EU | 05.08.2016 (editiert am 16.08.2016)

Deutsche Exportüberschüsse – absurd und populär

Nachdem die Kritik an deutschen Exportüberschüssen vor allem international in den letzten Jahren immer lauter geworden ist, wird in Deutschland etwas weniger oft vom Exportweltmeister geschwärmt. Aber von der Einsicht, dass es ein „Weiter wie bisher“ nicht geben kann, sind wir hierzulande immer noch meilenweit entfernt.

„Wenn Deutschland diesen Exportüberschuss, an den es sich 30 Jahre lang gewöhnt hat und den wir durch alle möglichen Sozialleistungen verfrühstückt haben, wenn wir den nicht halten, dann bricht alles zusammen.“

Mit diesen markigen Worten reagierte auf einem IMK-Konjunkturforum im März 2011 Hans-Olaf Henkel, ehemaliger Präsident des BDI, auf die Kritik an Deutschlands immensen Überschüssen im Außenhandel. Nach der teilweise harschen internationalen Kritik an den permanenten deutschen Handels- und Leistungsbilanzüberschüssen ist die Begeisterung in Deutschland etwas zurückhaltender geworden.

Wurden noch vor wenigen Jahren die Exportüberschüsse von den herrschenden Medien und weiten Teilen der Politik als Beleg der hohen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gefeiert, wie etwa von Joachim Pfeiffer, dem Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Wirtschaft und Energie der CDU:

„Deutschland ist wettbewerbsfähig. Wir sollten das nicht verstecken. Wir können vielmehr auf unsere Exportüberschüsse stolz sein.“

und Kritik als purer Neid abgetan:

„Erfolg schafft Neider. Deutschland hat schon seit  Jahren einen hohen Exportüberschuss. Das ist kein Erfolg der Politik der Bundesregierung, sondern der cleveren Unternehmen“, Südwest Presse, 14.11.2013,

so mischen sich nun zumindest vereinzelt kritische Stimmen in die breite Unterstützung des deutschen Überschussmodells (vgl. hier).

An der überwiegenden Bewunderung der deutschen „Exporterfolge“ hat sich indes wenig verändert (vgl. z.B. hier). Selbst von kritischen, gewerkschaftsnahen Autoren werden hohe Export- resp. Leistungsbilanzüberschüsse (die Leistungsbilanz umfasst neben dem Warenhandel und den Dienstleistungen auch noch die Primär- und Sekundäreinkommen; ihr Saldo wird aber bei Industrieländern hauptsächlich durch den Außenhandel bestimmt) immer noch als Zeichen einer positiven ökonomischen Entwicklung interpretiert – auf einer Stufe etwa mit niedrigen Arbeitslosenquoten (vgl. erst jüngst hier).

Leistungsbilanzungleichgewichte im Euroraum und ihre Folgen

Wir haben auf flassbeck-economics bzw. Makroskop immer wieder auf die Konsequenzen der massiven deutschen Exportüberschüsse vor allem für den Euroraum hingewiesen und gezeigt, dass eine Währungsunion wie die EWU nicht funktionieren kann, wenn sich in ihr gravierende Leistungsbilanzungleichgewichte herausbilden. Denn während es für ein Land mit hinreichend hohen Leistungsbilanzüberschüssen, wie z.B. Deutschland, möglich ist, einen ausgeglichenen Staatshaushalt oder sogar einen Budgetüberschuss zu erzielen, ohne die Sparwünsche des privaten heimischen Sektors (Haushalte und Unternehmen) als Ganzem zu unterminieren, sind chronische Leistungsbilanzdefizitländer mit dem Problem konfrontiert, dass einem Leistungsbilanzdefizit (einem positiven Finanzierungssaldo des Auslands) zwangsläufig in der Summe ein negativer Finanzierungssaldo des Staates und des heimischen Privatsektors gegenüberstehen, d.h. dass in einem Land ein Leistungsbilanzdefizit stets gleich einem staatlichen Haushaltsdefizit und/oder einem Defizit des heimischen Privatsektors ist (dazu ausführlicher hier).

Während also Deutschland schon bald nach Beginn der EWU aufgrund seiner andauernden Leistungsbilanzüberschüsse (seit 2002) und damit zulasten seiner Handelspartner in der Lage war, seine staatlichen Budgetdefizite niedrig und die Ersparnisse (im Sinne der Geldvermögensbildung) seines Privatsektors hoch zu halten, bauten viele Euro-Partnerländer, die entsprechend Leistungsbilanzdefizite verzeichneten, Schulden auf – sowohl öffentliche als auch private – , was schließlich zu immer stärkeren Zweifeln an ihrer Zahlungsfähigkeit und mithin zu entsprechenden Bonitätsverschlechterungen führte. Diese Entwicklung mündete schließlich mit den zunehmenden Finanzierungsproblemen Griechenlands in den offenen Ausbruch der Eurokrise im März 2010.

Motive für eine Exportstrategie

Es ist leicht einsehbar, warum Regierungen oft ein Exportwachstum anstreben. Nettoexporte erhöhen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und das BIP. Die Produktion von Gütern für den Export lässt im Inland Arbeitsplätze entstehen; somit kann ein Land, das keine Vollbeschäftigung aufweist, (ansonsten brachliegende) Arbeit und andere Ressourcen in den Exportsektor lenken. Es werden zusätzliche Einkommen geschaffen und Unternehmen können ihre wirtschaftliche Lage verbessern.

Aus einzelwirtschaftlicher Sicht, d.h. aus Sicht des Güterproduzenten, spielt es keine Rolle, wer die produzierten Waren und Dienstleistungen kauft. Verkauft etwa ein deutsches Unternehmen seine Produkte nicht im Inland, sondern außerhalb des Euroraumes, so erhält es vom ausländischen Importeur eine fremde Währung, die es dann in Euro tauscht (oder der ausländische Importeur erwirbt für seine Landeswährung Euro und zahlt damit, dann entfällt für den deutschen Exporteur das genannte Tauschgeschäft). Dem einzelnen Unternehmen geht es allein darum, seine Waren oder Dienstleistungen für heimische Währung zu veräußern, um die Kosten zu decken und einen Gewinn zu erzielen; ob die Käufer seiner Produkte aus dem In- oder Ausland stammen, macht keinen Unterschied.

Exporte sind reale Kosten, Importe bringen realen Nutzen

Verlässt man allerdings die einzelwirtschaftliche Ebene und betrachtet die Situation aus gesamtwirtschaftlicher Sicht, d.h. aus der Perspektive einer Volkswirtschaft insgesamt, zeigt sich ein anderes Bild (vgl. zum Folgenden auch Wray 2015): Tatsächlich stellen nun Exporte reale Kosten dar, während Importe realen Nutzen stiften. Die Erklärung ist einfach: Werden Ressourcen inkl. Arbeit dazu verwendet, Güter zu produzieren, die dann ins Ausland geliefert werden, kann die heimische Bevölkerung diese Güter nicht konsumieren oder – im Fall von Investitionsgütern – für weitere Produktion einsetzen. Das Land trägt die Kosten der Produktion von Gütern, die es selber im Inland nutzen könnte, die aber stattdessen ins Ausland fließen. Umgekehrt erhält ein Land durch Importe Güter, die es nicht selbst zu produzieren brauchte. In diesem Sinne stellen – real betrachtet – Nettoexporte (oder Leistungsbilanzüberschüsse) Nettokosten und Nettoimporte (oder Leistungsbilanzdefizite) einen Nettonutzen dar.

Dass Exporte tatsächlich reale Kosten bedeuten, lässt sich am einfachsten demonstrieren, wenn man ein Land mit einer Vollauslastung der Kapazitäten und Vollbeschäftigung der Arbeitskräfte unterstellt. Ein solches Land könnte seine Exporte nur erhöhen, indem es den inländischen Konsum, die Investitionen oder aber die staatliche Nutzung von Ressourcen entsprechend einschränkte. Arbeit und andere Ressourcen müssten von der Produktion für das Inland abgezogen und zur Befriedigung der ausländischen Nachfrage nach heimischen Gütern eingesetzt werden. Damit ließe sich zwar die Vollbeschäftigung aufrechterhalten, aber der einheimischen Bevölkerung stünde nun – bei unverändertem Import – eine geringere Gütermenge zur Verfügung (d.h. sie wäre real schlechter gestellt), als dies bei der Produktion für die inländische Verwendung der Fall wäre. Dies geht wahrscheinlich mit Preissteigerungen im Inland einher, da die gleiche Zahl an Beschäftigten ihren Anteil am nun „verkleinerten Kuchen“ beansprucht, wodurch die Preise hochgetrieben werden.

Aber auch wenn eine Volkswirtschaft über freie Kapazitäten verfügt und Arbeitskraft „brachliegt“ – wie dies in der Realität im Regelfall gegeben ist – , ändert dies nichts an der Tatsache, dass, wenn produzierter Output exportiert wird, dieser Output der inländischen Bevölkerung nicht mehr zum Kauf zur Verfügung steht, real betrachtet also die „Früchte der Arbeit“ dem Ausland zufallen. Wenn folglich ungenutzte Ressourcen mobilisiert werden, um für den Export zu produzieren, ergibt sich unter sonst gleichen Umständen kein realer Nettonutzen für das betreffende Land: Die einheimische Bevölkerung „arbeitet härter“, erhält dafür aber insgesamt nicht mehr Güter, da der im Inland „zu verteilende Kuchen“ sich nicht vergrößert hat.

Die Anhäufung von Nettoauslandsvermögen – wozu?

Nun ließe sich gegen die bisherige Argumentation einwenden, dass es zwar richtig sei, dass eine Volkswirtschaft mit einem Leistungsbilanzüberschuss mehr produziere, als sie selbst an heimischen und fremden Gütern verbrauche. Jedoch baue sie damit ja auch Auslandsvermögen auf, so dass sie von den Überschüssen doch profitiere.

Tatsächlich erhöht eine Volkswirtschaft durch Leistungsbilanzüberschüsse definitionsgemäß ihr Nettogeldvermögen im Ausland: In dem Ausmaß, in dem den Exporten keine wertmäßig gleichen Importe gegenüberstehen, erhält sie finanzielle Forderungen gegen das Ausland. Die Differenz zwischen den Forderungen der Inländer gegen das Ausland und den Forderungen der Ausländer gegenüber dem Inland wird dabei als Nettoauslandsvermögen bezeichnet. Weist also die deutsche Volkswirtschaft in einem bestimmten Jahr einen Leistungsbilanzüberschuss (Stromgröße) auf, steigt damit ceteris paribus ihr Nettoauslandsvermögen (Bestandsgröße) um den gleichen Betrag.

Jedoch stellt sich die Frage, welchen Sinn anhaltende Leistungsbilanzüberschüsse für ein Überschussland haben sollen, sofern es (wie Deutschland seit etlichen Jahren) fortwährend Nettoforderungen gegenüber dem Ausland akkumuliert, mit diesen aber nichts anfängt. Die gelegentlich zu hörende Behauptung, Deutschland werde erst später profitieren, da die Leistungsbilanzüberschüsse und der damit verbundene Erwerb von Nettoforderungen gegenüber dem Ausland es der alternden deutschen Gesellschaft ermöglichen würden, in etwa 15 Jahren Importüberschüsse zu finanzieren, ist vor allem im Hinblick auf die Euro-Partnerländer absurd. Da Deutschland mit seinen Leistungsbilanzüberschüssen automatisch Kapital exportiert, könnten – so die These – die Länder mit den entsprechenden Leistungsbilanzdefiziten das Geld doch vernünftig investieren, um zunächst Zinsen zu zahlen und später auch die von Deutschland erhaltenen Kredite zu tilgen, was dann den gealterten Deutschen eine über die heimische Produktion hinausgehende Güternachfrage erlaube. Deutschland konkurriert folglich jahrelang seine Partnerländer nieder mit dem Ziel, sich dann in 15 Jahren von ihnen die deutsche Rente bezahlen zu lassen.

Das ist eine ziemliche steile These, vor allem, wenn man zusätzlich bedenkt, dass beinahe alle Industrieländer und auch bedeutende Schwellenländer wie China und Indien vor einem vergleichbaren Alterungsprozess stehen wie Deutschland und schon deshalb Kapitalexporte keine allgemeine Lösung für alle sein können.

Will ein Exportüberschussland die Früchte seiner Arbeit genießen, muss es seine Importe erhöhen; will es zumindest einen Teil der Schulden des Auslands zurückerhalten, muss es ein Leistungsbilanzdefizit zulassen. Wenn nämlich die bisherigen Leistungsbilanzdefizitländer ihre Schulden zurückzahlen sollen, geht dies nur, wenn sie Leistungsbilanzüberschüsse erzielen. (Das haben diejenigen, die die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse für erforderlich halten, weil das alternde Deutschland für seine Rente ansparen müsse, durchaus richtig erkannt, wenngleich ihre Vorstellung, die über sehr viele Jahre geschwächten und in massive Schwierigkeiten geratenen deutschen Handelspartner speziell in Europa könnten ohne Probleme die Überschusslage umkehren, natürlich abwegig ist.)

Zu fragen ist aber, ob die bisherigen Überschussländer überhaupt bereit sind, den bisherigen Defizitländern ihre Überschussposition zu überlassen. Schaut man sich an, wie hierzulande die deutschen Exportüberschüsse von Politik, Medien und auch Wissenschaft mehrheitlich mit Zähnen und Klauen verteidigt werden (siehe etwa die Ausführungen des SPD-Abgeordneten Dirk Becker zum Thema Leistungsbilanzüberschüsse und Auslandsschulden im letzten Jahr, hier zu finden), so sind hier große Zweifel angebracht.

Geschenke an das Ausland

Vielleicht aber würden viele bei einem Blick in die Statistiken der Deutschen Bundesbank zumindest etwas nachdenklicher werden. Klär et al. (2013) sowie Herzog-Stein et al. (2013) haben vor einigen Jahren auf Basis dieser Statistiken errechnet, dass Deutschland einen erheblichen Teil seiner Leistungsbilanzüberschüsse in den Jahren 2002 bis 2012 als Folge von Wertberichtigungen und Wechselkursveränderungen vor allem in der globalen Finanzmarktkrise wieder eingebüßt hat. So lag das deutsche Nettoauslandsvermögen zum Jahresende 2012 um 409 Mrd. Euro unterhalb des Niveaus, das nach den kumulierten Leistungsbilanzüberschüssen des Zeitraums 2000 bis 2012 eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Damit hatte sich 30 Prozent der gesamten Überschüsse des genannten Zeitraums faktisch in Luft aufgelöst; bezogen auf das BIP von 2012 betrug der Verlust gut 15 Prozent.

Ein nicht unwesentlicher Teil der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse hat mithin keinen Gegenwert erzeugt. Etwas zugespitzt könnte man auch sagen, dass Deutschland in erheblichem Maße Leistungen an das Ausland verschenkt hat (Herzog-Stein et al. 2013).

Nun ist es zwar richtig, dass das große Ausmaß der Verluste primär der globalen Finanzkrise zuzuschreiben ist. Jedoch war das deutsche Nettoauslandsvermögen auch schon in früheren Zeiten Bewertungsverlusten ausgesetzt, wie Berechnungen der jährlichen Bewertungsänderungen (in Prozent des BIP) von 1971 bis 2012 von Klär et al. (2013) zeigen. Danach war der durchschnittliche Bewertungseffekt in jedem der vier untersuchten Jahrzehnte negativ; über den gesamten Zeitraum 1971 bis 2012 betrachtet betrug der durchschnittliche Wertverlust 0,5 Prozent des BIP pro Jahr. Dazu hat sicherlich beigetragen, dass Leistungsbilanzüberschussländer (wie Deutschland vor allem in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre) in starkem Maße Aufwertungsrisiken unterworfen sind, die die Auslandsanlagen rasch und drastisch entwerten können.

Nimmt man noch die Tatsache hinzu, dass nach Berechnungen von Klär et al. (2013) die durchschnittliche Verzinsung deutscher Forderungen im Ausland seit 1971 in den meisten Jahren unter der inländischer Finanzanlagen im Besitz von Ausländern lag, so wird deutlich, dass die Akkumulation von Nettoforderungen gegenüber dem Ausland als Folge von Leistungsbilanzüberschüssen gesamtwirtschaftlich und langfristig gesehen keine ökonomisch kluge Strategie war.

Fazit

Bei aller Bewunderung für die Exportstärke Deutschlands scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass Exporte kein Selbstzweck sind: Reale Güter zu produzieren, um sie dann an jemand anders zu exportieren, der sie konsumiert, ist nur dann ökonomisch sinnvoll, wenn man im Gegenzug reale Güter, die andere produziert haben, importiert und konsumiert. Früher wurde dies noch besser verstanden: Nicht von ungefähr nennt das Stabilitätsgesetz von 1967 neben der Stabilität des Preisniveaus, einem hohen Beschäftigungsstand und einem angemessenen Wirtschaftswachstum auch ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht als eines der vier Ziele staatlicher Wirtschaftspolitik (magisches Viereck).

Das deutsche Überschussmodell kennt letztlich nur Verlierer: die europäischen Handelspartner, die in eine schwere Krise geraten sind, aber auch Deutschland selbst, das permanent mehr reale Ressourcen an das Ausland abgibt, als es von dort erhält, und einen beträchtlichen Teil seiner erzielten Leistungsbilanzüberschüsse wieder verloren hat.

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