Konjunktur | 14.07.2016 (editiert am 21.07.2016)

Konjunktur in Europa: Auch im Sommer 2016 keine Besserung

Die gute wirtschaftliche Lage, die rundum in Deutschland beschworen wird, will sich partout nicht einstellen. Auch die Daten für Mai 2016 signalisieren für Deutschland und ganz Europa in diesem Sommer weiterhin nicht mehr als Stagnation. Dass in dieser Situation von der Eurogruppe kleinen Ländern Sanktionen auferlegt werden, ist mehr als absurd.

Deutschland konjunkturell ohne jede Bewegung

Die Auftragseingänge in der deutschen Industrie sind auch im Berichtsmonat Mai nicht gestiegen (Abbildung 1). Mit einem Wert von 110,5 (2010 = 100) liegen sie fast genau auf dem Wert, der nach der Rezession von 2008/2009 im Jahr 2011 der bisher höchste war. Das sind mehr als fünf Jahre Stagnation. Man muss sich vorstellen, dass trotz eines solch miserablen Ergebnisses die deutsche Industrie in politischer Hinsicht vollkommen ruhig bleibt – keine Klagen über die Lage, kaum laute wirtschaftspolitische Forderungen und keine heftigen Vorwürfe an die Regierung.


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Das zeigt einfach, dass die deutsche Industrie genau weiß, in welch komfortabler Situation sie im Vergleich mit den anderen Europäern immer noch ist und es zeigt, dass die deutsche Wirtschaft allgemein diese Regierungskonstellation aus ihrer Sicht für alternativlos hält.

Die Entwicklung der Auftragseingänge relativiert auch den leichten Anstieg des ifo-Index, der schon wieder als Aufschwungsindikator abgefeiert wurde (Abbildung 2).


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Betrachtet man die Entwicklung aus dem europäischen Ausland und dem Rest der Welt getrennt (Abbildung 3), zeigt sich, dass Europa sich wieder gefangen hat, der Rest der Welt aber auf dem absteigenden Ast ist.


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Dass der Bundeswirtschaftsminister diese Entwicklung der Auftragseingänge mit den folgenden Worten kommentiert (hier), bedarf wohl keiner weiteren Kommentierung:

„Die Bestellungen im Verarbeitenden Gewerbe blieben im bisherigen Jahresverlauf abgesehen von monatlichen Schwankungen nahezu stabil. Das Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe hellte sich zuletzt erneut auf und deutet auf eine weiterhin solide Entwicklung hin.“

Europa weiter sehr schwach

Die Industrieproduktion ist im Mai im Euroraum saisonbereinigt zurückgegangen (Abbildung 4). Auch hier ist der im Jahr 2011 erreichte Wert weiterhin das Maß aller Dinge. Frankreich bleibt allerdings deutlich darunter und Italien ist zuletzt wieder auf einem Stagnationskurs, nachdem es einige Monate so ausgesehen hatte, als könne sich die Lage bessern.


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In Südeuropa ist es im letzten Berichtsmonat sogar deutlich schlechter geworden (Abbildung 5). Portugal hat den leichten Aufwärtstrend wieder eingebüßt, in Spanien ist die ganz schwache Bewegung noch oben zu Ende gegangen und in Griechenland ist die letzte Hoffnung der Regierung auf eine Wende durch den erneuten Absturz zunichte gemacht worden.


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Auch in den nördlichen kleinen Ländern tut sich nichts Entscheidendes (Abbildung 6). Während Österreich und Belgien wenigstens eine minimale Aufwärtsbewegung verzeichnen, sind die Niederlande im Mai erneut abgestürzt – und zwar auf das tiefste Niveau seit 2009. Die lang anhaltende Rezession in den Niederlanden ist also, anders als viele in den letzten Monaten vermutet hatten, keineswegs überwunden. Wo sind die kritischen Wissenschaftler in den Niederlanden, die offen die Frage stellen, ob der Mann, der das zu verantworten hat, auch in der Lage ist, die Geschicke Europas an entscheidender Stelle mitzubestimmen.


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In Nordeuropa das gleiche Bild: Finnland, eines der nördlichen Musterländer der EWU bleibt in seiner tiefen Rezession und es gibt mehr und mehr Menschen, die ernsthaft über einen Ausstieg des Landes aus der Währungsunion nachdenken (hier zum Beispiel). Man sollte nicht vergessen: Das Land hat schon einmal (nach dem Fall der Mauer) mit einer drastischen Abwertung seine „strukturellen“ Probleme gelöst und die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass mit Nokia temporär sogar ein globaler Champion entstand. Aber auch die anderen Länder in Skandinavien zeigen keinen wirklichen konjunkturellen Durchbruch (Abbildung 7).


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Das gilt auch für das Baltikum (Abbildung 8). Auch um diese „Champions“ der strukturellen Reformen ist es still geworden. Kein Wunder, denn was hier, insbesondere in Estland, abläuft, ist ein klarer Rückschlag und für Länder, deren absolutes Niveau so tief ist, eine wirkliche Katastrophe. Aber auch das interessiert in Brüssel offensichtlich niemanden wirklich und die Offiziellen aus diesen Ländern werden nichts sagen, weil die meisten von ihnen – wie die Niederländer und die Finnen – ja fest davon überzeugt sind, genau das Richtige zu tun.


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Selbst in den ost- und mitteleuropäischen Staaten, wo es bisher besser lief, droht nun Stagnation, ebenso wie in Rumänien, Bulgarien und Kroatien (Abbildung 9 und 10). Tschechien, Ungarn und Polen bewegen sich kaum noch und sogar die Slowakei, bisher der Musterknabe, expandiert nicht mehr im gleichen Tempo.


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Lesen Sie im zweiten Teil wie sich die übrigen Indikatoren entwickeln und welche wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen unabweislich sind und dennoch ignoriert werden.

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