Eurozone | 29.07.2016 (editiert am 21.08.2016)

Der italienische Patient – 1

Alle reden über Italien und seine Banken. Wir analysieren seine gesamtwirtschaftliche Misere, weil man ohne diese deren Bankenmisere nicht verstehen kann. In der Tat, Italien ist schwer krank. Aber die Krankheit ist nicht nur eine italienische. Italien ist lediglich das am schwersten getroffene Opfer des Anschlags auf die wirtschaftliche Vernunft.

Wir haben in den vergangenen Wochen einige Beiträge zur politischen Entwicklung in Italien gebracht (hier zum Beispiel) und möchten das Bild durch eine gründliche mehrteilige gesamtwirtschaftliche Analyse des Landes im Vergleich zu seinen wichtigsten Nachbarn (Deutschland und Frankreich) vervollständigen.

Zu keinem Land in Europa gibt es aus deutscher Sicht wohl eine klarere Vorurteilsstruktur als zu Italien. Das bel paese, in dem die meiste Zeit dolce vita herrscht, ist aus den deutschen Hinterköpfen selbst dann nicht herauszubekommen, wenn man ernsthafte Zahlen zur beeindruckenden wirtschaftlichen Leistung in Italien in der Vergangenheit präsentiert. Das Land mit der chronisch schwachen Lira und der hohen öffentlichen Verschuldung war schon früher nicht leistungsfähig und das ist in der Europäischen Währungsunion (EWU) nur klar zu Tage getreten, so das weit verbreitete Vorurteil.

Ein falsches Italien-Bild

Dieses Italien-Bild war und ist falsch und genauso falsch ist die heutige Diagnose der italienischen Krankheit aus Deutschland. Um das zu erkennen, muss man nur lesen, was der Italien-Korrespondent der FAZ regelmäßig zum Besten gibt (hier zuletzt). Tobias Piller entrüstet sich, dass in Italien eine „abenteuerliche“ Diskussion stattfinde, in der Deutschlands Politik in der Währungsunion für die Probleme Italiens verantwortlich gemacht wird. In der gleichen Zeitung schreibt der Kommentator für Weltwirtschaft, Thomas Mayer, es führe kein Weg an der Einsicht vorbei,

„dass es Italien in den vergangenen 18 Jahren nicht gelungen ist, sich in der Währungsunion wirtschaftlich zu behaupten“ (hier).

Und den „Bestsellerautoren“ Friedrich und Weik fällt zu Italien nichts anderes ein, als der sinnlose Befund von Hans-Olaf Henkel, …

„das politisch motivierte Währungsexperiment Euro (sei) viel zu stark für Italien“ (hier).

All das hat mit der wirtschaftlichen Wirklichkeit nichts zu tun. Ja, es sind reine Ablenkungsmanöver, weil man nicht bereit ist, über die Rolle des Überschusslandes genau so offen zu reden wie über die Rolle der Defizitländer. Wobei Italien aktuell gar kein Leistungsbilanzdefizit mehr aufweist, aber dennoch weiter an der Krankheit leidet, die Defizite genau dann entstehen lässt, wenn sich die wirtschaftliche Lage normalisieren sollte.

Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Form des BIP bietet für Italien im Vergleich zu Deutschland und Frankreich in der Tat ein erschreckendes Bild (Abbildung 1).  Italien hat beim Wachstum bis 2007 mit Deutschland noch mitgehalten, im Jahr 2008 ist die gesamtwirtschaftliche Produktion aber eingebrochen und hat sich seitdem praktisch nicht mehr erholt. Seit 2011 ist Italien in einer schweren Rezession. Dagegen hat Frankreich bis zur globalen Finanzkrise im Vergleich zu Deutschland sehr gut gelegen, hat aber nach dieser Krise kein Tempo mehr aufnehmen können, so dass Deutschland inzwischen aufgeholt hat.


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Noch klarer wird die Dramatik der Entwicklung, wenn man statt des berechneten BIP die harten Fakten der Industrieproduktion anschaut (Abbildung 2). Hier sind Frankreich und Italien fast gleichförmig seit Beginn der 2000er Jahre, insbesondere aber seit 2004, hinter der deutschen Entwicklung zurückgeblieben. Frankreich ist jedoch hier seit 2011 nicht so stark eingebrochen wie Italien.


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Wettbewerbsfähigkeit in der EWU entscheidend

Das liegt, wie könnte es anders sein, an dem massiven Auseinanderlaufen der Lohnstückkosten nach Beginn der Währungsunion (Abbildung 3), das ich hier nicht noch einmal im Detail kommentieren will. Bis 2006 war die Lücke zwischen Italien und Deutschland, wo die Lohnstückkosten in den ersten Jahren der EWU überhaupt nicht stiegen, schon auf 20 Prozent angewachsen.


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Es ist unter vernünftigen Menschen gar keine Frage, dass eine solche Lücke zwischen Ländern mit einer vergleichbaren Wirtschaftsstruktur zu gewaltigen Eruptionen führen muss. Was heute weitgehend vergessen ist: Italien war bis weit in die neunziger Jahre einer der Hauptkonkurrenten im Maschinenbau für Deutschland, also in der industriellen Branche par excellence.

Selbst wenn das Land in der Vergangenheit eine relativ schwache Währung hatte (ältere „Experten“ lieben es ja heute noch über alles, sich über die chronisch schwache Lira lustig zu machen), sagt das nichts, absolut nichts über seine Fähigkeit aus, wettbewerbsfähige Produkte in die Welt zu setzen. Die schwache Lira kam von der – vor allem im Vergleich zu Deutschland – relativ hohen Inflationsrate. Die aber behinderte in keiner Weise die Produktion der besten Produkte, die man sich denken kann – jedenfalls, so lange das Land in der Lage war, seine Währung konsequent und rechtzeitig abzuwerten.

Auch der reale effektive Wechselkurs der drei Länder (also die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Maßstab) zeigt genau den gleichen Befund (Abbildung 4). Italien hat mit dem Beginn der Währungsunion stark aufgewertet, Frankreich ebenfalls, wenn auch weniger stark, und Deutschland hat massiv abgewertet, also seine globale Wettbewerbsfähigkeit durch seine Lohnzurückhaltung in der EWU deutlich erhöht.


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Italien ist also in die Mühlräder einer realen Aufwertung in einer Währungsunion (also einer Aufwertung durch höhere Lohnstückkosten) geraten und hat seine Fähigkeit, erfolgreich zu exportieren, rasend schnell verloren. Genau das kann man an der Entwicklung der Exporte klar erkennen (Abbildung 5).


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Einer gewinnt, zwei verlieren

Frankreich und Italien koppeln sich spätestens mit dem Jahr 2004 vollständig von der exorbitanten deutschen Entwicklung ab und der Rückstand wird von Jahr zu Jahr größer. Nach der globalen Finanzkrise ist die deutsche Exportwirtschaft nicht mehr zu halten. Sie hat inzwischen einen stabilen Kostenvorsprung von mindestens 15 Prozent gegenüber Frankreich und von deutlich über 20 Prozent gegenüber Italien aufgebaut, mit dem sie in Europa und weltweit die Konkurrenten aus den Nachbarländern von den Märkten verdrängen kann.

Auch bei den Importen liegt Deutschland natürlich vorne, wenn auch weit unter seinen Exporten. Frankreich dagegen importiert fast so viel wie Deutschland, allerdings, ohne die gleiche Exportleistung aufzuweisen (Abbildung 6). In Italien brechen die Importe mit der tiefen Rezession extrem ein und liegen heute unter ihrem Niveau von 2007.


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Bei leicht steigenden Exporten verbessert sich die italienische Leistungsbilanz und weist sogar seit 2012 einen Überschuss auf. Das hat aber für die zugrunde liegende Problematik keine Bedeutung. Der Rückgang der Importe ist wohl ausschließlich der tiefen Rezession zuzurechnen, weil sich die Position bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit (Abbildung 3) ja nicht verbessert hat.

Grundsätzlich zeigt die Abbildung 7 aber in nicht zu überbietender Klarheit, wie sich mit dem Auseinanderentwickeln der Lohnstückkosten die Salden verschieben. Man muss schon ein großes Maß an Ignoranz besitzen, wenn man das nicht sehen will.


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Mit dem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland war das Schicksal des italienischen Patienten besiegelt. Es gibt aus dieser Konstellation in einer Währungsunion keinen einfachen Ausweg. Es gibt vor allem keinen Ausweg, der in einer Demokratie politisch leicht verkraftbar wäre.

Lesen sie im zweiten Teil, auf welche Weise die vom Export ausgelöste Schwäche auch die übrige Wirtschaft sowie die Fähigkeit des Staates getroffen hat, die drängenden wirtschaftlichen Probleme zu lösen.

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