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Soziales | 15.07.2016 (editiert am 27.09.2016)

Ungleichheit und Kapitalismus – 2

Ist nicht das Aufholen der Entwicklungsländer ein Beweis dafür, dass die Marktwirtschaft sogar für mehr Gleichheit sorgen kann? Nein, denn dabei handelt es sich um einen Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung, der ganz anders verläuft als der von technologischen Neuerungen getriebene Prozess, den wir normalerweise für Einkommenswachstum verantwortlich machen.

Die globale Ungleichheit nimmt ab

Vielfach wird als Beleg für die These, es könne auch in einer Marktwirtschaft abnehmende Ungleichheit ohne massive Eingriffe des Staates in die Sekundärverteilung geben, die Abnahme der globalen Ungleichheit angeführt. Man behauptet, die kaum zu bestreitende Tatsache, dass es ein Aufholen der Entwicklungsländer beim Lebensstandard gäbe, zeige, dass das marktwirtschaftliche System keineswegs Ungleichheit brauche, um zu funktionieren.

Diese Aussage ist aber nicht zu halten, weil der Prozess des Aufholens der Entwicklungsländer ein ganz anders gearteter Prozess als der normale Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung ist und weil das Aufholen in den Entwicklungsländern selbst wieder neue Ungleichheit schafft.

Nehmen wir China, das Land, das rein quantitativ diese Prozesse in der Welt in den vergangenen dreißig Jahren dominiert. In China hat der jahrzehntelange Aufholprozess mit Wachstumsraten von bis zu zehn Prozent pro Jahr eindeutig dazu geführt, dass sehr viele sehr arme Menschen (man schätzt 300 bis 500 Millionen) aus absoluter globaler Armut (sagen wir von einem Einkommen von einem Dollar pro Tag) sehr schnell aufgestiegen sind und heute einige hundert Dollar pro Jahr verdienen.

Betrachtet man die globale Einkommensverteilung, kann der Effekt der Verringerung von Armut in China, der eindeutig dem Aufholen dieses einen großen Landes zuzuschreiben ist, schon so stark sein, dass sich die Maße für die globale Einkommensverteilung verbessern, obwohl die Einkommensverteilung in allen Ländern einschließlich Chinas ungleicher geworden ist.

Schauen wir uns holzschnittartig an, wie die Prozesse des Aufholens auf der einen Seite und der Prozess der normalen wirtschaftlichen Entwicklung auf der anderen Seite verlaufen. Normale wirtschaftliche Entwicklung vollzieht sich dadurch, dass der berühmte Schumpetersche Pionier-Unternehmer eine Idee zur Verbesserung der Produktionsverfahren oder zur Verbesserung der Produkte hat bzw. ein ganz neues Produkt auf den Markt bringt. Das bedeutet, dass dieser Unternehmer seine Produktivität im Vergleich zu seinen Konkurrenten erhöht und – bei gegebenen gleichen Kosten für alle Unternehmen – einen höheren Gewinn erzielt oder seinen Konkurrenten durch niedrigere Preise Marktanteile abjagt.

Das Prinzip ist also, dass der Schumpeter-Unternehmer eine individuell höhere Produktivität mit den gegebenen Löhnen kombiniert und dadurch erfolgreich ist. Im Gefolge der Innovation und ihrer Durchsetzung steigt vermutlich die Ungleichheit und das ist in der Tat der wichtigste Weg, auf dem die Marktwirtschaft immer wieder neue Ungleichheit produziert. Die Ungleichheit verschwindet erst, wenn es gelingt, über einen Wettbewerbsprozess den temporären Monopolgewinn des Pioniers aufzulösen und es zu Preissenkungen kommt, die dem höheren Produktivitätsfortschritt entsprechen, wodurch dann auch die Reallöhne allgemein steigen.

Aufholen von Entwicklungsländern

Der Prozess des Aufholens eines Landes verläuft in der Regel genau umgekehrt. Weil die Entwicklungsländer niedrigere Löhne als die Industrieländer haben, kann man auch dadurch einen Monopolgewinn erzielen, dass man die Produktion von Gütern mit einer hohen Produktivität in ein Entwicklungsland verlagert. Man kombiniert dann die gegebene Produktivität mit niedrigen Löhnen irgendwo auf der Welt. Weil dahinter keine neue Idee steht, ist das immer ein Verdrängungswettbewerb gegenüber den Unternehmen, die an ihrem alten Standort geblieben sind und gegenüber den alten heimischen Unternehmen im Entwicklungsland. Weil es hier aber nicht um neue Ideen, sondern um vorhandene Technologien geht, kann die Umsetzung sehr schnell und in großem Stil geschehen. In China lief das in erster Linie über Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen, in Japan und Korea wurde die Umsetzung (also die Kopie und/oder Einfuhr westlicher Technologien) vom Staat organisiert oder zumindest orchestriert.

Dieser Prozess generiert einerseits hohe Gewinne für die Unternehmen, die ihn nutzen (die der gastgebende Staat, wenn er mutig wäre, zu einem erheblichen Teil wegbesteuern könnte, was er aber nicht tut, weil er sich ja im Wettbewerb sieht mit anderen Niedriglohnländern), andererseits schafft die rasche Zunahme der Produktivität, die in einem solchen Prozess möglich ist (weil ja nur viele altbekannte Maschinen aufgestellt werden), enorme Einkommensmöglichkeiten für die arme Bevölkerung. Wenn, wie das in China in den vergangenen zwanzig Jahren der Fall war, die Produktivität in der Gesamtwirtschaft um fast zehn Prozent jedes Jahr steigt und die Reallöhne (mit Hilfe massiver Unterstützung durch den Staat, insbesondere über Anhebungen des Mindestlohnes) ebenso stark steigen, wird bei stagnierenden Reallöhnen in den reichen Ländern natürlich eine abnehmende Ungleichheit gemessen, obwohl das mit dem eigentlichen Prozess der marktwirtschaftlichen Entwicklung nichts zu tun hat, da es sich hier um ein einmaliges Phänomen handelt.

In China selbst hat dieses enorme Wachstum natürlich neben der Beseitigung von Armut auch sehr viel absoluten, neuen Reichtum geschaffen, weil der Prozess, obwohl vom Staat stark kontrolliert und gesteuert, überwiegend durch private (inländische und ausländische) Unternehmen umgesetzt wurde. Auch hier hat die Ungleichheit sehr wahrscheinlich zugenommen, weil sich selbst die von einer kommunistischen Partei getragene chinesische Regierung nicht traute, die Sekundärverteilung so stark zu ändern, wie es für eine unveränderte Ungleichheit notwendig gewesen wäre.

Das starke Prinzip der Gleichverteilung der Einkommenszuwächse

Der Vergleich der Entwicklung in einem Entwicklungsland mit dem normalen Wachstumsprozess im Industrieland zeigt ein wichtiges Prinzip, das man bei der Diskussion über Ungleichheit unbedingt beachten sollte. Die immer wieder neu entstehende Ungleichheit auf der Mikroebene im Rahmen der schumpeterianischen Prozesse hat eine wichtige Funktion, die man nicht unterschätzen darf. Sie schafft einen bedeutenden Anreiz, solche Prozesse überhaupt in Gang zu setzen. Insofern können hier die Vertreter liberaler Ideen zu Recht sagen, diese Prozesse sollten weder der Staat noch die Gewerkschaften dadurch unterdrücken, dass sie dem Pionierunternehmer sofort seinen Monopolgewinn wegbesteuern.

Nur, wenn man diese Position für richtig hält, dann hat das entscheidende Konsequenzen. Dann muss man nämlich auch für richtig halten, dass die Löhne nicht auf Betriebsebene ausgehandelt werden, sondern zumindest auf Branchenebene oder sogar auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene, weil es nur dann den mikroökonomisch richtigen Anreiz gibt. Auf der Betriebsebene, wie das heute modern ist, ist es sicher falsch, weil dort für die Arbeitnehmer in der Tat die Möglichkeit besteht, die Monopolrente oder Teile davon selbst zu kassieren, so dass sie den übrigen Arbeitnehmern – in Form von Preissenkungen – nicht mehr zugute kommt.

Daraus folgt auch, dass es gerade keine Begründung dafür gibt, die Löhne auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene hinter dem Produktivitätsfortschritt hinterherhinken zu lassen, also das Entstehen von funktionaler Ungleichheit (Ungleichheit zwischen Arbeit und Kapital) in großem Stil zu erlauben. Der Pionierunternehmer bekommt ja auch dann seinen temporären Monopolgewinn, wenn die Löhne sich vollständig an die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung anpassen. Da alle anderen Begründungen für allgemeine Lohnzurückhaltungen nicht haltbar sind (siehe insbesondere das Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ von Friederike Spiecker und mir und viele Beiträge auf flassbeck-economics), gibt es überhaupt keine Begründung dafür, bei der Primärverteilung Lohnzurückhaltung zu fordern und mit politischer Gewalt durchzusetzen, wie das in Deutschland vor allem zu Beginn der 2000er Jahre geschah.

Im Ergebnis zeigt sich, dass zunehmende Ungleichheit kaum zu begründen ist. Dass die Menschen ungleich sind und auch ungleich entlohnt werden, steht auf dem einen Blatt. Die Ungleichheit systematisch zu vergrößern durch eine Begünstigung der besser Verdienenden, wie das in den vergangenen dreißig Jahren in vielen Ländern der Fall war, steht auf einem ganz anderen Blatt. Letzteres ist durch nichts zu rechtfertigen. Diejenigen, die sagen, eine Marktwirtschaft schaffe nun einmal Ungleichheit, verwischen bewusst die Grenzen zwischen den beiden Phänomenen, weil sie so tun, als sei die zunehmende Ungleichheit nur ein besonderer Typus der allgemein bestehenden Ungleichheit. Das ist falsch und gefährlich. Gerade weil es ohnehin Ungleichheit gibt, ist zunehmende Ungleichheit durch die Politik und durch einseitige Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt strikt zu vermeiden.

Lesen Sie im dritten Teil, was das konkret für die Wirtschaftspolitik heißt und warum die aktuelle Diskussion um Ungleichheit auf vielfältige Weise in die Irre führt.

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