Weltkugeln
Ökologie | 07.10.2016 (editiert am 19.10.2016)

Markt-Glauben, Klima-Krise und Katastrophen-Leugnung – 2

Wie ist die große Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen und der öffentlichen Meinung über den Klimawandel in den USA zu erklären? Allgemein formuliert: wie kommen individuelle und soziale Präferenzen zustande, wie werden sie gebildet, können sie beeinflusst werden und haben sie sich zeitlich verändert?

Das in Teil 1 erwähnte „alternative“ Lehrbuch des Instituts for New Economic Thinking (INET) wurde als Beispiel für die übliche neoklassische Blindheit in Bezug auf ökologische Fragen erwähnt: Unbeirrt von den bisherigen Misserfolgen wird weiter auf einen zu schaffenden „Markt“ für Emissionsrechte gesetzt. Aber die neoklassische Blindheit geht noch tiefer. Sie bezieht sich auch auf ihre Sichtweise der Politik, die entgegen steuern sollte. In Kapitel 18 des INET-Buches werden politische Positionen zu Umweltfragen auch als Interessenkonflikte behandelt. Diese nehmen – so wird gesagt – auch die Form unterschiedlicher Einschätzungen über die Ergebnisse der Klimaforschung selbst an: 64 % der Anhänger der Demokratischen Partie in den USA sind der Meinung, dass die globale Erwärmung eine Tatsache sei und von menschlichen Aktivitäten verursacht wird. Bei den Republikanern beträgt dieser Prozentsatz nur 22% (unit 18/52).

Wissenschaftsfeindliche „Präferenzen“

Präferenzen dieser Art erscheinen unverständlich: die Umweltwissenschaften verfügen seit langem über einen weit reichenden Konsens darüber, dass die globale Klimaerwärmung von Menschen verursacht ist und weiter verursacht wird. Wie ist aber die große Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen und der öffentlichen Meinung in den USA zu erklären? Allgemein formuliert: wie kommen individuelle und soziale Präferenzen zustande, wie werden sie gebildet, können sie beeinflusst werden, haben sie sich zeitlich verändert?

Fragen dieser Art sind für ein Verständnis des Wirtschaftssystems und seiner Geschichte wichtig. Der neoklassische Standardansatz kann sie nicht beantworten, weil hier ein prinzipielles Problem vorliegt. Die Neoklassik geht erstens von der Existenz isolierter Individuen aus (die Menschen besitzen keine genuin sozialen Aspekte) und definiert zweitens Individuen anhand ihrer Präferenzen. Die Nutzenfunktion bzw. die Präferenzordnung stellt – so kann man sagen – das Identitätsmerkmal des neoklassischen Homo Oeconomicus dar. Als Identitätsmerkmal müssen Präferenzen als gegeben und unveränderbar gesetzt werden: jede Person besitzt für sich ihren eigenen privaten Präferenzen, das macht sie als ökonomischen Akteur aus. Eine Beeinflussung von Präferenzen durch andere ist im Modell nicht vorgesehen – die Individuen würden ihre Identität verlieren – und wird in den Lehrbüchern kaum thematisiert. (Kenneth Boulding hat in diesem Zusammenhang spöttisch von der „unbefleckten Empfängnis der Indifferenzkurve“ gesprochen). Die eigene Lebenserfahrung eines stetigen Präferenzwandels oder die Tatsache, dass auf den Durchschnittsbürger jeden Tag hunderte oder tausende Werbeimpulse einströmen, muss in der Theorie ausgeblendet werden. (Dazu müssen Studierende lernen, abstrakt zu denken und eigene Erfahrungen hinten an zu stellen.)

Politisch sich manifestierende Präferenzen (z.B. die erwähnten Einstellungen zum Klimawandel) gelten in der Neoklassik als Summe individueller Präferenzen. Sie sind fix gegeben, als Beleg für ihren Inhalt kann eine Meinungsumfrage dienen. Das INET-Lehrbuch stellt demgemäß den Befund zur Einschätzung der Klimaforschung dar, fragt aber nicht nach seinen Ursachen. (Weiter führende Argumente zu der Angemessenheit eines Präferenzansatzes für die Diskussion ökologischer Fragen hat Flassbeck vor einem Jahr entwickelt). Ein politökonomischer Ansatz, der den Studierenden wirkliche Zusammenhänge über das Wirtschaftssystem vermitteln will, muss demgegenüber in der Diskussion der Klimapolitik auch ein Verständnis vermitteln, wie sich die Wissenschaftsskepsis in Bezug auf die Klimaforschung in den USA (und in anderen Ländern) historisch gebildet und ausgebreitet hat.

Die Tabakindustrie schafft sich eine eigene „Wissenschaft“

Der Schlüssel dazu liegt in der Geschichte des Lobbying. Die Vorgangsweise, die die „Klima(wandel)skeptiker“ bzw. „Klima(wandel)leugner“ in den USA ab den siebziger Jahren entwickelt haben, rekurriert auf Erfahrungen, die die Tabakindustrie schon zwei Jahrzehnte früher gemacht hat. Den Tabakkonzernen ist es in den USA gelungen, jahrzehntelang Studien in Frage zu stellen, die einen Zusammenhang von Tabakkonsum und Krebs schlüssig nachgewiesen hatten. Die Strategie der „Tabak-Leugner“ geht auf das Jahr 1953 zurück und wurde von John Hill, CEO der Public Relations-Firma Hill & Knowlton, formuliert (hier). Hill wählte den Ansatz, nicht direkt wissenschaftliche Studien zu hinterfragen, sondern selbst massiv in eine eigene Forschung zu investieren. Sein Vorschlag wurde von US-Tabakfirmen in großem Stil umgesetzt. Eine erste Aktion war ein einseitiges Inserat (betitelt A Frank Statement to Cigarette Smokers), unterzeichnet von den großen Tabakkonzernen, das die Gefahren aus dem Rauchen schlichtweg bestritt. Es erschien 1954 in 400 US-Zeitungen und erreichte geschätzte 43 Millionen Menschen. Gleichzeitig begann die Tabakindustrie „wissenschaftliche Studien“ zu fördern, die mit vielen Argumenten den Zusammenhang von Krebs und Rauchen in Zweifel zogen oder zur Gänze bestritten. Dabei wurde die Vorläufigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse betont und ständig auf bessere Studien gepocht, die es erst zu erstellen gelte. Die Tabakindustrie war dabei immer über die gesundheitlichen Gefahren ihrer Produkte informiert. Ihre zynische Strategie von „Wissensproduktion“ verzögerte den Prozess der Etablierung wissenschaftlicher Gewissheiten über Jahrzehnte und verschaffte ihr so weitere profitable Jahre.

Ein wichtiges Instrument für dieses Vorhaben war die Gründung scheinbar „unabhängiger“ Forschungsinstitute wie das Tobacco Industry Research Committee (TIRC, später wurde daraus  das Council for Tobacco Research, CTR), als Unterstützung wurde dann 1958 das Tobacco Institute errichtet. Dieses wurde von den großen Tabakkonzernen anteilsmäßig zu ihren Umsätzen finanziert. Unliebsame Ergebnisse wurden von diesen (und anderen) Instituten mit einer Fülle von Forschungen erschlagen. Diese Studien hatten vor allem den Inhalt, viele andere Faktoren (außer Tabakkonsum) für die Entstehung von Krebs verantwortlich zu machen. Begleitend wurden neue „wissenschaftliche“ Zeitschriften gegründet, zahlreiche Symposien abgehalten und später auch – als das neue Feld selbstbewusster geworden war – unliebsame Forschungen und Forscher direkt attackiert und ihre Integrität in Frage gestellt. Ihnen wurde „junk science“ vorgeworfen und der eigenen „sound science“ gegenübergestellt. Als Kennzeichen der „gesunden Wissenschaft“ galt in diesen Kampagnen, dass sie „unabhängig“ durchgeführt wurde und nicht von staatlichen Interessen korrumpiert sei. Dabei wurden geeignete „Forschungsergebnisse“ in professionellen Werbekampagnen durch Inserate, Presseartikel, Bücher und TV-Beiträge verbreitet. Insbesondere wurde auf Journalisten eingewirkt und diesen und der Öffentlichkeit gesagt, über Forschungen müsse man immer “ausgewogen”, „objektiv“ und „fair“ berichten. In jedem Fall müsse man auch „kritische“ und „alternative“ Stimmen zum Wort kommen lassen.

Als im Jahre 1992 die Umweltagentur (U.S. Enviromental Protection Agency, EPA) eine Studie vorstellte (hier), dass es in den USA jährlich 3.000 Tote aus Lungenkrebs alleine durch Passivrauchen gebe, reagierte Phillip Morris mit der Gründung des Advancement of Sound Science Center (TASSC). Hier wurde mit Hilfe einer Werbeagentur eine Koalition von besorgten Bürgern präsentiert, die gegen eine „Überregulierung“ der Tabakindustrie antrat. Man beklagte, dass die Behörden die Gefahren aus dem Rauchen in gleicher Weise übertreibe wie etwa unseriöse Eiferer, die schädliche Strahlungen aus einem Mobiltelefon behaupten. Bei diesen Aktionen blieben die Financiers im Hintergrund, sie waren der Öffentlichkeit damals nicht bekannt. Das Zentrum gab sich den Anschein einer spontanen Graswurzelbewegung, – heute nennt man diese Strategie „Kunstrasenbewegung“ (astroturfing).

Produktion von Wissen oder Produktion von Ignoranz?

Der Eingriff der Tabakindustrie in die Produktion wissenschaftlicher Forschung bedeutete einen Bruch in der Haltung der akademischen Wissenschaft gegenüber. Sie steht zur üblichen Praxis in diametralen Gegensatz. Seit vielen Jahrzehnten arbeiten Wirtschaft und Forschung erfolgreich zusammen, – vor allem in naturwissenschaftlichen und technischen Feldern. Diese Kooperation kann für Firmen ungemein ertragreich sein. Unternehmen, denen es gelingt, in ihrem technischen Wissen nur wenige Monate einen Vorsprung vor der Konkurrenz zu erlangen, können – vor allem wenn dies dauerhaft möglich ist – bekanntlich Monopolrenten erwirtschaften und ihre Gewinne steigern. Eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Firmen und der Wissenschaft muss aber von gegenseitigem Respekt getragen sein. Ein Manager kommt üblicherweise nicht auf die Idee, die Art, wie in den Wissenschaften Erkenntnisse produziert werden, grundsätzlich in Frage zu stellen. Er wird z.B. das herkömmliche Peer-Review-Verfahren nicht beklagen, etablierte Wissenschafter nicht öffentlich kritisieren oder ihnen unlautere Motive unterstellen – und er wird niemanden finanzieren, der dies tut.

Ausgehend von der Tabakindustrie (später dann auch in der Pharmaindustrie und wieder später vor allem in der Ölindustrie zu Klimafragen – davon reden wir in Teil 3) wurden diese Standards und Haltungen bewusst außer Kraft gesetzt. Die „Wissensproduktion“, die die Tabakindustrie initiierte, wollte nicht sicheres Wissen, sondern Ignoranz fördern. Das Ziel war die Produktion von Halb- und Falschwissen in der breiten Bevölkerung. Sie sollte abgehalten werden, von der Politik Schritte zur Eindämmung der Tabakindustrie zu fordern. Vor allem die Werbung, die Tabakkonsumenten Lebensfreude und Lebenslust vorgaukelt, sollte nicht behindert werden. Das Vorgehen der Tabakindustrie war über mehrere Jahrzehnte erfolgreich. 1964 wurde eine offizielle Studie präsentiert, die eine Zusammenfassung von über 7000 Studien beinhaltete, die den Zusammenhang von Rauchen mit Krebs und anderen Krankheiten zeigten. Aber die Erfolge dieser Studie in Bezug auf die Politik waren bescheiden. Ab den achtziger Jahren wurden schrittweise Rauchverbote erlassen, unter anderem auch in Flugzeugen. Bis in die neunziger Jahre konnten die Tabakkonzerne in den USA jede gerichtliche Klage abschmettern, die gegen sie eingebracht wurde. Erst 2009 war die zuständige Regulierungsbehörde (Food an Drug Administration, FDA) in der Lage, Tabakprodukte direkt zu regulieren (Tabacco Control Act).

In Teil 3 soll gezeigt werden, wie die Praktiken der Tabakindustrie zur Leugnung des menschenverursachten Klimawandels eingesetzt wurden.

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