Eurozone | 02.12.2016 (editiert am 14.12.2016)

Die lange Sicht: Frankreich und Deutschland – 1

Nach der Auswahl des Präsidentschaftskandidaten bei den französischen Konservativen stellt sich erneut die Frage, wie sich Frankreich im Verhältnis zu Deutschland positioniert. Dazu hier die lange Sicht auf die relevanten Statistiken.

Was François Fillon politisch vor hat, das wissen wir inzwischen. Die deutschen Gazetten sind voll davon (hier zum Beispiel) und in der Regel voll des Lobes. Er will das Land à la Margret Thatcher umkrempeln und aus Frankreich einen neoliberalen Vorzeigestaat machen. Die deutschen Medien wissen natürlich auch, dass das dringend notwendig ist (wie hier die WELT). Es stehe wirklich schlimm um Frankreich, sagen sie voller Inbrunst, geheucheltem Mitgefühl und immer dazu gemischter deutscher Großmannssucht.

Wie es wirklich steht, kann man natürlich aus einem der deutschen Leitmedien nicht erfahren. Weder haben sie eine geeignete theoretische Basis, noch können sie ihr General-Vorurteil, dass Deutschland alles richtig macht, ablegen. Versuchen wir also einen ruhigen Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse Frankreichs im Vergleich zu Deutschland beginnend mit dem Jahr 1980.

Die Wachstumsraten Frankreichs im Verhältnis zu Deutschland zeigen ein gemischtes Bild (Abbildung 1). In den 80er Jahren lag Frankreich mit Deutschland etwa gleichauf. Erst im Zuge der deutschen Vereinigung, die einem gewaltigen keynesianischen Programm entsprach, konnte Deutschland vorübergehend weit höhere Wachstumsraten verbuchen.


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In den 90er Jahren und bis Mitte der 2000er Jahre lag die Wachstumsrate Frankreichs die meiste Zeit klar über der von Deutschland. Erst nach der globalen Rezession 2008 und 2009 fiel Frankreich deutlich hinter Deutschland zurück.

Schaut man die Entwicklung des BIP als Index mit zwei verschiedenen Basisjahren an (Abbildung 2 mit Basisjahr 1980 und Abbildung 3 mit Basisjahr 1999), wird noch deutlicher, dass es nur die deutsche Vereinigung und die Jahre nach 2010 waren, die Frankreich weniger stark aussehen lassen.


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Noch deutlicher wird das, wenn man die Investitionsquoten vergleicht. In Abbildung 4 wird die gesamte Investitionstätigkeit im Verhältnis zum BIP bis 1999 gezeigt und wieder bringt nur die deutsche Vereinigung einen Schub an Investitionen, der Deutschland für einige Jahre zu Frankreich aufschließen lässt.


 

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Nach 1999 (Abbildung 5) zieht Frankreich wieder davon und überbietet Deutschland sogar in den Jahren seit 2010.


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Das gleiche gilt, wie könnte es anders sein, auch für das Maß, das letztlich entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg ist, die Entwicklung der Produktivität (also das BIP pro Erwerbstätigenstunde).

Hier zeigen die 80er Jahre einen weitgehend parallelen Verlauf zwischen den beiden Ländern mit leichten Vorteilen für Frankreich (Abbildung 6). Hier schlägt sich seit dem Beginn der 90er Jahre die deutsche Vereinigung in umgekehrter Weise wie bei der Wachstumsrate nieder, weil Westdeutschland das weit unproduktivere Ostdeutschland integrierte.


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Seit 1999 entwickelt sich die Produktivität wieder fast vollkommen parallel zu Deutschland (Abbildung 7).


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Das zeigt, dass es in Frankreich kein fundamentales Problem geben kann, an dem das Land leidet und das es systematisch hinter Deutschland zurückfallen lässt.

Das entscheidende Problem Frankreichs ist die Außenwirtschaft, wo das Land unter der (durch nichts zu rechtfertigenden, weil durch Lohndumping in der Währungsunion erzeugten) überlegenen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands leidet. Dazu und zu den wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen mehr im zweiten Teil.

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