EU | 29.07.2016 (editiert am 09.11.2016)

Lackschuhe oder dreckige Schuhe?

Wie weiter nach dem Brexit? Gibt es eine wirtschaftliche Zukunft jenseits der Globalisierung? England sucht Antworten. Und findet sie – vor Ort.

Die UKIP in Großbritannien, der Front Nationale in Frankreich, Cinque Stelle in Italien, Podemos in Spanien, Donald Trump in den USA – überall gewinnen die politischen Kräfte an Einfluss, die zwar keine Lösungen haben, aber spüren, dass alles irgendwie schief läuft. Diese Woche nun hat ein McKinsey-Report diesen diffusen Eindruck konkretisiert. 65 bis 70% aller Haushalte der 25 wichtigsten Industriestaaten haben danach 2014 real weniger oder bloß gleich viel verdient wie zehn Jahre zuvor. Besserung sei nicht in Sicht. Wenn sich nichts Gravierendes ändere, werden in den nächsten zehn Jahren sogar 70 bis 80 Prozent der Haushalte mit stagnierenden und sinkenden Einkommen zu kämpfen haben. Dies ist umso erstaunlicher, als in allen 25 Ländern – mit Ausnahme Griechenlands – die Produktivität pro Arbeitsstunde weiter gestiegen ist. In Spanien etwa um 15%. Auch das BIP pro Kopf ging in diesen zehn Jahren bloß in den Krisenstaaten Griechenland, Spanien, Portugal und Irland zurück. Alle anderen verzeichneten ein Wachstum.

Exklusives Wachstum

Das Phänomen hat einen Namen: Exklusives Wachstum. Der globale Wettbewerb treibt die Menschen zwar zu immer höheren Leistungen an, aber davon profitieren immer weniger. Der „Datenkranz“, auf den die Regierungsökonomen in den Hauptstädten ihre Empfehlung stützen, haben wenig mit der Realität vor Ort zu tun. Sarah O’ Connor hat dies neulich in der „Financial Times“ auf den Punkt gebracht: Zunächst lässt sie den britische Datenkranz Revue passieren: Bloß 5% Arbeitslosigkeit, der tiefste Wert seit acht Jahren, die Ungleichheit der Einkommen ist seit der Krise zurück gegangen, die Wachstumsrate des BIP liegt bei 2%. Nicht schlecht im europäischen Vergleich.

Dann geht sie der Sache allerdings in Bolsover in Derbyshire auf den Grund. Sie hat kein Krisengebiet gewählt. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt in dieser ehemaligen Minenstadt unter dem nationalen Mittel, doch das hilft den Leuten vor Ort wenig. In den Läden hört O’Connor, dass hier alle nur Teilzeitstellen haben und dass es sich in Anbetracht der teuren Bus-Tickets nicht lohne, anderswo eine Vollzeitstelle zu suchen. In den Bars und Restaurants sind lauter selbständige Unternehmer tätig – auf Abruf. Niemand kann sich scheinbar den gesetzlichen Mindestlohn und die damit verbundenen Steuern und Sozialabgaben leisten. In der Kirche werden Schlafsäcke für junge Leute verteilt, die keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld haben und in leerstehenden Garagen hausen. Davon gibt es genug, denn ein eigenes Auto können sich in Bolsover immer weniger Leute leisten.

„The best Economist“, schließt O’Connor, „is one with dirty shoes“, weil er der Sache auf den dreckigen Grund geht. In diesem Sinne könnte man formulieren, dass wir nicht nur Ökonomen mit dreckigen Schuhen brauchen, sondern auch Wirtschaftspolitiker, die wissen, wie man die dreckigen Schuhe putzt. Leute, die vor Ort anpacken. In Bolsover haben viele Menschen Hunger und kein Dach über dem Kopf. Es gibt schlechte Schulen, die medizinische Betreuung könnte besser sein und das Unterhaltungsangebot war auch schon amüsanter. Gleichzeitig gibt es in Derbyshire viele Arbeitslose und Frühpensionierte. Die Leute, die noch Geld haben, tragen ihre Ersparnisse in die City, auf dass sie sich global vermehren mögen.

Die Analyse der Lackschuh-Ökonomen …

Was fangen die Lackschuh-Ökonomen mit dieser Ausgangslage an? Gar nichts. Sie kennen kein Bolsover, sie können nur global denken und haben bloß ihren globalen Instrumentenkasten: Zinsen runter, abwerten, Arbeitsmarkt flexibilisieren und hoffen, dass irgendein globaler Investor im Land irgendwas produziert, was die Welt braucht und in Bolsover Arbeit schafft.

Die Welt ist voll von dieser Denkart. Stichprobe, heute – am 21. Juli – in meiner Hauszeitung, dem Zürcher TagesAnzeiger. Auf den Seiten 1, 2 und 3 Berichte und Analysen zur (vorläufigen) Rettung von 350 Arbeitsplätzen in Hinwil. Portrait der „schwedischen Milliardenerben“, die den Formel 1-Rennstall von Sauber und dessen Schulden übernommen haben. Schlusssatz: „Wie lange die neuen Besitzer mit Sauber Geduld haben, bevor sie den Geldhahn zudrehen, wird sich weisen.“ Das Zittern geht weiter. Seite 9, Analyse über die wirtschaftliche Zukunft der Türkei. Natürlich dreht sich auch hier alles um die Frage, ob das Land für ausländische Investoren und Touristen attraktiv bleibt. Deshalb schreibt auch nicht ein Korrespondent vor Ort, sondern ein Björn Finke aus der (Noch-) Finanzmetropole London. Und der wiederum befragt nur ein einziges Orakel, den Chef der deutsch-türkischen Handelskammer. Ja, meint dieses Sprachrohr der globalen Märkte, in der Türkei zu fertigen sei wegen der stark gestiegenen Mindestlöhne leider teuer geworden, was natürlich auch die Löhne der Qualifizierten verteure. Dann kommt Trost: „Längerfristig bietet dieser strategisch gelegene Markt den Investoren aber auch große Möglichkeiten“.

Das Ganze erinnert an die Regenrituale, bloß, dass die Götter, die man dabei beschwört,  jetzt Investoren heißen. Das Problem mit dieser Entwicklungsstrategie ist, dass sie sich nicht an den (lokalen) Bedürfnissen orientiert und Wachstum bestenfalls strichweise erzeugt. Dabei bleiben immer öfter Dürrezonen wie Bolsover zurück. Das fällt allerdings den Lackschuh-Ökonomen nicht auf, denn diese halten sich immer nur dort auf, wo das Manna der globalen Finanzmärkte hinfällt.

… und die der Ökonomen mit dreckigen Schuhen

Was ist die Alternative? Hier beschreibt Jude Jerry ihr Projekt – eine Landkarte aller industriellen und handwerklichen Aktivitäten in und um Bristol.  Vier Jahre nach der Einführung einer lokalen Währung, dem Bristol Pound, will man einen Schritt weiter kommen. Zitat: „Es geht nicht nur um den lokalen Detailhandel und um die Produktion von Nahrungsmitteln. Was ist mit den Kleidern, die Sie tragen, den Möbeln in Ihren Wohnungen, mit Ihrem Fahrrad? Welche Möglichkeiten hat Bristol, um die Produkte herzustellen, welche die Stadt braucht?“

Buy lokal! Sieht so der neue Protektionismus aus? Vermutlich ja. Neu daran ist, dass nirgendwo von Zöllen und Einfuhrbeschränkungen die Rede ist. Neu ist auch, dass erstmals die Möglichkeiten der modernen Informationstechnologie und der alten Buschtrommel voll eingesetzt werden, um lokale Rückkoppelungsprozesse zu nutzen. Zu diesen neuen Möglichkeiten gehört auch die 3-D-Technologie. Mit ihr kann globales Produktions-Know-how direkt beim Konsumenten umgesetzt werden. Während die alte Ökonomie auf zentrale Massenproduktion und Skalenerträge setzt, nutzt die neue die Economies of Proximity, die Ökonomie der Nähe. Vermutlich wird sich dieses Modell schon bald als wesentlich effizienter erweisen: Weniger Transport, keine zentralen Warenlager, weniger Werbung, kürzere Arbeitswege und vor allem direkte unmittelbare Kommunikation. Man sieht, spürt riecht oder hört etwas, man spricht miteinander und kann direkt handeln. Lokale Ressourcen (wie die 12.400 Arbeitslosen in Bristol) können direkt mit den lokalen Bedürfnissen verknüpft werden.

Was Bristol kann, sollen alle anderen auch können. Dieses Ziel hat sich die RSA, die Royal Society for the encouragement of Arts, Manufacturing and Commerce auf die Fahne geschrieben. Die Stichworte lauten „inklusives Wachstum und zirkuläre Ökonomie“. Es geht darum, Ideen zu verbreiten und Initiativen, wie die industrielle Stadtkarte und die Lokalwährung von Bristol zu fördern. Es ist wohl kein Zufall, dass diese neue Bewegung gerade in England einen starken Auftrieb erlebt. Erstens war das Wachstum der letzten Jahrzehnte in kaum einem anderen Land so exklusiv wie in Großbritannien. Außerhalb von London und der Finanzindustrie haben nur wenige profitiert. Und auch in London selbst überwiegen für die meisten die Nachteile der hohen Mieten und der langen und teuren Arbeitswege. Zweitens müssen sich die Briten nach dem Brexit erst recht mit der Frage befassen, ob es nicht vielleicht eine intelligente Alternative zur Globalisierung gibt.

Ökonomie der Nähe

Einer, der diese Entwicklung seit Jahrzehnten verfolgt und vorantreibt, ist der Zürcher Genossenschaftspionier Hans Widmer. Er hat in Zürich unter anderem zwei Wohnbaugenossenschaften mitgegründet und rechtzeitig gemerkt, dass die Menschen nicht nur wohnen, sondern auch leben und arbeiten wollen. Daraus ist ein modulares Konzept geworden: Familie, Nachbarschaften mit Mikrozentrum (für Gebäudeunterhalt, Kleider, Reinigen, Werkstatt usw.), Quartier, Metropolenregion usw. Sein Projektbeschrieb „Neustart Schweiz“ liest sich wie ein Handbuch der Ökonomie der Nähe. Er entwickelt konkrete Vorstellungen davon, welche Produkte auf welcher Ebene produziert werden sollen. Auf der planetaren Ebene z.B. bleiben unter anderem noch Software, Medikamente, Musik, Saatgut, Gewürze, Kaffee, Kakao und Tee.

Ist das nicht Planwirtschaft? Das sind Fragen von Lackschuh-Ökonomen. Ökonomen aus der realen Welt orientieren sich am Bedarf. Was muss eine Wirtschaft leisten und liefern? Hans Widmer hat sich in „seiner“ Gartenbaukooperative  „ortoloco“ buchstäblich die Schuhe dreckig gemacht und er hat hart gerechnet. In „Neustart Schweiz“ wird er konkret: Der wöchentliche Grundbedarf an Milchprodukten beläuft sich pro Person auf 2 Liter Milch, 410 Gramm Joghurt, 300 Gramm Käse und 200 Gramm Butter. Dazu werden für die ganze Nachbarschaft jährlich 260.000 Liter Milch und 30 Hektaren Weideland benötigt. Analog dazu wird der Grundbedarf an Fleisch, Gemüse, Eiern, Getreide, Kartoffeln und Obst 30 hochgerechnet. Unter dem Strich braucht es für die 500 Menschen einer Nachbarschaft 80 bis 100 Hektaren Kulturland. Etwa 70 Hektaren Kulturland stehen zur Verfügung. Ohne Import geht es also nicht – aber Autarkie ist auch nicht das Ziel.

Natürlich sind das nur Größenordnungen. Aber man muss erst einmal den ungefähren Bedarf klären, bevor man sich über die Organisationsform – den optimalen Mix von Plan und Markt – streiten kann. Auch darüber hat sich Widmer Gedanken gemacht. Alle seine Projekte sind bisher als Genossenschaft organisiert. Widmer sieht sich als genossenschaftlichen Sozialdemokraten der – anders als die politischen Sozialdemokraten – die Verhältnisse primär von unten her verändern will. Aber natürlich braucht es auch den politischen Ansatz. So hat Neustart Schweiz etwa eine nationale „Volksinitiative für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung“ gestartet. Bund, Kantone und Gemeinden sollen „nachhaltige Formen des Wohnens und Arbeitens in kleinräumigen Strukturen mit kurzen Verkehrswegen“ fördern. Auch in Bristol geschieht nicht alles nur von unten und an der etablierten Politik vorbei. So ist etwa das Bristol Pound auch deshalb ein Erfolg, weil man seit einem Jahr auch die städtischen Steuern in dieser Währung zahlen kann.

Fazit

Einverstanden. Was in Zürich, in Bristol und an vielen anderen Orten geschieht, und unter anderem in der Royal Society und Hans Widmer angedacht wird, sind erst Mosaiksteinchen einer intelligenteren Wirtschaftsordnung. Aber wenn wir die Trümmer der alten Ordnung wegräumen wollen, sollten wir wenigstens eine schwache Ahnung davon haben, wohin die Reise gehen könnte.

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