Genial daneben | 06.10.2016 (editiert am 08.10.2016)

Auch schnell verbreiteter Unsinn bleibt Unsinn

Ob es um die Kritik an der Zinspolitik der EZB geht oder um die Beiträge zur Rentenversicherung in 25 Jahren, in diesen Tagen kann man beobachten, wie schnell und effizient sich Unsinn verbreitet, wenn er dazu dient, die herrschenden Doktrinen festzuschreiben. Auch der Hamster glaubt, dass schnelles Drehen des Rades hohe Effizienz anzeigt.

Man merkt in diesen Tagen, dass die herrschende Lehre in der Ökonomik es angesichts offensichtlicher Erfolglosigkeit der von ihr empfohlenen Wirtschaftspolitik zunehmend schwer hat, einige ihrer abstrusen Vermutungen zu verteidigen. Da hilft es scheinbar ganz ungemein, wenn man geistig zusammenspannt, wie die Schweizer es sagen, um größere Effekte zu erzielen. Man schreibt folglich auch die irrsten Thesen ganz eifrig voneinander ab, weil dadurch der Eindruck entsteht, so viel geballter Sachverstand könne gar nicht falsch liegen.

So war ich doch überrascht, wie schnell die neueste These der neoklassischen Allzweckwaffe Professor Hans-Werner Sinn in der Presse und von der Politik aufgenommen wurde (hier von uns besprochen). Endlich hatte einer anscheinend ein schlagendes Argument gegen die schreckliche Niedrigzinspolitik der EZB gefunden. Und zudem noch ein Argument, mit dem man klar zeigen kann, dass man keineswegs Unternehmerlobbyist ist, sondern ein aufrechter Marktwirtschaftler, dem faule Unternehmen ein Gräuel sind. Niedrige Zinsen, so die These, würden einfach zu viele Unternehmen am Leben lassen, die „natürliche Auslese“ funktioniere nicht mehr, es entstünden sogar Zombieunternehmen, die den Strukturwandel hemmten.

Diese These hörte man kurze Zeit später aus allen Ecken und Enden, auch der Bundesbankpräsident benutzte sie und gab ihr gar eine besonders absurde Wendung. (hier):

 „Eine Nebenwirkung der sehr expansiven Geldpolitik besteht zum Beispiel darin, dass auch unrentable Unternehmen von den sehr günstigen Finanzierungsbedingungen profitieren und über Wasser gehalten werden. Die Geldpolitik trägt also in gewisser Weise dazu bei, dass der Strukturwandel im Unternehmenssektor gebremst wird. Das geht tendenziell zulasten der Produktivität der Volkswirtschaft.“

Das ist wirklich toll! Bisher sind wir nämlich davon ausgegangen, dass die EZB, bei der Herr Weidmann ja meistens mitstimmt, die Zinsen so niedrig hält, weil die Investitionstätigkeit schwach und deswegen der Produktivitätsfortschritt so gering ist. Was die Geldpolitik bei sinkenden Zinsen versucht, ist in dieser Lesart nichts anderes als eine (aus anderen Gründen oder wegen einer vorangegangenen Phase restriktiver Geldpolitik) scharf abgebremste Investitionstätigkeit – mitsamt ihrer negativen Wirkung auf die Produktivität – wieder zu beleben.

Schieden bei der jetzigen Wirtschaftslage infolge höherer Zinsen noch mehr Unternehmen aus dem Wettbewerb aus, wäre die Investitionstätigkeit und die gesamte Wirtschaftsaktivität inklusive des Produktivitätszuwachses noch schwächer. Warum genau dann mehr neue Unternehmen aus dem Nichts auftauchen und sich bei höheren Zinsen verschulden sollten, um zu investieren, muss das Geheimnis von Sinn/Weidmann bleiben. Es entzieht sich der menschlichen Vernunft.

Ähnliche Entzugserscheinungen gibt es bei dem zweiten Beispiel für schnell sich verbreitende absurde Argumente. Die FAZ berichtet über ein Gutachten des wissenschaftlichen Beirats beim Wirtschaftsministerium (hier ist der FAZ-Artikel zu finden, hier das Gutachten, das es im Übrigen nicht zu lesen lohnt, weil es nichts anderes enthält als die von Herrn Börsch-Supan altbekannte Litanei, siehe hier ein Kommentar von mir dazu). Der Beirat warnt vor einer kräftigen Anhebung des Beitragssatzes zur Rentenversicherung in ferner Zukunft. Dazu schreibt der FAZ-Autor Dietrich Creutzburg den wunderbaren Satz:

 „Den bisherigen Höchststand hatten die Beitragssätze 1998 mit 42 Prozent erreicht, als es zugleich mehr als vier Millionen Arbeitslose gab. Seither gilt es als politisches Ziel, die Beiträge auf 40 Prozent zu begrenzen.“

Klar, höhere Beiträge gleich höhere Arbeitslosigkeit. Nein, noch toller: Beiträge über vierzig Prozent gleich Arbeitslosigkeit. Das ist nicht mehr Neoklassik oder Neoliberalismus, das ist reinste und feinste Ideologie, verpackt als wissenschaftliche Erkenntnis. Und was schreiben ein paar Tage später die Wirtschaftsforschungsinstitute in Ihrer Herbstdiagnose (hier)?

Die Sozialabgabenbelastung insgesamt – also die Summe der für Arbeitgeber und Arbeitnehmer geltenden durchschnittlichen Beitragssätze zu den verschiedenen Sozialversicherungen – dürfte bereits im Jahr 2017 die 40-Prozent-Marke überschreiten. Damit wird das mehrfach bekräftigte Ziel verfehlt, unter dieser Marke zu bleiben. Steigende Beitragssätze erhöhen die marginale Abgabenlast und verringern dadurch die Beschäftigung.“

Also selbst wenn die Gewerkschaften weniger stark steigende Löhne forderten, um die Kosten steigender Beitragssätze für die Unternehmen auszugleichen, es nutzte nichts, weil die Tatsache, dass die Beitragssätze steigen, immer und ohne Gnade die Arbeitslosigkeit wie von Geisterhand erhöht.

Selbstbeschränkung ist aber von den bösen deutschen Arbeitnehmern und ihren Gewerkschaften, so die Institute weiter, niemals zu erwarten, denn selbst eine Erhöhung nur der Beitragssätze auf der Arbeitnehmerseite würde früher oder später von den unersättlichen deutschen Gewerkschaften wieder hereingeholt, weil sie dann höhere Löhne fordern würde. Weil man als vernunftbegabter Mensch nicht glauben mag, dass sich jemand so etwas ausdenken kann, hier der Originalton der Institute:

„Dabei ist es mit Blick auf die Wachstumswirkungen unerheblich, ob die Beitragssätze auf Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerseite steigen; eine vermeintliche Entlastung der Unternehmen durch Asymmetrien in den Beitragssatzanpassungen, wie es sie aktuell bei den Zusatzbeiträgen in der gesetzlichen Krankenversicherung gibt, dürfte auf Dauer kaum zu zusätzlicher Beschäftigung führen: In den Gehalts- oder Tarifverhandlungen werden sich die Arbeitnehmer an den – durch steigende Beitragssätze geminderten – Nettolöhnen orientieren und entsprechend höhere Lohnforderungen durchsetzen. Im Ergebnis blieben die Belastungen der Unternehmen, die sich am Arbeitsentgelt – also dem Bruttolohn zuzüglich des Arbeitgebersozialbeitrags – bemessen, weitgehend unverändert und damit die Beschäftigungswirkungen unerheblich.

 

P.S. Dass die an Langfrist-Prognosen arbeitenden „Wissenschaftler“ doch erhebliche Schwierigkeiten haben, den Überblick zu behalten, zeigt eine weitere Passage des obigen FAZ-Artikels:

 „Die Prognosen des Beirats für den Rentenbeitrag fallen etwas ungünstiger aus als jene, die das Arbeitsministerium am Vortag vorgelegt hatte: Sie führen – bei unverändertem Rentenrecht – zu einem Satz von 23,5 Prozent im Jahr 2040, das Ministerium erwartet 23,4 Prozent für 2045. Einen fachlichen Dissens gebe es insoweit aber nicht, erläuterte der Ökonom Friedrich Breyer, der das Gutachten mit seinem Kollegen Axel Börsch-Supan erarbeitet hat. Beide Werte lägen in einem plausiblen Korridor.“

Das heißt, Ökonomen, die unfähig sind, die wirtschaftliche Entwicklung im nächsten Quartal vorherzusagen, zeigen hier mit Elan, dass wir in der langen Frist nicht tot sind, sondern auf die Kommastelle genau wissen, was dann passiert. In 25 oder 30 Jahren könnten es 23,5 oder 23,4 Prozent sein, ohne dass ein fachlicher Dissens ausbricht. Das beruhigt doch ungemein. Man mag sich nicht vorstellen wie verunsichert die Menschen wären, hätten die Wissenschaftler 23,6 Prozent in ihrer Kristallkugel gesehen. Die heute 20jährigen, die in 25 Jahren im besten Beitragszahleralter sind, hätten jetzt sofort den Löffel hingeschmissen und gesagt: Bin ich verrückt, ich arbeite mich doch nicht tot, nur um den Alten 2040 mein sauer verdientes Geld vor die Füße zu werfen.

 

 

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