Genial daneben | 12.10.2016 (editiert am 13.10.2016)

Nobelpreis für Finanzmarkttheoretiker

Dass Finanzmarkttheoretiker, deren Arbeit weit vor den Finanzkrisen begann, den Nobelpreis bekommen, ist für sich genommen schon mehr als fragwürdig. Dass das bejubelt wird als „Preis gegen Finanzmarktkrisen“, ist mehr als absurd.

Es gibt eigentlich keinen Grund, sich zum sogenannten Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaftler zu äußern. Zu irrelevant ist fast alles, was in den wissenschaftlichen Journals publiziert wird und nur das hat eine Chance, den Preis zu bekommen, weil nur das im selbstreferentiellen System der Wirtschaftsforschung als wissenschaftlich gilt.

Besonders komisch ist im Jahr 2016 aber die Vergabe des Nobelpreises an Forscher, die genau in jene Kategorie gehören, die von der englischen Queen gefragt worden sind, warum sie eigentlich die große globale Finanzkrise nicht vorhergesehen haben. Das galt schon 2014 für Jean Tirole, aber es gilt noch mehr für die jetzigen Preisträger Oliver Hart aus Harvard und besonders für Bengt Holmström vom MIT.

Es scheint, dass das Nobelpreiskomitee, das mit Sicherheit in der Mehrheit streng neoklassisch besetzt ist (weil ja nur neoklassische Analyse als wissenschaftlich gilt, siehe oben), gerade mit der Ehrung von traditionellen Finanzmarkt- und Vertragsforschern zeigen will, dass von einem Versagen der Wirtschaftswissenschaften auch Jahre nach der Krise nicht die Rede sein kann.

Preis gegen Krisen?

Natürlich hat sich unsere oberste journalistische Finanzmarktverteidigerin, die FAZ, sofort auf die diesjährige Verleihung gestürzt und sie heftig beklatscht (hier und hier). Zu der Aussage, der Preis sei in diesem Jahr ein „Preis gegen Finanzmarktkrisen“ ließ sich Patrick Bernau hinreißen und fragte nicht einmal, wieso Forschung, die überwiegend dreißig Jahre zurückliegt, etwas gegen Finanzmarktkrisen getan haben soll, deren Schwerpunkte sich ausgerechnet auf die letzten 25 Jahre verteilen.

Bengt Holmström war ab 1997 am MIT, hätte also eigentlich im Auge des Hurricans der Frage nachgehen können, wieso es ab 1994 beginnend mit der Mexikokrise eine Reihe von schwerwiegenden Finanz- und Währungskrisen gegeben hat. Ich habe es selbst erlebt, dass die Finanzminister der großen Industriestaaten vollkommen ratlos waren, wie sie mit diesen Krisen umzugehen haben und was diese Krisen überhaupt ausmacht. Wenn es aus dem MIT etwas Verwertbares gegeben hätte, hätte man bestimmt davon gehört, auch wenn man, wie ich, es längst aufgegeben hat, die „Journals“ zu lesen oder auch nur anzuschauen.

Dazu passt hundertprozentig, was im FAZ Blog über Holmströms Arbeit geschrieben wird. In einem Working Paper der BIZ in Basel hat er 2015 folgendes über die Krisen gesagt (hier zu finden):

 „Paniken passieren, wenn informations-insensitive Schulden (oder Banken) sich in informations-sensitive Schulden verwandeln (…) Eine Regime-Änderung tritt ein von einer Situation, in der niemand nötig findet, detaillierte Fragen zu stellen, in eine Situation, in der es genug Unsicherheit gibt, dass einige Anleger anfangen, Fragen zu stellen über die unterliegenden Sicherheiten und andere anfangen, sich über die Möglichkeit einer Pleite zu sorgen (..) Das kann zu sinkender Liquidität und schnell fallenden Preisen führen.“

Der Autor der FAZ „übersetzt“ das folgendermaßen:

„Das klingt sehr technisch, dahinter liegt folgende Frage: Was produzieren eigentlich Banken? Kurzfristige Schulden, lautet die akademische abstrakte Antwort. Einlagen für Sparer oder zum Beispiel Geldmarktpapiere, Titel mit kurzer Laufzeit, die jeder quasi wie Geld selbst verwendet, über die eben niemand Fragen stellt. Und wo es sich eigentlich nicht lohnt, besondere Ressourcen zu verwenden, um mehr darüber zu erfahren – neue Informationen haben per Definition keinen Einfluss auf den Wert dieser Anlagen, deswegen die Beschreibung „informations-insensitiv“. Es gibt eine hohe Nachfrage auf der Welt genau nach solchen sicheren Anlagen, deshalb gibt es Banken, die versuchen, sie herzustellen.“

Diese „Übersetzung“ ist so weit daneben, dass es nicht lohnt, sie zu kommentieren.

Warum fallen die Preise plötzlich so schnell?

Der Gedanke von Holmström, der in der Tat das gesamte Working Paper trägt, ist schon wichtig, weil es in der Tat in Finanzkrisen einen Regimewechsel gibt, also eine neue Situation, in der andere und neue Fragen gestellt werden, die vorher niemand gestellt hat. Das genau zeigt, worauf auch Holmström hinweist, sehr schön der Film „the big short“ (hier von mir erklärt). Richtig ist auch, dass Schulden so lange informations-insensitiv sind, also weiter lustig gemacht werden, so lange der Regimewechsel nicht eintritt. Richtig ist darüber hinaus, dass der Regimewechsel zu schnell fallenden Preisen und sinkender Liquidität führt.

Was er aber nicht einmal versucht zu erklären, ist, warum es den Regimewechsel mit schnell fallenden Preisen überhaupt geben muss. Das tut er nicht, weil er – jedenfalls in diesem neuen Papier – wieder einmal davon ausgeht, dass die Finanzmärkte effizient sind, also systematisch richtige Preise produzieren.  Das aber ist grundlegend falsch (wie ich hier versucht habe zu zeigen). Finanzmärkte produzieren wegen Herdenverhalten und unsinniger Informationsverarbeitung systematisch falsche Preise. Der Regimewechsel muss immer kommen, weil irgendwann alle begreifen, dass die Preise fasch (und unhaltbar) sind und radikal geändert werden müssen.

Der spannende und springende Punkt ist nicht, dass Schulden informationssensitiv werden, das ist eine allen Insidern lange bekannte Randerscheinung, sondern dass das Marktsystem mit liberalisierten Finanzmärkten und freiem Informationsfluss diese Krisen wegen höchst ineffizienter Finanzmärkte dauernd selbst produziert. Erst wenn auch eine solche Erkenntnis nobelpreiswürdig sein kann, lohnt es, sich damit wieder auseinanderzusetzen.

 

 

 

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