Genial daneben | 08.10.2016 (editiert am 10.10.2016)

Wagenknecht muss weg!

Guter Journalismus sollte Informationen vermitteln und die Öffentlichkeit an gesellschaftspolitisch relevanten Diskursen beteiligen. Im Artikel von Christian Füller mit dem Titel „Akute Todessehnsucht“ im „Freitag“ geht es dagegen augenscheinlich nur darum, eine Botschaft zu verkünden: Wagenknecht muss weg!

Ausgangspunkt des Artikels, der sich allerdings erst ganz zum Ende als ein solcher erweist, ist eine These des Bundestagsabgeordneten Jan Korte, die Füller offensichtlich von ganzem Herzen teilt:

„Kortes Text ist eines der raren Stücke aus der Linken die so etwas wie emotionale und intellektuelle Empathie enthalten. Es gibt kein Zurück, schreibt er den Wagenknechtern ins Stammbuch, „keinen Bezug auf die Nation, keinen Rabatt bei der Menschenwürde, keine ‚Arbeitertümelei’ und keine Vernachlässigung von Konflikten jenseits der Lohnarbeit.“ Die Linke müsse eine Politik machen, „die die kleinen Träume der Menschen in den Mittelpunkt stellt“. Es gehe um die Verbindung zwischen wackeren Kämpfern für Minderheitenrechte und den ökonomisch Depravierten, die dennoch versuchten, „würdevoll durch das Leben zu kommen“.“

Eine interessante These, die man als Leser gerne erläutert sehen würde. Eine solche Erläuterung wird aber in dem Artikel noch nicht einmal ansatzweise versucht. Man erfährt lediglich, dass Füller, an dieser politischen Agenda der Moderne bemessen, die politischen Vorstellungen von Sahra Wagenknecht für gestrig hält. Diese These aber vertritt er formal nicht einmal selbst, sondern indem er die Meinung eines nicht genannten Bundestagsabgeordneten wider gibt. Diese Argumentationsstrategie liest sich so:

„Im Osten läuft der Partei in Scharen ein Teil ihrer Klientel zur AfD davon. „Die werden und wollen wir nicht zurück haben“, sagt ein Bundestagsabgeordneter. Sie trauern der DDR nach und hätten Angst vor der Moderne. Aber die DDR sei definitiv nicht mehr das Referenzsystem. Es wird verwiesen auf den starken Zulauf junger Parteigänger und Wähler, die Antworten auf prekäre Verhältnisse von einer Million Soloselbständigen und digitalen Nomaden suchen. Die Formeln von Sahra Wagenknecht, die auf die böse Agenda-SPD gerichtet seien, passten nicht zu dieser Situation. „Wenn man so will, schauert es auch ihr vor der Moderne“ sagt ein Abgeordneter. „Sie ist nicht zukunftsfähig“.“

Was will der Autor uns inhaltlich sagen? Dass die Agendapolitik nicht gegen Interessen der abhängig Beschäftigten verstoßen hat oder dass die abhängig Beschäftigten kein Interesse an höheren Löhnen, besseren Arbeitsbedingungen, Kündigungsschutz, etc.pp. haben? Dass, wer für die „ökonomisch Depravierten“ kämpft, die Ursachen für ihre Situation nicht benennen darf? Oder schlicht, dass es in der Moderne einfach normal ist, dass es „ökonomisch Depravierte“ gibt und sich das Kämpfen gar nicht lohnt? Dass, wer der DDR nachtrauert, kein „ökonomisch Depraviter“ sein kann oder wenn doch, dass man für ihn nicht kämpfen darf? Und vor allem, was hat das eigentlich alles mit der Politik von Wagenknecht zu tun? Trauert sie etwa auch der DDR nach und zielt mit ihrer Politik gar auf ihre Wiederherstellung? Oder noch schlimmer, da die DDR-Nostalgiker ja offensichtlich „in Scharen“ zur AfD überlaufen und die AfD doch rechtspopulistisch für das Gestern kämpft, ist die Wagenknecht vielleicht gar keine Linke, sondern eine popolustische Rechte?

Damit wir uns eine Vielzahl dieser Fragen gar nicht stellen, aber die „richtigen“ Schlussfolgerungen dennoch ziehen, wurde schon vorab noch einmal darauf hingewiesen, dass Wagenknecht bereit war, zusammen mit Frauke Petry der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein Interview zu geben. Wie unmöglich er das findet, traut er sich wieder nicht direkt zu sagen, sondern geriert sich als Journalist, der lediglich seiner Chronistenpflicht nachkommt:

„Das Signal eines solchen Gesprächs mit Frauke Petra wird als verheerend empfunden – da mochte Wagenknecht noch so sehr fauchen, „es gibt keine Überschneidungen, Frau Petry“. Für die Anhänger einer erneuerten Linken zählt das riesige Bild der beiden Spitzenfrauen von Linkspartei und AfD, garniert mit der charmanten Zeile: „Wir sollten öfter miteinander reden.“ Sollte da etwa ein neues Hufeisen heißgeklopft werden?“

Vorher hatte er uns schon darüber informiert, dass Bartsch und Wagenknecht in der Fraktion als „Hufeisen“ bezeichnet werden und erklärt uns auch, was damit gemeint ist:

„(eine) Beutegemeinschaft zum Erhalt der Macht.“

Füller macht Wagenknecht mit dieser Passage, wenig verhüllt, den Vorwurf, dass sie so machtgeil ist, dass sie auch nicht davor zurückschreckt, selbst mit der rechtspopulistischen Frauke Petry politisch zusammenzuarbeiten. Wer so „mutig“ den Beginn einer querfrontlerischen Kollaboration aufdeckt, muss man nachsehen, dass er „vergisst“, uns darauf hinzuweisen, dass das obige Zitat nicht etwa von Wagenknecht, sondern von Petry stammt.

Um seine Leser auf dieses vernichtende Urteil über Wagenknecht vorzubereiten, behauptet er, dass die innerparteiliche Auseinandersetzung darüber, wer neben Wagenknecht noch als Spitzenkandidat der Linken antreten soll, ein Beweis ihres rücksichtslosen Machtstrebens ist. Es gab, so berichtet unser Chronist, eine

„Aktion im Parteivorstand der Linken in der vergangenen Woche, (die) wie ein vorbereiteter Putsch anmutet.“

Gab es einen Putsch oder vielleicht doch nur die Anmutung eines solchen? Was es ganz offensichtlich gibt, ist eine Auseinandersetzung innerhalb der Linken über die Frage, mit welchen Spitzenkandidaten der Linke den Bundestagswahlkampf 2017 bestreiten will (siehe dazu den hervorragenden Artikel von Norbert Häring). Wo ist hier der Putsch oder zumindest doch eine „Anmutung“ eines solchen Ereignisses zu entdecken? Hier die Indizien Füllers:

„Da traf es sich, dass Bartsch und Wagenknecht sich nicht ganz zufällig im Karl-Liebknecht-Haus eingefunden hatten. Sie machten deutlich, dass es für sie nur ein Modell bei der Bundestagswahl geben kann: eine Doppelsitze aus ihnen selbst. Die Ohrfeige für die beiden Spitzenleute der Partei konnte man von der Parteizentrale bis hinüber zur Volksbühne hören. Riexinger, so war zu hören, habe die Attacke arg mitgenommen.“

Wo hinter dieser Beschreibung der Vorgänge im Karl-Liebknecht-Haus sich ein Putsch versteckt, ist wahrlich ein Rätsel. Allzu lange nachdenken sollte man darüber aber nicht. Denn, mit Journalismus hat dieses Stück von Christian Füller nichts zu tun. Ihm geht es lediglich darum, eine Politikerin, deren politische Positionen ihm gegen den Strich gehen, persönlich zu diffamieren. In einem Wort: Ein versuchter Rufmord im Gewand des Journalismus. Ein Rätsel bleibt dann aber doch: Was hat eine solcher Anschlag auf die Integrität von Sahra Wagenknecht  im „Freitag“ zu suchen?

 

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