Finanzsystem | 18.10.2016 (editiert am 27.10.2016)

Die Deutsche Bank: Symptom einer Systemkrise – 1

Viel liest und hört man gegenwärtig von den  Problemen der Deutschen Bank. Diese „Analysen“ aber gehen ganz  überwiegend am Kern des Problems vorbei. Im Kern sind die Schwierigkeiten der Deutschen Bank und die Notwendigkeit sie mit staatlicher Unterstützung zu retten, ein Symptom von Systemfehlern unseres Geldsystems und es bedarf daher eines Systemwechsels, um nicht weiter von einer „Bankenkrise“ in die nächste zu stolpern.

In einem Artikel auf flassbeck-economics habe ich schon Anfang Januar behauptet, dass eine Bankenkrise vor der Tür steht und dass die Deutsche Bank vermutlich als eine der ersten Banken schwer in die Bredouille geraten wird, aber der Staat sie vorm Untergang bewahren wird.

Die Deutsche Bank hat, wie man inzwischen auch bei den Mainstreammedien lesen und hören kann, extrem große wirtschaftliche Probleme. Inzwischen wird sogar spekuliert, dass das Überleben der Deutschen Bank gefährdet ist und die Bundesregierung schon Notfallpläne zu ihrer Rettung in der Schublade hat (z.B. hier).

Eine Vielzahl von Ursachen des tiefen Falls der Deutschen Bank wird dabei den geneigten Lesern, je nach persönlichem Geschmack, zur Auswahl angeboten:

  • Von dunklen Mächten z.B. ist die Rede. Dabei denkt man unwillkürlich zunächst an Putin, der bekanntlich überall seine Finger im Spiel hat, wenn es um die Destabilisierung der „westlichen Welt“ geht. Aber nein, dieses Mal ist es nach Meinung des Finanzwissenschaftlers Max Otte die Führungsmacht der westlichen Welt selbst, die in Gestalt amerikanischer Justizbehörden „uns Deutschen“ mit einem „systematischen Wirtschaftskrieg“ ans Leder will.
  • Wenn über wirtschaftliche Probleme in Deutschland geredet wird, darf natürlich nie der Italiener mit seiner „unkonventionellen Geldpolitik“ vergessen werden, der uns ja, wie wir von Herrn Professor Sinn wissen, die gesamte Marktwirtschaft kaputt macht (siehe dazu den Kommentar von Heiner Flassbeck). Dass der gegenwärtige Chef der Deutschen Bank John Cryan daher mit Mario Draghi einen Schuldigen für die Probleme seines Arbeitgebers ausgemacht hat, ist also nur recht und billig.
  • Nie vergessen werden darf in einer solchen Aufzählung die ungenügende Konsolidierung des Bankensektors. Wahlweise kann man darunter verstehen, dass es zu viele Banken gibt (ein Beispiel hier) oder dass die Refinanzierung von Unternehmen zu stark von Bankkrediten abhängt (z.B. hier). Im ersten Fall führt die große Anzahl von Banken dazu, dass einfach nicht genug Geld verdient werden kann. Die Intensität des Wettbewerbs hängt nach dieser interessanten „Theorie“ von der Anzahl der Wettbewerber ab. Man höre und staune, zu viel Wettbewerb! Im zweiten Fall braucht es eine Alternative: den Kapitalmarkt, dessen rasche Entwicklung sich die EU-Kommission unter dem Namen „Kapitalmarktunion“ auf die Fahnen geschrieben hat, um Kapital für das Wachstum in Europa zu mobilisieren.

Der belgische Premierminister Guy Verhofstadt beweist mit seiner Beobachtung, dass es sich bei der Deutschen Bank nicht um einen Einzelfall handelt, sondern Banken europaweit schon große Probleme hatten, haben oder wieder haben werden erstaunlichen Realitätssinn (hier). Man macht es sich also sicherlich zu einfach, wenn man die Probleme der Deutsche Bank auf menschliches oder besser unternehmerisches Versagen zurückführt.

Die Probleme der Deutschen Bank interessieren die Medien aber nicht in erster Linie, um über die Ursachen des „Versagens“ des Deutsche Bank-Management zu deliberieren, sondern vor allem deshalb, weil man sich Sorgen macht, dass bald wieder eine Bankenrettung mit „Steuergeldern“ ins Haus steht. Sind wir Steuerzahler also wieder in Gefahr?

Jens Weidmann ist sich sicher, dass eine solche Rettung nicht mehr nötig ist, denn man hat ja aus der letzten Bankenkrise gelernt und die „Bankenunion“ auf den Weg gebracht. Mit dem dort installierten sogenannten „Abwicklungsmechanismus“ kann man nach seiner Überzeugung ein Konkursverfahren simulieren und so sicherstellen, dass nicht mehr der Staat und damit die armen Steuerzahler, sondern die Gläubiger einer Bank zur Rettung herangezogen werden. Heiner Flassbeck und ich haben schon an anderer Stelle ausführlich begründet, dass es sich bei dem Abwicklungmechanismus um ein marktfundamentalistisches Konstrukt handelt, das in der Praxis zum Scheitern verurteilt ist. Banken in Schieflage sind daher aber unter den gegebenen institutionellen Bedingungen immer durch den Staat vor dem Untergang zu retten. Rätseln kann man allenfalls über die Frage, wie die Politik, diese Rettungsaktion „ausgestalten“ wird, so dass man sich  wegen der „Verschwendung von Steuergeldern“nicht den Volkszorn zuzieht.

Fallbeispiel Deutsche Bank

Eine der wichtigsten Fragen für die institutionelle Ausgestaltung einer Geldwirtschaft lautet: Wer darf Geld unter welchen Bedingungen in Umlauf bringen? Zweifellos ist es in den meisten real existierenden Geldordnungen so, dass Geschäftsbanken bei der Inumlaufbringung von Geld eine bedeutende Rolle zukommt.

Geschäftsbanken nun sind gewinnorientierte Unternehmen, die eine Banklizenz haben und deren Geschäftsgebaren der Kontrolle von Aufsichtsorganen unterworfen ist. Sie bringen Geld vor allem über Kredite in Umlauf. Kreditanträge aber sollen nur dann positiv beschieden werden, wenn die Bonität eines Kunden und die von ihm gestellten Sicherheiten erwarten lassen, dass der Kredit über die vereinbarte Laufzeit auch vereinbarungsgemäß getilgt werden kann. Neben der Kreditvergabe ist es eine weitere wichtige Aufgabe einer Geschäftsbank, den Zahlungsverkehr abzuwickeln. Nennen wir eine Geschäftsbank, die sich auf diese Aktivitäten beschränkt, eine „altmodische Bank“.

Die Risikoaktiva einer altmodischen Bank beschränken sich damit auf die durch die Kreditvergabe sich ergebenden Forderungen gegenüber Kunden und ihre Erträge sind ganz überwiegend Zinserträge. Betrachten wir uns die Bilanz und Gewinn und Verlustrechnung (G+V) der Deutschen Bank von 1985, dann lässt sich erkennen, dass die Deutsche Bank zu diesem Zeitpunkt eine ziemlich altmodische Bank war. Die Bilanzsumme betrug damals etwas über 237.227 Millionen DM. Das Kreditgeschäft (unter Einbeziehung von Anleihen staatlicher Emittenten, die formal keine Kredite sind) machte dabei gute 70% der gesamten Aktiva aus. Der G+V können wir entnehmen, dass die Zinserträge sich auf 84% des Gesamtertrags beliefen.

Mitte der 80er Jahre setzte sich im Vorstand und den Gremien der Bank die Meinung durch, dass man mit dem kreditbasierten und stark auf Deutschland fokussierten Geschäftsmodell keine Zukunft hat. Unbestritten war, dass die Deutsche Bank ihre Stellung als „Global Player“ weiter ausbauen muss und dass dabei dem Ausbau des Investment-Bankings eine Schlüsselrolle zukommt. Vom Investment-Banking erwartete man sich insbesondere verstärkt Einkommen aus risikofreien Geschäftsaktivitäten. Umstritten war allerdings, ob mit der Fokussierung auf das Investment-Banking das Privat- und Firmenkundengeschäft zurückgefahren werden sollte und welche Strategie man beim Ausbau des Investment-Bankings verfolgen sollte. Trotz der Bedenken einer Reihe von Vorstandsmitglieder und der Strategieabteilung der Bank, war die Mehrheit der Vorstandsmitglieder der Meinung, dass die Bank zur Umsetzung ihrer Investment-Banking Strategie aus eigener Kraft zu viel Zeit beanspruchen würde und vor allem aber in der Bank eine andere Kultur entwickelt werden muss, um das Investment-Banking erfolgreich ausbauen zu können. Zukäufe von angelsächsischen Finanzdienstleistern wurden von dieser Fraktion des Vorstands daher als unabdingbar erachtet. So z.B. argumentierte Alfred Herrhausen:

„Was wir bewundern und nicht besitzen, ist die angelsächsische Kultur im Geldgeschäft.“ (Gall, Lothar et al.: Die Deutsche Bank 1870 – 1995, S. 851)

Die Bewunderung war so groß, dass man die größte Nachkriegsinvestition bis dahin tätigte. Man ließ sich den  Kauf der englischen Morgan Grenfell zwischen 1988  und 1990 2,7 Milliarden DM kosten. Während man bezweifeln kann, ob ein Unternehmen, das über diese Kultur hinaus nur wenig handfesten Gegenwert bieten konnte, einen solchen Preis rechtfertigte, war der Kauf aber zweifellos Ausdruck dafür, dass man mit dem Investment-Banking sich in die moderne Welt des „Banking“ katapultieren wollte.

Betrachtet man sich die Deutsche Bank nach 30 Jahren, dann gibt es durchaus Erfolge zu verkünden. Die Bilanzsumme der Deutschen Bank beträgt nun 1.620.130 Millionen Euro, ist also in 30 Jahren um fast das 14-fache gewachsen. Das Kreditgeschäft macht nur noch etwas über 25% der Aktiva aus und der Anteil der Zinserträge am Gesamtertrag hat sich auf 50% reduziert. Zudem scheint auch der ersehnte Kulturwandel vollzogen worden zu sein, wenn man die Höhe der bezahlten Boni an die leitenden Angestellten der Bank und die vielen Gerichtsverfahren, denen sich die Deutsche Bank ausgesetzt sah und sieht, als Evidenz dafür gelten lässt.

Etwas irritiert ist man dann aber schon, dass der erfolgreiche Sprung in die moderne Welt des „Banking“ zu einem solchen Zuwachs anderer Risikoaktiva geführt hat. War die Investment-Bank Strategie nicht von der Überzeugung getragen, dass man damit risikolos Geld verdienen kann? Da gut die Hälfte der Risikoaktiva sich auf das sogenannte Investmentbankgeschäft zurückführen lassen, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass  irgendwie und irgendwo mit dem Plan etwas schief gelaufen sein muss. Besonders interessant ist, dass die Bewertung der „derivaten Finanzinstrumente“ inzwischen die „Forderungen aus dem Kreditgeschäft“ sogar übersteigen. Die übliche Behauptung, dass diese Risiken nur auf dem Papier stehen, ist durch den Wertberichtigungsbedarf in diesem Geschäftsbereich, der der Deutschen Bank 2015 einen Verlust von 6.772 Millionen bescherte, allerdings als eindeutig widerlegt zu erachten.

Was in der Öffentlichkeit und auch in der Deutschen Bank offensichtlich immer noch nicht verstanden wird, ist die Art des Risikos, das durch eine Konzentration auf das Investment-Banking geschaffen wird. Konzentriert sich eine Bank auf das traditionelle Kreditgeschäft, geht sie das Risiko ein, dass der eine oder andere Kreditnehmer seinen Kredit nicht zurückzahlen kann und die Bank dadurch einen Verlust erleidet. Bei einem großen Kreditportfolio  sind die Kredite aber über viele verschiedene Unternehmen in verschiedenen Sektoren der Volkswirtschaft verteilt. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele Kredite zur gleichen Zeit ausfallen, ist daher sehr gering. Denn die Investitionen, die von den Kreditnehmern mit dem geliehenen Geld  getätigt worden sind, sind zumeist von der Sache her nicht miteinander verbunden. Fällt z.B. ein Kredit in der Bauwirtschaft aus, bedeutet das nicht, dass auch Kredite an Exporteure von Maschinen in Mitleidenschaft geraten.

Ganz anders ist es beim Investment-Banking. Hier konzentriert sich ein Großteil der Aktivitäten – seien es Kredite oder seien es Geschäfte auf eigene Rechnung oder im Auftrag ihrer Kunden – auf einige wenige Bereiche der Weltwirtschaft. In erster Linie geht es hier um Geschäfte mit Währungen, Aktien und vergleichbaren Immobilienpapieren und Rohstoffen, sowie deren Derivate (also Geschäfte, bei denen man beispielsweise nicht direkt einen Rohstoff kauft, sondern eine Wette abschließt, deren Ergebnis darauf zielt, dass der Preis eines bestimmten Rohstoffes steigt oder fällt). Hier sind die Risiken ganz anders verteilt, weil bei den meisten derivativen Geschäften sehr viele Spieler auf ein bestimmtes Ergebnis setzen und dadurch in der Lage sind, das Ergebnis durch ihre Aktivität zu beeinflussen. Wenn z.B. Herden von Banken und Hedgefonds auf die Aufwertung der Währung eines kleineren Landes setzen, kommt es meistens genau dazu, weil einfach die schiere Menge des Geldes dieser „Investoren“ ausreicht, den Markt in ihrem Sinne zu „machen“ (wir haben diese Geschäfte, die carry trades, hier genauer erklärt). Das Risiko eines solchen Geschäftes kann tatsächlich für viele Jahre wie Null aussehen.

Das Problem dabei ist, dass mit solchen Aktivitäten systematisch falsche Preise zustande kommen, also Preise, die niemals auf Dauer durchzuhalten sein werden. Ist die Währung eines Landes überbewertet oder implizieren die Gewinne der Investmentbanker, dass die Baupreise in einem Land für immer und ewig steigen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Währung abgewertet werden muss oder die Baupreise fallen. Dann steigt das Risiko dieser Investments ins Unermessliche, weil die schiere Masse der Investments, die jetzt auf einen Schlag faul werden, nicht nur die eigene Bank betreffen, sondern auch fast alle ihre Geschäftspartner, die eigentlich gesund und seriös ausgesehen haben.

Das ist das große Tailrisk oder Klumpenrisiko, das mit dem Investmentbanking unauflösbar verbunden ist. Man kann folglich hohe Gewinne fast ohne Risiko in den Zeiten erzielen, in denen alle Gewinne machen, man verliert aber auch extrem hoch, wenn alle anderen verlieren. Wer die großen Gewinne machen will, die aus Geschäften resultieren, die faktisch Wetten sind – die global also immer Nullsummenspiele sind – und falsche Preise schaffen, geht auch extrem hohe Risiken ein, selbst wenn die Geschäfte manchmal den Eindruck vermitteln, risikolos zu sein.

Zeigen diese Überlegungen aber nicht doch, dass die Probleme der Deutsche Bank hausgemacht sind? Ganz offensichtlich hätte man doch in den 80er Jahren eine andere Strategie verfolgen können. Nun ist nicht zu bestreiten, dass während der letzten 30 Jahre viele Management-Fehler bei der Deutschen Bank gemacht wurden. Aber die wirklich entscheidende Frage ist, ob das Management eines gewinnorientierten und börsennotierten Unternehmens tatsächlich unter den gegebenen Bedingungen der Bankenlandschaft eine völlig andere Geschäftsstrategie hätte verfolgen können.

Allerdings ist diese Frage sowieso nur von zweitrangigem Interesse. Wirklich wichtig ist die Frage, ob die Geschichte der Deutschen Bank nicht auf ordnungspolitische Versäumnisse zurückzuführen ist. Und meine Antwort auf diese Frage ist ein klares Ja. Kurz gesagt lautet mein Argument: Die Ordnungspolitik hat versäumt, ein Geldsystem zu entwerfen und zu implementieren, das den Funktionsbedingungen moderner Geldwirtschaften gerecht wird. Die Begründung dieser These liefere ich dann im zweiten Teil dieser Miniartikelserie.

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