Kommentar | 05.08.2016 (editiert am 10.08.2016)

Der Fluch der kurzen Sätze

Welches Problem oder welcher Anlass es auch immer sein mag, nichts bleibt unbezwitschert und damit dem Fluch der kurzen Sätze unterworfen. Die einen haben keine Zeit und keinen Geist, um mehr zu schreiben, die anderen haben keine Muße, um mehr zu lesen. Bleibt mir nur, mich an dem Informationsgau mit einer einfachen Botschaft zu beteiligen: „Verbietet Twitter, es verhindert das Denken!“ (45 Zeichen)

In der Kürze liegt die Würze, sagt der Volksmund. Veni, vidi, vici, sagte Julius Caesar nach einer im Rekordtempo gewonnen Schlacht, aber er musste später einsehen, dass das Siegen nicht immer so schnell geht. Opposition ist Mist, sagte ein für seine kurzen Sätze berühmter SPD-Politiker, bevor er in der Versenkung verschwand und die SPD als Zwanzig-Prozent-Partei zum ewigen Juniorpartner der CDU wurde. Wer hat, dem wird gegeben, ist eine Volksweisheit, die sich sicher auf den Zins bezog, aber der ist inzwischen zur Geschichte geworden, was auch hier die Beurteilung der Sache hinter dem kurzen Satz nicht einfach macht.

Einige der berühmten kurzen Sätze wären besser nie gesprochen worden, weil sie ein Quell immer neuer Verwirrung und Missverständnisse waren. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, sagte George W. Bush – in Anlehnung an die Bibel – nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Sollte heißen: Wer jetzt noch nachdenkt, ist schon mein Gegner. Nachdenken wäre aber mehr als alles andere notwendig gewesen, um die Hunderttausende von Toten und den neuen Terror, die der Krieg gegen den Terror mit sich brachte, zu verhindern.

Das „Wir schaffen das“ der deutschen Bundeskanzlerin beim ersten Zustrom der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika klang zunächst gut, hinderte die gleiche Politikerin aber nicht daran, der brutalen Grenzschließung und damit der faktischen Verweigerung des Rechts auf Asyl klammheimlich zuzustimmen. Wir schaffen das, ist, wie ich schon früh gesagt habe (hier), die falsche Ansprache für die Lösung eines komplexen Problems. Es hilft überhaupt nicht weiter, wenn man nicht dazu sagt, wie man das schaffen will. Wir schaffen das nicht, ist aber genauso wenig hilfreich, weil man auch da nicht weiß, warum ein Land wie Deutschland nicht in der Lage sein sollte, eine Million Flüchtlinge aufzunehmen.

Manche der schrecklich kurzen Sätze schaffen die Suggestion, man müsse ihnen unmittelbar zustimmen oder sie sofort ablehnen, was sie ganz besonders gefährlich macht. „Flüchtlinge sind willkommen“ ist so eine ultimative Aufforderung zur Zustimmung, obwohl unklar bleibt, wer die Flüchtlinge willkommen heißt und was man bereit ist zu investieren, um den Satz nicht zu einer billigen Floskel verkommen zu lassen. Auch ist es von vorneherein fragwürdig, „Flüchtlinge“ als solche in die Debatte einzuführen, ohne zu sagen, wie viele es sind und wie genau man sie willkommen heißen will. Auch muss man fragen, wie diese Menschen zu Flüchtlingen geworden sind und was wir hätten tun können, um genau das zu verhindern, statt das, was für die Menschen in der Regel eine traumatische Erfahrung bedeutet, mit drei Worten ins Positive zu wenden.

Auch die berühmt gewordene Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ kann nur als Aufforderung interpretiert werden, das Denken sofort einzustellen. Das Gleiche gilt selbstverständlich für den Satz „Das Christentum gehört zu Deutschland“.  Wie kann überhaupt eine Religion zu einem Land „gehören“, das in seiner Verfassung gelobt, Religionsfreiheit und den Bürgern auch die Freiheit zu gewähren, an gar keine Religion zu glauben? Ist es nicht viel angemessener, das Land und den Staat konsequent von der Religion zu trennen, wie es das seit mehr als hundert Jahren offiziell laizistische Frankreich tut? Jeder dieser Sätze dient nur dazu, jedem, der anders denkt, ein schlechtes Gewissen zu verpassen.

Mit „Die Null muss stehen“ feuern sich die Fußballer untereinander an, um ein gegnerisches Tor zu verhindern. Das ist eine einfache Botschaft für ein einfaches Spiel. Mit dem gleichen Slogan gehen aber Heerscharen von Politiker und Journalisten (wie hier) an die Öffentlichkeit, um zu sagen, der deutsche Staat dürfe auf keinen Fall mehr Schulden machen, also ein Defizit bei den öffentlichen Haushalten aufweisen. Das ist keine einfache Botschaft für ein einfaches Spiel, sondern eine extrem dumme Botschaft in einem extrem komplexen Spiel. Die Reduktion der Zusammenhänge zwischen Sparen und Investieren oder Sparen und Schulden auf einen Fußballerspruch, ist der geistige Offenbarungseid, den ich hier immer wieder anprangern muss.

Kurze Sätze waren schon immer ein Fluch, aber sie sind mit dem globalen Erfolg des sogenannten „Kurznachrichtendienstes“ Twitter zu einer globalen Seuche geworden. Dieser obige Satz über Twitter ist nämlich schon zu lang für Twitter, das die Welt auf 140 Zeichen reduziert. Seit Twitter zum Medium des globalen Informationsaustausches geworden ist, gibt es keine Politiker oder sonstigen wichtigen Menschen mehr, die nicht andauernd Lächerlichkeiten durch die Welt zwitschern.

Welches Problem oder welcher Anlass es auch immer sein mag, nichts bleibt unbezwitschert und damit dem Fluch der kurzen Sätze unterworfen. Die einen haben keine Zeit und keinen Geist, um mehr zu schreiben, die anderen haben keine Muße, um mehr zu lesen. Man ist gerne und immer fehlinformiert, weil man dann ja selbst jederzeit und ohne im Geringsten nachzudenken, die anderen fehlinformieren oder gar systematisch fehlleiten kann. Alles ist beliebig, nichts ist mehr wirklich diskutierbar. Der herrschaftsfreie Diskurs, von dem einst die aufgeklärten Philosophen träumten, ist einem Gezwitscher der Beherrschten gewichen, die sich einbilden können, die Welt mit 140 Zeichen aus den Angeln gehoben zu haben.

Bleibt mir nur, mich an dem Informationsgau mit einer einfachen Botschaft zu beteiligen: „Verbietet Twitter, es verhindert das Denken!“ (45 Zeichen)

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