Theorie | 29.11.2016 (editiert am 05.12.2016)

Können alle Unternehmen Wachstumsverweigerer sein?

Daniel Deimling behauptet, dass man das „Streben nach Wachstum negieren“ könne. Ein Blick auf die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge jedoch zeigt, dass es im Rahmen der gegenwärtigen institutionellen Ausgestaltung von Geldwirtschaften systemische Zwänge gibt, die ein Wirtschaftswachstum erfordern.

Revolutionäre Unternehmen

Daniel Deimling hat in einem zweiteiligen Beitrag eine Reihe von Unternehmen vorgestellt, die sich durch ein bemerkenswertes soziales und ökologisches Verantwortungsbewusstsein auszeichnen. Gespräche mit den Unternehmensrepräsentanten über ihre – aus ethischer Sicht sicherlich zur Nachahmung zu empfehlenden – Unternehmensphilosophien sind ihm Beleg für die folgende These:

„Auf Unternehmenswachstum zu verzichten, ist nicht eine Frage des Könnens, sondern eine Frage des Wollens. Die Aussage, Wachstum sei eine individuelle unternehmerische Entscheidung, gleicht einer Unternehmenskulturrevolution, nicht nur, weil sie den Zwang zum Wachstum in Abrede stellt, sondern weil sie zugleich verdeutlicht, dass man das Streben nach Wachstum negieren kann.“

Mit dem Wachstum, dem sich diese Unternehmen nach Deimling erfolgreich verweigert haben, ist wohl in erster Linie das Wachstum ihrer Umsätze gemeint. Wenn nun alle Unternehmen sich nach dieser Maxime verhalten und dabei erfolgreich sind, dann wird prima facie vermieden, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) weiter steigt. Für viele, die Grenzen des Wachstums ausgemacht haben und beklagen, dass sie schon längst überschritten sind, ein äußerst wünschenswerter Zustand, der, folgt man Deimling, ganz einfach realisiert werden kann, wenn die Unternehmen, das nur wollen.

Wie aber ist dann zu erklären, dass der Orientierung an diesem Ziel nicht schon längst abgeschworen wurde? Handelt es sich bei dem Ziel des Wachstums des BIP, wie z.B. Wouter van Dieren meint, um „die Zwangsvorstellung der Moderne“ (siehe dazu Steinhardt S.438)? Kann dieser schweren psychischen Erkrankung mit einer Art von gesellschaftlicher Psychoanalyse beigekommen werden?

Der Zins als Konterrevolutionär

Wir möchten im Folgenden belegen, dass, wer das glaubt, auf einer einzelwirtschaftlichen Ebene verharrt und daher nicht erkennt, dass es unter gegebenen institutionellen Bedingungen gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge gibt, die unternehmerisches Wachstum erzwingen. Anders ausgedrückt: Auf Unternehmenswachstum zu verzichten, ist auch eine Frage des Könnens. Der Grund dafür ist, dass zumindest manche Unternehmen für ihre Geschäftsaktivitäten Kapital benötigen und dass zumindest manche Kapitalgeber für dessen Zurverfügungstellung eine Verzinsung erwarten.

Um diese These zu illustrieren und zu belegen, basteln wir uns eine extrem einfache Modellwelt, die sich durch die folgenden Annahmen auszeichnet:

  • Es handelt sich um eine geschlossene Volkswirtschaft ohne Staat und mit genau einem Unternehmen, das nur Konsumgüter herstelle und deren Kosten nur aus den Löhnen der Beschäftigten bestünden.
  • Die Lohnquote betrage 70%.
  • Das BIP dieser Volkswirtschaft belaufe sich auf 100 Geldeinheiten (GE).
  • Das Unternehmen benötigt zum Zeitpunkt t0 von jemandem Kapital in Höhe von 100 GE um die Wirtschaftsgüter im Wert von 100 GE herstellen zu können, da man Geld für die Produktion brauche und es weder vom Himmel falle noch von Helikoptern abgeworfen werde.
  • Das Kapital werde dem Unternehmen in Form eines 10-jährigen Annuitätendarlehens zur Verfügung gestellt. Das Darlehen werde über die Laufzeit vollständig getilgt und der Zinssatz beliefe sich auf 10% p.a.
  • Die Geschäftstätigkeit der Bank beschränke sich auf die Kreditvergabe und konsumiere nicht.
  • Sämtliche Verkäufe der Wirtschaftsgüter würden während des Jahres auf das sich das BIP bezieht per Banküberweisung beglichen und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bliebe konstant.
  • Weder die Lohnabhängigen noch die Profitabhängigen sparen in t0.
  • In der Volkswirtschaft herrsche Vollbeschäftigung.

Ein jedes BIP kann man sich von der (1) Einnahmen- und der (2) Ausgabenseite betrachten und setzt sich unter den gemachten Annahmen wie folgt zusammen:

  • BIP = Löhne und Profite
  • BIP = Konsumausgaben

Wird der Kredit in t0 aufgenommen und ist, wie angenommen, in diesem Zeitraum keine Rate fällig, dann erhalten sowohl Lohn- als auch Profitabhängige 100 GE und können damit auch alle produzierten Konsumgüter bezahlen. Im nächsten Jahr t1 aber muss das Unternehmen anfangen, den Kredit zu tilgen und die Zinsen zu bezahlen. Dazu benötigt es aber auf Basis der gemachten Annahmen 16,275 GE. Damit das Unternehmen nicht Konkurs geht, muss es also auf jeden Fall Profite in Höhe von 16,275 GE erwirtschaften, um den Kredit bedienen zu können. Und klar ist, dass in t1 nur noch 83,725 GE zum Konsum der Wirtschaftsgüter zur Verfügung stehen.

Hat unser Unternehmen aber die Preise der Konsumgüter unverändert belassen, dann wird es in t1 nicht mehr alle produzierten Güter verkaufen können. Kann es nicht mehr alle Güter verkaufen, dann wird es im nächsten Jahr vermutlich weniger Wirtschaftsgüter produzieren und da es dafür vermutlich weniger Lohnabhängige benötigt, wird es auch weniger Menschen beschäftigen. Da es annahmegemäß keinen Staat gibt, müssen sich nun die Arbeitslosen darauf verlassen, dass die Lohn- und Profitabhängigen so viel von ihrem Einkommen abgeben, dass sie nicht verhungern müssen.

Freilich ist denkbar, dass unser Unternehmen in weiser Voraussicht die Preise der Konsumgüter um 16,275% reduziert haben. Prinzipiell ist nun genügend Geld vorhanden, um das gesamte Konsumgüterangebot auch zu kaufen. Allerdings sollte das Unternehmen nicht vergessen, auch die Löhne entsprechend reduziert zu haben. Denn wenn dies nicht geschehen ist, dann verfügen die Lohnabhängigen nun über ein Einkommen, das ihnen erlaubt, eine größere Menge der Güter zu kaufen als vorher und werden die Profitabhängigen sich entsprechend weniger Güter kaufen können.

Nehmen wir an, dass die Lohnabhängigen nicht mehr Güter kaufen wollen, dann bleibt das Unternehmen wieder auf einem Teil seiner Produktion sitzen. Nicht besser wird die Sache, wenn die Profitabhängigen zu erfolgreich sind und die Lohnquote sinkt, aber die Profitabhängigen partout nicht mehr konsumieren wollen. Vermieden werden kann der unfreiwillige Lagerbestand an Konsumgüter nur dann, wenn Lohnabhängige und Profitabhängige ihre Ansprüche auf Geldzahlungen im Gleichschritt reduzieren.

Bevor man sich nun den Kopf darüber zerbricht, wie dieser Gleichschritt in der wirklichen Welt gewährleistet werden könnte, muss man sehen, dass dieser Prozess schon in Periode t3 zum Erliegen kommen muss. Denn in t3 muss wieder eine Rate von 16,275 GE entrichtet werden. In t3 aber hat sich das BIP inzwischen auf 51,175 GE reduziert und damit betragen die Profite nur noch 15,975 GE. Das Unternehmen ist damit aber pleite und unsere Lohnabhängigen sind beschäftigungslos.

Wie der Zusammenbruch unserer kleinen Modellwelt verhindert werden kann, ist offensichtlich. Die Bank muss betragsmäßig genau so vielen neue Kredite vergeben, wie durch die Rückzahlung und Verzinsung des Kredits aus dem Geldkreislauf genommen wird. In unserem kleinen Modell wird eine Bank aber einen solchen Kredit nur dann vergeben, wenn der erwartbare Cash-Flow es erlaubt, dass der Kredit auch bedient werden kann. Eine Kreditvergabe ist damit aber nur dann gerechtfertigt, wenn der Umsatz des Unternehmens jährlich um jeweils 10% wächst.

Anders und allgemeiner ausgedrückt: Wächst eine kreditbasierte Wirtschaft jährlich nicht so stark, dass Zins- und Zinseszinseffekte kompensiert werden können, sind wirtschaftliche Krisen eine unausweichliche Folge. Mit einer „Unternehmenskulturrevolution“ lässt sich das „Streben nach Wachstum“ also nicht „negieren“. Es bedürfte vielmehr eines Verbots der kommerziellen Kreditvergabe und damit einer Revolution des gesamten Wirtschaftssystems.

Man wird gegen solche Überlegungen einwenden, dass doch ein stationäre Kreislaufwirtschaft möglich sein muss, bei der den Unternehmen das Geld, das sie zur Produktion brauchen, umsonst zur Verfügung gestellt wird. Das kann man sich wünschen, eine solche Wirtschaft existiert jedoch derzeit nicht und wird wohl auch in absehbarer Zeit nicht realisiert werden können.

Die uneinsichtigen Sparer

Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu, die wir nicht müde werden hervorzuheben und zu erklären. In der realen Welt gibt es Ersparnisse (geringere Ausgaben als Einnahmen), die das Modell erheblich verkomplizieren. Beträgt z.B. die Sparquote der privaten Haushalte 10% dann erhalten die Arbeitgeber (die Unternehmen und der Staat), nur noch 90 Prozent der zu Beginn der Periode ausgezahlten Löhne zurück. Folglich machen der Staat und die Unternehmen einen Umsatz-Verlust in dieser Höhe. Kommt es nicht in jeder Periode zu einer Kreditvergabe in Höhe der privaten Ersparnis (und werden diese Kredite auch sofort umsatzwirksam, weil der Gegenwert für den Kauf von Gütern und Dienstleistungen ausgegeben wird), dann gerät die Volkswirtschaft (auch und insbesondere eine Kreislaufwirtschaft) in eine tiefe Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit.

Arbeiten die meisten Unternehmen ohne Fremdkapital, tritt die absurde Situation auf, die gegenwärtig Deutschland und viele andere Volkswirtschaften kennzeichnet, dass nämlich die Unternehmen selbst Netto-Sparer sind. Das verschärft die Bedeutung von Krediten noch einmal, denn noch immer gilt, dass es ohne zusätzliche Kredite (in Höhe der Ersparnis) diese vom privaten Sektor geplanten Ersparnisse nicht geben wird, weil das gesamte Einkommen in der Volkswirtschaft drastisch fällt und die Sparpläne dann schnell nach unten korrigiert werden.

Die Moral von der Geschicht

Wichtig ist aber zu erkennen, dass es nun nur noch den Staat gibt (vom Ausland als Schuldner, der deutschen „Lösung“, wollen wir hier einmal absehen), der Schulden machen und dieses Problem lösen kann. Macht der Staat systematisch immer die gesamten Schulden, die in einer Volkswirtschaft notwendig sind, um die Ersparnisse möglich zu machen, stellt sich die Frage, ob wir es bei einer solchen Wirtschaft noch mit einer Marktwirtschaft zu tun haben. Wer das verneint, damit aber kein Problem hat, sollte dennoch zur Kenntnis nehmen, dass es keinesfalls als eine besondere und lobenswerte Leistung der Unternehmen angesehen werden kann, sich permanent mit Hilfe des Staates über Wasser zu halten. Wer es für problematisch hält, dass in einem System, das sich offiziell Marktwirtschaft nennt, der Staat allein für die unvermeidliche Schuldenseite des Systems verantwortlich ist, muss die Konsequenz ziehen, dass die rein eigenkapitalbasierten Unternehmen aus ihrer Idylle gerissen werden müssen (durch Steuererhöhungen z. B.), um sich am Kapitalmarkt (oder in der Kreditabteilung ihrer Bank) zu bewähren.

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