Ökologie | 20.12.2016

Energiewende am Ende?

Ein stabiles Winterhoch bringt es an den Tag: Eine Energiewende, die vor allem auf Wind und Sonne setzt, kann auf Dauer nicht funktionieren. Man kann nicht auf Atomkraft verzichten, aus der fossilen Energie aussteigen und den Menschen erzählen, die Stromversorgung sei auf jeden Fall gesichert.

Wir haben in den vergangenen Tagen viele Mails bekommen, die sich mit dem Thema Energiewende befassen. Auch haben wir uns bemüht, Experten zu gewinnen, die Klarheit schaffen, allerdings ohne Erfolg. Woran das liegt, dass die Advokaten der Energiewende so zurückhaltend sind, ist nicht leicht zu ergründen. Vielleicht aber liegt es an der Sache selbst.

Dieser Winter könnte nämlich in die Geschichte eingehen als der Tatbestand, der zeigte, dass die deutsche Energiewende keinen Bestand hat und keine Erfolgsgeschichte ist. Der Output an Strom, wir hatten bereits vor einiger Zeit darauf hingewiesen (hier), der schon seit einige Wochen mit den erneuerbaren Energien Wind und Sonne erzielt wird, ist katastrophal niedrig. Der Dezember hat dazu neue Niedrigstwerte erbracht. Ein stabiles Winterhoch über ganz Mitteleuropa mit viel Nebelbildung reicht aus, um die Erzählung von der erfolgreichen Energiewende auch für Laien wie mich als Märchen zu entlarven.

Das ist schlimm, weil viele Menschen große Hoffnungen in die Energiewende gesetzt hatten. Auch ich habe mir nicht vorstellen können, dass großflächig eingesetzte Solarpanel und Windräder auf fast der gesamten Fläche einschließlich der im Meer verankerten für einige Tage stillstehen. Die Werte für die Stromerzeugung der einzelnen Energiearten, die wir von Agora-Energiewende übernehmen, zeigen wiederum für Anfang Dezember und für die Tage vom 12. bis 14. erschreckende Ergebnisse für Sonne und Wind (siehe die untenstehende Graphik für den gesamten Dezember, die Daten sind hier zu finden).


Quelle: Agora Energiewende


Zwei Zahlen-Beispiele vom 12. Dezember und vom 14. Dezember. Um 15 Uhr am 12. betrug der Verbrauch insgesamt 69,0 Gigawatt (GW), davon kamen 0,7 GW von der Sonnenenergie, 1,0 vom Wind auf Land und 0,4 vom Wind auf See. Am 14. 12. um die Mittagszeit wurden 70 GW verbraucht, 4 GW kamen von der Sonne, 1 GW Wind onshore und gut 0,3 Wind offshore. Wenn man das Bild von Agora-Energiewende anschaut, sieht man, dass sich solch extreme Flauten offensichtlich über mehrere Tage hinziehen können.

In Kenntnis dieser einfachen Daten muss man kein Techniker, Energieexperte oder Naturwissenschaftler sein, um zu erkennen, dass es so nicht geht. Man muss nur seinen Verstand nehmen, die Vorurteile und Werturteile für einen Moment zurückstellen und dieses Ergebnis für zukünftige Entwicklungen hochrechnen. Nehmen wir an, bis 2030 würde das potentielle Angebot an Wind und Sonne gegenüber heute verdreifacht, so dass an Tagen mit normalen Wetterbedingungen fast die gesamte Energie aus diesen beiden Quellen bezogen werden könnte. Das ist ein extrem optimistisches Szenario und so sicherlich nicht zu erwarten, denn die Politik bremst ja beim weiteren Ausbau der erneuerbaren Energiequellen statt ihn zu beschleunigen.

Wenn es aber 2030 eine vergleichbare Flaute gibt (ein stabiles Winterhoch wie derzeit ist kein Jahrhundertereignis, sondern passiert alle paar Jahre einmal), dann können logischerweise die dreifache Anzahl von Solarpanels und Windrädern (bei gleicher Technik) nur die dreifache Menge Strom erzeugen wie derzeit. Kein Wind und keine Sonne betreffen alle Anlagen, ganz gleich, wie viele es davon gibt. Selbst die dreifache Anzahl der Anlagen, die Wind und Sonne nutzen sollten, würden dann im Jahr 2030 – wieder sehr positiv gerechnet – höchstens 20 Prozent dessen erbringen, was gebraucht wird – und das unter der Voraussetzung, dass sich der Verbrauch bis 2030 nicht erhöht.

Zu erwarten ist aber genau das Umgekehrte, nämlich dass sich der Verbrauch massiv erhöht, weil der Ersatz von fossiler Energie, also vor allem bei der Umstellung auf elektrisch betriebene Automobile, in erster Linie durch vermehrte Stromerzeugung erreicht werden soll. Eine Variante, bei der in dieser kurzen Zeit so viel Strom eingespart wird, dass der Verbrauch trotz der Umstellung weg von fossilen Energieträgern absolut deutlich sinkt, kann man getrost vernachlässigen. Dazu müsste die fossile Energie einerseits dramatisch verteuert werden, was nicht zu erwarten ist, und man müsste die dadurch entstehenden Verteilungswirkungen ausgleichen, was politisch noch weniger wahrscheinlich ist (vgl. dazu eine frühere Analyse hier).

Dann wäre Deutschland 30 Jahre nach Beginn der Energiewende bei einem katastrophalen Ergebnis angelangt. Die Atomkraft gibt es in Deutschland dann nicht mehr, Deutschland braucht aber trotz eines enorm ausgebauten Netzes von Windrädern und Solaranlagen bei vergleichbaren Wetterlagen eine Kapazität von mindestens 50 Gigawatt auf andere Weise erzeugten Stromes. Und auf andere Weise heißt nach allem, was wir bis heute wissen: Kohle, Öl und Gas.

Mit anderen Worten, man kann logischerweise nicht gleichzeitig massiv auf Wind und Sonne setzen, auf Atomkraftwerke (mit für sich genommen sehr guten Gründen) verzichten, die Versorgung mit fossiler Energie deutlich herunterfahren und den Menschen erzählen, die Stromversorgung in der Zukunft sei auf jeden Fall gesichert. Genau das tun aber große Teile der Politik fast jeden Tag. Geradezu unverantwortlich ist es, den Bürgern einzureden, es könnten ab 2030 nur noch elektrisch betriebene Autos zugelassen werden, wie das kürzlich in höchsten politischen Kreisen kolportiert wurde.

Auch am Beispiel Energiewende zeigt sich wiederum, dass die traditionelle Vorgehensweise der Politik in unseren Demokratien mit der Lösung solch komplexer Probleme heillos überfordert ist. Folglich tut sie das, was ich kürzlich Symbolpolitik genannt habe: Sie macht irgendetwas, was vermeintlich in die richtige Richtung zeigt, ohne es zu Ende zu denken und ohne die systembedingten Folgerungen auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Geht es schief, waren die politischen Vorgänger schuld und niemand fühlt sich verantwortlich.

Genau deswegen müssen die Bürger wachsam und kritisch bleiben. Man kann sich vieles wünschen und immer auf ein gutes Ende hoffen. Doch so wichtig Wünsche und Hoffnungen auch sind, sie sind noch keine Lösungen. Wir müssen auch da unseren Verstand einsetzen, wo wir ihn am liebsten ausschalten würden, weil die Ergebnisse des Nachdenkens deprimierend sind.

Ein sehr nachdenklicher Leser von Makroskop schreibt uns in diesem Sinne:

»Populismus. Der einzige Zweck dieses Wortes ist, Vorwurf zu sein. Manche Verteidiger der Demokratie rühmen sich gerne, dass sie sich auch für unpopuläre Maßnahmen einsetzen. Das sind üblicherweise solche, die von den Leuten Opfer verlangen, wodurch die Wiederwahl gefährdet wird. Wenn aber Menschen verzweifelt sind, weil sich anscheinend niemand mehr ihrer bedrückenden Lage annehmen möchte, und wenn wiederum andere gerade dies anmahnen, nennt man diese ungerechter Weise Populisten.

In einer neoliberal kontaminierten Demokratie wird der Vorwurf Populismus verwendet, um sich vor einem Engagement z. B. für soziale Verbesserungen, Friedenssicherung und Verteilungsgerechtigkeit drücken zu können. Man kann sich aber auch eine Gelegenheit zunutze machen, mit dem geballten Populismus im Rücken politische Änderungen quasi im Handstreich durchzusetzen. Dann nennt man es allerdings nicht Populismus, sondern politischen Instinkt. So gab es nach Fukushima eine ideale populistische Welle, auf der die Bundeskanzlerin flugs zur Verkündigung eines unüberlegten Atomausstiegs surfte.

War die abrupte Kehrtwendung zur sofortigen Einleitung des Atomausstieg (Jetzt oder nie! Koste es was es wolle!) etwa kein reflexartiges, fast automatisches Ausnutzen populistischer Energie? Höchste Regierungs- und Dressurkunst einer Bürgerbändigerin? Leider lassen sich mit der populistischen Energie, wenngleich anscheinend unerschöpflich erneuerbar, keine Generatoren zur Erzeugung von Elektrizität antreiben, und man wird den unvermeidlichen Verzicht auf fossile Energiequellen damit nicht substituieren können.

Egal ob Atomausstieg oder Schuldenbremse: auf dem politischen Glatteis geht ohne bedächtige Bedienung von Lenkung und Pedalen leicht die Kontrolle über die Richtung verloren. Falsche Reflexe sind da ganz fatal. Man kann feststellen, dass es auch wieder populistische Rücksichten sind, die vermutlich verhindern werden, dass man in Ruhe und vernünftig darüber nachdenkt, wie lange die Nuklearkraftwerke neben den erneuerbaren Energiequellen noch am Netz bleiben müssen, bis die anstehenden Speicher- und Vernetzungsprobleme der alternativen Energiequellen technisch, politisch und ökonomisch gelöst sind.

Mit der Verbrennung fossiler Energieträger gibt es – zumindest nach Meinung einer großen Mehrheit renommierter Wissenschaftler – keine Zukunft auf diesem Planeten. Das Ende käme wohl eher früher als später.

Hier stehen Risiken einer globalen Klimaveränderung in schon relativ kurzem Zeitraum, den Risiken gegenüber, die sich aus den z.T. extrem langen Halbwertzeiten der zu entsorgenden oder bei Unfällen entstehenden radioaktiven Isotope ergeben. Muss es denn unerschütterlicher deutscher Wille sein, dass die Menschheit bis zu ihrer baldigen anscheinend unvermeidlichen Auslöschung unverdrossen ihren Urlaub plant, obgleich allsommerlich die Hitzerekorde purzeln? Sollte man nicht eher wünschen, dass eine vernünftig durchdachte Verlängerung der Laufzeiten für die Kernkraftwerke – übrigens in Übereinstimmung mit dem Rest der Welt, den man wahrscheinlich nicht einmal überreden müsste – die schlimme Zeit überbrückt bis eine rettende Lösung des globalen Energieproblems gefunden ist. Sehr wahrscheinlich sind sogar Neubauten in Betracht zu ziehen. Es ist eine der Überlebensfragen der ganzen Menschheit und nicht nur z.B. des deutschen Bundestages. Denkverbote wären verordneter Wahnsinn. Die Frage wird auch in Japan gestellt und debattiert. Man sollte doch annehmen, dass die Japaner nach Hiroshima, Nagasaki und Fukushima wissen, worüber sie nachdenken.

Die Mehrheiten werden schon noch kommen. Nicht gefördert vom Populismus, sondern vom Realitätssinn. Sie werden kommen und zunehmen ebenso wie der Husten, wie das Schwitzen und wie der ungeheure Energiebedarf der Klimaanlagen. Man will es nur noch nicht wahrhaben. Lieber gestattet man dem Smog Zutritt zu den Gehirnen und steckt den benebelten Kopf in den Sand. Ich empfehle jedem, der noch mit sich kämpft, sich gründlich zu „ent“-täuschen, selbst wenn das Ende der Täuschungen sehr weh tut und manchmal eine Freundschaft kosten kann.

Besonders wichtig ist die Befreiung von Selbsttäuschung und Selbstbetrug. Hinterher mag man dann mit dem Finger auf die Feinde zeigen, die nach dieser Katharsis noch als Feinde übrig geblieben sind.«

 

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