. Colombo ist ein Spezialist für spekulative Blasen und deren Platzen. Er warnte schon 2004 vor der US-Immobilienkrise. Colombo beschreibt die wesentlichen Kräfte, die den Ölpreis bestimmen und warum der Trend drehen wird. In seinen Worten ist die Analyse des Rohölmarktes wie 3-D-Schach, auf dem widersprüchliche Gegenströmungen den Preis beeinflussen. Dennoch glaubte er, kurz-, mittel- und langfristige Trends zu erkennen.

Die wichtigsten Faktoren in Stichworten:

  • Nach der Finanzkrise 2008 drängten die institutionellen Investoren auf der Suche nach harten Anlagen in den Rohölmarkt und in andere Rohstoffe und trieben den Preis um 140% in die Höhe. Die drastischen Zinssenkungen und die extrem lockere Geldpolitik ließen Inflationsängste aufkommen. Die Spekulanten suchten nach sicheren Anlagen und fanden sie in den Terminmärkten. Es war also die Spekulation, die uns in den letzten Jahren die hohen Energiepreise beschert hat. Colombo trifft sich an diesem Punkt mit der Einschätzung von Heiner Flassbeck (hier).
  • Auf den Terminmärkten tummeln sich drei Arten von Spekulanten: Große Spekulanten, in der Regel Investmentfonds, kleine Spekulanten und kommerzielle Hedger. Die Handelssysteme der großen Investmentfonds lassen sie dem Trend folgen, was bedeutet, dass sie in der Regel die Mitte eines Zyklus gut erfassen, jedoch an den wichtigen Wendepunkten häufig falsch liegen. Ihre Handelssysteme lassen sie, kurz bevor der Trend umkippt, als Gruppe höchst aggressive Wetten eingehen. Ihr Verhalten ist daher ein guter Kontraindikator, sobald ihre Handelspositionen extreme Werte erreichen. Diesen Punkt sieht Colombo erreicht.
  • Er beobachtet, dass der Markt für Terminkontrakte sich extrem aufgespalten hat. Diese Polarisierung ist für Jesse Colombo ein Hinweis, dass der Markt drehen wird: „Wenn sich alle auf einer Seite versammeln, kippt das Boot.“ Auf der Seite der „Long Position“, der Wette auf steigende Preise, versammelten sich die großen Spekulanten, auf der Seite der „Short Position“ fanden sich dagegen die kommerziellen Hedger. Letztere sind die eigentlichen Produzenten und Nutzer von Rohöl (die Exxons und BPs), die die Futures-Märkte als eine Art Versicherung gegen Preisbewegungen nutzen. Hier liegt die tatsächliche Marktkenntnis.

Jesse Colombo sieht gute wirtschaftliche Gründe dafür, dass die kommerziellen Hedger die Position der Bären einnehmen, also fallende Preise erwarten.

Das Interessante an der Analyse von Jesse Colombo ist, dass für ihn die Spekulation und die Finanzmärkte die entscheidenden preisbestimmenden Faktoren sind. Die Realwirtschaft scheint in unserer finanzialisierten Ökonomie nur noch indirekt – als mehr oder weniger relevantes Argument im spekulativen Prozess – eine Wirkung zu entfalten.

Jesse Colombo bot in seinem Artikel eine spannende Grafik, die die Dynamik der Spekulation veranschaulicht. Ich habe mir deshalb dieselben Daten besorgt und seine Grafik aktualisiert (Sein Artikel war von 2014).

Spekulanten und Rohölpreis

Die obere Hälfte zeigt den Rohölpreis (WTI). Die untere Hälfte beschreibt das Verhalten der großen Spekulanten und der Ölkonzerne auf der NEW YORK MERCANTILE EXCHANCE, eine der großen Rohstoffbörsen. Die Daten stammen von der US Commodity Futures Trading Commission (CFTC), einer US-Behörde, die eine akribische Statistik über die Rohstoffspekulation führt.

Jeder spekulative Akt auf der Rohstoffbörse ist eine Wette. Jeweils zwei Spekulanten bilden ein Pärchen, der eine wettet auf steigende Preise, er hält die „Long Position“, der andere entsprechend die „Short Position“, er wettet, dass die Preise fallen werden. Beim Öl geht jede Wette über 1000 Barrel Rohöl.

Die CFTC erfasst alle diese Wetten, sortiert sie und veröffentlicht jeden Dienstag die aktualisierte Statistik. Die Wetten sind nach drei Händlergruppen sortiert: große Spekulanten, kleine Spekulanten und Akteure aus dem jeweiligen Markt, beim Öl also die Ölkonzerne. Aufgelistet wird, wie viele Long und Short Positionen jede Händlerkategorie im Augenblick hält, welche Veränderungen eingetreten sind, ob Händler nur Long oder Short gehen, oder ob sie gleichzeitig beide Wetten eingehen (so etwas gibt es), wie viele Händler sich auf der Börse tummeln usw.

Die Grafik zeigt die Nettoposition der großen Spekulanten und der Ölkonzerne, d.h., welche Positionen diese beiden Händlergruppen in der Summe gegeneinander halten (Diese beiden Händlergruppen dominieren das Geschehen auf der Börse). Natürlich kommt es auch vor, dass z.B. ein Ölkonzern Short Positionen einnimmt und ein anderer Long dagegen hält. Solche „Binnenwetten“ innerhalb einer Händlergruppe sind in der Grafik nicht dargestellt. Erfasst ist also nur, wie stark eine Händlergruppe sich insgesamt in der Long oder in der Short Position befindet.

Die Kurven beschreiben also Veränderungen im „Risikoappetit“ der beiden Gruppen, ob sie insgesamt eher in Richtung Short oder in Richtung Long drängen. Wenn also die Kurve etwa 200.000 Kontrakte der großen Spekulanten oberhalb der Nulllinie aufweist, so ist dies nicht die Gesamtzahl der Kontrakte der großen Spekulanten, sondern sagt aus, dass die großen Spekulanten 200.000 Kontrakte mehr Long als Short halten. Entsprechend findet sich der Gegenwert von 200.000 Kontrakten Short auf der Seite der großen Ölkonzerne. Die beiden Kurven sind deshalb spiegelbildlich. Wie man sieht, befinden sich die großen Spekulanten durchgehend oberhalb der Nulllinie, sie spekulieren mehrheitlich auf steigende Preise. Die Ölkonzerne setzten dagegen eher auf sinkende Preise.

Spannend ist die Korrespondenz zwischen dem Ölpreis und der Bewegung der Spekulanten. Immer, wenn die großen Spekulanten ihre Long Position ausbauen, steigt der Ölpreis. Fahren sie ihre Long Position zurück, fällt der Preis. Ich habe in der Grafik mehrere Wendepunkte des Ölpreises mit roten Pfeilen markiert. Jedes Mal findet sich eine entsprechende Verhaltensänderung der Spekulation.

Den Wendepunkt, den Colombo in seinem Artikel behandelt, habe ich mit einem magentafarbenen Pfeil markiert. Die großen Spekulanten hatten ihre Long Position in den Monaten zuvor immer weiter ausgebaut, während der Ölpreis nur träge stieg. In dem Augenblick, in dem sie ihre Longposition zurückfuhren, brach der Ölpreis zusammen und es begann ein „dramatic rush for the door“, wie es Matthew Philips in einem Artikel 
(hier)
auf Bloomberg Businessweek formulierte. Die Spekulanten räumten in Scharen ihre Long Position. Offenbar hatte die Spekulation ihre Karten ausgereizt. Alle spekulativen Märkte brechen immer irgendwann zusammen.

2015 versuchten die Spekulanten ihre Long Position in zwei Anläufen wieder auszubauen und den Ölpreis nach oben zu zwingen, mit nur kurzfristigen Erfolg (siehe die beiden letzten Pfeile). Zur Zeit erleben wir einen weiteren Versuch. Nick Cunningham berichtet, hier),
 dass diesmal Goldman Sachs, also ein sehr mächtiger Akteur, mit dabei ist. Ob dies mehr Erfolg verheißt? Wir werden es erleben.

Interessanterweise funktioniert die Parallelität zwischen dem Rohölpreis und den Daten der NEW YORK MERCANTILE EXCHANCE nur für die Zeit nach der Großen Finanzkrise, hier jedoch außerordentlich gut. Vorher findet sich keine brauchbare Korrespondenz, wie man an der Grafik gut erkennen kann. Offenbar hat die Finanzkrise an dieser Stelle einige wesentliche Veränderungen herbeigeführt.

Treibt die Spekulation den Preis? Und was würde das bedeuten?

Natürlich bedeutet Korrelation noch keine Kausalität, jedoch legt sie den Verdacht nahe und zwingt zum Nachdenken. Ist ein Zusammenhang plausibel? Immerhin korrespondieren die Kurvenverläufe bis ins Detail. Einen Hinweis bieten die Daten der CFTC. Es wird nicht nur in Rohöl spekuliert. Die CFTC bietet eine akribische Liste der Wirtschaftsgüter, mit denen spekuliert wird. Geht man diese Liste durch, stellt man fest, dass es sich entweder um Rohstoffe oder um Nahrungsmittel handelt. Es finden sich keine Industriegüter. Es gibt keine Spekulation etwa um den zukünftigen Preis von Fernsehgeräten. Warum eigentlich nicht?

Ich denke, die Antwort findet man, wenn man einen Blick auf den Preisbildungsmechanismus wirft:

  • Bei Industriegütern funktioniert der von der liberalen Ökonomie so sehr verehrte Angebot-Nachfrage-Preis-Mechanismus noch einigermaßen.
  • Bei naturnahen Gütern, wie Lebensmitteln und Rohstoffen, aber auch bei Immobilien funktioniert dieser Preisbildungsmechanismus schlecht bis gar nicht. Heiner Flassbeck hat vor kurzem
 
dieses Phänomen am Beispiel des Milchpreises erläutert.
  • Wie der Preis vom Immobilien außer Kontrolle gerät, wenn die Spekulation zuschlägt, haben wir alle vor einigen Jahren erfahren.
  • Der Preisbildungsmechanismus funktioniert ebenfalls nicht bei der Lohnfindung. Der Versuch hier einen „Marktpreis“ zu etablieren, endet in Lohndumping und wirtschaftlicher Stagnation.
  • Und der Versuch, über „Marktprozesse“ einen „Preis“ von „innovativen Finanzmarktprodukten“ zu bestimmen, führt unweigerlich in die Katastrophe.

Karl Polanyi sprach in seiner großartigen Studie „The Great Transformation“, in der er die Erfahrungen der Großen Wirtschaftskrise 1929/30 auswertete, von den „fiktiven Waren“ Geld, Mensch und Natur, die man niemals dem Markt überlassen dürfe, wenn man nicht die Zerstörung der Gesellschaft riskieren will. Polanyi ist recht zu geben. Überlässt man jene Wirtschaftsgüter dem Markt, bei denen der Preisbildungsmechanismus nicht funktioniert, so sind die Folgen zerstörerisch und die Spekulation feiert perverse Orgien.

Die Spekulation kann nur dort gedeihen, wo der Preisbildungsmechanismus, den wir von Industriegütern kennen, nicht funktioniert und der Staat nicht harsch regulierend eingreift. Die Preisbildung bei solchen Wirtschaftsgütern gehört daher unter öffentliche, demokratische Kontrolle.

Der liberale Versuch, alle Wirtschaftsgüter dem Markt zu überlassen, beruht auf einem einfachen und logischen Fehlschluss, dem Fehlschluss des pars pro toto. Es wird die Logik, die nur für einen Teil gilt, auf das Ganze übertragen: „Der Preisbildungsmechanismus funktioniert bei Industriegütern? Na, dann mal los, übertragen wir diese Logik auf den Rest der Wirtschaft!“ Dass der Schluss des pars pro toto ein Fehlschluss ist, wissen wir seit Aristoteles. Er scheint dennoch unausrottbar.

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