Kommentar | 15.07.2016 (editiert am 21.07.2016)

Der sinnlose Tod: 14 juillet 2016 à Nice

Der 14. Juli ist der Tag der Bastille. Es ist der Tag, an dem Frankreich feiert, dass das französische Volk sich 1789 von einem Willkür-Regime befreit und die ersten Schritte hin zu einer Republik gemacht hat. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren die Schlachtrufe dieser Revolution, die zum ersten Mal in der Geschichte dem Geist der Aufklärung ein politisches Mandat gab. Zwar wurden Liberté, Egalité, und Fraternité erst im Jahr 1848 von der sogenannten Zweiten Republik offiziell zum Wertekanon einer französischen Republik erklärt, aber der 14. Juli steht dafür wie kein anderer Tag.

So war es sicher kein Zufall, dass der Attentäter von Nizza auf diesen Tag gewartet hat. Nicht die Fußballeuropameisterschaft, sondern der Tag der „Gleichheit und der Brüderlichkeit“ schien ihm der geeignete, um in einer schrecklichen und erschreckenden Tat der Welt zu zeigen, was er von dieser französischen Republik und den Werten der Aufklärung hält.

Genau deswegen sollten wir in einem solchen Moment innehalten. Wir müssen uns fragen, was wir selbst aus den Werten der Aufklärung gemacht haben. Die Freiheit, keine Frage, haben wir in den Himmel gehoben. Die Freiheit ist jedoch zum Fetisch einer Gesellschaft geworden, die der Gleichheit und der Brüderlichkeit endgültig abgeschworen hat. Weil sie das insgeheim spürt, besingt sie die vermeintliche Freiheit umso lauter. Nach einem solchen Attentat kann kein Politiker an einem Mikrophon vorbeigehen, ohne zu sagen, wie wichtig die „freiheitliche Gesellschaftsordnung“ ist und dass wir sie mit Zähnen und Klauen und offenem Krieg gegen den Terror verteidigen werden. Wann wird der erste sagen, dass wir auch die Gesellschaft der Gleichen verteidigen wollen oder dass uns die Brüderlichkeit ganz besonders am Herzen liegt?

Keine Frage, die freiheitliche Gesellschaft in Europa, in Amerika und in den meisten Entwicklungsländern ist zu einer Gesellschaft der Ungleichheit und der Unbrüderlichkeit verkommen. Es interessiert diese Gesellschaft nicht, wie viele Menschen zu Hause und in der Welt auf Dauer bettelarm sind und jede Lebensperspektive verlieren. Es interessiert diese Gesellschaft nicht, wenn im Mittelmeer hunderte von Menschen ertrinken, die nichts anderes wollen, als der Perspektivlosigkeit ihrer Heimatländer zu entfliehen. Es interessiert diese Gesellschaft nicht, dass die Kontraste vor der eigenen Haustür von Tag zu Tag größer werden, wo die einen alles dürfen und können und die anderen nichts.

Die einzige Antwort, die unsere Politik denen gibt, die nicht mehr weiter wissen, ist die Antwort der öffentlichen Gewalt. Wir werden den Terrorismus besiegen, hat die deutsche Bundeskanzlerin sofort verkündet. Doch, so habe ich es nach den Anschlägen vom 13.  November 2015 schon gesagt, es gibt nichts zu siegen, weil es weder „die Terroristen“ gibt noch wirkliche Sicherheit für die Menschen. Flugzeuge kann man sichern, auch öffentliche Gebäude oder Politiker. Für den Bürger aber gibt es keine Sicherheit. Wer das System treffen will, das so unbrüderlich und ungleich ist, kann überall und mit beliebigen Mitteln zuschlagen. Sicherheit kann es  nur geben, wenn wir begreifen, dass die zornigen jungen Männer, die so etwas machen, ein Produkt unserer Welt sind. Sie sind nicht Fremde, die das Böse in sich tragen, sondern sie sind ein Produkt und ein Spiegelbild unserer entsolidarisierten „freien“ Gesellschaft.

Gleichheit und Brüderlichkeit müssen wieder zu gleichberechtigten Zielen unseres Zusammenlebens erklärt werden, weil es sonst auch keine Freiheit gibt. Wir haben nämlich in unserer Freiheitseuphorie einen vollkommen pervertierten Freiheitsbegriff geschaffen: Die Freiheit der Privilegierten wird dem Bürger als die Freiheit schlechthin verkauft. Was wir nicht sagen: Wenn die Freiheit für alle Bürger gleichermaßen gelten soll, muss die Freiheit auch immer beschränkt werden. Die Freiheit der Mächtigen muss demokratisch gewogen werden gegen die Unfreiheit der Ohnmächtigen, weil sonst die Ohnmächtigen gar keine Freiheit haben.

Das wirft viele Fragen auf, die unsere Gesellschaften nicht beantworten wollen. Ist es Freiheit oder schierer Machtmissbrauch, wenn die schon entwickelten Länder den sich entwickelnden Ländern Wirtschaftssysteme aufzwingen, die ihnen jede Perspektive zum Aufholen nehmen? Ist es Freiheit oder Machtmissbrauch, wenn Europa seine Grenzen für Flüchtlinge brutal schließt und weiter so tut, als gäbe es ein Asylrecht? Ist es Freiheit oder Machtmissbrauch, wenn Unternehmensverbände sich öffentliche Wahrnehmung und Wissenschaft kaufen, um ihre Ziele ohne Rücksicht auf demokratische Regeln durchzusetzen? Ist es Freiheit oder ist es Machtmissbrauch, wenn in einem arbeitsteilig organisierten Unternehmen denjenigen, die oben stehen, die Möglichkeit eingeräumt wird, einhundert Mal so viel zu verdienen wie die, die unten stehen?

Wohl verstandene Freiheit kommt nicht aus ohne Gleichheit und ohne Brüderlichkeit. Wer die Freiheit bevorzugt, hat sie schon verloren. Nur wenn es gelingt, die Gesellschaft zurückzubauen zu einem System, in dem alle drei Werte gleichberechtigt gelten, haben wir eine Chance, der Frustration und dem Hass das entgegenzusetzen, was zivilisierte Menschen entgegenzusetzen haben. Ob das reicht, den Hass zu beenden? Wir wissen es nicht. Wer es aber nicht einmal versucht, macht sich mitschuldig an den Toten, die wir in der Zukunft zu beklagen haben werden.

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