Arbeit | 07.10.2016 (editiert am 11.10.2016)

Lohn – war da nicht mal was?

Kennen Sie die Geschichte von den Eingeborenen am sonnigen Strand, die das Schiff von Kolumbus, das sich da nähert, nicht sehen können. Ihnen fehlt die Schublade im Kopf, in die sie die unbekannte Erscheinung am Horizont einordnen können. Ich habe die Geschichte lange nicht geglaubt, aber dann habe ich entdeckt, dass wir „moderne“ Menschen noch zu einer noch viel überraschenderen Form von  Blindheit fähig sind.

Wir können altbekannte Erscheinungen so gründlich aus unserem Gehirn entfernen, dass wir sie sogar dann nicht mehr sehen, wenn wir uns selbst mit der Nase drauf stossen.  Hier sind ein paar jüngere Beispiele:

In der NZZ stellt Claudia Aebersold-Szalay die Frage, warum das viele Geld, das uns die Notenbanken zur Verfügung stellen, weder von den Investoren investiert noch von den Konsumenten konsumiert wird. Als Angestellte einer Branche, in der in jüngster Zeit massiv Stellen und  Löhne gekürzt worden sind, müsste sie eigentlich ahnen, wo sie die Antwort finden kann. Zunächst klingt es tatsächlich so, als bewege sich Aebersold Szalay in die richtige Richtung:

  „Weshalb die Geldschöpfung durch die Banken gegenwärtig derart gedrosselt ist, ist schwer zu sagen. Die Wissenschaft spricht von einer gestörten Erwartungsbildung seitens der Unternehmen und Privathaushalte. Diese könnten sich kein Bild davon machen, was die Zukunft ihnen in wirtschaftlicher Hinsicht bringen werde, und wüssten demnach nicht, was mit Geld anzufangen. Doch wieso eigentlich?“

Ja warum? Liegt es vielleicht daran, dass die Privathaushalte befürchten, dass ihnen die Zukunft eine Entlassung oder eine Lohnkürzung bringt, oder dass ihnen das nötige Geld schon in der Gegenwart fehlt?  Nein, dazu hat unsere Spezialistin für monetäre Transmissionsmechanismen in den einschlägigen Studien offenbar nichts gefunden:

„Leider weiß die Wissenschaft sehr wenig über die Erwartungsbildung in der Wirtschaft. Werden Erwartungen aus früheren Erfahrungen abgeleitet, oder haben die Wirtschaftssubjekte ein Konzept im Kopf – eine Art Modell wie in den ökonomischen Lehrbüchern –aus dem sie ihre Perspektive bilden?“

Weil die Lehrbücher offenbar zu wenig über „gestörte Erwartungsbildung“ wissen, hilft Claudia Aebersold-Szalay (Kürzel cae) uns und der Wissenschaft mit einer eigenen These auf die Sprünge:

„Wenn die Menschen an der Fähigkeit der Notenbanken zweifeln, mit ihrer Politik Preisstabilität zu gewährleisten und das Fundament für erfolgreiches Wirtschaften zu legen, dann werden sie keine Kredite aufnehmen und nicht investieren.“

 Bekannt sei immerhin, dass Erwartungen wie scheue Rehe seien und sich plötzlich drehen können, so dass sich der

Glaube an die Preisstabilität quasi über Nacht in Luft auflösen kann. Die gigantische Liquidität, die seit der Krise ins System gepumpt worden ist, stellt da eine ernstzunehmende Drohkulisse dar. Die grossen Zentralbanken der Welt dürfen dieses Risiko nicht unterschätzen.“

Uff. So weit der dürre Text der NZZ. Er taucht uns in eine gespenstische Welt ein, in der die gewählten Regierungen und die Sozialpartner nichts mehr zu sagen haben, in der die Wirtschaft allein durch die Zentralbanken gesteuert wird und in der folglich auch alle Ungereimtheiten des realen Wirtschaftslebens irgendwie mit den Zinsen, der Geldmenge, den Transmissionsriemen der Geldpolitik oder mit den dadurch geschürten Erwartungshaltungen der Märkte zusammenhängen müssen. In dieser Welt gibt es keine Entlassungen, Arbeitslosigkeit, Lohnsenkungen usw. Nein –  die Wirtschaftssubjekte konsumieren und investieren bloss deshalb nicht, weil sie an „der Fähigkeit der Notenbanken, Preisstabilität herzustellen, zweifeln.“

Cae mag ein extremes Beispiel sein, aber sie ist bei weitem kein Einzelfall: In der selben Woche stellte der Kollege Simon Schmid von der „Handelszeitung“ dem Finanzprofessor Michael Pettis von der Universität von Peking diese saloppe Frage:

„Das globale Wachstum floppt, warum?“

Und Pettis sprach Klartext:

„Die sehr einseitige Einkommensverteilung führt zu einer geringen Nachfrage und die hält die Firmen von Investitionen ab.“

Und was kann man dagegen tun?, fragt der Journalist. „Umverteilung natürlich“, war die Antwort. Und auch bei der Nachfrage nach dem Wie wurde Pettis sofort konkret: Höhere Steuern für die Reichen, Entwertung der hohen Vermögen durch Inflation oder Staatsbankrott und Helikoptergeld.

„Diese Methode ist wirksam. Drückt man einer armen Familie 1000 Dollar in die Hand, wird sie das Geld ausgeben. Verschuldete Haushalte werden ihren Kredit abzahlen und auch mehr konsumieren.“

Anders als Aebersold- Szalay lebt Petti offenbar in der realen Welt. Er hat mitgekriegt, dass die Konsumneigung in erster Linie vom Geld abhängt, das man in der Tasche hat und von den Erfahrungen, die man als Arbeitnehmer gemacht hat. Als Professor an einer Management-Schule weiss Pettis wohl auch, dass Manager Investitionen in erster Linie von der Nachfrage der Konsumenten abhängig machen. Die „gigantischen Geldmengen“ mögen in den Albträumen von Frau Aebersold vorkommen. Manager haben andere Sorgen.

Dennoch haben beide eines gemeinsam: Der Lohn taucht auf ihrem Bildschirm nicht auf. Auch Pettis kommt nicht auf die Idee, dass Kaufkraft auch über die Lohntüte zu den armen Haushalten gelangen könnte. Er beklagt zwar die einseitige Einkommensverteilung, er weiss wohl auch, dass die vor allem am Arbeitsmarkt entsteht, aber er kommt nicht auf die Idee, diese Ungleichheit an der Quelle zu korrigieren. Er weiss vermutlich, dass die Unternehmen vor allem deshalb riesige Gewinne machen und chronische Finanzierungsüberschüsse erzielen, weil sie die Lohnquote gedrückt haben. Da liegt es doch nahe, das Gleichgewicht durch Lohnerhöhungen wiederherzustellen. Stattdessen schlägt Pettis den Umweg über höhere Unternehmensteuern oder über das Helikoptergeld vor.

Auch der Kollege Simon Schmid kommt nicht auf die Idee, das Stichwort „Lohnerhöhung“ in die Runde zu werfen. Als ich ihn hinterher danach frage, meint er, es sei dem Gespräch um wirtschaftspolitische Massnahmen gegangen, und Lohnerhöhungen könne man schliesslich nicht per Knopfdruck verordnen, sondern allenfalls bloss über fiskalpolitische Massnahmen anregen. Offenbar sind die Zeiten vorbei, in denen Lohnpolitik noch zum wirtschaftspolitischen Instrumentarium gehörte. Der politisch korrekte Begriff für die Politik der Lohnsenkungen heisst ja bekanntlich Strukturreform.

Dass sich der Lohn immer mehr aus unserer Welt entfernt, habe ich drittens auch im Gespräch mit meinem alten Freund Heiner aus Bonner Zeiten feststellen müssen. Heiner arbeitet pro Woche etwa 15 Stunden im Bonner Callcenter des renommierten Meinungsforschungsinstituts Infas. Neben seiner bescheidenen Frührente ist das sein einziges Einkommen. Infas bezahlt ihm aber keinen Lohn, sondern ein „Honorar“. Wie alle andern Interviewer hat er keinen Arbeits- sondern einen Werkvertrag – keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keine Sozialbeiträge und – streng  genommen – auch keinen gesetzlichen Mindestlohn, da es sich ja um einen Werkvertrag handelt. Ich habe mit Heiner schon oft über seine Arbeit gesprochen und über den Lohn, von dem man auch bei 40-Wochenstunden nicht leben könnte. Als Schweizer mit Jahrgang 1946 bin ich aber nie auf die Idee gekommen, dass es sich dabei nicht um Arbeit und nicht um  Lohn handeln könnte.  Mir ging es wie den sprichwörtlichen Eingeborenen am sonnigen Strand: Auch ich habe die Zeichen der neuen Zeit zu spät erkannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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