Theorie | 21.10.2016

Adam Smith und die in Vergessenheit geratene philosophische Grundlage seines Vermächtnisses

Mittlerweile kommt es einem so vor, als wären der “freie Markt”, der “freie Handel” und “die unsichtbare Hand des Marktes” gottgegebene Maxime. Adam Smith wird dabei gerne als Prophet dieser neuen Heilslehre zitiert. Dass die meisten dieser Begriffe weder einheitlich definiert noch richtig verstanden worden sind, das kümmert anscheinend die Wenigsten.

Das beste Beispiel dafür bietet die mit Adam Smith in Verbindung gebrachte “unsichtbare Hand des Marktes”, die mittlerweile eine zentrale Bedeutung in der modernen Volkswirtschaftslehre erhalten hat und häufig als Hauptargument gegen Markteingriffe dient. Interessanterweise wird dieser Ausdruck, der aus Adam Smiths Werk „Wohlstand der Nationen“ stammt (org. An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations), auf 1097 Seiten nur ein einziges Mal erwähnt. Führende Experten, wie zum Beispiel Emma Rothschild, Professorin für Geschichte an der Harvard Universität, behaupten sogar, dass er die Art der Formulierung ganz bewusst wählte, um damit die Kirche auf den Arm zu nehmen (hier). In jener Zeit wurde der Begriff der „unsichtbaren Hand“ nämlich hauptsächlich vom Klerus verwendet, der damit das Wirken Gottes in der Welt beschrieb. Emma Rothschild zufolge ist es schwierig einzusehen, weshalb ein Kirchenkritiker genau dieselbe Formulierung gewählt haben sollte, wenn nicht aus Gründen der Ironie.

Adam Smith sah sich selbst nicht als Wirtschaftstheoretiker, sondern als Moralphilosoph. Seine Ideen und Lehren richteten sich gegen den Merkantilismus, den er zu seiner Zeit erlebte und als extrem schädlich für den Wohlstand einer Gesellschaft empfand. In diesem Zusammenhang ist es erstaunlich, wenn heutzutage Smiths Argumentation immer wieder dazu verwendet wird, die Liberalisierung der Märkte mit  mehr Effizienz  und  Wettbewerb in  Verbindung zu bringen, wo doch die Macht internationaler Großkonzerne und das merkantilistische Verhalten  einiger  Nationen  (insbesondere  Deutschlands)  gerade  diesen Aspekten einen Riegel vorschieben. Wenn Adam Smith sehen könnte, wie seine Theorie in den letzten Jahrzehnten durch eine ‘Laissez-Faire’ Politik pervertiert wurde, die extreme Ungleichheiten und Krisen verursachte, fände er im Grabe keine Ruhe mehr.

Wie Jakob Viner 1927 in dem Artikel “Adam Smith and Laissez Faire” überzeugend darlegte, waren Smiths wirtschaftspolitische Empfehlungen alles andere als das, was beginnend mit Reagan und Thatcher so machtvoll propagiert wurde. Sich der Gefahren bewusst, die entfesselte Märkte mit sich bringen können, sprach sich der Urvater des Wirtschaftsliberalismus erstaunlich häufig für anti-liberale Praktiken aus. Am deutlichsten geht dies aus seiner vehementen Verteidigung der protektionistischen Navigation Acts hervor, welche die Schifffahrt und den Seehandel regulierten. Doch auch bezüglich der Bankenregulierung favorisierte Smith eine für den liberalen Mainstream ungewöhnliche Position, wie Paul Krugman in seiner Kolumne in der New York Times darlegt (hier).

“Such regulations may, no doubt, be considered as in some respect a violation of natural liberty. But those exertions of the natural liberty of a few individuals, which might endanger the security of the whole society, are, and ought to be, restrained by the laws of all governments; of the most free, as well as for the most despotical. The obligation of building party walls, in order to prevent the communication of fire, is a violation of natural liberty, exactly of the same kind with the regulations of the banking trade which are here proposed.”

„Solche Regulierungen könnten, da besteht kein Zweifel, in gewisser Weise als Verletzung der persönlichen Freiheit gesehen werden. Doch das Ausleben der natürlichen Freiheit einiger weniger Individuen, welches die Sicherheit einer ganzen Gesellschaft gefährden könnte, ist und sollte von den Gesetzen aller Regierungen – von despotisch bis hin zu libertär – eingeschränkt werden. Die Pflicht, Gebäudetrennwände zu errichten, um die Ausbreitung von Feuer einzudämmen, ist eine Verletzung der persönlichen Freiheit. Genauso verhält es sich mit der Bankenregulierung, die hier vorgeschlagen wird.“ (freie Übersetzung)

Dieses Zitat stammt wohlgemerkt von Adam Smith, und nicht von einem linken Politiker oder Wirtschaftswissenschaftler. Es gibt zahlreiche weitere Stellen, an denen er sich für ein funktionierendes institutionelles System starkmacht, da ein solches System die Notwendigkeit für den Schutz der Eigentumsrechte ist und eine glaubwürdige Regierung braucht. Somit ist es nicht die Regierung an sich, die Adam Smith kritisiert, sondern eine Regierung, die von Korruption und bestimmten Interessensgruppen geleitet ist – was im England des 18. Jahrhunderts häufig der Fall war.

Sieht man seine Wirtschaftstheorie im Gesamtkontext der Zeitgeschichte, so wird auch deutlich, weshalb  die  Eigenverantwortung  eine  so  starke  Rolle  spielt.  Um  allerdings  nicht  den gängigen Fehler zu machen, diese Eigenverantwortung mit Gier gleichzusetzen oder als ein mandevillsches “wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht” zu interpretieren, hilft ein Blick in Adam Smiths zweites bedeutendes Werk, nämlich die Theorie der ethischen Gefühle (org. The Theory of Moral Sentiments). Dieses Werk bildet die philosophische Grundlage des Wohlstands der Nationen, hat aber trotz seiner Relevanz bisher wenig Beachtung in den akademischen Lehrbüchern und Diskursen gefunden. Smith beschreibt darin den Menschen nicht als ein rein egoistisches Wesen, sondern als jemanden, der nach Gerechtigkeit, Empathie und Barmherzigkeit strebt.  Die Vorstellung, dass kommerzielle und marktbasierte Praktiken in jeder Hinsicht erstrebenswert seien, verwarf Smith, indem er deutlich machte, dass eine dynamische Wirtschaft kein wünschenswertes Ziel sei, wenn sie nur auf Kosten anti- sozialen Verhaltens erreicht werden kann (Watson, 2014). Zu solch einem Verhalten zählt er zum Beispiel das Prahlen mit Reichtum im Angesicht der Armut, was der exzessiven Zurschaustellung und Akkumulation von Vermögen, die von Mandeville und Voltaire so stark verteidigt wurden, diametral gegenübersteht. Smith bezeichnet dies als “learning the virtue of self-command”, was Umsicht und Mitgefühl fordert und im Falle des finanziellen Erfolgs zu verhaltener Freude führen soll. Diese Argumentation findet sich im gesamten Verlauf des Werkes und lässt Adam Smith schlussfolgern, dass das Funktionieren oder Scheitern einer Gesellschaft in einer Marktwirtschaft darauf basiert, ob das Prinzip des “virtues of self-command” angewendet wird oder nicht (Watson, 2014). Aus dieser Perspektive ergibt sich folglich die Aufgabe für die Regierung das institutionelle System so zu gestalten, dass sich die Menschen im Rahmen dieses sozial akzeptablen Verhaltens bewegen.

Wie vielen Philosophen und Denkern vor ihm, so ist Adam Smith die Anwendung dieser goldenen Regel von entscheidender Bedeutung. Wenn man dies nun im Zusammenhang mit seiner Wirtschaftstheorie mitberücksichtigt, kann von der Rechtfertigung der Gier bzw. einer vollständigen Isolation der Individuen in einer Gesellschaft keine Rede sein. Umso erstaunlicher und bedauerlicher ist es, dass dieser fundamentale philosophische Teil in den modernen Volkswirtschaftswissenschaften, die sich inzwischen zum Großteil aus mathematischen Formeln und Modellen zusammensetzen, kaum beachtet wird. Wer solche Aspekte    mit in die Diskussion einbringen will oder eine alternative und ganzheitliche Auseinandersetzung mit liberalen Wirtschaftstheorien fordert, wird entweder nicht ernst genommen oder als linker Theoretiker in die Ecke gestellt.

Dabei ist die Kernaussage der liberalen Theorie eine durchaus logische und hat nichts mit einem blinden Vertrauen in einen vollständig deregulierten Markt zu tun. Die Essenz einer solchen Theorie beruht nämlich darauf, dass Wissen und Information begrenzt sind. Da das Wirtschaftssystem in seinem Wesen insgesamt zu komplex ist, kann es nicht von einer zentralen Basis aus gesteuert werden, was eine Dezentralisierung hin zu lokalen Akteuren wünschenswert und ratsam macht. Privates Eigentum ist somit unerlässlich zur Schaffung des Wohlstands. Allerdings sah Adam Smith privates Eigentum nicht als ein erstrebenswertes Ziel per se, sondern als ein notwendiges Mittel, um einen fairen und offenen Wettbewerb gestalten zu können. Was bei dieser Argumentation allerdings von vielen wiederum vergessen wird, ist das ein fairer und offener Wettbewerb in der Theorie keine oder nur geringe Profite mit sich bringt. Adam Smith selbst sah hohe Profite als ein Krankheitsbild, welche “stets am höchsten in Ländern [sind], deren Niedergang sich am raschesten vollzieht”. Wie so häufig zeigt sich darin seine ablehnende Haltung gegenüber dem Merkantilismus. Er erkannte, dass profitgeleitete Interessen permanent im Gegensatz zum Interesse der breiten Bevölkerungsmasse stehen („opposite to that of the great body of the people”), da Profite, im Gegensatz zum Masseneinkommen, mit steigender Prosperität sinken (“the rate of profit does not, like rent and wages, rise with the prosperity, and fall with the declension of the society“). Eine gesunde Wirtschaft würde dementsprechend keine hohen Profite aufweisen können.

Ausgehend von dieser Logik, ergeben sich zwei zentrale Folgen für die Gesellschaft. Zum einen gäbe es langfristig keine extremen Ungleichheiten, da höhere Löhne sich mit höherer Prosperität  automatisch einstellen sollten und nur künstlich gesenkt werden können. Letzteres, so Smith, entstünde durch den Eingriff des Staates, der unter dem Einfluss der Händler und Kaufleute, entsprechende Gesetze durchsetzt. Ein weiterer Mechanismus zur künstlichen Reduzierung der Löhne ist die asymmetrischen Verhandlungsstärke, die den Arbeiter benachteiligt, da dieser stärker auf die Beschäftigung angewiesen ist, als der Unternehmer auf den einzelnen Arbeiter. Extreme Ungleichheit und hohe Profite entstehen demnach durch Rent-Seeking und Ausnutzung dieser Verhandlungsmacht. Aus diesem Grund setzte sich Smith für eine Entlohnung ein, die es den Arbeitern ermöglicht, bequem ihre Grundbedürfnisse wie Unterkunft, Essen und Kleidung zu bezahlen und sprach sich für eine Gesetzgebung im Interesse der Arbeiter ein, die er als gerecht und fair (“just and equitable”) ansah (hier ein schönes Paper dazu).

Die zweite logische Schlussfolgerung aus Smiths Argumentation ist, dass sich die Kaufleute, die nach Profiten streben, mit aller Macht gegen jeglichen Wettbewerb zur Wehr setzen. Da erscheint es umso erstaunlicher, dass es heutzutage vor allem reiche westliche Staaten und multinationale Konzerne mit ihren arbeitgebernahen Instituten sind, die die Öffnung internationaler Märkte postulieren. Gemäß  der Theorie,  aufgrund derer sie ihre Forderungen  häufig begründen, spräche gerade das gegen ihre eigenen Interessen. Allerdings ist den jeweiligen Akteuren natürlich bewusst, dass die Öffnung der Märkte ihnen gewaltige Vorteile schafft, da die Grundvoraussetzung für fairen Handel nicht gegeben sind. So erlaubt es der starke Patentschutz zum Beispiel vielen ärmeren Ländern nicht, sich die notwendigen Technologien zu leisten, die sie zum wirtschaftlichen Aufholen befähigen könnten. Zudem werden Informationen, von denen ein Großteil der Kapitalströme und Investitionen abhängen, in großen Umfang endogen, also innerhalb bestimmter Gruppen, gewonnen und verbreitet. Auch die gewaltigen Vorteile, die die multinationalen Konzerne durch Skaleneffekte und Kapitalreserven haben, zerstören die Idee eines fairen Wettbewerbs. Diese Macht- und Informationsasymmetrien führen dazu, dass die Weltwirtschaft bisher zugunsten der Reichen und Wohlhabenden gelenkt wurde – oft gerechtfertigt durch eine pervertierte Ideologie eines freien Marktes und daraus resultierender Laissez-Faire Politik[i]. Mit den Prinzipien und Vorstellungen des wohl bedeutendsten Gründungsvaters der liberalen Wirtschaftspolitik, Adam Smith, ist dies allerdings nicht zu rechtfertigen. Wer dennoch nicht davon abzubringen ist, seine neoliberalen Forderungen mit diesem Namen in Zusammenhang zu bringen, dem kann nur dringend empfohlen werden, endlich mal einen Blick in dessen ursprüngliche Arbeiten zu werfen.


Quellenverzeichnis

Ballestrem, K. (2001) Adam Smith. C.H. Beck

Boucoyannis, D. (2013) ‚The Equalizing Hand: Why Adam Smith Thought the Market Should Produce

Wealth Without Steep Inequality‘, Perspectives on Politics, 11(4), pp. 1051-1070.

Boucoyannis, D. (2014) Contrary to popular and academic belief, Adam Smith did not accept  inequality as a necessary trade-off for a more prosperous economy. Available at: http://blogs.lse.ac.uk/politicsandpolicy/adam-smith-and-inequality/ (Accessed: 18.06.2016)

Krugman, P. (2011) Financial Romanticism. Available at: http://krugman.blogs.nytimes.com/2011/10/09/financial-romanticism/?_r=0 (Accessed: 18.06.2016)

Smith,  A.  (1759  /  1982)  The  Theory  of Moral  Sentiments.  Glasgow  Edition of  the  Works  and Correspondence of Adam Smith, ed. D. D. Raphael and A. L. Macfie (Indianapolis, IN: Liberty Fund)

Smith, A. (1776 / 1981) An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Oxford

University Press, http://www.econlib.org/library/Smith/smWN.html

Viner, J. (1927) ‚Adam Smith and Laissez-Faire‘, Journal of Political Economy, 35(2), pp. 198-232.

Watson, M. (2014) ‚The historical roots of theoretical traditions in global political economy‘, in Ravenhill, J. (ed.) Global Political Economy. Oxford University Press, pp. 25-50

[i] An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Länder, die es im Zuge der Globalisierung zu mehr Wohlstand brachten, eine schrittweise Liberalisierung vornahmen, die mit dem „Washington Consensus“ wenig zu tun hat.

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