Arbeit | 09.09.2016 (editiert am 15.09.2016)

Der Roboter, die Arbeitsplätze und die Grundbedürfnisse

Bedroht der Roboter die Arbeitsplätze? Diese uralte Frage wird derzeit von konservativen Medien und Ökonomen neu gestellt. Mit bedrohlichem Unterton verweigert man sich der Antwort, die ganz einfach „Nein“ heißt. Auf der linken Seite des politischen Spektrums konstruiert man eine Welt, wo die moderne Technik helfen soll, die „Grundbedürfnisse“ zu befriedigen – aber auch das hat mit der Realität nichts zu tun.

Wenn man wissen will, ob die Menschheit es jemals schaffen kann, ein intellektuell im Grunde wenig anspruchsvolles ökonomisches Problem zu lösen, muss man sich nur die neu entbrannte Debatte um die Roboter anschauen. In dieser Woche hat der Print-Spiegel dieses Thema zum Leitartikel erhoben und ist, wie hätte es anders sein können, kläglich gescheitert. Der WDR hat seine Quarks darauf angesetzt, erlitt aber das gleiche Schicksal (hier in der Mediathek).

Immer beginnen solche Beiträge furchtbar dramatisch. So schreibt der Spiegel:

„Wenn viele Menschen keine Beschäftigung mehr finden, weil die Roboter sie arbeitslos machen, dann verlieren sie ihre wichtigste Einkommensquelle. Wie aber sollen sie dann die Produkte und Dienstleistungen konsumieren, die die digitale Wirtschaft hervorbringt? Von welchem Geld können sie diese Produkte bezahlen?“

Ja, von welchem Geld (Einkommen ist eigentlich gemeint)? Genau so hat man auch schon vor mehr als zweihundert Jahren gefragt? Wie groß ist der geistige Fortschritt? Exakt Null! Doch dann dämmert es den Autoren solcher Artikel (oder dem interviewten Ökonomen wie beim WDR) regelmäßig, dass man es eigentlich nicht ganz so schlimm darstellen kann, weil ja sonst die halbe Menschheit ständig arbeitslos wäre. Folglich schreibt man, wie der Spiegel, einen Absatz der folgenden Art:

„Das Ende der Arbeit, es wurde schon oft vorausgesagt. Im frühen 19. Jahrhundert fürchteten englische Textilarbeiter die Schnelligkeit des mechanischen Webstuhls, damals wurde erstmals „die Maschinenfrage“ gestellt. Ein Jahrhundert später entfaltete die Fließbandproduktion ihre produktivitätssteigernde Wirkung, mit dem Einzug der Industrieroboter in den Fünfzigerjahren folgte ein weiterer Automatisierungsschub. Bislang allerdings war die Beschäftigungsbilanz positiv. Der Strukturwandel hat zwar viel Altes vernichtet, aber immer wieder Neues erschaffen, es sind sogar mehr Jobs entstanden als verloren gingen. Jetzt könnte es erstmals anders sein.“

Klar, wenn man wüsste, warum es bisher gut gegangen ist, könnte man auch klar sagen, ob es diesmal anders ist. Aber das kann (oder will) man ja nicht wissen und deswegen muss man düstere Drohungen aussprechen, die immer darauf hinauslaufen zu sagen: Du Arbeiter, du musst dich jetzt mal ganz schön klein machen und die Klappe halten, weil du sonst wie nix wegrationalisiert wirst. Jetzt wird es so sein, dass sie nicht nur deine Hände (und deinen starken Arm) nicht mehr brauchen, sondern jetzt brauchen sie auch dein bisschen Verstand nicht mehr.

Produktivitätsgewinne sind gut

Ich will nicht wiederholen, was ich zu Anfang des Jahres in drei Teilen zu diesem Problem erklärt habe (hier, hier und hier). Aber dass man den Dreiklang von Produktivitätssteigerungen (durch die Technik induziert), von Reallohnzuwächsen (entweder durch die Produktivität infolge von Preissenkungen induziert oder ausgehandelt) und der Veränderung der Beschäftigung von Arbeit (als Funktion der Nachfrage der Arbeiter) nicht auf die Reihe kriegt, zeugt entweder von extremer intellektueller Armut der Ökonomen oder von einer unglaublich perfiden Methode, die Arbeiter seit 200 Jahren in einer geistigen Dunkelkammer einzusperren.

Für erstere Interpretation spricht eindeutig, dass auch linke Theoretiker sich bemühen, der intellektuellen Armut der Rechten nicht nachzustehen. Hier konstruiert man, um der „Bedrohung“ durch die Roboter zu begegnen, „Grundbedürfnisse“ des Menschen, nach deren Befriedigung der Bürger vollkommen zufrieden ist, die Erwerbsarbeit aufgeben und im Marxschen Sinne seinen Hobbys (morgens zu jagen, mittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren) nachgehen kann.

Man muss sich das etwa so vorstellen: Beim Erreichen der heutigen Entwicklungsstufe der Wirtschaft, werden von einer demokratisch gewählten Kommission die „Grundbedürfnisse“ des Menschen festgestellt. Auf der Basis der Empfehlungen dieser Kommission wird die Ausstattung mit Gütern und Dienstleistungen genau bestimmt.

Jenseits von Essen und Trinken wird das Grundbedürfnis nach Mobilität durch einen VW-Käfer mit der Ausstattung der fünfziger Jahre befriedigt, das Grundbedürfnis nach Urlaub durch einen einwöchigen Urlaub im Schwarzwald oder an der Nordsee und das Grundbedürfnis nach Kommunikation durch ein schönes schwarzes Festnetztelefon mit genau 1, 50 Metern Schnurlänge. Weil die heutige Wirtschaft diese Grundbedürfnisse für die gesamte Bevölkerung mit einer Arbeitszeit von durchschnittlich 10 Wochenstunden erledigen kann, hat der Arbeiter nach den zehn Stunden Arbeit in der Woche frei und kann jagen, fischen und kritisieren.

Bedürfnisse sind nicht Nachfrage

So geht das, wenn man „Bedürfnisse“ und „Nachfrage“ verwechselt. „Bedürfnis“ ist in einer Marktwirtschaft nichts, Nachfrage ist alles. Ganz gleich, wie reich eine Gesellschaft geworden ist, man kann niemals ein Stück aus dem gegenwärtigen Stand der Produktion und der Nachfrage herausschneiden und für „ausreichend“ oder „befriedigend“ erklären. Wer die Produktion auf das Niveau der fünfziger Jahre zurücksetzt, setzt auch das Einkommen der Masse der Menschen auf das gleiche Niveau zurück, mit der Folge, dass sich alle wieder arm (und arbeitslos) fühlen würden.

Die Hoffnung, man könne auf die eine oder andere Weise die Arbeit vom Einkommen trennen (siehe Beispiele dafür im heutigen Beitrag von Daniel Deimling zum Grundeinkommen), ist eine wirklich dumme Idee, eine Idee, die man nur dann haben kann, wenn man rein mikroökonomisch denkt. Das Einkommen in der Gesamtwirtschaft ist ja nur entstanden, weil die Güter, deren Produktion hinter dem Einkommen steht, nachgefragt wurden. Die konnten nur nachgefragt, weil die Einkommen hoch genug waren, um die Güter und Dienstleistungen zu kaufen, die von den Arbeitern in einem unauflöslichen Zusammenhang mit Maschinen produziert wurden.

Dass immer mehr und immer bessere Maschinen eingesetzt werden, die noch mehr stumpfsinnige Arbeit (wie zum Beispiel bald Lastwagenfahren) endgültig überflüssig machen, ist gut, weil es den Verkehr sicherer macht und die Möglichkeit schafft, durch das steigende Einkommen für alle, das mit der Innovation verbunden ist, die ehemaligen Lastwagenfahrer sinnvoller zu beschäftigen. Doch so weit sind wir ja gar nicht, weil die Arbeitsproduktivität derzeit, wie in der oben erwähnten Artikelserie gezeigt, fast nicht steigt.

Wenn die Masse der Beschäftigten wirklich keine höheren Einkommen mehr will, kann man auch, wir haben das immer wieder erklärt (siehe den ersten Teil der oben erwähnten Serie und die dort gegebenen Hinweise), in ganz kleinen Schritten und bei Wahrung der Gesamtnachfrage die Arbeitszeit verkürzen. Das ist aber keine Lösung für das Roboterproblem, sondern nur eine Hilfslösung. Lösen kann man das Roboterproblem nur durch steigende Löhne oder dadurch, dass man auf Roboter und Automation verzichtet und die stumpfsinnigsten Arbeiten noch tausend Jahre weiter verrichtet. Meine einzige Hoffnung: Dereinst werden die Roboter das Roboter-Problem intellektuell lösen, der Mensch ist offenbar unfähig dazu.

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