Theorie | 02.09.2016 (editiert am 07.09.2016)

Schafft Werte!

Die wirtschaftswissenschaftliche Theorie basiert auf unausgesprochenen Hintergrundannahmen, die von den meisten Ökonomen unhinterfragt akzeptiert werden. Zu diesen Hintergrundannahmen gehört neben der unsichtbaren Hand des Marktes auch ein implizites Verständnis von »Wertschöpfung«.

Wert ist gleichbedeutend mit Geld

Dem Shareholder Value-Ansatz, der die Betriebswirtschaftslehre nach wie vor dominiert, liegt eine implizite Gleichsetzung von Wertschöpfung und Gewinnerzielung und damit von Wert und Geld zu Grunde. Der Ansatz besagt, dass Werte geschaffen werden, wenn der Shareholder Value gesteigert wird. An dieser Maxime haben sich alle Entscheidungen und Handlungen auszurichten. Der Betriebswirt Wilhelm Rieger hat dies in den fünfziger Jahren so ausgedrückt: Die Unternehmung ist eine Veranstaltung zur Erzielung von Geldeinkommen, hier Gewinn genannt. Der Shareholder Value ist somit nichts anderes als der Eigenkapitalwert einer Unternehmung, es geht nur um die vermögensbildenden Zahlungsflüsse. Am einfachsten wird dies abgebildet durch den Börsenwert. Wenn der Börsenwert gesteigert wird, wird demnach Wert geschaffen. Alle unternehmerischen Handlungen haben sich dieser Prämisse unterzuordnen.

Da der Börsenwert eine rein monetäre Größe ist, kann Wert nichts anderes bedeuten als Geld. Der Aktienkurs gibt keinerlei Auskunft über das Geschäftsgebaren einer Unternehmung, er enthält keinerlei Information darüber, ob im Prozess der unternehmerischen Gewinnerzielung Naturkapital irreversibel zerstört wurde, Menschen als billige Arbeitskräfte ausgebeutet oder Produkte hergestellt wurden, die Gefahren für die Gesellschaft bergen. Wert kann nach dieser Logik auch geschaffen werden, wenn dabei die Basis unseres Wirtschaftssystems zerstört wird. Vor diesem Hintergrund erscheint die Aussage, „Wirtschaften bedeutet nichts anderes als Werte schaffen“, die sich in einem Lehrbuch über die »Wertorientierte Unternehmensführung« (Lutz Stührenberg et al.) findet, in ganz neuem Licht: Wenn Werte schaffen heißt, den Wert des investierten Kapitals zu steigern und Wirtschaften nichts anderes bedeutet als Werte schaffen, dann sind nurmehr Zahlungsflüsse ökonomisch von Bedeutung und geht es in der Wirtschaft nurmehr darum, Geld zu vermehren.

Geldverdienen wird zum Zweck von Unternehmen

Nach diesem Verständnis sollen Unternehmen alles produzieren und anbieten, womit sich Geld verdienen lässt, ungeachtet der Sinnhaftigkeit der Produkte und Verfasstheit des Produktionsprozesses. Gewinnmaximierung ist nicht mehr nur Unternehmensziel, sondern wird zum Unternehmenszweck und damit zum Zweck der Marktwirtschaft. Genau dies schreibt Viktor Jakubowicz in seinem ebenfalls »Wertorientierte Unternehmensführung« betitelten Werk. Der von unserem Wirtschaftssystem bestimmte Zweck von Unternehmen sei die Erfüllung der finanziellen Ziele der Eigner, andere Ziele seien nach der Logik des Systems nicht gerechtfertigt. Angelehnt an die wirtschaftsliberale Vorstellung von Markt und Marktaktivität wird unterstellt, dass damit auch die gesamtgesellschaftlichen Zielvorstellungen optimal erfüllt werden.  Dies ist freilich ein gefährlich verkürztes Verständnis von Unternehmen, Wertschöpfung und Wirtschaften, weil die negativen Effekte, die im Prozess der Kapitalverwertung entstehen können, gänzlich ignoriert werden. Dies führt zu einer ebenso verkürzten Definition dessen, was als Kosten anzusehen ist. Hans-Detlev Küller, ein Vertreter der Arbeitsorientierten Einzelwirtschaftslehre (AOEWL, eine der letzten kritischen Schulen in der Betriebswirtschaftslehre), schrieb im Jahre 1973:

„Die Betriebswirtschaftslehre ist herkömmlicherweise allein auf das Rentabilitätsprinzip abgestellt, verbunden mit einer interessenbezogenen Definition dessen, was als Kosten zu gelten hat, weil die Existenz sozialer Kosten ausgeklammert wird. Kosten sind in der betriebswirtschaftlichen Theorie nämlich nur die für eine Unternehmung anfallenden Aufwendungen, die vom Einzelkapital-Zuwachs abgehen, d.h. diejenigen Aufwendungen, die den Gewinn des Eigentümers langfristig oder kurzfristig schmälern.“

Entsprechend sind Erträge auch nur die geldwerten Beträge, die den Gewinn des Einzelkapitals zu erhöhen in der Lage sind. In der Realität haben wir dann das Ergebnis, dass die Unternehmen, abgesichert durch die Betriebswirtschaftslehre, bei der Produktion von Gütern oder Dienstleistungen externe Effekte bewirken, die durchaus kostenwirksam sind, aber eben nicht die Einzelwirtschaft betreffen. Max Frisch brachte die ökonomische Vernunft, die hinter diesem verkürzten Verständnis von Wertschöpfung bzw. von Kosten und Erträgen steht, in entlarvender Absicht auf den Punkt: „Vernünftig ist, was rentiert.“  Auf Basis dieser Vorstellung konnte sich auch die sogenannte Finanzwirtschaft entwickeln. Wir sprechen in der Zwischenzeit von Realwirtschaft und Finanzwirtschaft, da die Spekulation an den diversen finanzwirtschaftlichen Handelsplätzen nach dieser Vorstellung rentiert, also Wert schafft. Dass in der Zwischenzeit hier in Casinomanier mit Wetten auf Wetten spekuliert wird, dass der realwirtschaftliche Bezug verloren gegangen ist, spielt keine Rolle, es wird auf Konten durch Geldbuchungen Wert geschaffen, also findet eine Wertschöpfung statt.

Unternehmerischer Erfolg muss neu definiert werden

Um zu einem neuen (ganzheitlichen) Verständnis von Wertschöpfung zu gelangen, müssen wir unternehmerischen »Erfolg« neu definieren: Ein Unternehmen ist nicht erfolgreich, wenn es einen hohen Finanzgewinn erzielt, sondern wenn es einen größtmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl leistet. Werte werden geschaffen, wenn sinnhafte Produkte von hoher Güte mit dem geringsten Mitteleinsatz in einem nachhaltigen Produktionsprozess erstellt werden, ohne dass die Wohlfahrt der Gesellschaft durch negative soziale und ökologische Auswirkungen vermindert wird. Finanzieller Gewinn, der nichts über die Steigerung der gesellschaftlichen Wohlfahrt aussagt, ist in diesem Sinne lediglich ein Nebeneffekt der Wertschöpfung. Zu diesem Zweck muss der betriebswirtschaftliche Kostenbegriff auf alle von der Einzelwirtschaft bewirkten Kosten ausgedehnt werden, inklusive der gesellschaftlichen Folgekosten. Dies führt zu einer grundlegenden Veränderung einzelwirtschaftlicher Entscheidungen, die rein kapitalorientierte Steuerung von Unternehmen muss ergänzt und verändert werden.

Den hinter dieser Forderung stehenden Vernunftbegriff bezeichnen die Vertreter der Arbeitsorientierten Einzelwirtschaftslehre als emanzipatorische Rationalität. Diese steht für den rationalen Einsatz von Arbeit und Kapital unter Berücksichtigung gesamtwirtschaftlicher Kostenprobleme zum Zwecke einer ausgewogenen Versorgung der Gesellschaft mit Werten, die ökonomisches Handeln schafft. Das Ziel ist eine bessere Wirtschaftssteuerung im gesamtwirtschaftlichen Interesse durch eine Erweiterung des herkömmlichen Wirtschaftlichkeitsprinzips und damit des vorherrschenden Verständnisses von Wertschöpfung. Der Finanzgewinn ist zu aussageschwach in Bezug auf die originären Ziele des Wirtschaftens: Schaffung von Nutzwerten, Bedürfnisbefriedigung, Sinnstiftung, Teilhabe aller, Nachhaltigkeit und Lebensqualität. Eine unter diesen Prämissen betrachtete Finanzwirtschaft muss sich erheblich verändern, um als wertschöpfend angesehen zu werden.

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