Konjunktur | 16.09.2016 (editiert am 19.09.2016)

Die europäische Konjunktur im Spätsommer 2016: Kein Fortschritt, aber hohe Risiken – 2

Wir haben schon im ersten Teil beschrieben, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland bei weitem nicht das hält, was man sich von ihr verspricht. In Europa ist das nicht anders. Wer immer noch von einer Erholung in Europa spricht, ist ein Träumer oder ein Demagoge.

Die Industrieproduktion im Euroraum ist im Juli zurückgegangen (um 1,1 Prozent), was klar zeigt, dass das, was viele seit 2013 großspurig die Erholung im Euroraum genannt haben, spätestens jetzt nicht mehr von Bestand ist (Abbildung 1).

Abbildung 1


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Sowohl in Deutschland wie in Frankreich ist die Industrieproduktion im Juli deutlich gesunken, was bestätigt, dass das, was es an minimaler Aufwärtstendenz gab, nun nicht mehr vorhanden ist. Das Niveau der Industrieproduktion liegt im Sommer 2016 ziemlich exakt auf dem Niveau von 2011, das sagt alles. Frankreich liegt jedoch sogar unter diesem Niveau, von Italien gar nicht zu reden, wo die Industrieproduktion fast zehn Prozent unter dem Niveau von 2011 anzufinden ist.

Kein Fortschritt in Südeuropa

Nicht nur in Italien, sondern in ganz Südeuropa (Abbildung 2) gibt es keinen Fortschritt. Spanien ist nun sehr klar auf Stagnationskurs und Portugal unter großen Schwankungen ebenso. Griechenland kommt nicht von dem Boden (der 20 Prozent unter 2009 liegt), den es schon 2013 erreicht hat, weg.

Abbildung 2


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Angesichts dieser Zahlen, fragt man sich, wie immer wieder behauptet werden kann, dass die spanische Wirtschaft „wieder wachse“ (so selbst ein kritischer Beobachter wie Thomas Fricke hier). Journalisten tendieren dazu, vollkommen unkritisch die veröffentlichten BIP-Zahlen als bare Münze zu nehmen. In einigen Ländern führt das aber, dieses Eindrucks kann man sich immer weniger erwehren, systematisch in die Irre.

Debakel für die Niederlande

Erneut regelrecht abgestürzt ist die Produktion in den Niederlanden (Abbildung 3). Dort hatte es seit Mitte 2015 von tiefem Niveau aus eine Erholung gegeben, doch die ist nun brutal beendet worden. Die Industrieproduktion ist im Juli noch unter den tiefsten Wert im Vorjahr gefallen – ein Debakel für eine Regierung (mit dem Vorsitzenden der Eurogruppe Finanzminister Dijsselblom), die stolz darauf ist, dass sie zu den Vorreitern neoliberaler Reformen und struktureller Anpassungen gehört.

Abbildung 3


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Belebung in Österreich und Nordeuropa

Leicht aufwärts geht es dagegen in Österreich und Belgien. Das gilt auch für Dänemark und Finnland, wo eine gewisse Belebung zu erkennen ist (Abbildung 4). In Finnland findet diese Erholung allerdings auf einem Niveau statt, das weit unterhalb des Niveaus von 2011 liegt, während Dänemark immerhin nun den Sprung darüber hinaus geschafft hat.

Abbildung 4


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Stagnation im Baltikum

Im Baltikum (Abbildung 5) haben sich in diesem gesamten Jahr keine nennenswerten Verbesserungen ergeben. Lettland hatte zwar zuletzt eine leichte Belebung verzeichnen können, aber auch die ist inzwischen zum Stocken gekommen.

Abbildung 5


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Abstürze in der Slowakei und Tschechien

Schwer nachvollziehbare Abstürze hat es in einigen mittel- und osteuropäischen Staaten gegeben (Abbildung 6). In der Slowakei, die bisher als einziges Land eine vollkommen stabile Aufwärtsentwicklung verzeichnetet, ist die Industrieproduktion im Juli um sage und schreibe 16 Prozent eingebrochen.

Abbildung 6


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Auch in Tschechien kam es zu einem tiefen Einbruch. Da in diesen Ländern, worauf wir immer wieder hingewiesen haben, einige westliche Firmen extrem hohe Anteile an der Produktion haben, kann es sein, dass die Störungen von diesen Firmen (wie z. B. Volkswagen) ausgingen. Aber auch in Ungarn und Polen schwächte sich die Produktion ab.

In den übrigen Ländern (Abbildung 7) bleibt die Stagnation das beherrschende Bild. In Kroatien, wo man eine gewisse Verbesserung gesehen hatte, kam es in den letzten Monaten zu einem Rückschlag.

Abbildung 7


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Lesen sie im dritten Teil, wie es bei den übrigen Indikatoren aussieht und welche wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen angesichts der kritischen Lage gezogen werden müssen.

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