Zahnräder
Theorie | 26.08.2016 (editiert am 31.08.2016)

Vereinigt Euch!

Eines der fundamentalen Probleme unserer Ökonomie entspringt einer längst antiquierten Trennung von Volks- und Betriebswirtschaftslehre. Höchste Zeit für einen interdisziplinären Austausch.

Nicht selten stehen sich die Annahmen der benachbarten Wissenschaftsdisziplinen diametral gegenüber. Die strikte Abgrenzung von Volks- und Betriebswirtschaftslehre entstand einst aus einer historischen Notwendigkeit, die jedoch aufgrund der Etablierung beider Disziplinen längst obsolet ist.

Die Widersprüchlichkeit einzel- und volkswirtschaftlicher Ziele

Schlägt man ein beliebiges Volkswirtschaftslehrbuch auf und sucht nach dem übergeordneten Ziel der Volkswirtschaft, so ist dort in unterschiedlicher Form zu lesen: die langfristige Bedürfnisbefriedigung der Gesellschaft mit dem geringsten Ressourceneinsatz. Es geht in einer Ökonomie folglich darum, mit möglichst wenig Mitteln die Menschen dauerhaft mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen. Wirft man hingegen einen Blick in eines der gängigen Betriebswirtschaftslehrbücher, so findet man dort als übergeordnetes Ziel von Unternehmen die Maximierung des Shareholder Value (was gleichbedeutend ist mit der Gewinnmaximierung). Wenn man kurz darüber nachdenkt, ob die langfristige Bedürfnisbefriedigung mit dem geringsten Ressourceneinsatz und die Gewinnmaximierung von Unternehmen zusammengehen, kommt man selbst ohne jegliche ökonomische Vorbildung schnell darauf, dass die Antwort »Nein« lautet. Wenn ein Unternehmen seinen Gewinn maximieren will, hat es keinerlei Interesse daran, die Bedürfnisse der Gesellschaft langfristig und dauerhaft zu befriedigen. Es wird vielmehr Sorge dafür tragen, dass die Bedürfnisse nur kurzfristig befriedigt werden. Diese Aussage findet sich bereits im Jahre 1928 beim Wegbereiter der deutschen Betriebswirtschaftslehre Wilhelm Rieger:

„Von den Unternehmern aber könnte man eher behaupten, daß sie es außerordentlich bedauern, wenn sie den Markt versorgen; denn je länger er nicht versorgt ist, desto länger die Aussicht auf Absatz und Gewinn.“

Die Unternehmung sei „eine Veranstaltung zur Erzielung von Geldeinkommen durch Betätigung im Wirtschaftsleben“, so Rieger weiter. Die Versorgung des Marktes mit Gütern könne weder Ziel noch Zweck von Unternehmen sein, weil sie keinen Gewinn mehr machen, wenn der Markt versorgt ist. Dies sehen Volkswirte freilich vollkommen anders, weil sie aufgrund der Makroperspektive den gesamtgesellschaftlichen Ressourcenverbrauch und damit auch die negativen Effekte betrachten, die durch die betriebswirtschaftliche Wertschöpfung für die Gesellschaft entstehen. Für Unternehmen kann es äußerst lukrativ sein, Ressourcen auszubeuten, durch den Produktionsprozess Naturkapital irreversibel zu zerstören, die Lebensdauer von Produkten künstlich zu verkürzen (geplante Obsoleszenz), wissentlich Produkte zu verkaufen, die gesundheitliche Risiken bergen oder keinerlei Nutzen haben. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist dies absoluter Irrsinn.

Stellt man sich einen Bruchstrich vor, steht aus betriebswirtschaftlicher Sicht auf ihm der Gewinn, darunter finden sich die Kosten. Der Quotient ist die Profitrate. Zu den Kosten gehören die Löhne sowie die Preise für Rohstoffe, Maschinen, Energie und Zwischenprodukte. Je mehr über und je weniger unter dem Bruchstrich steht, desto höher ist die Profitrate. Ihr nützt die Externalisierung von Kosten: Werden Luft, Boden und Wasser verschmutzt, muss sich ein Unternehmer nicht darum sorgen, weil er nicht für Renaturierung und Schadensbeseitigung herangezogen wird. Volkswirtschaftlich verhält sich dies anders: Im Zähler steht das Volkseinkommen (Löhne und Profite), im Nenner die Aufwendungen einschließlich der Kosten für Umwelt- und Gesundheitsschäden sowie für ihre Beseitigung. Dass die Quelle des unternehmerischen Profits (die Erde) im Fortgang der Akkumulation untergraben wird, taucht in der betriebswirtschaftlichen Kalkulation nicht auf.

Der unsichtbare Doppelcharakter von Gütern

Jedes Produkt besitzt einen bislang ignorierten Doppelcharakter, es zerfällt in eine betriebswirtschaftliche und eine volkswirtschaftliche Funktion. Die Frage, welche Produkte am Markt angeboten werden, wird nicht nach Maßgabe der gesellschaftlichen Bedürfnisse (was dem originären Zweck der Marktwirtschaft entspräche), sondern in Abschätzung der Gewinn versprechenden Verkäuflichkeit entschieden. Unternehmen produzieren und verkaufen alles, womit sie Gewinn erzielen können (so wie es die Betriebswirtschaftslehre vorgibt), ungeachtet der gesellschaftlichen Auswirkungen der produzierten Güter. Die betriebswirtschaftliche Funktion eines Gutes ist die unternehmerische Gewinnerzielung, die volkswirtschaftliche Dimension betrifft die Frage, ob ein Gut die Lebensqualität und den Wohlstand einer Gesellschaft steigert oder verringert. Wenn es zu dem seltenen Ereignis kommt, dass ein Gut aufgrund seiner negativen gesellschaftlichen Folgen tatsächlich verboten wird (verbleites Benzin, Asbest, FCKW), wird die volkswirtschaftliche Dimension dieser Güter einbezogen und bewertet. Dies geschieht in der Regel jedoch nicht auf Initiative der Unternehmen hin, sondern aufgrund politischer Entscheidungen. Nicht die Unternehmen beschließen, die Produktion schädlicher oder gefährlicher Güter einzustellen, sondern der Gesetzgeber verbietet die Herstellung. Die Energiewende wird derzeit auch nicht von den Energieunternehmen vorangetrieben, sondern von der Politik.

Selbsttäuschungsmanöver

Die Ausblendung der gesellschaftlichen Folgekosten unternehmerischer Gewinnerzielung ist eine in den Grundlagen und Grundbegriffen der Betriebswirtschaftslehre angelegte gigantische Bilanzfälschung, ein Selbsttäuschungsmanöver über die vermeintlichen Erfolge unternehmerischen Handelns. Unternehmen und ihre Produkte dürfen nicht nur eine betriebswirtschaftliche Funktion erfüllen, sie müssen eine gesamtwirtschaftliche Funktion erfüllen. Alle bisherigen Versuche, betriebswirtschaftliche Ziele stärker auf gesamtwirtschaftlich und gesellschaftlich erwünschte Zwecke auszurichten, müssen in Anbetracht der fortschreitenden ökologischen Zerstörungen durch die Einzelwirtschaft als unwirksam angesehen werden. Es ist daher höchste Zeit, die obsolete Trennung von volks- und betriebswirtschaftlichen Zielen zu überwinden.

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