Amerika | 04.11.2016 (editiert am 09.11.2016)

Belebung der US-Konjunktur im 3. Quartal: Mehr als nur ein kurzes Aufflackern?

Amerikas Wirtschaft wuchs im dritten Quartal etwas schneller als es zuletzt gemeinhin erwartet worden war. Ein Blick aufs Detail offenbart aber, dass Sonderfaktoren dafür verantwortlich waren. Eine Verbesserung zeichnet sich auch weiterhin nicht ab.

Ende letzter Woche hat das Bureau of Economic Analysis die erste Schätzung für das US Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal veröffentlicht. Nach sehr schwachem Wachstum von nur rund einem Prozent in der ersten Jahreshälfte, beschleunigte sich das Wachstum im dritten Quartal recht kräftig auf knapp drei Prozent (2,9 Prozent Jahresrate, also Quartalsrate multipliziert mit vier ergibt diesen Wert ungefähr).

Wachstumsbeiträge unterschiedlicher BIP-Komponenten

Seit Mitte des letzten Jahres hatte es eine Verschlechterung der Wirtschaftsentwicklung auf breiter Flur gegeben. Alle Ausgabenkomponenten einschließlich des privaten Konsums, dem wichtigsten Motor der US Konjunktur, waren davon betroffen gewesen. Im zweiten Quartal war dann zumindest der private Konsum wieder zu neuem Leben erwacht, wuchst im Frühling mit 4,2 Prozent Jahresrate. Ausgaben für dauerhafte Konsumgüter legten besonders stark zu. Diese Belebung hat sich inzwischen als nur vorrübergehend erwiesen. Sie hatte im dritten Quartal keinen Bestand. Der private Konsum trug insgesamt auch nur rund 1,5 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum bei. Die Ausgaben für dauerhafte Konsumgüter entwickelten sich zwar weiterhin stark – im letzten und vorletzten Quartal wuchsen sie mit einer Jahresrate von knapp 10 Prozent – und auch die Entwicklung bei den Ausgaben für Dienstleistungen blieb stetig und mit rund zwei Prozent Jahresrate, aber die Ausgaben für nichtdauerhafte Konsumgüter  brachen nach einem ungewöhnlich starken Wachstum im Vorquartal zuletzt kräftig ein.

Sowohl die privaten Anlageinvestitionen (-0.1 Prozentpunkte) als auch die Staatsausgaben (0,1 Prozentpunkte) leisteten keinen nennenswerten Wachstumsbeitrag und wogen einander genau auf. Hinter dem leicht negativen Wachstumsbeitrag der Anlageinvestitionen steckte die weiterhin negative Entwicklung bei den Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen sowie erneut, wie bereits im 2. Quartal, sinkende Wohnungsbauinvestitionen. Weiterhin stetige positive Wachstumsimpulse kamen dagegen von den Investitionen in intellektuelle Eigentumsprodukte, während es im Wirtschaftsbau nach mehreren Quartalen negativer Entwicklung zuletzt eine Wende zum Positiven gab. Für die Anlageinvestitionen insgesamt war dies nunmehr das dritte Quartal in Folge mit leicht negativen Wachstumsbeiträgen. Das ist eine sehr enttäuschende Entwicklung, zumal die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen die zukünftige Produktivitäts- und Kapazitätsentwicklung entscheidend mitprägen. Die Staatsausgaben wuchsen insgesamt nur leicht, wobei die Ausgaben der Bundesregierung, sowohl für Verteidigung als auch für zivile Zwecke, zulegten, während die Ausgaben der Bundesstaaten und Kommunen erneut leicht schrumpften.

Sehr überraschend lieferte der US Außenhandel den wichtigsten Beitrag für die kräftige Beschleunigung des BIP-Wachstums im dritten Quartal. Nach zwei Jahren Stagnation oder sogar Schrumpfung ergab sich für Amerikas Exporte im dritten Quartal eine Jahreswachstumsrate von sage und schreibe 10 Prozent. Hinter diesem plötzlichen Spurt steht die Entwicklung der Agrarexporte, genauer der Exporte von Sojabohnen und zwar speziell nach China. In Argentinien, neben den USA und Brasilien der wichtigste Sojaproduzent der Welt, ist nämlich die Sojaernte in diesem Jahr witterungsbedingt sehr schlecht ausgefallen. Davon profitierten Amerikas Sojaexporteure. Und bei den BIP Zahlen des letzten Quartals hat sich dies deutlich niedergeschlagen. Da war also ganz klar ein Sonderfaktor am Werk, der keine Basis für eine Trendwende zum Besseren verspricht.

Ähnliches gilt auch für die Lagerinvestitionen. Die hatten zuvor für einige Quartale negativ zum Wachstum beigetragen. Der zuletzt positive Beitrag deutet meines Erachtens aber keine wirkliche Wende im Lagerinvestitionszyklus an. Viele Indikatoren deuten nämlich weiterhin auf immer noch großzügige Lagerbestände hin (Anmerkung: Stammen Produktverkäufe aus dem Lagerabbau statt aus der laufenden Produktion, so reduziert dies das BIP-Wachstum im laufenden Quartal entsprechend. Lageraufbau aus der laufenden Produktion, die die Verkäufe an Endverbraucher übersteigen, erhöhen das BIP-Wachstum im laufenden Quartal dagegen.).


 

 

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Abbildung 1 zeigt die Entwicklung ab 2013 bis zum konjunkturellen Rand ausgedrückt in Wachstumsbeiträgen, sie zeigt also, welche BIP-Komponenten jeweils wie stark zum Wachstum beigesteuert haben. Entscheidend geprägt war die Entwicklung im Sommerquartal danach von den beiden eben genannten Sonderfaktoren: Nettoexporte (0,8 Prozentpunkte) und Lageraufbau (0,6 Prozentpunkte). Die Summe dieser beiden Faktoren machte rund die Hälfte des BIP-Wachstums aus. Der private Konsum erbrachte die andere Hälfte. Er zeigte dabei aber – nach dem Lichtblick im Frühling – eine insgesamt wieder nur recht moderate Entwicklung.

Insgesamt deutet Abbildung 1 zwar an, dass die starke Abkühlung des BIP Wachstums von rund 2,5 Prozent auf vorrübergehend nur noch rund ein Prozent seit Mitte letzten Jahres in diesem Frühjahr endete. Die starke Beschleunigung des BIP-Wachstums im Sommer überzeichnet die Wende allerdings gravierend. Ich gehe weiterhin von einer insgesamt nur leichten Belebung des Wachstums in der zweiten Jahreshälfte im Vergleich zur sehr mageren ersten Jahreshälfte aus.

Entwicklung des Wirtschaftswachstums

In der Konjunkturanalyse in Amerika überwiegt gemeinhin die gerade angestellte Betrachtung der Entwicklung im Vergleich zum Vorquartal. In Europa gebräuchlicher ist dagegen die Betrachtung anhand von Wachstumsraten gegenüber dem Vorjahresquartal, wie sie in Abbildung 2 gezeigt wird. Auch in dieser Betrachtung deutet  bestenfalls an, dass Amerikas Wirtschaft die Phase der im Verlauf des letzten Jahres eingetretenen Wachstumsverlangsamung beendet hat. Eine kräftige Wachstumsbeschleunigung, wie man sie bei der „Headline“-Wachstumsrate für das dritte Quartal von 2,9 Prozent zunächst vermuten könnte, vermag ich auch hier nicht auszumachen.


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Beim privaten Konsum scheint sich das Wachstumstempo auf moderatem Niveau zu stabilisieren. Der günstige Einfluss fallender Energiepreise auf die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte ist inzwischen ausgelaufen. Zuletzt sind die Lebenshaltungskosten für Wohnen und Gesundheit wieder kräftiger angezogen, was die Konsummöglichkeiten in andere Richtungen entsprechend einschränkt. Die Beschäftigung ist zwar im Sommer weiter gestiegen, aber die Lohnzuwächse haben sich bis heute nur wenig beschleunigt, fallen real betrachtet erneut nur recht klein aus.

Der Absturz der privaten Investitionen seit Anfang 2015 ist in dieser Betrachtung besonders gut zu sehen. Dieser Einbruch könnte jetzt zum Ende gekommen sein. Die Wachstumsrate gegenüber dem Vorjahresquartal blieb zwar negativ, aber der Rückgang hat sich nicht weiter verschlimmert. Allein Investitionen in intellektuelle Eigentumsprodukte verzeichnen dabei eine positive Wachstumsrate. Der Wohnungsbau stagniert in dieser Betrachtung. Wirtschaftsbau und Ausrüstungsinvestitionen schrumpfen gegenüber dem Vorjahresquartal.

Auch der Staat war keine Hilfe, verzeichnete insgesamt nur noch ein minimales Ausgabenwachstum. Das lässt sich kaum schönreden oder schönrechnen: Der amerikanische Staat vernachlässigt weiterhin seine Verantwortung und leistet keinen konstruktiven Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung.

Allein die Exporte verzeichneten dagegen, wie hier sehr gut zu erkennen ist, einen sehr kräftigen Umschwung. Wir wiesen weiter oben bereits auf die besonderen Umstände hin, die dahintersteckten. Es scheint sich hier schlichtweg um eine Eintagsfliege gehandelt zu haben. Für eine rasante Belebung des Welthandels vermag ich jedenfalls keinerlei Anzeichen auszumachen. Die Aufwertung des US-Dollars mag zwar zuletzt eine Pause eingelegt haben. Dass Amerika bei den herrschenden Bedingungen wachsende Weltmarktanteile am stagnierenden Welthandel wird erobern können, ist aber kaum anzunehmen. Eingefleischte Neo-Merkantilisten wie Deutschland bemühen sich immerzu fleißig darum, das Gegenteil davon sicherzustellen – Wettbewerbsfähigkeit und gigantische Überschüsse müssen schließlich um jeden Preis verteidigt werden. In den großen amerikanischen Markt exportieren will jeder. Die eigene Binnennachfrage und damit auch die Importe aus Amerika anzuregen, das ist nicht Teil des Programms. Zu dumm nur, dass die Weltwirtschaft eine geschlossene Volkswirtschaft ist, die nur von der Binnennachfrage angetrieben werden kann. Wenn keiner mehr ausgibt, kann auch keiner mehr verdienen. Der Welthandel wird es kaum für Amerika richten können.

Kurzer Blick in die Zukunft

Zum Abschluss also noch ein kurzer Blick in die Zukunft, und zwar anhand der jüngsten Prognosen zweier Modelle, auf die ich auf diesen Seiten bereits in der Vergangenheit verwiesen habe: der „GDPNow“-Indikator der Federal Reserve Bank von Altanta sowie der „Nowcasting Report“ der Federal Reserve von New York.


Abbildung 3: „GDPNow“ Indikator der Atlanta Fed vom 1. November 2016

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Laufend aktualisiert und wöchentlich veröffentlicht, verwendet das „GDPNow“ Prognosemodell (siehe hier) genau jene Indikatoren der BIP Komponenten, die dann auch jeweils für die offizielle BIP-Vorabschätzung des BEA zum Einsatz kommen. Die aktuelle Schätzung für das BIP-Wachstum im vierten Quartal beträgt laut diesem Indikator 2,3 Prozent. Die letzte Aktualisierung der Atlanta Fed vor Veröffentlichung der offiziellen Schätzung hatte für das dritte Quartal übrigens auf Wachstum in ähnlicher Höhe hingedeutet. Man hatte also für das dritte Quartal zu niedrig gelegen. (Sie hatte nur 2,1 Prozent Wachstum prognostiziert.) Allerdings sind auch noch Revisionen der BIP-Zahlen des Bureau of Economic Analysis zu erwarten.


Abbildung 4: „Nowcasting“ Bericht der New York Fed vom 21. Oktober 2016

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Auch die New York Fed hatte mit ihrer „Nowcasting“ Prognose für das dritte Quartal zu niedrig gelegen. (Sie hatte nur 2,2 Prozent Wachstum prognostiziert.) Für das vierte Quartal zeigt die jüngste zurzeit verfügbare Prognose vom 21. Oktober ein Wachstum von nur 1,4 Prozent an. Da kommen so leicht weder Euphorie noch Champagnerlaune auf (Wie in Amerika üblich, handelt es sich auch bei den Zahlen dieser beiden Prognosemodelle jeweils um Jahresraten des Wachstums im Vorquartalsvergleich).

Fazit

Nach einem sehr schwachen ersten Halbjahr hat die amerikanische Konjunktur im Sommer eine gewisse Belebung erfahren, die aber wohl kaum mehr als nur ein kurzes Aufflackern war. Ich rechne weiterhin nur mit „Wachstum auf Sparflamme“, wie man es auch kaum anders bei nur wenig konstruktiver Wirtschaftspolitik erwarten kann. Die Federal Reserve hat auf der November-Sitzung des Federal Open Market Committee erwartungsgemäß die seit geraumer Zeit angedeutete zweite Zinserhöhung seit der Krise noch nicht vollzogen. Ihre Begründung der angestrebten Zinsnormalisierung legt zunehmend stärkeres Gewicht auf die Inflationsentwicklung. Den Präsidentschaftswahlkampf wollte die Federal Reserve allerdings nicht unnötig stören. Der wirkt auch so schon gestört genug.

Die Prognosen zum Wahlausgang sind zuletzt wieder knapper geworden. An der Wall Street steigt die Nervosität – und auch die Gefahr heftiger Kursbewegungen. Manche werden auf eine Erleichterungsralley wetten. Andere vielleicht lieber vorläufig in Deckung gehen. Auf der Wall Street wird der Bonus wohl auch in diesem Jahr entweder groß oder größer ausfallen. Auf der Main Street dagegen bleibt es voraussichtlich eher ernüchternd, wie auch bei den Einkommenserwartungen – Wachstum auf Sparflamme halt.

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