Ökologie | 25.08.2016 (editiert am 30.08.2016)

Das Märchen vom grünen Wachstum – 1

Im Mittelpunkt des grünen Wachstums steht ein ressourcenschonender Konsum. Das Versprechen also, dass wir unseren Lebensstil und unsere Konsummuster beibehalten können, wenn wir sie nur etwas „grüner“ gestalten. Allerdings gibt es zahlreiche Belege dafür, dass die Vereinbarkeit von Wachstum und Ökologie eine Utopie bleiben wird.

„Die Green Economy steigert die gesellschaftliche Wohlfahrt, bekämpft Armut und strebt soziale Gerechtigkeit an“ und das alles innerhalb der „ökologischen Grenzen“ des Planeten Erde. So bewirbt die Bundesregierung eine Forschungsagenda zum grünen Wachstum. Und auch die deutsche Wirtschaft, in Form des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), lobt das grüne Wachstum (hier) in einem gemeinsamen Memorandum mit dem Umweltministerium als Chance für eine nachhaltige Entwicklung, die Wirtschaftswachstum mit Umwelt- und Klimaschutz vereinen wird. Doch ist grünes Wachstum wirklich eine solche eierlegende Wollmilchsau? Und ist es allzu klug, solche Aussagen an den Beginn einer Forschungsagenda zu stellen?

Im Mittelpunkt des grünen Wachstums steht ein ressourcenschonender Konsum. Das Versprechen also, dass wir unseren Lebensstil und unsere Konsummuster beibehalten können, wenn wir sie nur etwas „grüner“ gestalten: wenn wir Elektroautos und -fahrräder kaufen, die Erneuerbaren Energien ausbauen und wenn wir unseren CO2-Ausstoß durch Kompensationszahlungen ausgleichen. Allerdings gibt es zahlreiche Belege dafür, dass die Vereinbarkeit von Wachstum und Ökologie eine Utopie bleiben wird. Außerdem ist das grüne Wachstumsparadigma blind für strukturelle Machtungleichgewichte und Menschenrechtsverletzungen, die auch bei der Herstellung vermeintlich grüner Produkte verübt werden.

Grünes Wachstum: Auf dem Papier schlüssig – in der Praxis mit zahlreichen Risiken und negativen Folgen

Fürsprecher des grünen Wachstums (1) behaupten, unser derzeitiges Wirtschaftssystem sei nur aufgrund eines Fehlers nicht nachhaltig und umweltschonend: Weil die Natur keinen Preis hat. Wenn man der Natur einen Preis gäbe und sie somit in die Wirtschaft integriert, dann würde der Mensch sie schützen. Würde man beispielsweise den CO2-speichernden Wäldern und Mooren einen Preis geben, dann würden wir aufhören, sie zu zerstören. Denn diese Zerstörung wäre dann messbar und würde sich in den Preisen der Produkte und in den Bilanzen und Aktienkursen von Unternehmen niederschlagen.

Der Logik des grünen Wachstums folgend, ginge die Bepreisung der Natur mit zwei weiteren Entwicklungen einher:

  1. Die Bepreisung der Natur würde durch technologische Innovationen zu effizienteren Produktionsprozessen führen. Denn wenn die Natur einen Preis hätte, dann würden sich auch Unternehmen bemühen, effizienter mit den nun kostbaren Naturrohstoffen und von der Natur bereitgestellten „Dienstleistungen“ umzugehen. Wenn Firmen zum Beispiel CO2-Verschmutzungsrechte kaufen müssten, würden sie sparsamer mit dem Gut saubere Luft umgehen und neue, effizientere Produktionsprozesse entwickeln, um weniger CO2 auszustoßen. Zusätzlich würde eine mit einem Preis versehene Natur und ein „bepreistes“ Klima dazu führen, dass wir Konsumenten effizientere und grünere Produkte kaufen. Würde das Benzin aufgrund seiner klimaschädlichen Wirkung teurer, verteuerte sich auch der SUV und wir stiegen auf Elektroautos und -fahrräder um – so die Logik hinter dem grünen Wachstum.
  2. Ebenso ginge die Bepreisung der Natur mit der Entwicklung von Verfahren einher, mit denen „im Einklang mit der Natur“ und natürlichen Prozessen produziert werden könne. Als bekanntestes Beispiel für solche Produktionsprozesse wird die Installation von Windkraft- und Solaranlagen angeführt.

So weit – so gut. Doch der Dreiklang aus der Bepreisung der Natur, technologischen Innovationen und dem Produzieren im Einklang mit der Natur bringt zahlreiche Probleme mit sich. Dieser Dreiklang allein wird nicht zu einem ressourcenschonenden Verbrauch führen und das Klima nicht retten.

Bepreisung der Natur – unwirksam, wenn unter der Kontrolle der Mächtigen

Bei der „Bepreisung“ der Natur und der von ihr erbrachten „Dienstleistungen“ – beispielsweise der „Dienstleistung“ von Wäldern, CO2 aus der Atmosphäre aufzunehmen und zu speichern – steht vor allem das CO2 im Mittelpunkt (2). Damit sich das Erdklima nicht über 1,5 oder 2 Grad erwärmt und wir Menschen unsere Küstenstädte nicht an das Meer verlieren, muss der globale CO2-Ausstoß auf ein bestimmtes Maß reduziert werden. Ein beliebtes Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, ist der CO2-Handel. Gäbe es einen funktionierenden CO2-Markt, müssten sich Unternehmen an CO2-Börsen das Recht kaufen, CO2 ausstoßen zu dürfen. Die Logik dahinter ist wieder eine ökonomische: Wenn Unternehmen weniger CO2 ausstoßen, müssen sie sich weniger Verschmutzungsrechte kaufen. Sie würden also dazu ermutigt, ihren CO2-Ausstoß durch effizientere Produktionsmethoden zu verringern.

Das Problem dabei ist: Ein CO2-Markt kann nur wirksam sein, wenn er global aufgebaut wird und für alle großen CO2-Emittenten gilt. Doch einen solchen globalen Markt gibt es nicht. Das heißt, selbst wenn der europäische CO2-Markt die Preise des Verbrauchs von Erdöl oder Kohle für europäische Unternehmen erhöhen würde, würde dies nicht zu einer globalen Einsparung an CO2 führen. Denn das für europäische Abnehmer durch den CO2-Preis teurere Öl oder die teurere Kohle wird dann nicht von den europäischen, sondern beispielsweise von indischen oder chinesischen Abnehmern gekauft, die den CO2-Preis nicht draufzahlen müssen. Sie könnten die Kohle und das Öl sogar etwas günstiger kaufen, da die weltweite Nachfrage durch die europäischen Einsparungen gesunken ist (weitere Informationen zu diesem Mechanismus der Markträumung sind hier zu finden). „Unsere“ Einsparungen führen also dazu, dass die nicht-erneuerbaren Energierohstoffe anderswo günstiger werden und somit dort mehr nachgefragt werden. An dieser Stelle mag eingewandt werden, dass die Förderländer bei einem geringeren Preis das Angebot herunterschrauben, damit der Preis wieder steigt und sie weiterhin konstante Staatseinnahmen haben. Doch wie das aktuelle Beispiel der massiven Ausweitung der Öl-Förderung durch Saudi-Arabien zeigt, verhalten sich die Förderländer nicht immer so, wie man auf den ersten Blick erwarten könnte.

Neben dem Problem, dass sich die Politiker auf internationaler Ebene bisher nicht auf die Schaffung eines globalen Marktes für CO2 einigen konnten (oder wollten) und es somit lediglich zu Verschiebungen im Rohstoffverbrauch kommt, bestehen auch beim europäischen CO2-Markt gravierende Probleme. Denn die CO2-Obergrenze, die erst den Anreiz zur Einsparung von CO2 setzt, wurde viel zu hoch angesetzt. Dadurch gibt es viel zu viele CO2-Verschmutzungsrechte und die Preise sind viel zu gering, als dass sie einen wirksamen Anreiz zur Einsparung von CO2 geben würden. Zudem wurden die CO2-Verschmutzungsrechte zum Start der europäischen CO2-Börse an die Unternehmen verschenkt. Das Argument dahinter: Wenn die europäischen Unternehmen sich CO2-Rechte kaufen müssten, hätten sie einen beträchtlichen Wettbewerbsnachteil gegenüber ihren US-amerikanischen und chinesischen Konkurrenten (hier). Die viel zu hohe CO2-Obergrenze und das Verschenken von CO2-Zertifikaten belegt: die Politik hat sich einmal mehr den Interessen einiger Wirtschaftsbranchen, namentlich den energieintensiven Branchen, gebeugt.

Zudem ist zu bezweifeln, dass sich Politiker, sollten sie jemals eine klimarelevante CO2-Obergrenze für den CO2-Handel festlegen wollen (3), gegen den Druck der einflussreichen Wirtschaftsverbände wehren können. Die Auto-Lobby ist hier ein gutes Beispiel für den politischen Einfluss der Verbände: Seit Jahren nutzt die Autoindustrie ihren Einfluss und die Bundesregierung bewahrt sie vor höheren EU-Abgasnormen (hier). Und seit Jahren ist bekannt, dass deutsche Autos im Straßenverkehr weitaus mehr CO2 ausstoßen als im Testbetrieb. Doch durch den politischen Einfluss der Autokonzerne wird an den Testverfahren nichts geändert.

Die vermeintliche „Problemlösung“ des CO2-Handels wird unwirksam bleiben, solange sich die Politik den Interessen einiger Wirtschaftsbranchen beugt, die nachhaltige CO2-Grenzwerte verhindern, und solange es keinen globalen CO2-Markt gibt.

Verschmutzer kaufen sich frei, Indigene zahlen den Preis

Für einige CO2-Handelsmodelle wird zudem diskutiert, ob Akteure im globalen Süden, die beispielsweise zum Schutz der CO2 speichernden Wälder beitragen, so genannte CO2-Zertifikate erhalten sollen, also Verschmutzungsrechte, die sie an einer CO2-Börse verkaufen können. Doch aufgrund des häufig niedrigen CO2-Preises wären es nicht Großgrundbesitzer oder Unternehmen, die beispielsweise den Wald als CO2-Speicher erhalten würden. Für sie ist die Rodung derselben Fläche und die Nutzung als Palmöl- oder Soja-Plantage weitaus ertragreicher.

Ein Interesse am Schutz des Waldes haben nur die indigenen Völker, die oft an oder in und vor allem von den Wäldern leben. Sie leben zwar seit jeher in Einklang mit der Natur und tragen am wenigsten zur globalen Entwaldung bei. Da sie aber in den allermeisten Fällen keine rechtlich festgeschriebenen Eigentumstitel an der Natur haben, eigenen sich andere Akteure – Staaten oder Unternehmen – den Wald an und schreiben den Indigenen vor, wie sie ihn nutzen dürfen und erhalten müssen.

Die traditionellen und nachhaltigen Formen der Waldnutzung durch die Indigenen, beispielsweise Rodungen für den Wanderfeldbau, widersprechen den Vorstellungen der neuen „Waldeigentümer“ von einer nachhaltigen Nutzung. Die traditionelle Nutzung wird nicht als klimaschutzrelevant angesehen und deswegen eingeschränkt oder ganz verboten. Es kommt also zu einer perfiden Täter-Opfer-Umkehr: Während sich die Klimaverschmutzer durch allzu günstige CO2-Zertifikate von ihrer Verantwortung freikaufen können, werden die Indigenen, die die Wälder der Erde jahrhundertelang erhalten haben, für ihre traditionelle Waldnutzung kriminalisiert. Sie werden entweder aus ihrem Lebensraum vertrieben oder müssen ihre Lebensweisen den Vorstellungen des grünen Wachstums anpassen.

Weil sie in ihrer Lebensweise eingeschränkt werden, verlieren die Indigenen einen Teil ihrer Einkommensmöglichkeiten. Als Kompensation werden ihnen mitunter neue „grüne Jobs“ angeboten. Die Journalistin Kathrin Hartmann hat das Beispiel der Wiederaufforstung zerstörter Wälder in Indonesien recherchiert. Dabei wird das traditionelle Wissen der Indigenen genutzt. Sie werden dafür bezahlt, Samen und Setzlinge von Tropenbäumen zu sammeln und diese aufzuziehen. Für jeden Setzling, der den zehnmonatigen Aufzuchtprozess übersteht und gepflanzt werden kann, erhalten die Indigenen einen Lohn von 7 Cent. Im Schnitt verdienen die Indigenen-Familien dabei etwa 74 Euro monatlich (hier) – weniger als die Hälfte des staatlichen Mindestlohns.

Die indigenen Völker werden also als Dienstleister der Klimaverschmutzer in deren Wertschöpfungsketten eingebunden, um deren CO2-Ausstoß für einen Hungerlohn zu kompensieren. Und da sich die Politik von den Partikularinteressen einiger Wirtschaftsbranchen beeinflussen lässt und den CO2-Preis niedrig hält, arbeiten die Indigenen, ähnlich wie andere machtlose Akteure, beispielsweise die Arbeiter in Bangladesch, zu einem Hungerlohn.

Wenn die Natur in den Wettbewerb des Marktes gerät

Zusätzlich zu den von den Vertretern des grünen Wachstums übersehenen Machtstrukturen und der Ausbeutung indigener Bevölkerungen, gibt es eine dritte Problematik: Wenn die Natur einen Preis erhält, gerät sie in den Wettbewerb des Marktes. Wenn ein Investor vor der Entscheidung steht, einen Wald oder ein Moorgebiet aufgrund seiner „Dienstleistung“ als CO2-Speicher zu erhalten oder ein lukratives Hotel, einen Flughafen oder ein Einkaufszentrum zu errichten, wird er nicht lange überlegen müssen. Und schon gar nicht, wenn die CO2-Preise aufgrund der Lobby-Arbeit des Unternehmerverbandes des Investors so gering sind, dass er sich einfach eine CO2-Kompensation kaufen kann. Zudem dienen die CO2-Kompensationen als ideales Marketing-Vehikel. „Als Ausgleich für den Bau dieser Shopping-Mall werden in Indonesien Regenwälder geschützt“.

Reiche können sich Natur leisten – Arme werden marginalisiert

Es wird also deutlich: Wenn man der Natur einen Preis gibt, führt das dazu, dass sich die Mächtigen und Reichen diese Natur beispielsweise in Form von CO2-Kompensationen und Verschmutzungsrechten noch leisten können oder den Preis aufgrund ihres politischen Einflusses gleich selbst bestimmen. Perfide ist dabei schon allein der Begriff der „Verschmutzungsrechte“. Sollten nicht alle Menschen, egal wo sie wohnen, die gleichen „Verschmutzungsrechte“ haben? Es ist perfide, dass sich Reiche von ihrer Verantwortung eines nachhaltigen Lebensstils einfach freikaufen können. Wenn „Verschmutzungsrechte“ auf einem Markt gehandelt werden, dann wird das langfristig dazu führen, dass ohnehin schon Marginalisierte, beispielsweise Indigene oder die Verlierer des Welthandels, auch ökologisch an den Rand gedrängt und zu Dienstleistern im globalen CO2-Handel degradiert werden.

Weitere Teile dieses Artikels

Anmelden