Theorie | 04.11.2016

Macht oder ökonomisches Gesetz? – 1

Wie vor mehr als hundert Jahren von Eugen von Böhm-Bawerk wird auch heute noch von den meisten Ökonomen die Entwicklung am Arbeitsmarkt entsprechend den „Gesetzen“ des Marktes gedeutet. Man könnte es besser wissen, hält aber starr an der Marktideologie fest.

Kaum ein Thema wird mehr diskutiert als die zunehmende Ungleichheit. Ich hatte in meiner Serie über Ungleichheit (hier der erste Teil) schon darauf hingewiesen, dass bei dieser Diskussion viele Beiträge ein reines Ablenkungsmanöver sind. Man will öffentliche Aufmerksamkeit erregen, weil das Thema die Masse der Menschen bewegt, versucht aber gleichzeitig, so wenig wie möglich konkret zu werden, wenn es um Konsequenzen geht.

Insbesondere die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und die Lohnpolitik werden ausgeklammert, weil man nichts mehr fürchtet, als dass die traditionelle Vorstellung vom Arbeitsmarkt in Frage gestellt wird. Deswegen will ich in dieser kleinen Serie von Artikeln die Ungleichheit noch einmal von Seiten des Arbeitsmarktes aufgreifen und fragen, in welcher Weise Machtverhältnisse die Ergebnisse des „Arbeitsmarktes“ prägen.

Eugen von Böhm-Bawerk

Der Titel dieser Artikelserie hat eine lange Geschichte, er geht zurück auf einen langen Aufsatz von Eugen von Böhm-Bawerk, einem der Begründer der sogenannten österreichischen Schule, der sich immerhin bemüht hat, den Machtaspekt in seine Überzeugungen einfließen zu lassen. Im Jahr 1972, zu einer Zeit also, als es noch relevante Volkswirtschaftslehre gab, widmete auch der Verein für Socialpolitik immerhin eine Jahrestagung und mehrere Aufsätze diesem Thema.

Der ursprüngliche Streit, man kann das zum Beispiel in dem Aufsatz von Wilhelm Krelle auf der damaligen Tagung des Vereins nachlesen, ging es um die Frage, ob der Lohn der Arbeit vor allem das Ergebnis der bestehenden Machtverhältnisse ist oder dem ökonomischen Gesetz gehorcht, also anonym auf einem funktionierenden Markt von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Böhm-Bawerk, der sich auf die Grenzproduktivitätstheorie beruft und dem ökonomischen Gesetz die Oberhand zuschreibt, wird später zum „Sieger“ in dieser Debatte erklärt. Das ist er auch noch heute, jedenfalls dann, wenn man die herrschende Lehre in der Ökonomik zum Maßstab nimmt.

Heute wissen wir jedoch viel mehr über die Problematik des Arbeitsmarktes, insbesondere über die gesamtwirtschaftliche Rückkopplung der Lohnhöhe auf die Güternachfrage und damit auf die Beschäftigung, als die Ökonomen des 19. Jahrhunderts. Wir könnten genau wissen, dass Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt nicht unabhängig voneinander sind und daher nicht als Kurven im üblichen Sinne verwendet werden dürfen. Das aber wird systematisch und bewusst ignoriert. Deswegen ist es sinnvoll, die Problematik noch einmal anhand der jüngsten Entwicklungen aufzugreifen und zu durchleuchten.

Die zunehmende Ungleichheit bringt die herrschende Lehre jedoch in Verlegenheit, weil bei einem Machtgleichgewicht am Arbeitsmarkt auch in ihrem Modell nur schwer zu verstehen ist, warum die Ungleichheit zunimmt. Deswegen braucht man immer externe Faktoren, die erklären sollen, was eigentlich nicht zu erklären ist.

Vor einiger Zeit brachte der österreichische Standard einen langen Artikel zu der Frage, warum der Anteil der Löhne an den gesamten Einkommen gesunken sei (hier). Wie immer bei solchen Zeitungsbeiträgen gab es dabei richtige Aspekte, wo die veränderten Machtstrukturen angesprochen wurden (in einer Studie der österreichischen Arbeitskammer), aber es gab „zum Ausgleich“ in einem solchen Medium natürlich auch Aspekte, die nicht Machtverschiebungen, sondern die veränderte Technologie oder die Globalisierung verantwortlich machten. Wie fast immer, wenn es um Themen geht, die für den Zeitgeist der herrschenden Lehre kritisch sind, endet man als Zeitungsleser am Ende im Nirgendwo, weil es keine überzeugende und durchargumentierte Position gibt.

Auch im gerade erschienen Gutachten des Sachverständigenrates (hier zu finden) kann man das Technologieargument wieder finden. In Ziffer 819 heißt es:

Der Anstieg der Lohnungleichheit im Zeitraum zwischen den Jahren 1999 und 2005 in der oberen Hälfte der Lohnverteilung wird nicht zuletzt durch technologischen Fortschritt erklärt, der hochqualifizierte Arbeitnehmer überproportional bessergestellt hat als geringqualifizierte Arbeitnehmer (…) .

Es ist sicher für die Vertreter der herrschenden Lehre sehr angenehm, wenn sie Gründe finden, die – wie Technologie und Globalisierung – scheinbar objektiv dafür sorgen, dass sich die Ungleichheit vergrößert, weil damit kritische Fragen abgewehrt werden können und der Markt als der Finder des richtigen Lohnes verteidigt werden kann.

Der empirische Befund

Zunächst muss man konstatieren, dass es trotz vieler verschiedener Befunde über die Entwicklung der Verteilung in Deutschland einen weitgehenden Konsens darüber gibt, dass sich die Verteilung in den vergangenen zwei Jahrzehnten zulasten der Arbeitnehmer verschlechtert hat und dass die unteren Einkommen besonders stark zurückgefallen sind.

Wir haben zur Beschreibung der funktionalen Verteilung – also der Verteilung zwischen Arbeit und Kapital – immer die sogenannte Reallohnposition verwendet, also das Zurückbleiben der Reallöhne pro Stunde hinter der Produktivität pro Stunde (Abbildung 1).


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Hier ist die Reallohnposition invertiert, ein Anstieg bedeutet eine Verbesserung für die Kapitalseite. Wie nicht anders zu erwarten, verbessert sich die Verteilung seit Beginn des Jahrhunderts – ganz anders als in Frankreich – extrem stark zugunsten von Kapital. Danach, in der globalen Rezession, gewinnen die Arbeitnehmer kurzzeitig, mit dem Aufschwung danach aber bleibt ein erheblicher Verteilungsgewinn der Arbeitgeberseite.

Fast genau den gleichen Befund erhält man, wenn man die Einkommensentwicklung zwischen den verschiedenen Einkommensgruppen anschaut (Abbildungen 2 und 3). Der sogenannte und meistens verwendete Gini-Koeffizient (eine Erklärung findet man hier) beschreibt für Deutschland einen ähnlichen Verlauf und auch die Palma-Relation, hier als das Verhältnis der oberen zehn Prozent zu den unteren vierzig Prozent, erbringt ein sehr ähnliches Ergebnis. Immer verschlechtert sich die Verteilungsposition vor allem zwischen 2000 und 2005. Auch hier sind die Veränderungen in Frankreich wesentlich geringer; Frankreich wies aber schon Mitte der 90er Jahre ein höheres Niveau dieser Einkommensverteilungsmaße, also größere Ungleichheit, auf.


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In der öffentlichen Diskussion, insbesondere aus konservativen Kreisen wie dem Sachverständigenrat, wird angesichts dieses Befundes gerne darauf verwiesen, dass sich die Verhältnisse seit 2005 nicht mehr entscheidend verändert haben. Doch was will man damit sagen? Trotz gesunkener Arbeitslosigkeit in Deutschland, trotz massiver sekundärer Verteilungsänderungen (also über den Staat) zur gleichen Zeit zugunsten der Unternehmen, hat sich die Verteilung seit 2005 nicht oder kaum mehr verschlechtert. Sie ist also so extrem einseitig geblieben wie sie in den ersten Jahren des Jahrhunderts gemacht worden ist.

Und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie gemacht worden ist, denn es ist kein Zufall, dass die funktionale und die personelle Verteilung sich so ähnlich entwickeln. Beides ist die Folge massiver staatlicher Eingriffe in die Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt und damit in die Verteilung. Man fragt sich, warum so viele Beobachter immer noch diesen Befund bestreiten oder doch relativieren. Es war ja das erklärte Ziel der staatlichen Anstrengungen, die Verteilung zu ändern. Man wollte mehr Ungleichheit und man hat sie bekommen.

Wieso sollten all die Versuche, die Verteilung zugunsten der Unternehmen und der Wohlhabenden zu ändern, gescheitert sein? Der Staat halbierte in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland die Steuern für die Unternehmen, schaffte Substanzsteuern wie die Vermögenssteuer und die Kapitalertragssteuer ab, gleichzeitig liefen die Unternehmensgewinne gut, weil der Exportkanal offen stand. Es entstand ein gewaltiger Billiglohnsektor, die soziale Unterstützung wurde drastisch reduziert. Es ist vollkommen klar, dass sich die Verteilung zugunsten der Arbeitgeber und der Wohlhabenden oder Besserverdienenden im Allgemeinen änderte. Warum sollte man das relativieren? Man muss allerdings fragen, ob es sinnvoll war und was man tun kann, um es wirklich zu ändern.

Lesen sie im zweiten Teil, wie Böhm-Bawerk die Dominanz des ökonomischen Gesetzes begründet und was aus heutiger Sicht gegen seine Argumente spricht.

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