Genial daneben | 31.10.2016 (editiert am 01.11.2016)

Bloß keine chinesischen Investoren

China mutiert zum Lieblingsfeind der Deutschen. Nach den Stahlimporten geht es jetzt gegen die „gelbe Gefahr“, die sich aus chinesischen Firmenkäufen ergibt. Der deutsche Merkantilismus soll schon genetisch nachweisbar sein.

Man muss sich nicht die unerträgliche Suada eines ausgemachten Chinesenfeindes wie Günther Oettinger anhören (hier z. B.), um zu erkennen, dass Deutschland im Umgang mit dem Reich der Mitte von einer Phobie besessen ist, die ihresgleichen sucht. Auch in der „Chefsache“ des Managermagazins wird die Gefahr beschworen (hier), dass China nun in großen Mengen deutsche Unternehmen aufkauft und dann – ja, was dann?

Dann ist Deutschland „überfremdet“, dann wird deutsches Volksvermögen verschleudert, dann sind deutsche Arbeitsplätze in Gefahr. Immer wenn es um China geht, verliert der Deutsche jedes Maß. Zuerst waren es die Stahlimporte (hier von uns besprochen), jetzt sind es die Direktinvestitionen. Selbst da, wo die Argumentation noch relativ sachlich bleibt (wie hier), wird die Hauptsache einfach vergessen (auch in der FT hier).

Die Hauptsache ist nämlich, dass kein Land der Welt in den vergangenen zwanzig Jahren mehr ausländische Firmen ins Land gelassen hat als China (wahrscheinlich mehr, als jemals irgendein Land der Welt in einem solchen Zeitraum). China hat ja einen Großteil seiner marktwirtschaftlichen Reformen von westlichen Unternehmen umsetzen lassen. Die haben das begeistert angenommen, nicht nur, weil sie aus China heraus extrem billig für den Weltmarkt exportieren konnten, sondern weil sie den gewaltigen chinesischen Markt im Auge hatten, der für viele Jahrzehnte stark steigende Nachfrage verspricht.

Wer ein wenig über die Verhältnisse weiß, dem ist die Zahl bewusst, die von chinesischen Politikern immer wieder und gern genannt wird, um ihre Offenheit zu beweisen. Zeitweise wurden 60 bis 70 Prozent aller Güter, die aus China in den Rest der Welt exportiert wurden, von Niederlassungen westlicher Unternehmen produziert. Das ist im historischen Vergleich einfach unglaublich. Zudem machten in den letzten Jahren gerade die deutschen Unternehmen, vorneweg die Automobilindustrie und der Maschinenbau, mit Direktinvestitionen nach China unglaublich gute Geschäfte.

Für China war das eine Chance, aber gleichzeitig auch ein großes Problem. Es ist wahrscheinlich kaum eine Frage in der chinesischen Politik mehr diskutiert worden als die „Überfremdung“ durch ausländische Unternehmen und die Schäden, die, neben dem Nutzen für den Export und die Arbeitsplätze, dadurch für die eigenen heimischen Unternehmen angerichtet worden ist. Denn die westlichen Unternehmen waren durch ihre überlegene Technologie verbunden mit niedrigen Löhnen natürlich auch eine große Gefahr für heimische Unternehmen mit einer weit unterlegenen Technologie.

Besonders absurd ist deshalb das Argument von Martin Noé im Manger-Magazin, der fordert, es müssten gleiche Standards für den Kauf von Unternehmen in China und in Deutschland gelten. Sollen die Chinesen nicht nur zulassen, dass nicht nur die unendlich vielen westlichen Firmen in China produzieren, sondern auch noch, dass die restlichen chinesischen Firmen vom Westen aufgekauft werden?

Wer jetzt sagt, aber China habe davon ja profitiert und es habe ja keine Alternative zum Import westlichen Kapitals für die Umwandlung des Landes zu einer erfolgreichen Marktwirtschaft gegeben, hat auch keine Ahnung. Japan und Korea haben ihren Aufholprozess weitgehend ohne westliches Kapital bestritten. Man kann nämlich das Kapital, das man zum Aufholen braucht, auch in einem vormals armen Land selbst erzeugen, wenn man dem Staat eine aktive Rolle zuweist.

Es ist schon so: Man hat sich in Deutschland schon immer über die „Überfremdung“ durch ausländische Investoren aufgeregt. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren es die Amerikaner, dann kamen die Japaner. Jetzt sind es die Chinesen. Die Krankheit wird aber nicht besser, sie verschlimmert sich leider. Wer bei eigenen Leistungsbilanzüberschüssen von fast zehn Prozent über steigende Importe der anderen oder Firmenaufkäufe aus dem Ausland klagt, ist ein viel größerer Narr als der, der das bei ausgeglichener Leistungsbilanz tut. Der Merkantilismus ist inzwischen anscheinend zu einem festen Bestandteil des deutschen Wesens geworden. Wahrscheinlich lässt er sich schon in den Genen nachweisen.

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