Theorie | 23.12.2016

Wachstum, Wachstum über alles?

Wenn vorhandene Arbeitslosigkeit abgebaut und die Ungleichheit verringert werden soll, gibt es systemische Zwänge im Rahmen der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung zu beachten, die es als geradezu fahrlässig erscheinen lassen, sich von vorneherein gegen eine Weiterentwicklung der Wirtschaft auszusprechen.

Wir sind mit Werner Vontobel, Daniel Deimling und Manfred Lieb einer Meinung, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) kein guter Maßstab für die Bemessung des Wohlergehens von Menschen ist. Es ist sicherlich auch richtig, dass unsere gegenwärtige Art des Wirtschaftens so viele natürliche Ressourcen verbraucht, dass sie das Überleben der Menschheit infrage stellt. Dennoch ist es nicht ganz leicht, eine ganz andere Wirtschaftsordnung zu entwerfen, die einerseits funktionsfähig und andererseits weniger schädlich für die natürliche Welt ist. Eine wahrlich große Aufgabe, die, soweit wir sehen können, unsere Kollegen in ihrem Beitrag nicht angegangen sind.

Reformvorschläge muss man nach unserer Meinung zunächst auf ihre Realisierbarkeit hin mit Bezug auf die gegenwärtig bestehende Wirtschaftsordnung beurteilen. Diese Herangehensweise lag dem von uns verfassten Artikel zugrunde, auf den sich die Replik von Vontobel, Deimling und Lieb (im folgenden VDL genannt) bezog. Unser Verdikt war nur, dass die von Daniel Deimling beschworene „Unternehmenskulturrevolution“, deren Keim er in den von ihm auf Makroskop vorgestellten, als „Wachstumsverweigerer“ bezeichneten, Unternehmen sieht, kein generell geeignetes Mittel ist, um ökologische und soziale Zielsetzungen zu realisieren.

Wird es eine Produktivitätspolizei geben?

VDL versäumen zunächst einmal klar zu sagen, wie sie ohne Wachstum die durch einen Wachstumseinbruch entstandene Arbeitslosigkeit beseitigen wollen. Das aber ist das Problem vieler Länder in der Eurozone. Die Analyse der Entwicklung des BIP, die auf diesen Seiten in Form von Konjunkturberichten regelmäßig vorgenommen wird, ist daher nicht der Tatsache geschuldet, dass die Herausgeber Wachstumsfetischisten sind, sondern beruhen auf der empirischen Evidenz, dass ein nicht steigendes bzw. sinkendes BIP dazu führt, dass die ohnehin schon Benachteiligten und die Arbeitslosen ohne wirtschaftliches Wachstum keine realistische Chance haben, ein auch im ökologischen Sinne vernünftiges Leben zu führen.

Das einfach als „Verteilungsfrage“ zu titulieren und damit zu suggerieren, diese Frage sei ohne Weiteres politisch lösbar, ist nach unserer Meinung sehr problematisch, denn dass unter gegebenen politischen Bedingungen Verteilungsfragen nicht einfach lösbar sind, weiß eigentlich jedes Kind. Auch das darüber hinaus gehende Problem, wie man in einer Wirtschaft, die sich der Stagnation verschrieben hat, Produktivitätsgewinne realisieren und umsetzen kann, wird von VDL nur beiläufig durch die Forderung nach der Umverteilung von Arbeit „gelöst“.

Wie geht man aber konkret mit dem Versuch von Menschen und Unternehmen um, das, was bisher an technischen Lösungen da ist, zu verbessern und der Masse der Menschen damit das Leben zu erleichtern? Wird es vielleicht eine Produktivitätspolizei geben, die verhindert, dass neue technische Verfahren umgesetzt werden, weil dabei unter Umständen alte Arbeitsplätze obsolet werden? Müssen die Lastwagenfahrer noch eintausend Jahre lang ihre mörderischen Touren quer über den europäischen Kontinent machen, weil ja beim Einsatz von selbstfahrenden Autos womöglich Wachstum über höhere Produktivität entstünde?

Produktivität und Sparen bei Null-Wachstum

Es ist auch bedauerlich, dass sich VDL nicht mit der damit unmittelbar zusammenhängenden Frage auseinandersetzen: Wie kann man potentielle Produktivitätsgewinne durch die von ihnen offenbar favorisierte Arbeitszeitverkürzung umsetzen, ohne den Anreiz für die Unternehmen und alle anderen privaten Erfinder und Tüftler zu beseitigen? Scheitert eine Verbesserung der Produktionstechnik und der Produkte bei dieser Strategie nicht schlicht daran, dass es dann an der notwendigen Nachfrage mangelt ? Dass das Problem nicht einfach mit dem Hinweis auf Arbeitszeitverkürzung zu umgehen ist, hat Heiner Flassbeck zusammen mit Friederike Spiecker in einer langen Reihe von Artikeln, die im Archiv von Makroskop abrufbar sind, gezeigt (hier der erste davon).

Noch bedauerlicher ist, dass VDL sich mit unserer eigentlichen Kritik an den von Deimling beschriebenen „genügsamen Unternehmen“ gar nicht auseinandersetzen, nämlich mit der Frage, wie man Null-Wachstum realisiert, wenn es Geld bzw. Sparversuche gibt.

Mit einem kleinen ceteris paribus Modell hatten wir versucht, zu illustrieren, dass bei einem absolut stagnierenden BIP die Kreditaufnahme der Unternehmen (bei positiven Zinssätzen) ein Grund dafür sein kann, dass das BIP sinkt, weil den Unternehmen eine sogenannte Schuldendeflation droht. Schuldendeflationen entstehen, vereinfacht gesagt, weil die Höhe der Kredite an Unternehmen und die sich daraus ergebende Verpflichtungen zur Tilgung und Zinszahlung am Tage des Abschlusses des Kredits nominal fixiert werden. Sinken die Einkommen der Unternehmen nominal, dann haben die Unternehmen Schwierigkeiten, ihre Kredite zu bedienen. Daraus resultiert ein Druck, Kosten zu reduzieren und dazu auch Beschäftigte zu entlassen, was die Einkommen weiter sinken lässt.

Auch Null-Wachstum ist nicht nachhaltig

Diesem Problem kann man nicht so leicht entkommen, wie das VDL unterstellen. Man kann sich natürlich eine reine Kreislaufwirtschaft vorstellen, bei der die vorhandenen (und niemals mehr zu ändernden) Einkommen vollständig konsumiert werden, so dass man keine Kredite braucht, weil auch nicht neu investiert werden kann. Ob eine solche, abgesehen von Ersatzinvestitionen, investitionslose Wirtschaft in alle Ewigkeit bestehen kann, muss man bezweifeln. Denn auch bei Nullwachstum werden mit der Zeit alle Ressourcen, die diese Erde hat, aufgebraucht, die Luft wird verpestet und die Böden werden, wie man an vielen absolut stationären Gesellschaften beobachten kann, zerstört. Es wird bei diesen Gesellschaften, Nomadenstämme sind das beste Beispiel, nur so lange nicht evident, so lange sie noch Flächen haben, die nicht zerstört sind.

Wesentlich schlechter wird das Bild für VDL noch, wenn man realistischer Weise in die Überlegung einführt, dass auch bei Null-Wachstum viele Menschen versuchen werden durch Sparen, also durch das Zurückhalten von Ausgaben, für die Zukunft vorzusorgen. Da muss man sich als Ökonom ganz hart entscheiden, was man für sinnvoll hält. Man kann einerseits der Neoklassik vertrauen, die den Trost bereithält, dass jedes Sparen automatisch über den Zins in Investition transformiert wird. Dann kann man Wachstum aber nicht ausschließen und man kann das Ergebnis der Investitionen auch nicht einfach wegregulieren, ohne den Prozess als solchen zu zerstören.

Man kann aber auch, wie wir das für sinnvoll halten, von vorneherein bestreiten, dass es eine solche Umwandlung von Ersparnis in Investitionen gibt (weil, wie viele Male gezeigt, der Zinsmechanismus nicht funktionieren kann). Dann muss man aber Geld anderweitig in das System einführen und das macht es noch viel weniger einfach, dem Wachstum oder der Entwicklung (was einfach das bessere Wort ist, weil es ja niemals um die bloße Wiederholung dessen geht, was es schon gibt) zu entkommen.

Wachstumsverweigerer dürften sich schwerlich für einen Kredit qualifizieren

Unsere gegenwärtige Wirtschaftsordnung ist essentiell eine Geldwirtschaft. Wirtschaftstheorien, die davon ausgehen, dass immer nur Waren gegen Waren getauscht werden bzw. die Transaktions-Partner in der Regel immer simultan untereinander eine kreditähnliche Beziehung eingehen, werden dieser Tatsache nicht gerecht. Möchte ich z.B. Lebensmittel erwerben, dann gehe ich nicht in den Supermarkt und versuche sie mit einem unserer Artikel zu tauschen, noch setzen wir darauf, dass man mich dort anschreiben lässt. Wir gehen davon aus, dass wir die Lebensmittel mit Geld, mit Euros, bezahlen müssen. Kennzeichnend für Geldwirtschaften ist also die Verwendung eines allgemein akzeptierten Zahlungsmittels.

Ganz überwiegend sind diese Zahlungsmittel inzwischen Guthaben auf einem Girokonto. Die Bezahlung eines Wirtschaftsguts erfolgt in diesem Fall durch einen Überweisungsvorgang vom Konto eines Käufers auf das Konto des Verkäufers. Die Frage ist nun, wer dieses Zahlungsmittel unter welchen Bedingungen zur Verfügung stellt. Zumindest ein Teil der Zahlungsmittel, die benötigt werden, um ein bestimmtes BIP zu „produzieren“, werden von Geschäftsbanken über die Vergabe eines Kredits zur Verfügung gestellt. Der Vergabe eines Kredits geht eine Kreditwürdigkeitsprüfung voraus. Fällt diese positiv aus, dann wird das Zahlungsmittel „Giralgeld“ durch einen einfachen Buchungssatz geschaffen: Per Forderungen aus Kredit an Girokonto des Kreditnehmers.

Nimmt ein Unternehmen z.B. einen Kredit auf, dann muss die Bank also der Meinung sein, dass die durch diesen Buchungssatz geschaffenen Kaufkraft so verwendet wird, dass der Kredit auch bedient werden kann. Eine Kreditvergabe setzt damit immer die Erwartung voraus, dass das Unternehmen Geldüberschüsse erwirtschaften kann. Wenn aber die Kosten der Unternehmung als fixiert angenommen werden, dann setzen solche Geldüberschüsse voraus, dass das Unternehmen seine Umsätze steigern kann. Wachstumsverweigerer dürften sich daher schwerlich für einen Kredit qualifizieren.

Wenn nun in einer solchen Wirtschaft regelmäßig zehn Prozent des erwartenden Einkommens von den privaten Haushalten gespart werden soll, dann muss es einen Kreditprozess geben, der dazu führt, dass trotz der regelmäßig um zehn Prozent „zu geringen“ Nachfrage der privaten Haushalte so viel investiert wird, dass das Einkommen wenigstens gleich bleiben kann. Das funktioniert aber nur – und das beweist die gegenwärtige miserable Wirtschaftslage in Europa unmittelbar und unser kleines Modell mittelbar –, wenn insgesamt die Erwartung der Unternehmen auf eine kräftige Ausweitung der Nachfrage ausgerichtet ist. Das kann es aber nur geben, wenn auch die Einkommenserwartung der privaten Haushalte positiv ist, was wiederum eine erhebliche Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung voraussetzt.

Wenn die Unternehmen zu Sparern werden

Sicherlich ist es denkbar, dass auch bei unverändertem BIP einzelne Unternehmen steigende Umsätze erzielen und daher ihre Kredite planmäßig bedienen können. Wenn aber eine große Anzahl von Unternehmen gebraucht wird, die Kredite aufnehmen, um ein Sinken des BIP zu verhindern, dann geht das nur bei positiven Erwartungen über die Umsatzentwicklung der Zukunft.

Wirklich schlimm wird es dann, wenn sich die Unternehmen insgesamt so verhalten wie in dem ursprünglichen Artikel anhand von einigen Beispielen von Daniel Deimling beschrieben, nämlich selbst zu Sparern werden. Dann kann eine solche Wirtschaft nur vom Staat mit seiner Kreditaufnahme vor dem Absturz bewahrt werden. Wie wir aber schon in unserem ersten Beitrag gesagt haben: Ob es ein Fortschritt ist, wenn einzelne Unternehmen oder die Unternehmen insgesamt sich eine ruhige Nische suchen, der Staat aber die gesamte Sparlast zu tragen hat, mag jeder für sich beantworten. Man darf aber nicht den Eindruck erwecken, es sei selbstverständlich oder gar gut, dass Unternehmen hohe Gewinne fast ohne Risiko erzielen. Vollends unglaubwürdig wird ein solcher Standpunkt, wenn man gleichzeitig die Umverteilung von unten nach oben beklagt.

Die sozialen Folgen von Rezession, Schuldendeflation und falscher Wirtschaftspolitik kann man in vielen Ländern der Eurozone aus nächster Nähe betrachten. Die soziale Not in Ländern wie z.B. Griechenland oder Spanien ist zweifellos kein Fortschritt, obwohl dort sehr erfolgreich das „gefährliche BIP“ reduziert wurde. Ein Appell, die Arbeit und die Konsummöglichkeiten dort irgendwie anders zu verteilen, ändert an der Not der Menschen nichts. Ohne das Wirtschaftswachstum in diesen Ländern wieder anzukurbeln, ist eine Besserung der sozialen Lage vieler Menschen in diesen Ländern schlicht undenkbar.

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