Genial daneben | 12.12.2016 (editiert am 13.12.2016)

Trump stiehlt Keynes und rettet dadurch Europa

Donald Trump, dem einfach alles zuzutrauen ist, wird als US-Präsident John Maynard Keynes aus Europa stehlen und den Europäern dafür Dagobert Duck schenken. Wie man die Linken in Europa endgültig fertigmacht, indem man ihnen ihr geistiges Eigentum entwendet.

Wenn es um die Diffamierung von kritischer Wirtschaftswissenschaft und unorthodoxer Wirtschaftspolitik geht, ist die Süddeutsche Zeitung (SZ) seit langem eine der ersten Adressen. Manchmal hat man den Eindruck, die Wirtschaftsredaktion dieser Zeitung habe direkt von den Marketingstrategen den Auftrag erhalten, die FAZ weit rechts zu überholen, weil nur so ihr Überleben gesichert sei. Dass es dabei geradezu kabarettreif zugehen kann, hat gerade Nikolaus Piper gezeigt, der den Linken damit droht, Trump könnte Keynes stehlen (hier).

Man stelle sich das Szenario nur einmal bildlich vor: Donald Trump wird in Washington vereidigt, stürmt sofort nach der Zeremonie zur Air Force One, lässt sich nach Cambridge, England fliegen, stiehlt John Maynard Keynes, fliegt zurück und macht endlich, worauf alle Linken der ganzen Welt warten, nämlich gepumptes Geld in großen Massen ausgeben.

Da sind alle Linken in Europa erst einmal schockiert, weil ihr geliebter Keynes weg ist und folglich niemals mehr in Europa eingesetzt werden kann. Dann aber begreifen sie schnell, was Sache ist, denn nun erkennen sie, dass Keynes, verkörpert sozusagen von Donald Trump, von den USA aus Europa retten wird. Vergessen wurde bei diesen Erzählungen, dass Donald Trump bei seinem Flug über Europa Dagobert Duck an Bord hatte, den er mit dem Fallschirm abwirft, damit die Europäer sich auch weiterhin mit dem Horten von Geld wirtschaftlich ruinieren.

Piper malt sich in den schönsten Farben aus, wie dumm die Linke jetzt dasteht.  „Seelennöte“ hätten die progressiven Geister jetzt, weil sie sagen müssten, ausgerechnet der rechteste aller Rechten mache ein angemessene Wirtschaftspolitik. Man spürt förmlich, wie er sich schon Notizen für den nächsten Leitartikel macht, in dem er einer linken Regierung in Europa vorwirft, genau die gleiche Politik zu machen wie der Rechte in den USA. Fast scheint es, als glaube er klammheimlich an den Diebstahl und schreibe den Linken im Fall einer Regierungsübernahme schon jetzt ins Stammbuch, sie dürften gar keine keynesianische Politik mehr machen, weil Keynes und alle die Gedanken, die er und seine Anhänger sich jemals gemacht haben, nun unwiderruflich in amerikanischen Besitz sind. Und man weiß ja, wie pingelig die Amerikaner mit ihrem geistigen Eigentum umgehen.

Aber der Trump-Wahn zieht noch weitere Kreise, was ein Beitrag des überzeugten Europäers Daniel Gros beweist, der darauf setzt, dass der gestohlene Keynes von den USA aus Europa rettet (hier). Daniel Gros, der sich seit langem scheut, Ross und Reiter in der Eurokrise zu benennen, hält Keynesianismus in und für Europa vermutlich für ein direkt vom Teufel geschicktes Gift. Flugs freundet er sich jedoch mit dem Gedanken an, der böse Rechte in den USA werde der gefährlichen Droge des Keynesianismus nicht widerstehen können und in Massen Geld ausgeben, das er gar nicht hat. Das könne doch das Exportwachstum in Europa kräftig beleben und das zerstrittene und in einer Rezession gefangene Europa endlich aus seiner Krise befreien.

Auch er erinnert sich – wie sein geistiger Bruder in der SZ – an Ronald Reagan (für die Jüngeren: US-Präsident in den 80er Jahren), der doch schon einmal vorgemacht habe, wie das geht. Man verkündet Angebotspolitik, macht aber hemmungslose Nachfragestimulierung durch höhere staatliche Defizite und schon ist Europa der Nutznießer. Was beide geflissentlich übersehen oder vergessen: Für die USA unter Ronald Reagan waren andauernde und steigende Leistungsbilanzdefizite eine relativ neue Erfahrung. Mittlerweile sind die USA dreißig Jahre ununterbrochen Defizitland und „consumer of last resort“ für die industrialisierte Welt.

Trump hat bisher mindestens so starke protektionistische wie keynesianische Reflexe gezeigt. Er wird nicht wie Reagan sechs bis sieben Jahre warten bis er den notorischen Überschussländern (in den 80er Jahren Deutschland und Japan, jetzt Deutschland und China) die Hölle heiß macht und auf einem Abbau der Überschüsse beharrt, wenn es freien Handel geben soll. Japan hat sich übrigens von dem Schock der Anfang der neunziger Jahre von den Amerikanern erzwungenen Aufwertung des Yen bis heute nicht erholt. Deutschland wurde vor einem ähnlichen Schicksal nur durch das keynesianische Konjunkturprogramm mit Namen „deutsche Vereinigung“ gerettet, weil die Importe in deren Gefolge stark stiegen.

Man spürt bei solchen Pamphleten (bei denen es sich offensichtlich nicht um Beiträge in Satirezeitschriften handelt) die Absicht und ist verstimmt. Dass Europa „seinen Keynes“ nicht mehr benutzen darf, muss man offensichtlich schon gar nicht mehr sagen, es wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Perfide aber kann man nur die Absicht nennen, die Politik, die mit dem Namen „Keynes“ gemeint ist, mit einem „Populisten“ und Super-Rechten gleichzusetzen, sie dadurch zu verunglimpfen und auf diese Weise neue Berührungsängste bei der Linken zu schaffen.

Doch keine Sorge, auch wenn Trump das einzige tut, was er tun kann (vgl. meine Analyse hier, vor der Trump-Wahl geschrieben), um die amerikanische Wirtschaft anzukurbeln, werden wir uns nicht scheuen, das richtig zu nennen, was von der Sache her richtig ist.

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