Soziales | 04.08.2016 (editiert am 08.08.2016)

Finanzialisierung und Ungleichheit

Der Aufstieg des Finanzsektors gilt als eine Hauptursache zunehmender Ungleichheit. Gleichzeitig lesen wir gerade täglich von zurückgehenden Gewinnen bei Commerzbank und Deutscher Bank. Wie passt das zusammen?

Der Zusammenhang von Ungleichheit und Kapitalismus war im Juli Makroskop-Schwerpunkt. Ich möchte ergänzend noch auf strukturelle Entwicklungen hinweisen, die den Charakter des westlichen Kapitalismus in den letzten vier Jahrzehnten verändert und das Ungleichheitsproblem intensiviert haben.

Die Rede ist vom Prozess der Finanzialisierung, also dem Bedeutungszuwachs von Finanzmotiven, Finanzinstitutionen und Finanzeliten in Wirtschaft und Gesellschaft. Dieser Prozess hat viele Facetten. Er reicht von der Orientierung am Shareholder Value in der Produktionswirtschaft über die innere Transformation des Finanzsektors (zum Beispiel Aufstieg des Investmentbankings) bis hin zur Einbeziehung privater Haushalte in die Finanzmärkte, etwa durch die kapitalmarktorientierte Altersversorgung (hier).

Wenn wir den westlichen Kapitalismus der drei Jahrzehnte der Nachkriegszeit mit dem heutigen vergleichen, wird deutlich, dass hier gravierende Veränderungen stattgefunden haben, insbesondere seit dem Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems sowie der folgenden Liberalisierung des Finanzsektors.

Quantitativ abbilden lässt sich diese Entwicklung besonders anschaulich durch den Anteil des Finanzsektors an den Gesamtprofiten in den USA. Dabei wird deutlich, dass dieser Anteil heute mehr als doppelt so hoch liegt wie in den 1950er/1960er Jahren. Seit der Finanzkrise ist der Anteil des Finanzsektors zwar leicht rückläufig, liegt aber auf historisch immer noch hohem Niveau  (hier). Zudem erfasst dieser Indikator weitere Aspekte von Finanzialisierung noch nicht. Dazu gehört insbesondere die stark zunehmende Rolle von Profiten, die Unternehmen des Produktionssektors an Finanzmärkten erwirtschaften, etwa durch Konsumfinanzierung und Direktbanken (BMW Bank, Volkswagen Bank) oder durch Finanzspekulationen (Porsche in der Ära Härter/Wiedeking).

Kritisch diskutiert wird der Prozess der Finanzialisierung bisher vor allem in Bezug auf dessen Krisenanfälligkeit, die nicht zuletzt im Kontext der Subprime-Krise deutlich wurde (hier). Weniger bekannt sind die Auswirkungen auf sozio-ökonomische Ungleichheit. Quantitative Studien schätzen, dass Finanzialisierung seit 1970 in den USA für etwa die Hälfte des zurückgehenden Anteils des Faktors Arbeit am Nationaleinkommen verantwortlich ist, deutlich mehr als Globalisierung, technologischer Wandel und institutionelle Faktoren zusammen (hier).

Finanzialisierung als Ursache von Ungleichheit: drei Mechanismen

Warum führt Finanzialisierung zu zunehmender Ungleichheit?  Wir können hier grundsätzlich drei verschiedene Zusammenhänge unterscheiden, die nicht nur in den USA, sondern auch in der EU relevant sind (hier).

Beginnen wir mit den Arbeitseinkommen im Finanzsektor. Hier ist zunächst auffällig, dass hier die Gehälter in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern deutlich stärker gestiegen sind als in anderen wirtschaftlichen Sektoren. Die durchschnittlichen Gehälter im US-Finanzsektor haben sich zwischen 1980 und 2014 nominal fast verfünffacht (hier). Davon haben natürlich nicht in erster Linie die einfachen Angestellten profitiert, sondern jene an der Spitze der Einkommenspyramide, etwa in Form von Bonuszahlungen. Selbst in schwierigen Zeiten für die Branche sind Jahreseinkommen von mehr als einer Milliarde US$ bei Hedge Fonds-Managern keine Seltenheit (hier).

Diese Entwicklung ist jedoch nicht auf die USA beschränkt. Auch in Frankreich, einem Land mit einem eher moderaten Finanzsektor, mit nur 3 Prozent der Beschäftigten in der Privatwirtschaft, waren Top-Manager der Finanzbranche für mehr die Hälfte der stark zunehmenden Ungleichheit bei den Top-Einkommen in der vergangenen Dekade verantwortlich, womit sie nicht nur CEOs anderer Branchen, sondern auch die Superstars der Unterhaltungsbranche klar in den Schatten stellen (hier).

Ein zweiter Zusammenhang betrifft den nichtfinanziellen Unternehmenssektor (hier). Finanzialisierung äußert sich hier allgemein in der Verbreitung einer Finanzmarktrationalität, also insbesondere in der generellen Orientierung des Unternehmenshandelns an den Börsenkursen. Dazu kommen spezielle Instrumente wie Aktienoptionen und Aktienrückkaufprogramme.  Aktienoptionen binden nicht nur das Management an eine „Shareholder Value“-Perspektive, sondern führen auch zu einer Abkopplung der Managementvergütung von den Löhnen und Gehältern. Die Verwendung von Unternehmensgewinnen für Aktienrückkaufprogramme – anstatt für Investitionen – begünstigt nicht nur die Einkommen von Aktionären und Management, sondern übt auch Druck auf die Löhne aus.

Ein dritter Mechanismus verweist auf die privaten Vermögen. Finanzialisierung ermöglicht zunächst gutsituierten und informierten Haushalten, durch Kapitalanlagen deutlich höhere Vermögenssteigerungen zu erreichen als anderen Bevölkerungsgruppen. Zudem wurden zunehmend öffentliche Leistungen abgebaut und die betroffenen Bevölkerungsgruppen auf die Möglichkeit der Finanzierung über die Kapitalmärkte verwiesen, in Deutschland etwa bei der der Alterssicherung und der Studienfinanzierung (hier). Besonders gravierende Folgen hatte – zumindest in den USA, aber beispielsweise auch in Irland und Spanien – schließlich der leichtere Zugang ärmerer Bevölkerungsschichten zur privaten Immobilienfinanzierung, was bei einem Einbruch der Häuserpreise zum völligen Ruin führen kann.

Gebremste Finanzialisierung in Deutschland

Wie verhalten sich nun diese Beobachtungen zu den aktuellen Gewinneinbrüchen von Commerzbank und Deutscher Bank? Nun, idiosynkratrische Entwicklungen bei einzelnen Unternehmen – hier insbesondere Rechtsrisiken und Restrukturierungen – müssen gegenüber strukturellen Entwicklungen im Kapitalismus nicht unbedingt ins Gewicht fallen. Trotzdem verweisen sie zumindest indirekt auf einen wichtigen Befund: Finanzialisierung ist in Deutschland bisher weniger ausgeprägt als in vielen anderen Industrieländern. Das gilt für alle drei Bereiche der Finanzialisierung, nämlich das Gewicht des Finanzsektors und insbesondere des Investmentbankings, die Finanzmarktrationalität in der Nichtfinanzindustrie und die private Vermögensbildung

Auch wenn insbesondere die Deutsche Bank sich seit den 1990er Jahren intensiv um eine Ausrichtung am finanzialisierten Bankgeschäft amerikanischer Prägung – einschließlich der entsprechenden Gehälter – bemüht hat, setzte doch die starke Konkurrenz durch Sparkassen sowie Genossenschaftsbanken deutliche Grenzen für die Profitabilität der deutschen Großbanken (hier).

Die Finanzialisierung des Produktionssektors wird in Deutschland bisher durch die starke Rolle des zumeist eigentümergeführten Mittelstands sowie von Kernaktionären bei börsennotierten Unternehmen limitiert (hier). Und die riskante Vermögensbildung armer Haushalte ist in Deutschland beispielsweise durch hohe Eigenkapitalanforderungen in der Immobilienfinanzierung beschränkt (hier); auch die Alterssicherungssysteme sind im Vergleich mit den USA bisher in geringerem Maße von den Kapitalmärkten abhängig.

Zunehmende Ungleichheit ist daher in Deutschland bisher weniger auf Finanzialisierung zurückzuführen als in den USA.  In Deutschland spielen andere Faktoren bei der Erklärung von Ungleichheit eine vergleichsweise größere Rolle, beispielsweise die Lohnsenkungspolitik aufgrund übermäßiger Exportorientierung (hier). Trotzdem wäre eine Analyse von Ungleichheitsprozessen auch bei uns ohne Berücksichtigung von Finanzialisierung unvollständig. Und eine vertiefte Finanzialisierung ist auch in Deutschland nicht ausgeschlossen, sei es durch eine Immobilienblase oder auch durch eine intensivierte Finanzmarktrationalität einer jüngeren Generation von Managern und Kapitaleigentümern. Auch die aktuellen Pläne der EU-Kommission, die „Finanzialisierung des Mittelstands“ durch eine Kapitalmarktunion zu betreiben, weisen in diese Richtung.

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