Theorie | 25.11.2016

Macht oder ökonomisches Gesetz? – 3

Bei Auslandsgeschäften und bei Direktinvestitionen im Ausland ist die relative Lohnhöhe entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg. Diese Geschäftsaktivitäten schwächen daher die Macht der Arbeitnehmer und es bedarf Hilfestellungen durch das internationale Währungssystem und die Wirtschaftspolitik, damit die Tarifautonomie nicht zum zahnlosen Tiger wird.

In einer Volkswirtschaft wie der deutschen, wo die Auslandsnachfrage gerade in der Industrie inzwischen größer und wichtiger ist als die Inlandsnachfrage, sehen sich die Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen – selbst ohne den Machtverlust durch Arbeitslosigkeit und Agenda-Politik – einer anderen Situation gegenüber als dort, wo die Inlandsnachfrage dominiert. Es ist ja unbestreitbar, dass sich einzelne Unternehmen oder auch eine ganze Branche durch geringere Lohnabschlüsse zumindest temporär im Außenhandel einen Vorteil verschaffen können. Es ist auch unbestreitbar, dass die Unternehmen mit Abwanderung in Niedriglohnländer drohen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden.

In einer solchen Situation bricht zunächst das Kaufkraftargument der Gewerkschaftsseite vollständig in sich zusammen, weil auch die verhandelnden Gewerkschafter und die hinter ihnen stehenden Betriebsräte der großen exportorientierten Unternehmen wissen, dass es nicht trägt. Wo aber ist hier die Macht der Grenzproduktivitätstheorie, an die doch angeblich fast alle Ökonomen glauben und die den Lohn praktisch immer auf den richtigen Wert zwingt?

Wenn, wie das in Deutschland nunmehr schon für fünfzehn Jahre der Fall ist, auch die Gewerkschaften vor diesem Außenhandelsargument in die Knie gehen, sind alle anderen Rettungsleinen für eine rationale Verteilungs- und Lohnpolitik schwach. Kommt hinzu, dass man sich in einer Währungsunion befindet, in der die Lohnmoderation eines Landes nicht sofort mit einer Aufwertung der eigenen Währung bestraft wird, passiert das, was ich in Teil 2 in den Abbildungen gezeigt habe: In einem Land lösen sich die Reallöhne über einige Jahre vollständig von der Produktivität, während sie in einem Nachbarland (in dem Falle Frankreich) eng an die Produktivität gekoppelt bleiben. Das bleibt nachfrageseitig zunächst ungesühnt, weil das die Löhne manipulierende Land beim Export gewinnen kann, was es beim Binnenmarkt verliert.

Die Bedeutung des Währungssystems

Offensichtlich kann die Rückkehr zu rationalen Lohnverhandlungen in diesem Fall nur gelingen, wenn entweder die Währungsrelationen immer rasch und vollständig an die veränderte Wettbewerbsfähigkeit der miteinander handelnden Länder angeglichen wird (also Aufwertung der Währung des die Löhne drückenden Landes) oder, in einer Währungsunion, die anderen Mitgliedsländer mit ihren Löhnen rasch und wirkungsvoll gleichziehen mit dem abweichenden Land. Was nichts anderes bedeutet, als dass für die Gewerkschaften in offenen exportstarken Volkswirtschaften das Währungssystem bzw. eine effektive Kooperation der Gewerkschaften der Mitgliedsländer essentiell ist. Man hat nicht den Eindruck, dass die deutschen Gewerkschaften das verstanden hätten.

Vollends der Lächerlichkeit preisgegeben wird jedoch die Grenzproduktivitätstheorie, wenn man bedenkt, dass es tatsächlich erfolgreiche Verlagerung von Produktion in Niedriglohnländer mit dem Ziel gibt, die Preise der produzierten Produkte zu senken. Das ist eindeutig der schwerwiegendste Einwand gegen diese Theorie, weil es so etwas im Geltungsbereich dieser Theorie einfach nicht geben darf.

Verlagerung von Produktion

Was genau geschieht bei der Verlagerung in ein Niedriglohnland? Das Unternehmen aus dem Hochlohnland exportiert offenbar Anlagen mit dem gleichen technischen Standard wie er in dem Herkunftsland üblich ist, in ein Land, wo die Entlohnung der Arbeitskräfte weit geringer ist, weil dort die durchschnittliche Produktivität der Arbeit weit geringer ist. Das verlagernde Unternehmen kombiniert also seine hohe durch die überlegene Technik gegebene Produktivität mit der billigen Arbeit im Niedriglohnland. Folglich sinken die Lohnstückkosten und erlauben es dem Unternehmen, hohe Monopol-Gewinne zu machen oder die Preise zu senken, um Marktanteile gegenüber den nicht verlagernden Konkurrenten zu gewinnen.

Genau da ist die Grenzproduktivitätstheorie endgültig am Ende. Wo sind die Kräfte des Marktes, die verhindern, dass solche ungerechtfertigten Monopolgewinne entstehen? All die Unternehmen, die ihre Produktion in das Niedriglohnland verlagert haben, handeln mit exakt der gleichen Motivation und werden niemals Arbeitskräfte von anderen abwerben mit dem Angebot, die Löhne zu erhöhen, obwohl sie natürlich Spielraum dafür haben. Es gibt ja billige Arbeitskräfte genug, die gerne bereit sind, zum landesüblichen Lohn zu arbeiten. Die einheimischen Unternehmen können keine höheren Löhne bieten, weil sie nicht über die entsprechende Produktivität verfügen. Solche Monopolgewinne können sehr lange Zeit Bestand haben. Bis die Löhne im Durchschnitt des Entwicklungslandes das Niveau des Industrielandes erreicht haben, wenn das überhaupt jemals geschieht, können zwanzig oder dreißig Jahre vergehen.

Die Auslagerungsprozesse, die für die Entwicklungsländer große und oft auch positive Bedeutung haben, werden in den Industrieländern als Drohpotenzial benutzt, um den Gewerkschaften Lohnzugeständnisse abzuringen. Auch das ist eine Schlag ins Gesicht der Grenzproduktivitätstheorie, bleibt aber vollkommen unkommentiert von den Vertretern dieser Theorie. Auch die Politik fühlt sich nicht berufen, solchen Erpressungen entgegenzutreten (etwa durch Beschränkungen des Handels für solche Unternehmen oder Zölle), glaubt sie doch fest an den Wettbewerb am Arbeitsmarkt, an die „beiderseitige freie und wirksame Konkurrenz“ von Böhm-Bawerk.

Der Schumpeter-Pionier

Ähnliches gilt für die Prozesse, die wir üblicherweise unter dem Namen Schumpeter subsummieren. Auch der temporäre Monopolgewinn des schumpeterschen Pionierunternehmers basiert darauf, dass er durch seine Innovation eine höhere Produktivität als seine Konkurrenten erreicht – bei den in der Volkswirtschaft gegebenen Löhnen. Hier würde eine rasche Anpassung der Löhne an die höhere Produktivität den Erfolg des gesamten Prozesses gefährden, weil der Monopolgewinn, der normalerweise als entscheidend für die Dynamik der Volkswirtschaft angesehen wird, dadurch von vorneherein beeinträchtigt (vom Arbeitsmarkt sozusagen weggesteuert) würde.

Dass Machtmissbrauch am Arbeitsmarkt gang und gäbe ist, zeigt sich auch an den unglaublichen Unterschieden zwischen Managergehältern und den geringsten Gehältern, die in vielen Unternehmen entstanden sind. Während im Bereich der öffentlichen Dienste immer noch Relationen von etwa 5 zu 1 (höchstes Gehalt, z. B. eines Ministers, im Verhältnis zum Einkommen einer Bürofachkraft) anzutreffen sind, haben sich in Teilen der Großindustrie in den vergangenen zwanzig Jahren die Relationen in nur absurd zu nennender Weise verschoben (bei Volkswagen inzwischen auf über 140 zu eins, hier einige Hinweise dazu). Auch das hat nichts mit Produktivität zu tun, sondern ist reiner Machtmissbrauch.

All das zeigt, dass man mit der Grenzproduktivitätstheorie einen Popanz geschaffen hat, der nur dazu diente, die bestehenden Machtverhältnisse zu zementieren. Die Aussagen dieser Lehre sind keine Theorie, sondern ein Kunstprodukt, das schon vor hundert Jahren von einer Wissenschaft niemals als ernsthafter Beitrag akzeptiert worden wäre. Es schuf aber zusammen mit der Grenznutzentheorie zur Bestimmung der Preise der Güter einen formalen Rahmen, mit dem man eine ganze Kunstlehre (die vom Gleichgewicht aller Märkte) begründen konnte, deren wissenschaftlicher Schein alle realen Schwächen überstrahlte. Diese Kunstlehre wurde dann von den Ideologen des Marktes dazu benutzt, eine generelle Überlegenheit von Marktlösungen gegenüber staatlichen Lösungen zu behaupten.

Tarifautonomie braucht den Staat

Wirtschaftspolitisch und tarifpolitisch folgt daraus, dass die Tarifautonomie, die sich Deutschland ins Grundgesetz geschrieben hat, ein Danaergeschenk für die Gewerkschaften ist, wenn der Staat sie nicht konsequent unterstützt, indem er ausgeglichene Machtverhältnisse herstellt. Das kann er in erster Linie durch konsequente Vollbeschäftigungspolitik tun. Nur bei Vollbeschäftigung sind die Gewerkschaften stark genug, das aus den Verhandlungen herauszuholen, was für ein Funktionieren der Marktwirtschaft unabdingbar ist: Gleichverteilung zwischen Arbeit und Kapital oder die Erhöhung der Reallöhne exakt im Tempo der Zunahme der Arbeitsproduktivität.

Zentral ist daneben aber auch, dass es ein Währungssystem gibt, das Lohndumping eines Landes nicht zulässt bzw. sofort durch eine Aufwertung der Währung dieses Landes ausgleicht. In einer Währungsunion kann Tarifautonomie folglich nur funktionieren, wenn es eine strenge Lohnkoordination zwischen den Mitgliedstaaten gibt, die reale Ab- und Aufwertungen verhindert.

Hinzu kommt, dass die Gewerkschaften sich ein klares Bild über die Auswirkung von Freihandel und der Verlagerung von Unternehmen machen müssen, um angemessen auf die Drohung von einzelnen Unternehmen mit Abwanderung reagieren zu können. Der Staat kann ohne weiteres mit selektiven Handelsrestriktionen solche Unternehmen sanktionieren, die ihre Machtstellung für solche Drohungen missbrauchen. Das heißt keineswegs, dass die Verlagerung von Arbeitsplätzen in jedem Fall problematisch ist, der Staat kann aber verhindern, dass Unternehmen, die sich solche Monopolgewinne verschaffen, daran gehindert werden, eine „doppelte Dividende“ dadurch einzufahren, dass sie verlagern und gleichzeitig die Löhne im Inland drücken.

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