Kommentar | 27.10.2016 (editiert am 01.11.2016)

Überschwemmung durch Vorsorge?

Vorsorgen ist das, was die Deutschen am liebsten tun. Nur machen sie sich leider zu wenig Gedanken darum, was mit ihrer Vorsorge geschieht. Anderswo auf der Welt wird nämlich das, was der Deutsche so liebt, mit großem Argwohn betrachtet.

Manchmal hilft es ungemein, wenn man fremde Sprachen spricht. Ich meine damit auch die uns so fremde Sprache Englisch. Dann kann man zum Beispiel viel besser verstehen, was damit gemeint ist, wenn in Deutschland von „Vorsorge“ die Rede ist. Mit „Vorsorge“ bezeichnet man üblicherweise in den Wirtschaftsteilen der deutschen Zeitungen den Versuch, Einkommen, das man heute nicht ausgibt, für die Zukunft anzulegen. Wäre man des englischen mächtig, könnte man immerhin verfolgen, was mit der deutschen „Vorsorge“ passiert.

Weil das mit dem Englischen aber so schwierig ist, beschränkt man sich in den deutschen Gazetten darauf, jeden und alles zu tadeln, was nach Abbau der „Vorsorge“ aussieht. So kann sich die FAZ kaum noch einkriegen angesichts der „Kapitulation“ des Bundes vor den niedrigen Zinsen (hier). Will doch die Bundesregierung tatsächlich die „Vorsorge“ für ihre Beamten herunterfahren, weil diese „Vorsorge“ angesichts der niedrigen Zinsen immer schwieriger wird. Da weiß die FAZ sofort, was uns droht: „Betreibt die Regierung heute zu wenig Vorsorge, werden einfach künftige Steuerzahler stärker zur Kasse gebeten“.

Das Handelsblatt fürchtet zusammen mit dem Lobby-Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, der Bund spare noch immer nicht genug, weil es 2035 wegen der „Überalterung“ zu einem staatlichen Defizit kommt, das geschlagene 18 Milliarden höher ist als ohne Demographie (hier). Da schauert es uns: In zwanzig Jahren hat der Staat 18 Milliarden zu wenig und muss womöglich an den Kapitalmarkt, obwohl in Deutschland immer noch die Schuldenbremse in der Verfassung steht.

Allerdings kann ich das Handelsblatt in diesem Fall leicht beruhigen: Keine Sorge, in zwanzig Jahren wird es die Schuldenbremse in der Verfassung entweder nicht mehr geben oder sie wird genauso relevant sein wie das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Um zu verstehen, wie es mit der deutschen „Vorsorge“ und der Geltung der deutschen Verfassung in zwanzig Jahren aussieht, hilft ein Blick in die New York Times vom Montag dieser Woche (hier). Dort kann man nämlich über die deutsche „Vorsorge“ das Folgende lesen:

… economists fear that an excess of ready cash in Europe and Asia is on the rise, which could keep a damper on global growth prospects. That is because the cash, instead of being spent on building bridges in, say, Germany, or individual shopping sprees in China and Japan, is accumulating and being recycled into global capital markets, keeping interest rates artificially low as investors chase after returns. And again, economists say, the burden is placed on the United States, with its still fragile economy, to be the growth engine for the world. “Asia and Europe keep exporting their savings to the rest of the world,” said Brad W. Setser, an expert in global financial flows who worked at the United States Treasury from 2011 to 2015. “All this money sloshing around looking for a home is not healthy — it indicates a real lack of demand in other parts of the global economy.”

In Deutsch:

…Ökonomen fürchten, dass der Überschuss an verfügbarem Geld in Europa und Asien steigt und die Weltwirtschaft bremst. Das liegt daran, dass das Geld, anstatt für den Brückenbau in, sagen wir Deutschland, oder für Konsumkäufe in China und Japan ausgegeben wird, akkumuliert und in die globalen Kapitalmärkte geleitet wird, was die Zinsen künstlich niedrig hält, da die Investoren nach Rendite jagen. Und wiederum sagen Ökonomen, dass die Last den Vereinigten Staaten aufgebürdet wird, die Lokomotive der Weltwirtschaft sein sollen, trotz ihrer immer noch fragilen Wirtschaft. „Asien und Europa hören nicht auf damit, ihre Ersparnisse in den Rest der Welt zu exportieren“, sagt Braid W. Setser, ein Experte für globale Kapitalströme, der von 2011 bis 2015 im amerikanischen Finanzministerium arbeitete. „All das Geld, das herumschwappt und nach einer Heimat sucht, ist nicht gesund – es zeigt einen Mangel an Nachfrage in anderen Teilen der Welt.“(meine Übersetzung)

Ist es nicht komisch? Was bei uns als das Gesündeste überhaupt betrachtet wird, nämlich „Vorsorge“, betrachten die Amerikaner mit großer Sorge. Unsere „Vorsorge“ sieht man herumschwappen und Überschwemmungen auslösen. Von einem „savings glut“ (einer Sparflut) spricht man gar wieder, genau wie einst Ben Bernanke, damals noch Notenbankpräsident der USA.

Und man fürchtet sogar, dass die deutsche und asiatische „Vorsorge“ dazu führt, dass der „Wert“ einiger Papiere in den USA von dieser Flut so stark angehoben wird, dass sie den Wert der Unternehmen oder der Gebäude, die dahinter stehen, nicht mehr korrekt anzeigen, was nichts anderes heißt, als dass eine Spekulationsblase droht. Diese Blase wird von der deutschen „Vorsorge“ ganz beträchtlich vergrößert. Nur wenn sie platzt, gibt es keine „Vorsorge“ mehr.

Was die FAZ nicht versteht – und, wir müssen es leider sagen, auch in den nächsten tausend Jahren nicht verstehen wird – ist der einfache Zusammenhang, dass nicht der Akt des Geldzurücklegens Vorsorge bedeutet, sondern allein die Tatsache, dass man jemanden findet, der sich genau im Ausmaß des zurückgelegten Geldes verschuldet. „Investieren“ sagte man früher dazu, doch das Wort ist verdorben, seit es auch für die Beschreibung der Aktivität benutzt wird, die sich darauf beschränkt, die vorhandenen Ersparnisse in der Suche nach Rendite über die Kapitalmärkte der Welt zu jagen.

Die FAZ hat auch noch nicht verstanden, dass sie sich schnellstens von ihrem Kolumnisten Thomas Mayer trennen muss, der vor einigen Tagen den schrecklichen und absolut unverzeihlichen Satz sagte, auch die deutschen Unternehmen seien inzwischen Sparer geworden (hier zitiert und besprochen). Denn wenn die Unternehmen die „Vorsorge“ nicht betreiben (was offensichtlich ist, wenn sie selbst per Saldo nach „Vorsorge“ streben) und für jeden guten Ökonomen klar ist, dass der Staat die „Vorsorge“ wegen seiner chronischen Ineffizient niemals erfolgreich betreiben kann, dann kann in der Tat nur noch das Ausland die deutsche „Vorsorge“ garantieren. Sieht das Ausland die deutsche Vorsorge jedoch als „schwappendes Geld“ an, das gefährliche Blasen und andere Fehlallokationen mit sich bringt, müsste eigentlich auch der letzte deutsche „Vorsorger“ erkennen, dass es die kleine und heile Welt, wo der Sparer morgens sein sauer verdientes Geld zur Sparkasse bringt und der Unternehmer am Ort es am Nachmittag abholt, um es in Häuser und Maschinen zu investieren, schon lange nicht mehr gibt.

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