Theorie | 09.09.2016 (editiert am 17.02.2017)

Was ist eigentlich Geld? – 1

Georg Friedrich Knapp vertritt in seinem 1905 erschienen Buch mit dem Titel „Staatliche Theorie des Geldes“ die Meinung, dass „Geld ein Geschöpf der Rechtsordnung“ ist, welche dessen „Gebrauch regelt“. Solche Entitäten werden in sozialwissenschaftlichen Kontexten meist Institutionen genannt. Geld ist nach Knapp also als eine Institution zu charakterisieren. Was aber ist eine Institution?

In allen so genannten entwickelten Industrieländern verwendeten Sprachen finden sich Redewendungen wie „Geld regiert die Welt“. Das ist wenig überraschend, denn Redewendungen wie diese sind Ausdruck der Erfahrung von Menschen, dass in ihrem Leben Geld eine existentielle Rolle spielt.

Diese Aussage wird wenig Widerspruch finden. Zu befürchten aber ist, dass viele Leser der Meinung sind, dass es sich nicht lohnt, sich mit der Frage dieses Artikels auseinanderzusetzen. Denn die mit dem von Besitz von Geld verbundenen Möglichkeiten, aber auch die Sorgen, und die Schwierigkeiten an Geld zu kommen, ist uns allen aus unserem täglich Umgang mit Geld vertraut. Unser täglicher Gebrauch von Geld vermittelt uns den Eindruck, dass wir alles über die Bedeutung des Begriffs „Geld“ wissen, was zu wissen wert ist. Die Frage scheint aus dieser Perspektive von rein philosophischem Interesse.

Und es handelt sich bei dem vorliegenden Artikel tatsächlich um den Versuch, eine philosophische Frage, die der Disziplin der Ontologie zuzuordnen ist, zu beantworten. Ontologen versuchen die Frage zu beantworten, welche Arten von Entitäten es gibt und wie sie ganz grundsätzlich zu unterscheiden sind. In den späten 1980er Jahren hat insbesondere David Hillel Ruben eine neue Forschungsrichtung auf den Weg gebracht, die spätestens mit John Searles „The Construction of Social Reality“ als eine eigenständige Disziplin sich in der Philosophie etabliert hat und als Sozialontologie bezeichnet wird.[1] An diese Arbeiten möchte ich im Folgenden anschließen. Denn mit Bezug auf diese Arbeiten lässt sich die nach meiner Meinung richtige, aber doch äußerst vage, Charakterisierung von Geld als einer „sozialen Beziehung“ wesentlich präziser fassen.

Diese Antwort wird nun diejenigen, die das Adjektiv „philosophisch“ und „irrelevant“ als gleichbedeutend erachten, nur in ihrer Meinung bestärken, dass, wer solchen Fragen nachgeht, nur seine Zeit verschwendet. Auch Ökonomen erachten – mit ganz wenigen Ausnahmen – die Beantwortung dieser Frage für vollkommen irrelevant. Für viele von ihnen spielt Geld gar für ein Verständnis der Marktwirtschaft absolut keine Rolle. Für sie ist Geld ein Schleier, der weggezogen werden muss, um die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft erkennen zu können. Sobald man hinter diesen Schleier schaut, sieht man, dass immer Waren gegen Waren getauscht werden.

Nun ist aber nicht zu bestreiten, dass Unternehmen in kapitalistischen Gesellschaften primär auf einen monetären Gewinn zielen. Ihr Tun zielt also darauf, dass die mit der „Produktion“ eines Gutes verbundenen Kosten niedriger sind, als die mit dessen „Verkauf“ erzielten Erträge. Damit es Organisationen geben kann, deren Tun von einer Gewinnerzielungsabsicht geleitet ist, ist es daher unabdingbar, dass sie die Kosten und Erträge ihres Geschäftsbetriebes mit Geld bewerten können.

Geld ist also in diesem Fall sicherlich keine Ware, sondern eine Recheneinheit mit der Güter bewertet werden. Und die Differenz von mit dieser Recheneinheit bewerteten Kosten für den Erwerb oder die Herstellung eines Gutes und der mit ihr bewerteten Erträge aus ihrem Verkauf – also dem Gewinn – ist das Maß an dem Unternehmen den Erfolg ihrer Handlungen bemessen.

Geld scheint nun aber nicht nur die Bewertung von Wirtschaftsgütern zu ermöglichen, sondern die Bezahlung des vereinbarten Kaufpreises an den Eigentümer eines Wirtschaftsguts zu erlauben.  Geld scheint demnach wiederum keine Ware oder ein wie auch immer zu verstehender Repräsentant einer Ware zu sein. Sondern Geld scheint ein Zahlungsmittel zu sein, das man von einem Wirtschaftssubjekt an ein anderes transferieren muss, damit man rechtmäßiger Eigentümer eines Wirtschaftsguts werden kann.

Unter denjenigen, die Geld als ein Zahlungsmittel erachten besteht nun aber wiederum keine Einigkeit darüber, welche Eigenschaften es genau sind, die ein Zahlungsmittel zu Geld machen. Viele unserer Leser z. B. lehnen die von mir und anderen Makroskop-Autoren schon mehrfach geäußerte These, dass es sich bei den Giroguthaben auf Geschäftsbankkonten um Geld handelt, ab. Giroguthaben sind für viele von ihnen lediglich „Forderungen auf Geld“. Andere wiederum möchten zwischen Giralgeld und Zentralbankgeld unterscheiden und behaupten, das erstere sei das Geld des Publikums und das andere das der Banken. Damit nicht genug. Viele meinen, dass nicht nur Guthaben auf Girokonten, sondern auch Guthaben auf Sparkonten oder bestimmte Wertpapiere und Geldmarktfonds als Geld erachtet werden müssen.

Der erste Eindruck, dass aus unserer Vertrautheit mit den Phänomen Geld sich schließen ließe, dass über den korrekten Gebrauch des Begriffs „Geld“ weitgehend Konsens besteht, scheint also zu täuschen.

In dem folgenden sechsteiligen Beitrag möchte ich daher den Versuch unternehmen, den von Georg Friedrich Knapp bereits 1905 vorgestellten Begriff des Geldes mithilfe von sozialontologischen Überlegungen zu explizeren und als empirisch adäquat auszuweisen.

Was ist eine Institution?

Georg Friedrich Knapp  vertritt in seinem 1905 erschienen Buch mit dem Titel „Staatliche Theorie des Geldes“ die Meinung, dass „Geld ein Geschöpf der Rechtsordnung“[2] ist, welche dessen „Gebrauch regelt“.[3] Solche Entitäten werden in sozialwissenschaftlichen Kontexten meist Institutionen genannt. Geld ist nach Knapp also als eine Institution zu charakterisieren. Was aber ist eine Institution?

Ich möchte vorschlagen, zur Beantwortung dieser Frage an Ludger Jansens Charakterisierung einer Institution als eines kulturellen technischen Artefakts anzuschließen. [4]  Institutionen sind demnach Dinge, die ihre Existenz den Handlungen von Menschen verdanken und die hergestellt werden, damit sie für sie eine Funktion erfüllen. Ob ein technisches Artefakt die ihm zugedachte Funktion auch tatsächlich erfüllen kann, hängt in erster Linie von den physikalischen Eigenschaften des Artefakts ab. [5]  Institutionen erfüllen die ihnen zugedachte Funktion dagegen dadurch, dass sie Akteuren bestimmte Rechte und Pflichten zuschreiben.

Verpflichtungen wiederum werden durch Regelsätze zum Ausdruck gebracht. Solche Sätze besagen, wer, was, unter welchen Umständen zu tun hat.[6] Ein Recht eines Subjekts und eine damit korrespondierende Verpflichtung eines anderen Subjekts setzt damit voraus, dass es jemanden gibt, der einen anderen dazu auffordert, etwas zu tun bzw. zu unterlassen. Nennen wir solche „Jemande“ Regelautoren.

Eine singuläre Aufforderung, wie etwa die an meinen Sohn, sein Zimmer aufzuräumen, ist dann von Erfolg gekrönt, wenn der Regeladressat, in diesem Fall mein Sohnder Aufforderung des Regelautors nachkommt. Unter welchen Umständen aber ist der Regelautor einer generalisierten Aufforderung, wie z.B. der, dass er das jeden Samstag zu tun habe, als erfolgreich zu erachten?

Searle stellt sich im Rahmen seiner Institutionentheorie dieselbe Frage.[7] Seine Antwort – übertragen auf unsere Fragestellung – lautet, dass eine generalisierte Aufforderung, genau dann erfolgreich ist, wenn der Adressat diese Aufforderung akzeptiert hat.[8] Wiederum auf unseren Fall übertragen, will Searle mit dem Begriff der Akzeptanz zum Ausdruck bringen, dass ohne die Annahme einer gewissen Bereitschaft auf Seiten der Adressaten in den einschlägigen Kontexten der entsprechenden generellen Aufforderung nachzukommen, kein Kriterium für den Erfolg einer generellen Aufforderung angegeben werden kann.

Institutionen sind damit in ihrer Existenz von den generellen Aufforderungen eines Regelautors abhängig, die von den Regeladressaten akzeptiert wurden. In diesem Fall soll davon gesprochen werden, dass die entsprechende Institution durch Gesetze konstituiert wird. In diesem Sinne ist z.B. die Geldordnung eine durch das Bundesbankgesetz konstituierte Institution.

Nennen wir alle generellen Aufforderungen etwas hochtrabend Gebote, dann kann man die Rolle eines Regelautors und sein ultimatives Ziel mit den Worten von Mario Iorio wie folgt beschreiben:

„Die Rolle des Autors einer Gebotsregel lässt sich aus der jetzt gewonnenen Perspektive auch dahingehend beschreiben, dass er durch seine Anweisung festsetzt, in welchen Situationen der Adressat einen Handlungsgrund für welche Art des Handelns hat. Ist er mit seiner Anweisung erfolgreich, programmiert der Autor den Adressaten, wenn man das so sagen darf. Der Adressat reagiert daraufhin auf gewisse Situationen mit gewissen Handlungen.“[9]

Nun sind aber sicherlich nicht alle regelgemäßen Handlungen auf generalisierte Aufforderungen rückführbar. So formulieren z.B. Muttersprachler Sätze mehr oder weniger korrekt entsprechend den einschlägigen Grammatikregeln, obwohl dieses regelgemäße Verhalten sicherlich nicht überwiegend über generelle Aufforderungen vermittelt wird.

Das Beispiel des Erwerbs einer Muttersprache zeigt, dass regelgemäße Handlungen teilweise auch das Ergebnis eines Lernprozesses sind. Menschen, die einen solchen Lernprozess durchlaufen haben, haben durch Einübung entsprechende Handlungsdispositionen ausgebildet. Institutionen, die auf solchen Lernprozessen beruhen, sollen als durch Normen konstituiert bezeichnet werden. Die Sprache ist demnach eine -zumindest überwiegend – durch Sprachnormen konstituierte Institution.

Regelgemäßes Verhalten, das nicht auf angeborenen Dispositionen beruht, lässt sich damit mit Bezug auf erworbene Handlungsdispositionen erklären und es sind zwei Modi der „Programmierung“ des Verhaltens von Menschen zu unterschieden. Einerseits die durch Regelautoren, die die Regeladressaten auffordern in bestimmten Situationen bestimmte Handlungsweisen zu realisieren und dann die durch Lehrer, die ihre Schüler, wie es Wittgenstein provokant formulierte, dazu abrichten, in bestimmten Situationen bestimmte Handlungsweisen zu realisieren.

Die Mehrzahl aller Institutionen dürfte sowohl durch Gesetze als auch durch Normen konstituiert sein. Institutionen aber, wie alle sozialen Phänomene, sind keine Entitäten, die sich alle derselben ontologischen Kategorie zuordnen lassen. Wie Jansen ausführt, können Institutionen Qualitäten, Quantitäten, Relationen, Orte, die Zeit, Handlungen, Ereignisse aber auch Objekte sein.[10] Als Beispiel einer institutionalisierten Qualität nennt er die Approbation; als Beispiel für die der Quantitäten führt er unsere konventionellen Maßsysteme an; für Relationen, die der Beziehungen von Menschen in sozialen Hierarchien, wie z.B. der Vorgesetzte von jemandem zu sein; als Beispiel von Orten, Damentoiletten; der Zeit, Festtage; für Handlungen, die Beförderung und die Degradierung; für ein Ereignis, die Promotion und für Objekte, Präsidenten und  Unternehmen.

Ist Geld, wie von Knapp vorgeschlagen, eine Institution und ist die von mir vorgeschlagene sozialontologische Herangehensweise an die Frage dieses Artikels adäquat, dann muss man, um Geld zu charakterisieren, die folgenden vier Fragen beantworten:

  • Wie ist es ontologisch zu kategorisieren?
  • Was ist seine Funktion?
  • Durch welche Normen und/oder Gesetze  wird es konstituiert?
  • Was erklärt seine Akzeptanz?

[1] Ruben (1985) und Searle (1995).

[2] Knapp (1905), S. 1

[3] Ebd., S. 2.

[4] Jansen (2010), S. 229.

[5] Baker (2007/2009), S. 56.

[6] Iorio (2011), S. 84.

[7] Searle (2010), S. 99.

[8] Searle (1995/1997), S. 51 – 52.

[9] Ebd., S. 187.

[10] Jansen (2010), S. 198 – 210.

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