Weltwirtschaft | 25.11.2016 (editiert am 28.11.2016)

Der ganz normale Irrsinn der Globalisierung

In einer Reportage schildert die ZEIT die konkreten Folgen der Globalisierung. Traurige Pointe: Der Irrsinn wird uns als Erfolgsgeschichte verkauft.

Was macht ein gutes, gesundes Leben aus? Mit treusorgenden Eltern fängt es an, Geschwister und Spielkameraden gegen die Langweile, später eine erfüllende Arbeit, Kollegen, ein Dach über dem Kopf, gutes Essen, soziale Sicherheit und Rhythmus, Tag und Nacht, Ostern und Weihnachten, Dinge, an denen man sich festhalten kann. Und was von alledem interessiert die Ökonomen?

Ein steigendes BIP pro Kopf, eine tiefe Arbeitslosenquote und natürlich – Wettbewerbsfähigkeit. Wo käme man ohne sie hin?

Nach all diesen Kriterien sind die Philippinen top. Das BIP pro Kopf ist in den letzten fünf Jahren um fast 25% gestiegen, während die Arbeitslosenquote auf 5,4 Prozent gesunken ist. Und all das verdanken die Philippinen einen grandiosen Sieg im globalen Wettbewerb um Standorte für Callcenter, oder Business-Process-Outsourcing, wie man das heute nennt. „In den letzten zehn Jahren“, so lesen wir in der ZEIT, „wuchs diese Branche 20 bis 30% pro Jahr. Heute beschäftigt sie 1,3 Millionen Menschen.“ Ja, das sind so die Geschichten, die Wirtschaftsjournalisten von den Segnungen der Globalisierung träumen lassen. Doch die „ZEIT“ [1] hat genauer hingeschaut:

Um 1 Uhr in der Nacht wacht Agnes Ting (26) in ihrem Einzimmerapartment  in einem Außenbezirk von Manila auf. Ihre zwei Kinder leben bei den Großeltern. Um 3 Uhr fängt ihre Schicht beim US-Buchhändler „Barnes and Noble“ an. In New York ist es jetzt 14 Uhr. Ting läuft durch die Tischreihen zu ihrer etwa einen Meter breiten Box. Bildschirm, Computermaus, Headset. Über ihr eine Kamera, die sie und Kollegen überwacht. Kollegen? Wäre dem Reporter ein Gespräch oder auch nur ein Gruß aufgefallen, hätte er es vermutlich erwähnt. Ein Bild zeigt Agnes einsam an einem Kaffeeautomaten. Noch nicht einmal mit einem Kunden am Telefon darf sie lange plaudern, sonst würde sie von der Kontrollstelle „markiert“, wie das hier heißt. Für Angestellte, die sich keine Zweitwohnung in der Stadt leisten können oder wollen, gibt es Schlafräume. Schwache Neonfunzlen, doppelstöckige Pritschen, so weit das Auge im Halbdunkel reicht. Das Halbdunkel wird genützt. Engen Körperkontakt gibt es sonst nur in den überfüllten Bussen. Ting verdient pro Monat rund 600 Dollar, das Durchschnittsgehalt der Angestellten in den Callcentern schwankt zwischen 250 und 700 Dollar.

250 bis 700 Dollar??!! Her damit! Ökonomen lieben solche Zahlen, damit können sie Durchschnitte und Wachstumsraten ausrechnen, Vergleiche anstellen und Erfolgsgeschichten von steigendem Wohlstand erzählen. Wer mit Dollar jonglieren kann, muss nicht genauer hinsehen. Sonst dürfte man nämlich nicht fragen, wie viel sich Ting mit den 600 Dollar leisten kann, sondern, was sie sich in ihrem voll durchgetakteten Leben alles abschminken muss: Ein Eheleben, Zeit mit den Kindern, Vereinsleben, Singen im Chor, Sonne, gesunde Luft statt Elektrosmog innen und Abgase draußen, genügend Schlaf. Wann Ting ihre Kinder sieht, erfahren wir nur andeutungsweise. Vermutlich zieht sie mehrere Schichten in kurzen Abständen durch –  fünf Stunden Schlaf, zwei Stunden für Morgentoilette, Frühstück und Arbeitsweg, zehn Stunden Schicht, zwei Stunden Heimweg und Nachtessen, fünf Stunden Schlaf, das ganze fünf mal, dann 59 Stunden Wochenende bei den Eltern. Ihr einziger sozialer Rückzugsort ist ein Restposten aus einer Zeit, in der es noch so etwas wie Familie gab.

Dafür sind die 600 Dollar Monatslohn eine Errungenschaft der Moderne.

Ja, mit Dollars kann man den Frust der Arbeit ein Stückchen weit kompensieren. Der Reporter der ZEIT zitiert aus Studien:

„80% der Callcenter-Angestellten haben studiert, sie nehmen überdurchschnittlich oft Drogen, rauchen, trinken und stecken sich mit Geschlechtskrankheiten an.“

Auch elektronische Gadgets helfen, Computerspiele, Pornofilme, Spielcasinos, Frustkäufe und natürlich Coke, der zielt direkt auf das Lustzentrum des Gehirns. Medikamente, Drogen, Pornos, Coke etc. ist vermutlich auch die Währung, mit der die USA für die Telefondienste zahlen.

Doch unser Reporter fragt sich nicht, wie Ting und wir aus dieser Tretmühle rauskommen. Vielmehr macht er sich Sorgen, dass diese Erfolgsstory bald zu Ende sein könnte. Schon werden nämlich die Computerprogramme getestet, die – für viel weniger Geld – an Tings Stelle treten. Was dann? Rettung ist schon in Sicht. Der nächste große Zukunftsmarkt, erfahren wir, sei die elektronische Krankenbetreuung:

„Schon heute betreuen philippinische Krankenschwestern in großem Maße online Patienten in den USA. Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres wurden 2000 Krankenschwestern in der philippinischen Outsourcing-Industrie eingestellt. Professor Bernardo Villegas schätzt, dass die bis zu 200.000 Krankenschwestern, die jährlich ihre Ausbildung abschließen, jene Arbeitsplätze ersetzen dürften, die in den simplen Callcentern wegfallen werden.“

Bingo: Ausgerechnet die Krankenschwestern sollen ihre Gesundheit erst einmal bei Schichtarbeit im blauen Licht der Bildschirme ruinieren, um uns dann als mitfühlende kranke Schwestern die Pillen zu verschreiben, die der Computer im Kaffeesatz der Laborwerte gelesen hat. Dieser Computer wird natürlich von der Pharmaindustrie so programmiert, dass sie möglichst viel von ihren Pillen absetzen kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre kranke Schwester in Manila. Sie hat bei ihrem Lebenswandel vermutlich schon alle Nebenwirkungen selbst erlebt. Und wenn Sie später mal Ihren Arzt verklagen wollen, landen Sie vermutlich wieder in Manila, denn dort bereitet man schon die nächste ganz große Kiste vor: das juristische Outsourcing.

So weit die ZEIT. Sie kann es auch besser. Bei Berichten über die Fleischindustrie fällt auch ihr regelmäßig ein, dass Nutztiere artgerecht gehalten werden sollten – auch im Interesse der Konsumenten.  So weiß man etwa, dass lange Transporte (zum Schlachthof) auf engem Raum den Kortisonspiegel erhöhen und die Qualität des Fleisches mindern. Den Menschen aber mutet man diesen Stress zweimal täglich zu. Das Beispiel von Anges Ting zeigt, dass der Preis, den wir für die Globalisierung zahlen, in keinem Verhältnis zum gesamtgesellschaftlichen Schaden steht. Allein die gesundheitlichen Kosten der Schichtarbeit dürften den Nutzen übertreffen, der damit für amerikanischen Kunden gestiftet wird. Mit der ursprünglichen Rechtfertigung des Freihandels durch David Ricardo hat die globale Arbeitsteilung gar nichts mehr zu tun. Haben die Menschen auf den Philippinen einen komparativen Vorteil beim Telefonieren? Sind Sie genetisch besser auf Nachtarbeit programmiert?

Betrachten wir die Sache nüchtern: Da gibt es 1,2 Millionen Philippiner, die ihr ganzes Leben und das ihrer Familie umkrempeln und ihre Gesundheit auf Spiel setzen, nur um amerikanischen Kunden etwas zu verkaufen, was diese eh nicht dringend brauchen. Rechnet man die Wegzeiten ein und zieht die Extrakosten für Transport, Zweitwohnung, Frustkonsum und Gesundheit ab, errechnet sich ein Stundenlohn von 2 Dollar oder weniger. Angenommen, man würde das Bildungssystem des Landes nutzen, um die Jugend in 3-D-Technologie, Urban Gardening, ökologisches Bauen, Solartechnologie, Städteplanung etc. zu schulen, dann müsste es doch möglich sein, aus eigener Kraft echten Wohlstand zu schaffen und zwar vor Ort – dort wo die Leute leben, wo die eigenen Kinder zur Schule gehen, wo man sich abends noch zu einem Bier trifft.

Bier gibt es auch in der globalisierten Welt, es ist bloß ein bisschen einsamer. Die ZEIT-Reportage schließt im Morgengrauen von Manila mit diesem Satz:

Draußen vor der Tür trinkt Marc inzwischen sein fünftes Bier. „Die Amerikaner“, sagt er, „machen ihn fertig.“

[1] Schaap, Fritz (10.11.2016): „Armeen der Nacht“, Hauptblatt von „Die Zeit“, Rubrik Wirtschaft, S. 29 und online hier.

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