Ökologie | 12.08.2016 (editiert am 18.08.2016)

Die rapide Zerstörung des Planeten – 3

Die „harten“ Wissenschaften, sehen den Kapitalismus als etwas so natürliches wie einen Baum an. Jede Veränderung müsse marktkonform sein. Wer so denkt, verurteilt unsere Zivilisation zum Scheitern.

Vor fünf Jahren traf ich einen gewissen Professor John Sweeny. Sweeny war vor seiner Emeritierung Leiter des Zentrums für Klimawandel in Maynooth. Zudem war er Vertreter des IPCC für Irland.

Er erzählte mir von seiner Herkunft aus einer armen Familie aus der Grafschaft Donegal im Norden Irlands, die nach Glasgow ausgewandert war. Sweeny studierte Geographie und Physik, kehrte nach Irland zurück und arbeitete als Klimaforscher. Dann war es an mir zu erklären, woher ich komme. Es ist der typische Gesprächsverlauf in einem Land, das seit 800 Jahren besetzt wird, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt immer über seine Ansichten zum Imperialismus gefragt wird. Es war ein gutes Gespräch.

„Kurzfristig“, sagte Sweeny,

„ist der Klimawandel gar nicht einmal allzu schlecht für Irland, da die landwirtschaftlichen Erträge zunehmen werden. Auf lange und globale Sicht aber ist das Klima kaputt. Es gibt einfach zu viele Probleme, zu viele Phänomene, zu viele Rückkopplungsschleifen, zu viel auf einmal anzugehen. Wir bewegen uns auf ein komplettes Chaos, ein Desaster zu.“

Warum das IPCC das nicht jedem klarmache, fragte ich ihn. Warum setzen sie sich nicht offen für Kohlenstoffsteuern ein? „Außenstehende haben keine Vorstellung von dem Druck, unter dem wir stehen“, antworte mir der Professor. Das IPCC arbeite auf Grundlage der besten und relevantesten Peer-Review-Publikationen. Und ich wisse genauso gut wie er, dass man eine Finanzierung für solche Studien benötigt, so Sweeny. Und weiter:

„Wenn man sich die Entwürfe anschaut, die angenommen werden – die Finanzierung, die den wissenschaftlichen Output fördert, ist offensichtlich, dass da manche Dinge nicht gesagt werden können. Die Organisationen, die die Forschung finanzieren, haben ihre eigene Agenda. Diese Agenda ist immer die gleiche: Die Intakthaltung und Förderung des Business-as-usual. Bei der Auswahl der relevantesten Forschungsprojekte stellt sich die Frage, was ist relevant? Das, was die Regierungen hören wollen.“

Ein extremes Beispiel nannte er mir gleich mit: Der Kampf den Jason Box kämpfen musste, um seine Daten über die grönländischen Eisschellen in den Report des IPCC zu bekommen – es dauerte 7 Jahre. Es gibt auch den Einfluss der Leugner. Wenn ein Ergebnis veröffentlicht wird, dass sich als falsch herausstellen sollte, wird dieser Fehler auf jeder Seite der Klimaleugner auf dem gesamten Planeten ausgeschlachtet. Das beeinflusst die öffentliche Meinung und damit die Politik. Und anstatt die „Mächtigen mit der Wahrheit zu konfrontieren“, verharmlosen die Wissenschaftler die Auswirkungen des Klimawandels alles in allem – aus Angst, die Politiker würden sonst noch weniger tun.

Dass es noch einen anderen Faktor gäbe, merkte ich an. Die meisten Wissenschaftler kämen von den sogenannten „harten“ Wissenschaften, die den Kapitalismus als etwas so Natürliches wie einen Baum ansehen, eine Selbstverständlichkeit. Jede Veränderung müsse daher Marktkonform und kompatibel mit dem Status Quo sein, der als Unveränderlich betrachtet wird. Sweeny pflichtete mir bei, um mit ruhiger Stimme hinzuzufügen: „Das ist das große Problem. Und wenn wir das nicht ändern, ist unsere Zivilisation zum Scheitern verurteilt.“

Hier also stand ein fähiger und anerkannter Wissenschaftler vor mir, ein Mann ohne radikale politische Tendenzen oder dergleichen, der mir einfach nur erzählte, was er sah. Das war vor fünf Jahren.

Die Verstärkung der Kohlenstoff-Rückkopplung vom Erdsystem

In der Zwischenzeit sind die Dinge weit schlimmer geworden, und damit umso klarer. In dieser Woche, wie eigentlich jede Woche, wurden einige echte Horrorgeschichten veröffentlicht. Die wichtigste handelt von der Reaktion des Erdsystems auf die menschengemachte Klimastörung (ACD), etwa durch den Temperaturanstieg aufgrund der von den Menschen in die Atmosphäre geleiteten Treibhausgase. Wie ACD das Klima verändert, so antworten auch die natürlichen Ökosysteme der Welt. Erst kürzlich publizierte Robert Scribbler einen extrem besorgniserregenden Artikel darüber (siehe hier).

An vielen Orten sind die Reaktionen sichtbar. Der Klimawandel verstärkt die Waldbrände in Sibirien. In Afrika steigen riesige Rauchwolken aus Methan und Kohlendioxid in die Atmosphäre. Oberflächenmessungen des Methans in diesen Zonen ergeben 200 Mal höhere Werte als die des globalen atmosphärischen Durchschnitts. Der Amazonas, einst die grüne Lunge des Planeten, ist, wie Scribbler schreibt, nun ein reiner Erzeuger von CO2 und Methan (so wie es Tim Flannery vor vielen Jahren vorhergesagt hatte, siehe hier). Die Oberflächenmonitore des Copernicus Observatorium zeigen Teiche mit CO2-Konzentrationen, die 1,5 bis 2 Mal über der der aktuellen atmosphärischen Konzentration liegen (siehe hier).

Unglaublich ist es, wie in Sibirien Blasen aus Methan und CO2 unterhalb des Permafrosts nach oben sickern und dadurch Abschnitte des arktischen Bodens wie Gelee wackeln lassen (siehe hier). Zu sehen ist das in einem kurzen Video der Sibirian Times. Nach Angaben der Zeitung liegt der Treibhaus-Gehalt in diesen Blasen bei Werten die etwa das neunzehnfache des aktuellen atmosphärischen CO2-Gehalts und das zweihundertfache des entsprechenden Methangehalts entsprechen. Diese Blasen sind eine direkte Folge der extrem schnellen Erwärmung der Arktis. Doch Sibirien ist nicht der einzige Ort, an dem so etwas geschieht. Auch in Afrika und dem Amazonasgebiet korrelieren Waldbrände mit extremer Trockenheit, die buchstäblich das CO2 aus dem Erdboden ausbacken.

Diese verstärkende Rückkopplung ist eine schreckliche Nachricht für unsere Spezies (siehe hier). Selbst von der Vorstellung ausgehend, dass die Menschheit wie durch ein Wunder den CO2-Ausstoß in die Atmosphäre morgen stoppt, werden die direkten Auswirkungen der vergangenen Emissionen noch 40 Jahre nachwirken: Bis 2056 werden diese noch nicht sichtbar sein – die CO2-Emissionen aber werden weiter ansteigen, da in der Zwischenzeit der Planet selbst auf die ansteigenden Emissionen und ihrer Konsequenzen durch den eigenen, natürlichen Ausstoß von CO2 und Methan in die Atmosphäre antwortet und damit den Klimawandel weiter verstärkt. Wir – oder vielmehr die großen 90 Unternehmen, die historisch für etwa Zweidrittel aller CO2-Emissionen verantwortlich sind (wie etwa Shell, Chevron, Exxon etc., siehe hier und hier), drückten die atmosphärischen CO2-Werte auf fast 408 ppm (Teile pro Million). Ein solches Level wurde in den letzten 15 oder 16 Millionen Jahren noch nicht beobachtet. Es ist dieser Anstieg, der die Erde dramatisch erwärmt – ein Ergebnis, das große Auswirkungen auf Pflanzen und ihre Zyklen hat und ihre Fähigkeit beeinflusst, Kohlenstoff aufzunehmen. Gerade der ältere Kohlenstoff, der lange von Pflanzen gespeichert wurde, wird jetzt in den Boden, Permafrost und die Ozeane abgesondert. Zusammengefasst:  Die Erde beginnt, eine zunehmend starke Kohlenstoff-Rückkopplungs-Reaktion auf die von den Menschen erzwungene Erwärmung zu erzeugen (siehe hier). Dieses unlösbare Dilemma entsteht durch die Rückkopplungsschleife in der Natur.

Wie Scribbler ausführt, können die Ozeane der Atmosphäre insgesamt weniger Kohlenstoff entziehen oder zunehmende Blasen auftauenden Methans aufnehmen, die Böden können weniger Kohlenstoff speichern als sie durch die Hitze ausbrüten, verbrennen mehr Pflanzen und Torfe, als wachsen und der tauende Permafrost scheidet seinen eigenen Kohlenstoff aus. Zusätzlich zu dem, was durch die Prozesse der fossilen Brennstoff-Extraktion und Brände freigesetzt wurde, bringt dieser Kohlenstoff-Zyklus als Reaktion auf die Erwärmung noch mehr Kohlendioxid und Methan in die Atmosphäre (siehe hier).

Wie viel Kohlenstoff das System Erde letztlich durch menschliche fossile Emissionen aufgenommen hat, ist ungewiss. 2007 schätzte das IPCC, dass circa 87 ppm zusätzliches CO2 bis zum Jahr 2100 hinzugefügt werden (unter einer scheinbar angenommenen finalen menschenverursachten CO2-Ansammlung von 700ppm würde das nicht zu überleben sein). Doch das ist nicht mehr als eine wilde und nicht sehr wohlbegründete Vermutung. Die Modellrechnungen liegen zwischen 4 und 44 Prozent. Tauender Permafrost und Methan-Clathrate wurden nicht berücksichtigt. 2012 produzierte das IPCC andere Prognosen, wieder ohne das Permafrost-Kohlestoff- oder das Methanhydrat-Feedback zu berücksichtigen. So sind sie im Grunde nutzlos. Die zusätzliche Wärme, die durch die menschlichen Fossil-Emissionen erzwungen wird, ist weit größer als diejenige, die die letzte Eiszeit enden ließ (siehe hier).

Was ist in Sibirien passiert, ist verrückt

Der Bericht der Sibirian Times zeigt neben dem erwähnten Video mehrere Bilder. Das Erste scheint nichts Ungewöhnliches zu zeigen, die Landschaft erinnert an Irland im Sommer. Das Video zeigt, wie die Erdoberfläche unter den Füßen eines Wissenschaftlers im wahrsten Sinne des Wortes zum Wackeln kommt. Einer von ihnen, dessen Name im Bericht nicht genannt wird, sprach von einem „ernsten Grund, beunruhigt zu sein, wenn Gasblasen in der Permafrostzone erscheinen“, weil dies „unberechenbare“ Folgen haben könnte. Einige der Wissenschaftler, die schon zwanzig Jahre oder noch länger in der Jamal-Region arbeiten, haben noch nie etwas Ähnliches gesehen.

Google Map

Bild 1: Salechard und im Norden Bely Island, wo der Permafrost taut, sowie Yamal und Taimyr im Osten (Quelle: Google Maps).

Die Zeitung schreibt ferner, dass immer noch einige bestreiten, dass irgendetwas von all dem mit dem Klimawandel zu tun habe. Tatsächlich wurde der Zusammenhang zwischen dem Klimawandel, tauendem Permafrost und wachsenden Methanemissionen gut von Natalia Shakova (siehe hier das Interview) und anderen in mehreren zukunftsträchtigen und unbestreitbaren, oft Jahre zurückgehenden Studien nachgewiesen.

Weiter südlich, auf den Yamal und Taimyr Halbinseln, beobachteten Wissenschaftler eine Reihe von Kratern, die sich plötzlich im Permafrost gebildet hatten. Als die Krater zuerst auf der Yamal Halbinsel erschienen, lösten sie bizarre Theorien über ihr Entstehen aus. Nun glauben die meisten Experten, dass sie aus den Methangasexplosionen hervorgegangen sind, die durch die warmen Temperaturen im hohen Norden Russlands ermöglicht wurden (siehe hier).

Die vorherrschende Theorie aber ist, dass die Krater von Pingos gebildet wurden – kuppelförmige Hügel über einem Kern aus Eis – hervorgebrochen unter dem Druck von Methangas, das von dem tauenden Permafrost freigesetzt wurde. Manche der Krater sind klein, andere sind riesig und werden zu regelrechten Seen. Das Bild zeigt die Deryabinsky Ritze im Schnee, kurz nachdem sie gebildet wurde und das Loch etwa vier Meter breit war. Jetzt ist die Ritze ein See mit etwa 70 Meter im Durchmesser (siehe hier).

Methankrater

Bild 2: Der Deryabinsky Spalt kurz nachdem er aufgrund des Drucks von Methangas gebildet wurde (Quelle: Sibirian Times).

Aber Sibirien ist nicht der einzige Ort, wo der Permafrost taut. Alaska ist weiter dabei, sich in einer Geschwindigkeit zu erwärmen, die dem vor 3 Jahren vorhergesagten Tempo mittlerweile bereits um 70 Jahre voraus ist. In Grönland schmelzen die Eisschellen sowie auch dort der Permafrost taut. Die Bedingungen sind surreal: Anfang Juni dieses Jahres war es in Grönland wärmer als in New York City. Das Problem ist nicht auf die Arktis oder ihre Umgebung beschränkt. In der Antarktis überschritt der CO2-Gehalt 400ppm für den Rest der Zeit von 4 Millionen Jahren. Unsere Emissionen haben von Pol zu Pol alles geändert. Wie Dahr Jamail berichtet, hat im Osten der Antarktis das Nansen-Schelfeis einen Eisberg wachsen lassen, der 20 km lang ist. Ein riesiger Riss im Shelf, der seit 1999 besteht, hat sich bis zum Jahr 2014 dramatisch erweitert. Und der Trend setzt sich in diesem Jahr fort, wenn unter der Oberfläche die wärmenden Meere das Shelf schmelzen lassen und so bereits eine Fläche größer als die von Manhattan im Ozean freigelegt wurde (siehe hier).

Mehr und mehr Studien verweisen auf die Wahrscheinlichkeit, dass durch das rapide Schmelztempo sowohl der arktischen als auch der grönländischen Eiskappeneines der Anstieg des Meeresspiegels weit höher sein wird, als zuvor prognostiziert wurde (Jamail zitiert einige der jüngsten Studien hier). Die Studien zeigen auch, dass ein abrupter Anstieg des Meeresspiegels zunehmend realistisch ist – und zwar mit schätzungsweise sechs Fuß (183 cm) in diesem Jahrhundert und weit mehr im nächsten. Es besteht kein Zweifel, dass dann viele der weltweit stark besiedelten Küstengebiete und Städte überflutet werden.

Wenn wir unsere Anstrengungen nicht verstärken, wird sich eine Art des Klimas entwickeln, die dem vor 15 bis 20 Millionen Jahren ähnelt, als die Temperaturen zwischen 3 und 6 Grad Celsius wärmer waren als heute. Zu dieser Zeit existierten keine Eisdecken, der Meeresspiegel war zwischen 25 und 40 Meter höher. Wenn alle Eisdecken schmelzen, können wir einen Anstieg des Meeresspiegels zwischen 120 und 190 Fuß (36 und 58 m) erwarten (siehe hier).

Bis vor wenigen Jahren wäre diese Aussagen selbst für eine Science-Fiction-Story zu bizarr gewesen, heute handeln davon die besten wissenschaftlichen Vorhersagen.

Doch das sind nicht die einzigen Horrorstudien. Dahr Jamail veröffentlicht monatlich Klimadepeschen auf Truthout, die eine ausgezeichnete Auswahl neuer Papiere und Einschichten bieten (siehe hier). So argumentieren etwa die Autoren einer Studie, die vor kurzem im Nature Climate Change veröffentlicht wurde, dass durch einen fortgesetzten Verbrauch fossiler Brennstoffe – und gegenwärtig gibt es fast kein Indiz, dass es nicht so sein wird – der Planet möglicherweise 8 Grad Celsius wärmer als die vorindustrielle Basislinie werden wird. Dabei bleibt zu beachten, dass der Punkt des „Massenausterbens“ von vielen Wissenschaftlern bereits bei 3,5 Grad Celsius über der Basislinie angesetzt wird. Die Erde wird dann ein Klima haben, das dem vor 52 Millionen Jahren gleicht. Die Temperaturen in der Arktis werden sich um etwa 17 Grad Celsius erhöhen (siehe hier).

Wie ich bereits geschrieben hatte, erzählen die globalen Durchschnittstemperaturen weder die ganze oder auch die Hauptgeschichte. Es ist, im Scherz gesagt, wie die Messung der Temperatur in einem Krankenhaus. Manche Menschen haben Fieber, andere wiederum sind tot. Es ist nicht die durchschnittliche globale Temperatur, die wesentlich ist, sondern der Anstieg der Breitentemperatur. Die Studie prognostiziert bei einem Ausbleiben von signifikanten Veränderungen der Emissionen eine Transformation des Planeten durch Treibhausgase in einen Ort, wo große Gebiete der Welt für Menschen völlig unbewohnbar geworden sind und viele Spezies nicht überleben werden (siehe hier).

Myles Allen, Kopf einer Gruppe für Klimadynamiken an der University of Oxford, fügt hinzu, dass es weniger Erwärmung bräuchte – um die 6 Grad Celsius – um die Welt aus der Eiszeit herauszuheben, als jene Temperaturen die dem Planten möglicherweise in den nächsten 200 Jahren bevorstehen. „Das ist die Tiefgründigkeit der Veränderung, über die wir reden“, so Allen (siehe hier).

Laut Jamail wird das Schmelzen der gesamten Eismasse der Pole einen Anstieg des Meeresspiegels verursachen, der 40% jener globalen Population vertreiben wird, die nahe der Küste lebt. Tropische Regenwaldsysteme in der gesamten Welt würden kollabieren. In Südeuropa und den vereinigten Staaten hätte die Dürre „komplett katastrophale“ Auswirkungen für die Landwirtschaft (siehe hier). Es gibt keine Möglichkeit, in der dieses Szenario nicht zu einem totalen gesellschaftlichen Zusammenbruch führen würde.

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