Soziales | 01.11.2016 (editiert am 03.11.2016)

Kapitaldeckung – ein extrem teurer Fehler

Das Beispiel der Schweiz belegt, dass ein kapitalgedecktes Rentensystem aus volkswirtschaftlicher Sicht ein kapitaler Fehler ist. Die „zweite Säule“ reagiert zu stark auf die niedrigen Zinsen, ist sehr teuer im Unterhalt und generiert Ersparnisse, die niemand braucht.

Kürzlich raunte die Meldung durch die deutsche  Presse, die Regierung in Berlin habe sich unter dem Druck der tiefen Zinsen „klammheimlich“ vom Versprechen einer Vollfinanzierung der Beamtenrenten verabschiedet. 2007 hatte man damit begonnen, für jeden neu eintretenden Beamten einen Kapitalstock zu häufen und damit später die Rente vollständig zu finanzieren. Doch je tiefer die Zinsen, desto höher der nötige Kapitalstock. Laut FAZ sollen „anerkannte Fachleute“ den Verzicht auf das Projekt als „großen Rückschritt“ bezeichnet haben.  Nun zeichne sich der Übergang zu einer Finanzierung „nach Kassenlage“ ab (wir haben hier darüber berichtet).

Doch ein Blick auf die Erfahrungen in der Schweiz zeigt klar, dass genau das Gegenteil stimmt. In der Schweiz gibt es zwei Rentensysteme. Die kapitalgedeckte „zweite Säule“ und die umlagefinanzierte AHV. Letztere kann trotz der gestiegenen Lebenserwartung weiterhin relativ problemlos finanziert werden. Zwar wird die Staatskasse leicht strapaziert, aber sie hält es aus. Die zweite Säule hingegen reagiert extrem empfindlich auf das Zinsniveau. Sinkt der Zins – wie gehabt von 4 auf 1 Prozent – sinkt die bei einem gegebenen Kapitalstock finanzierbare Rente um fast 30 Prozent. Eine Finanzierung nach Kassenlage ist im Vergleich dazu grundsolide und erdbebensicher.

Doch das ist nur ein Nebenaspekt. Ein  kapitalgedecktes Vorsorgesystem hat noch ganz andere Nachteile – etwa die hohen Kosten. Während bei der AHV die Verwaltungskosten kaum 1 Prozent der Rentensumme ausmachen, sind es bei der 2. Säule rund 14%. Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm hat dies der Branche kürzlich wieder mal um die Ohren gehauen. Das „Vorsorgeforum“ (das Sprachrohr der Branche) veröffentlichte daraufhin eine „Gegenexpertise“, die im wesentlichen in der Feststellung gipfelte, dass es sich bei Strahms rund 4,2 Milliarden nicht um „Sickerverluste“, sondern um echte Kosten für harte Arbeit handle – was Strahm ja eigentlich nie bestritten hatte.

Doch auch diese betriebswirtschaftlichen Kosten der 2. Säule sind bloß Peanuts im Vergleich zum volkswirtschaftlichen Schaden, den das Kapitaldeckungsverfahren anrichtet. Der Grund dafür liegt im Wesentlichen darin, dass die 2. Säule mit ihren großzügigen steuerlichen Anreizen Ersparnisse generiert (erzwingt), die niemand braucht. Dieses Geld versickert aber nicht nur still und leise in den Kapitalmärkten, sondern es verteuert auch die Immobilien und führt damit zu einer Umverteilung zulasten der Mieter bzw. der niedrigen Einkommen.

In konkreten Zahlen ausgedrückt heißt das: Im Rahmen der 2. Säule werden jährlich rund 37 Milliarden Franken gespart. Nachzulesen unter „Zunahme der betrieblichen Versorgungsansprüche“ in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Doch dieses Geld wird weder vom Staat noch vom Unternehmenssektor und schon gar nicht von den privaten Haushalten beansprucht. Sie alle erzielen laufend Nettofinanzierungsüberschüsse. Will heißen, sie finanzieren ihre Investitionen aus der eigenen Portokasse, ohne fremde Ersparnisse zu beanspruchen.

Folglich fließen – immer volkswirtschaftlich betrachtet – die 37 Milliarden der 2. Säule, gemeinsam mit einem ähnlich hohen Betrag anderer Nettoersparnisse ins Ausland – und werden von der Nationalbank als Nettoauslandsvermögen erfasst. Dieses ist seit dem 2. Quartal 2000 bis Mitte 2016 um 182 auf 756 Mrd. gestiegen. Eigentlich hätte es aber um 947 Milliarden Franken (etwa 58 Mrd. pro Jahr) steigen müssen, denn so viel hat die Schweiz in dieser Periode gespart. Davon entfielen 434 Milliarden auf Exportüberschüssen und 513 Milliarden auf den Nettokapitalertrag der Auslandsguthaben.

Und wo blieb die Differenz zwischen den theoretischen 756 und den effektiven 182 Milliarden? Ganz einfach: Auslandsguthaben werden – per Definition – in den (weichen) Währungen der Schuldnerländer angelegt. Und solche Guthaben haben die Tendenz, immer wieder mal faul zu werden und sich gegenüber dem harten Franken zu entwerten. Seit 2000 haben sich so nicht weniger als 765 Milliarden Franken „Sickerverluste“ zusammengeläppert. Dieser Wertverlust übertrifft die Einnahmen aus Zinsen und Dividenden um rund 250 Milliarden. Die Gesamtrendite des Auslandsvermögens war also negativ und zwar um rund 3,5% jährlich.

So weit die volkswirtschaftliche Betrachtung. Privatwirtschaftlich gesehen, werden die Pensionskassengelder aber überwiegend im Inland angelegt. Gemäß den Indices, die von der Banque Pictet seit 1985 errechnet werden, errechnet sich für die Zeit ab Anfang 2000  – je nach Anlagestrategie – eine Rendite von rund 2,5% jährlich. 3,5% minus aus volkswirtschaftlicher und ein Plus von 2,5% aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Wie passt das zusammen?

Diese Frage kann man nicht mehr auf die Milliarde genau beantworten. Grundsätzlich ist aber Folgendes passiert: Die Abermilliarden aus der 2. Säule haben andere Investitionen in der Schweiz konkurrenziert. Doch weil es bei Weitem nicht genügend physischen Investitionsbedarf gab, hat man sich gegenseitig die bereits vorhandenen Aktien und Immobilien abgekauft und die Preise hochgetrieben. Die von Pictet ausgewiesene Rendite beruht somit teils auf heißer Luft, teils auf Umverteilung bzw. auf der Kapitalisierung der zusätzlichen Mieteinnahmen und der Veräußerungsgewinne beim Verkauf von Liegenschaften.

Einen Begriff von den Größenordnungen, um die es dabei geht, liefert jüngst ein Bericht von Wuest&Partner. Danach beträgt der aktuelle Marktwert der Schweizer Mietwohnungen 2.200 Milliarden Franken. Er ist allein 2015 um 4,1 Prozent gestiegen. Das sind etwa 90 Milliarden. Dazu kommen noch 4,1% oder weitere rund 90 Milliarden Cashflow-Rendite, also Geld, das die Mieter den Vermietern bezahlt haben. Nicht ausgewiesen wurde zudem die Wertsteigerung auf den noch einmal fast 2000 Milliarden Marktwert der Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen. Einverstanden, diese Zahlen sind insofern übertrieben, da zum Glück nicht alle Immobilienbesitzer Marktpreise und Marktmieten durchsetzen können oder wollen. Sonst wären die Mieter längst total ruiniert.

Die Gesamtbilanz der Kapitaldeckung fällt also verheerend aus:

  • 4,2 Milliarden kostet die laufende Verwaltung.
  • Rund 37 Milliarden Franken könnte man für den laufenden Konsum oder für Investitionen in den Umweltschutz oder in erneuerbare Energien verwenden, statt sie im Ausland verrotten zu lassen.
  • Mindestens 10 Milliarden Franken werden dank der 2. Säule jährlich von den Mietern zu den Bodenbesitzern umverteilt.
  • Schließlich hat die Kapitaldeckung wesentlich dazu beigetragen, dass die Wirtschaft heute von überdimensionierten, überdotierten, aber ökonomisch unterbelichteten Finanzmärkten gesteuert wird. Eine ganze Generation hat gelernt, dass man mit einer Finanzblase viel mehr Geld abschöpfen kann als mit echter Wertschöpfung. Die Folgen davon müssen (fast) alle ausbaden, nicht nur die Mieter.

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