Aufgelesen | 27.01.2017

Viele Perlen, aber keine Kette

Mein Versuch, Michael Hudsons Buch zu besprechen, ist leider gescheitert. Zu wenig konsequent arbeitet er sich an einem komplexen Thema ab und sieht alles durch die stark getönte Schuldenbrille.

Gleich mehrere Leser haben uns gebeten, zu dem neuen Buch von Michael Hudson Stellung zu nehmen. Das ist bei 600 Seiten leichter gesagt als getan. Paul Steinhardt hat angefangen, sich durch das Buch zu kämpfen, aber nach 250 Seiten aufgegeben. Ich begann mit der leichteren Variante und konzentrierte mich zunächst auf eine Kernaussage des Autors. Wenn man nämlich einem Autor eines 600 Seiten Buches die Frage nach seiner Hauptbotschaft stellt, so wie der Deutschlandfunk das getan hat (hier), dann sollte ein Autor, der wirklich etwas zu sagen hat, auch in der Lage sein, eine klare Antwort zu geben. Ist diese Antwort unverständlich oder gar unbegreiflich, muss man ernsthaft überlegen, ob man sich die Mühe macht, das Buch detailliert anzuschauen.

In der schriftlichen Fassung des Deutschlandfunks liest sich die Hauptbotschaft wie folgt:

»Michael Hudson wirkt fassungslos, wenn er darüber sinniert, wie wenig heute das ökonomische Einmaleins Allgemeingut ist und wie wenig sich nach der Finanzkrise getan hat, um die grundlegenden Probleme unseres Wirtschaftssystems zu lösen. Fragt man ihn nach der Hauptbotschaft seines mehr als 600 Seiten umfassenden Buches „Der Sektor“, fällt seine Antwort kurz und präzise aus: Wenn man die Schulden nicht abschreibt auf eine Höhe, die bezahlbar ist, dann ähnelt Europas Zukunft der des heutigen Griechenland. Wenn die Schulden wie in vielen Ländern auf hundert Prozent des Bruttoinlandsprodukts wachsen und die Zinsen betragen fünf Prozent, vier Prozent oder auch nur drei Prozent, die Wirtschaft aber nur um drei Prozent wächst, dann muss das ganze jährliche Wirtschaftswachstum für Zinsen bezahlt werden. Es gibt dann keinen Raum für ein Wachstum des Konsums, Wachstum der privaten Investitionen oder Wachstum durch kreditfinanzierte Staatsausgaben. Ökonomen nennen diese Situation Schuldeninflation.«

Das ist eine mehr als seltsame Analyse und was bitte ist, darauf aufbauend, das ökonomische Einmaleins des Michael Hudson? Die Rechnung als solche ist richtig, aber die Folgerung ist absurd. Wenn der Staat in Deutschland bei drei Prozent Zinsen und einhundert Prozent Staatsverschuldung etwa neunzig Milliarden an Zinsen bezahlt, wer bekommt die neunzig Milliarden dann? Sind die einfach weg? Nein, die bekommt natürlich jemand und in einem Land, in dem die Staatsanleihen überwiegend im Inland gehalten werden, bekommen die neunzig Milliarden der private Sektor im Inland.

Aber auch wenn viele Anleger im Ausland sitzen, ist es kein Problem, denn auch diese Anleger werden das Geld auf die eine oder andere Form wieder in den Kreislauf der Wirtschaft zurückschleusen. Nichts ist verloren und nichts behindert das Wachstum des privaten Konsum oder der privaten Investitionen.

Wohin geht der Zinsertrag?

Hudson vermutet wohl, dass die neunzig Milliarden in den von ihm beschriebenen „Sektor“ Finanzwirtschaft gehen und dort verschwinden. In der Tat werden die meisten Staatsanleihen in Deutschland von den Banken (und der EZB, siehe unten) gehalten. Das aber hat auch keine große Bedeutung, weil die Banken den Großteil ihres Zinsertrages an die Sparer und sonstige Geldanleger weitergeben. Dass die privaten Anleger die Staatsanleihen nicht selbst halten, ist eine Eigentümlichkeit des Bankensektors in einigen Ländern. Das ist eigentlich nicht zu rechtfertigen, hat sich aber in einer Reihe von Ländern leider so entwickelt.

Empirisch ist es jedenfalls eindeutig, dass der Sektor „finanzielle Unternehmen“ nicht das Problem beim „Verschwinden“ von Einkommen auf Sparkonten darstellt. Dieser Teil des Unternehmenssektors hat in der Regel nur eine ganz gering positive Bilanz (also nur gering höhere Einnahmen als Ausgaben). Das weit größere Problem, wir haben es schon oft dargestellt, sind die „nicht-finanziellen Unternehmen“, die in großem Ausmaß Sparer geworden sind.

Gegenwärtig ist es sogar so, dass die Zinsen in vielen Ländern der Welt Null oder negativ sind. Folglich kann der Staat sich „umsonst“ verschulden und investieren. Das gilt übrigens auch für Japan, wo die Staatsverschuldung mehr als 250 Prozent am Bruttoinlandsprodukt beträgt. Wie kann das sein, dass bei einer „mörderischen Verschuldung“ aus Hudsons Sicht, diese Volkswirtschaft nicht vollständig zusammengebrochen ist und der Zins ins unermessliche steigt?

Hinzu kommt, dass die EZB einen erheblichen Teil der aus der Vergangenheit noch zinstragenden deutschen Staatstitel aufgekauft hat. Die Zinserträge aus den Titeln, die von der EZB gehalten werden, fließen aber direkt an den Staat zurück in Form von Gewinnen der Zentralbank. Was wäre, wenn die Zentralbank, ob bei Nullzinsen oder nicht, alle Staatstitel hielte? Dann würde der Staat nie einen positiven Zins bezahlen, weil er alle Zinszahlungen automatisch zurückbekäme. Würde dann die Welt untergehen?

Offensichtlich hat Michael Hudson auch noch nie etwas vom Zusammenhang zwischen Sparen und Verschulden gehört, sonst könnte er ja nicht so naiv argumentieren. Wer aber davon noch nie etwas gehört hat und über die Probleme der Verschuldung des Staates redet, kann nur gewaltige Fehler machen. In einer Welt, in der die privaten Haushalte und die Unternehmen versuchen, Ersparnisse zu bilden, also weniger ausgeben als sie einnehmen, muss offensichtlich der Staat absolut zwingend jedes Jahr genau in Höhe dieser neuen Ersparnisse mehr Schulden machen (also mehr ausgeben als einnehmen), weil sich sonst die Wirtschaft permanent in einer Rezession befindet.

Schuldenphobie

So blieb mir nichts anderes übrig, ich musste mir das Buch anschauen. Das aber macht es einem nicht leicht, weil schon auf den ersten Seiten (im Vorwort zur deutschen Ausgabe) klar wird, dass der Autor eine Schuldenphobie hat und irgendwie daran glaubt, dass der „Sektor“, also der Finanzsektor (die ein Prozent!), die Wirtschaft und die Haushalte (die 99 Prozent) mit hohen Zinsen erwürgt. Zudem arbeitet er (oder der Übersetzer) extrem unsauber, weil er immer das Wort „Schulden“ verwendet, aber für ganz unterschiedliche Tatbestände und Definitionen.

Auf Seite 13 lernt man beispielsweise, dass das obige Beispiel mit den 100 Prozent Schulden (er unterscheidet auch hier nicht zwischen Brutto- und Nettoschulden, was einen schon verrückt macht) am BIP sich nicht auf den Staat alleine bezieht, sondern auf die privaten Haushalte, die Unternehmen und den Staat zusammen.

Dann kommt eine „Ableitung“, nach deren Lektüre ich das Buch zum ersten Mal in die Ecke werfen und für immer vergessen wollte. Er argumentiert auch hier, die Wirtschaft müsse um fünf Prozent wachsen, um bei (frei angenommenen fünf Prozent Zinsen) die Zinsen bezahlen zu können. Das aber, sagt er, gehe nicht, weil die Wirtschaft ja nicht um fünf Prozent wachse. Deswegen müssten die Schulden aus der Substanz bedient werden, was dazu führe, dass weniger Einkommen für Produktion und Konsum zur Verfügung steht – aber nur, weil er das Einkommen des Finanzsektors, wie oben beschrieben, nicht zur Volkswirtschaft zählt.

Von dort springt er unmittelbar auf Griechenland, wo sich die „Verschuldung“ (gemeint ist hier aber die des Staates allein) auf 180 Prozent am BIP belaufe, was bei fünf Prozent Zinsen Aufwendungen von neun Prozent des BIP bedeuteten. Das führe zur Schrumpfung der Binnenmärkte und der Beschäftigung. Das sei die Schuldendeflation, an der „Volkswirtschaften verarmen und zerfallen, weil Einkommen und Vermögen an die Gläubiger übergehen“ (die er jetzt plötzlich als Wirtschaftssubjekte entdeckt). Was die Gläubiger mit dem Geld machen, erfährt man nicht.

Auf der Basis dieser Überlegungen fordert Hudson gar einen „Schuldenerlass zur Konjunkturbelebung“ für die USA und Europa (Seite 14). Das aber ist, ich kann es nicht anders sagen, vollkommen absurd. Warum sollte man (und wer sollte das beschließen?) allen Sektoren (???) die Schulden erlassen, die letztlich alle Sektoren besitzen??? Was soll das bewirken? Selbst einem Staat wie den USA oder Deutschland die Schulden zu erlassen, ist, wie wir hier oft erklärt haben, mehr als absurd.

An der Stelle, man möge mir das verzeihen, hatte ich geistig mit dem dicken Buch eigentlich schon abgeschlossen. Wer im Jahr 2015 ein Buch zu Ende bringt und in einem deutschen Vorwort ein Beispiel mit fünf Prozent Zinsen macht, ohne zu fragen, warum mittlerweile positive Zinsen in allen großen Ländern praktisch nicht mehr existieren, hat irgendetwas grundlegend falsch gemacht. Warum ist der Zins verschwunden, wo Hudson doch mit jeder Zeile suggeriert, der Zins sei der Blutsauger schlechthin und die Welt treibe „wegen der mathematischen Regeln von Zins und Zinseszins“ unweigerlich in eine Schuldenkrise, weil „auf mathematischen Kalkulationen basierende finanziellen Forderungen schneller wachsen als die Volkswirtschaft selbst“ (Seite 20)? Warum erholten sich die europäische und die japanische Volkwirtschaft nicht, obwohl bei letzterer der Zins schon 25 Jahre lang nahe Null ist? Warum hat sich bei Nullzinsen die amerikanische Volkswirtschaft nach 2009 schnell erholt, nicht aber die europäische?

Ein weiteres Mal blätterte ich einige Seiten und traf schon auf Seite 23 die nächste Stelle, die mich fast zum Aufgeben zwang. Da wird nämlich die Mexiko-Krise von 1982 und die lateinamerikanische Krise gleich mit zu einer Krise des Zinseszinses erklärt, was sie mit Sicherheit nicht war. Und die Kreditvergabe an die Länder der Dritten Welt, so Hudson, nahm die Immobilienblase vorweg, die 2008 platzte. Das ist zu viel der pauschalen Urteile oder Vorurteile, da macht es keinen Sinn mehr, eine sachliche Auseinandersetzung zu suchen. Als er auf Seite 31 auch noch David Graebers Buch über die Schulden lobte, war der Zeitpunkt des Abschieds ganz nah gekommen.

Meinen letzten Versuch startete ich mit dem Abschnitt über die „Abschöpfung von Kapital aus dem Kreislauf von Produktion und Konsum“ auf Seite 136 (der Vorgang wird aber auch schon in fast den gleichen Worten auf Seite 60 „erklärt“), der vom Sparen handelt. Aber auch hier findet man leider keine klare Vorstellung, weder vom Sparvorgang selbst (Keynes wird erwähnt, bleibt aber unverständlich) noch von den relevanten Definitionen. Vor allem taucht der absolut zentrale Zusammenhang der Netto-Spar und Schuldensalden in einem Land und auf der Welt, der hier sehr oft als Grundlage für Analysen dient, nicht ein einziges Mal auf.

Michael Hudson weiß sicher sehr viel, es gelingt ihm aber nicht, dieses Wissen systematisch zu fassen und zu einer eigenständigen Theorie auszubauen. So bleibt fast alles, was ich gesehen habe, Stückwerk und taugt nicht zu einem neuen Verständnis des „Sektors“, von der Volkswirtschaft ganz zu schweigen.

So weit meine gescheiterte Buchbesprechung. Sollte ein Leser das Buch aber ganz lesen und herausfinden, dass ich falsch liege und Michael Hudson verzerrt dargestellt habe, bin ich gerne bereit, meine Meinung zu korrigieren. Lesen werde ich aber auch dann das Buch sicher nicht.

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