Kommentar | 13.12.2016

Gibt es tatsächlich einen Zwang zum Wachstum?

Eine Replik auf den Beitrag von Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt „Können alle Unternehmen Wachstumsverweigerer sein?“.

Gibt es in unserem Wirtschaftssystem einen Wachstumszwang? Wenn ja, woher kommt er und können oder sollen wir uns von diesem Zwang befreien?

Die Probleme sind offensichtlich: Wir leiden unter Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und einem maroden Finanzsystem und gleichzeitig verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum und ist in vielen Ländern gar zum Stillstand gekommen. Da liegt es nahe, das fehlende Wirtschaftswachstum für diese Missstände verantwortlich zu machen und einen ins System eingebauten „Wachstumszwang“ zu postulieren. In der Tat könnten wir mit mehr Wachstum mehr Leute beschäftigen, die Kredite wären sicher und selbst wenn Wachstum die Ungleichheit nicht beseitigt, hätte der Staat doch mehr Geld, um die Verlierer zu entschädigen.

Bleibt die Frage, woher der Zwang zum Wachstum kommt. Die meisten Vertreter dieser These sehen die Ursache irgendwo in den zu großen Ansprüchen des Kapitals auf das BIP. Bei Prof. Margrit Kennedy und ihren Anhängern etwa erzwingen Zins und Zinseszins ein exponentielles Wachstum. Doch das ist die Logik der schwäbischen Hausfrau bzw. des Frankfurter Investmentbankers und hat mit Ökonomie nichts zu tun. In der realen Wirtschaft gibt es keinen automatischen Zinseszins. Ob Geld (re-)investiert wird, hängt vom Wachstum ab, nicht von den Anlageentscheiden der Bänker. Zins ist – genau wie der Lohn – ein Anspruch auf das BIP. Dass die Forderung in Form eines Prozentsatzes auf das eingesetzte Kapital erhoben wird, ändert nichts daran, dass es sich um eine – verhandelbare – Forderung handelt.

Oft wird auch damit argumentiert, dass Wachstum nötig sei, um einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Auch dahinter steckt letztlich ein – doppeltes – Verteilungsproblem. Verteilung der Arbeit und Verteilung der Konsumansprüche. Wachstum kann dieses Problem zwar entschärfen, aber auf Dauer nicht lösen. Schließlich hört man oft den Einwand, Wachstum sei nötig, um die ständig steigenden Ansprüche des Sozialstaats zu finanzieren. Doch wenn die Primärverteilung nicht zunehmend schief wäre, müsste der Sozialstaat für weniger Ausgleich sorgen. Wer behauptet, man könne das Problem mit Wachstum lösen, muss die Verteilungsfrage nicht stellen.

Flassbeck und Steinhardt stellen die Verteilungsfrage. Auch sie orten das Problem bei den zu hohen Ansprüchen des Kapitals. Sie begründen dies gleich doppelt: Zum einen entwerfen sie ein ceteris paribus Modell, in dem sie von einem Zinssatz von 10% ausgehen. Da es in ihrem Modell kein Kapital gibt, kann der Zinsertrag nicht über Investitionen in den Kreislauf zurück fließen. Die zusätzlichen Ansprüche der Kapitalgeber an das BIP könnten somit nur durch zusätzliches Wachstum befriedigt werden – womit der Wachstumszwang bewiesen wäre. Doch dieser Beweis hängt allein von den Modellannahmen ab. Nimmt man alternativ aber nicht ganz unrealistisch an, dass der nötige Kredit zinslos von der Zentralbank zur Verfügung gestellt wird, fällt der Zwang weg. Dasselbe geschieht, wenn der Zinsertrag – wie Flassbeck und Steinhardt im Schlusssatz fordern – durch Steuern abgeschöpft wird.

Doch lassen wir das Modell und wenden uns dem Kausalzusammenhang zu, der damit illustriert werden soll. Zitat:

»Wächst eine kreditbasierte Wirtschaft jährlich nicht so stark, dass Zins- und Zinseszinseffekte kompensiert werden können, sind wirtschaftliche Krisen eine unausweichliche Folge.«

Das ist zumindest dann richtig, wenn wir Zins- und Zinseszins allgemeiner als Anspruch des Kapitals auf das BIP formulieren. Dass diese Ansprüche zu hoch sind, kann man mit einem Modell illustrieren, man kann es aber auch mit einem Blick auf die einschlägigen Zahlen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung einfach feststellen.

Genau dies tun Flassbeck und Steinhardt in den drei Schlussabschnitten ihres Textes. Sie beklagen, die „absurde Situation, die gegenwärtig Deutschland und viele andere Volkswirtschaften kennzeichnet, dass nämlich die Unternehmen selbst Netto-Sparer sind.“ Die regelmässigen Leser/innen von Makroskop wissen das. Sie haben auch schon Dutzende Male gelesen, dass „die wirtschaftliche Krisen unter denen wir leiden, die unausweichliche Folge dieser absurden Situation sind.“

In diesem Punkt stimmen die Autoren dieses Beitrags mit Flassbeck und Steinhardt vollkommen überein: Die Situation ist absurd. Wir haben ein gravierendes Verteilungsproblem und dieses muss gelöst werden – durch Steuererhöhungen, durch höhere Löhne, stärkere Gewerkschaften –  egal.  Ein Dissens bleibt offenbar in der Frage, ob der Zwang zum Wachstum des BIP fortgesteht, wenn das Verteilungsproblem gelöst ist, und warum.

Flassbeck und Steinhardt äußern sich zumindest zur Frage nach dem warum nicht explizit. Sie scheinen aber der Ansicht zu sein, dass wir Wachstum mindestens so lange brauchen, bis wir unser Verteilungsproblem gelöst haben. Das sehen wir – Deimling, Lieb und Vontobel – anders. Zum einen muss bezweifelt werden, ob das BIP-Wachstum, soweit es unter den „absurden“ Verteilungsverhältnissen überhaupt noch stattgefunden hat, überhaut noch erstrebenswert ist. So zeigt z.B. der Nationale Wohlfahrtssindex von Hans Diefenbacher u.a. (hier), dass in den letzten 20 Jahren zwar das Bruttosozialprodukt, aber nicht die nationale Wohlfahrt in Deutschland gestiegen ist.

Wir können also nicht davon ausgehen, dass ein weiteres BIP-Wachstum der Mehrheit unserer Bevölkerung nützt. In Anbetracht der begrenzten natürlichen Ressourcen müssen wir aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, dass wir ein globales Verteilungsdilemma haben: Unser Wachstum schadet den anderen. Flassbeck und Steinhardt räumen denn auch ein: Wachstumsverweigerung ist „aus ethischer Sicht sicherlich zur Nachahmung zu empfehlen“.

Wenn dem aber so ist, dann müssen wir auch Mittel und Wege finden, dass unser System so funktioniert, dass die Welt damit leben kann. Wir können uns nicht einfach auf das klassisches Argumentationsmuster der Neoliberalen berufen: „There is no alternative.“ Das wäre ein moralische Bankrotterklärung. Wenn Unternehmen tatsächlich vom System zum Wachstum gezwungen werden, müssen wir dieses System besser gestern als heute abschaffen. Und da haben die beiden Autoren vollkommen Recht: es bedarf einer „Revolution des gesamten Wirtschaftssystems“, und genau dies machen die beschriebenen Wachstumsverweigerer.

Der britische Soziologe Anthony Giddens entwickelte in den achtziger Jahren die Theorie der Strukturierung, die besagt, dass die Handlungsweisen der Akteure – in diesem Fall der Unternehmen – von der Struktur – in diesem Fall von den marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen – beeinflusst werden, die Akteure aber gleichzeitig die Struktur (re)produzieren und damit die Möglichkeit haben, die Struktur zu verändern. Wenn morgen alle Unternehmen aufhören, zu wachsen, haben wir eine neue Wirtschaftsform.

Die Frage ist bloß: Ist diese neue Form krisenfest. Das wiederum ist – wie erwähnt – ein Problem der Verteilung. Es ist im Grunde uralt. Hätte Karl Marx die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung schon gekannt, hätte er vermutlich auch die „Absurdität des Netto-Sparens“ beklagt. Stattdessen sprach er von „antagonistischen Distributionsverhältnissen, welche die Konsumption der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduzier[en].“

Und obwohl es damals noch keine quantitative Erleichterung gab, erkannte Marx schon damals, dass sich die zyklisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen, zunächst einmal nicht als solche, sondern meist nur als Finanzkrisen darstellen, weil durch immer neue Kredite eine Zeit lang verschleiert wird, dass die Kaufkraft nicht ausreicht, um alle angebotenen Waren zu kaufen. „Es werden zu viele Waren produziert, um den in ihnen enthaltenen Wert und darin eingeschlossenen Mehrwert unter den durch die kapitalistische Produktion gegebenen Verteilungsbedingungen und Konsumtionsverhältnissen realisieren und in neues Kapital rückverwandeln zu können, d.h. um diesen Prozess ohne beständig wiederkehrende Explosionen auszuführen“ (Karl Marx, Das Kapital).

Das Problem ist also uralt. Es lässt sich auflösen, wenn alle Unternehmen ihren Mehrwert so verteilen, dass die Kaufkraft der Bevölkerung tatsächlich alle angebotenen Waren kaufen kann. (Siehe dazu auch diesen Text). Genossenschaften arbeiten so. Auch generelle Lohnerhöhungen, wie sie auch Makroskop rituell gefordert werden, tragen dazu bei, das Verteilungsproblem zu lösen, genau so wie die Umverteilung der Arbeit. Jede(r) soll soviel arbeiten (dürfen), wie zur Deckung seines (ihres) Bedarfs nötig ist.

Dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Zinssystem auch ein Problem ist. Nicholas Gregory Mankiw, der das meistverkaufte VWL-Lehrbuch der Welt geschrieben hat und als einflussreichster Ökonom unserer Zeit gilt, verfasste im Jahre 2009 einen Essay für die New York Times mit dem Titel »It May Be Time for the Fed to Go Negative«. In diesem Beitrag plädiert Mankiw dafür, dass die USA eine Schwundwährung, also einen Negativzins einführen sollen. Neal Soss, Chefökonom der Credit Suisse, schloss sich Mankiw an und empfahl der Federal Reserve ebenfalls die Einführung eines Negativzinses. Die Abschaffung der Zinsen in Verbindung mit einer Umverteilung von Erwerbsarbeit wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Doch wir streiten uns mit Flassbeck und Steinhardt nicht darum, ob wir ein Verteilungsproblem haben. Darüber sind wir uns einig. Es geht bloß darum, ob wir die Verlierer unseres Systems besser stellen können, ohne noch mehr Ressourcen verschleißen zu müssen. Die Autoren meinen, dass wir uns zumindest ernsthaft nach solche Lösungen suchen müssen. Wir sollten uns nicht darauf hinausreden, dass es zum Wachstum keine Alternative gebe.

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