Theorie | 10.01.2017 (editiert am 27.01.2017)

Was die Wirtschaft antreibt: Globalisierung, Automatisierung und Wirtschaftspolitik – 1

Globalisierung und Automatisierung sind keine quasi-autonomen „natürlichen“ Entwicklungen, sondern immer Teil dessen, was Menschen und Nationen wollen und zulassen.

In den letzten Wochen und Monaten hat es eine gewaltige Welle von Äußerungen gegeben, die alle einen Tenor haben: Globalisierung und Automatisierung überfordern die Masse der Menschen. Das mache die Bürger und Wähler unsicher und sie verschrieben sich vermehrt dem Populismus, sie liefen also denen hinterher, die versprechen, sie könnten die unumgänglichen Anpassungsschmerzen, die von der Globalisierung und der Automatisierung hervorgerufen werden, lindern oder gar verhindern.

Brexit, der Sieg von Donald Trump in den USA und die Gewinne rechter Parteien in Europa werden von den „Leitmedien“ und der Politik fast unisono diesem Globalisierungskomplex zugeschrieben. Die zunehmende Ungleichheit, die zunehmende Unzufriedenheit mit der eigenen wirtschaftlichen Situation, alles ist am Ende in der konventionellen Sichtweise das Ergebnis der mangelnden Bereitschaft, sich den Anpassungserfordernissen zu stellen, die dem Einzelnen zwar weh tun können, im Großen und Ganzen aber unseren Wohlstand erhöhen. Wollt ihr, so die unterschwellige Botschaft der Populismus-Kritiker, die bittere Medizin von „Flexibilität“ und „Anpassungsbereitschaft“ nicht schlucken, wird euch am Ende der Populismus mit seiner unerträglichen Leichtigkeit des Seins zur Hölle schicken.

Ist die Globalisierung Schicksal?

Die Globalisierung, sagt Peter Bofinger in der Frankfurter Rundschau, habe zwei Seiten, sie nütze den Nationen, aber sie schade dem Einzelnen, weil der zusätzliche Wohlstand ungleich verteilt wird (hier). Die Manager in Deutschland und anderswo sind in Alarmstimmung, schreibt das Handelsblatt (hier), weil es immer mehr Menschen schwierig finden, mit der sich schnell verändernden Welt klarzukommen. Man fürchtet neue Handelskriege, weil die Populisten nicht bereit sind, die notwendigen Härten des globalen Strukturwandels durchzusetzen. Thomas Fricke sieht die „entgleiste Globalisierung“ als das entscheidende Problem an (hier) und findet gar zwischen den Suizidraten in bestimmten Regionen der USA und der Globalisierung einen engen Zusammenhang (hier).

Mark Schieritz in der ZEIT fürchtet, dass Deutschland für sein „Bemühen“, als Vorsitz der G 20 die „Wunden der Globalisierung zu heilen“, kaum internationale Partner findet (hier), und seine Kollegen in der gleichen Gazette sehen einen Aufstand gegen den Freihandel, obwohl sie feststellen, dass es in Deutschland mehr Gewinner als Verlierer des Freihandels gibt (hier). Sie stellen sogar fest, dass sich in Deutschland Industriezweige halten konnten, die es ohne diesen Handel vielleicht gar nicht mehr gäbe und fragen verzweifelt, wieso dann trotzdem der Unmut gegen die Globalisierung wächst? Dazu kommt Pascal Lamy (ein früherer Generaldirektor der Welthandelsorganisation), zu Wort, der zum Besten geben darf, dass „Populisten“ sagen, Importe seien schlecht und Exporte gut, obwohl jeder drittklassige Ökonom (Lamy ist kein Ökonom) wisse, dass das Unsinn sei.

Plusminus in der ARD schafft es (hier), mit Hilfe der Bertelsmann-Stiftung (reine Lobby-Stiftung!) und des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (reines Lobby-Institut!) zu „erklären“, dass Freihandel auf jeden Fall gut und Globalisierung damit ungefährlich ist (Norbert Häring hat die Sendung hier im Detail und auf sehr angemessene Weise zerpflückt). Julian Nida-Rümelin glaubt (hier), dass Phasen der Entglobalisierung sehr gefährlich seien, was man daran erkennen könne, dass die Phase der Globalisierung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im „Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg“ endete (Paul Steinhardt hat das vergangene Woche hier auseinandergenommen).

In der FAZ, wie könnte es anders sein, wird ausführlich beschrieben (hier), wie sehr der freie Handel von der Gegenseitigkeit lebt, dass das internationale Wirtschaftsgeschehen als Ergebnis der unzähligen optimierenden Spar-, Investitions- und Konsumentscheidungen privater Haushalte, Unternehmen und Staaten anzusehen ist und keineswegs einseitig zu lasten bestimmter Länder gehen kann, wenn auch Härten für Einzelne natürlich nicht zu vermeiden sind.

Ähnliche Listen ließen sich zur Automatisierung erstellen, deren Problematik ich im vergangenen Jahr schon ausführlich dargestellt habe (hier der erste von drei Teilen). Auch hier geht es in der Regel um die Härten und die Anpassungsbereitschaft, die technologische Veränderungen dem Menschen abverlangen. Gerade hat mir ein Leser einen Hinweis auf einen interessanten Vortrag von Richard David Precht geschickt (hier zu finden), in dem der Philosoph plastisch beschreibt, wie sehr die Technologie unseren Alltag in den nächsten Dekaden verändern wird.

Wo bleibt die Wirtschaftspolitik?

Ich möchte in dieser dreiteiligen Serie versuchen zu zeigen, dass schon die Fragestellung, so wie sie in den obigen Äußerungen und Papieren dargestellt wird, in die Irre führt. Es gibt weder die Globalisierung, noch die Automatisierung, die wir aus dem großen Fluss der wirtschaftlichen Entwicklung herauspräparieren und isoliert analysieren können. Man kann natürlich konkrete Modelle konstruieren, in die man bestimmte Effekte einführt, die so aussehen, als seien sie Ergebnisse von Globalisierung und Automatisierung. Das Problem: Es gibt keine Modelle, die das einfangen, was wir wirtschaftliche Dynamik nennen. Alle statischen Gleichgewichtsmodelle oder auch dynamisierte statische Modelle, wie sie in der sogenannten Wachstumstheorie Verwendung finden, sind von vorneherein nicht geeignet, das abzubilden, worum es gehen sollte.

Der Kern der Geschichte ist eigentlich leicht zu verstehen. Wirtschaftliche Entwicklung besteht immer aus einem Zusammenspiel von Kräften, wie denen der Globalisierung und Automatisierung auf der einen Seite und den Reaktionen darauf, die aus menschlichem Handeln einschließlich der von den Menschen gemachten Wirtschaftspolitik bestehen. Geldpolitik, Finanzpolitik, Lohnpolitik sowie die unterschiedlichen Methoden der außenwirtschaftlichen Absicherung, die Nationen benutzen, um sich gegen allzu große Schocks von außen abzusichern, sind nicht etwas dem System der Marktwirtschaft Fremdes, sondern sie sind integraler Bestandteil des Bemühens der Menschen, das System für ihre Zwecke zu nutzen. Wer folglich über Globalisierung und Automatisierung redet, ohne über Wirtschaftspolitik zu reden, liegt grundsätzlich falsch.

Es gibt keine natürliche Ordnung

Man muss sich, um zu vernünftigen Schlussfolgerungen zu gelangen, radikal von der Vorstellung lösen, es gebe sozusagen eine göttliche oder natürliche Ordnung, die im Kern alles richtig macht und die von den Aktionen der Menschen eigentlich nur gestört wird. Diese Ideologie, die vom deutschen Ordoliberalismus nach dem Zweiten Weltkrieg neu „erfunden“ und vom Neoliberalismus in der ganzen Welt verbreitet wurde, schafft eine künstliche Trennung vom Markt und Staat, die nichts mit der Lebenswirklichkeit unserer Markt- und Geldwirtschaften zu tun hat. Offenkundig ist das beim Staat, der mit seinen Handlungen nicht einfach verschwindet, nur weil eine bestimmte Ideologie das so will. Es gibt keinen Markt, dessen Entwicklung man beschreiben und analysieren könnte, ohne den Staat in allen seinen verschiedenen Ausprägungen zu berücksichtigen.

Das gilt genauso für den Rechtsrahmen, den der Staat setzt, wie für das Steuer- und Transfersystem, die Nachfrageseite der Volkswirtschaft und insbesondere für das Geldsystem. Auch die Trennung in Ordnungspolitik und Prozesspolitik, die von den deutschen Ordoliberalen in die Welt gesetzt wurde, ist überwiegend eine reine Fiktion. Die Geldordnung wird vom Staat genauso bestimmt wie die tägliche Ausstattung der Wirtschaft mit Geld, und der Zins wird direkt vom Staat festgelegt.

Auch bei der Kooperation von Volkswirtschaften in der globalisierten Wirtschaft stellen die Staaten und niemand sonst die Weichen. Ob feste oder flexible Wechselkurse die Währungsrelationen zwischen den Währungen verschiedener Volkswirtschaften bestimmen, ob es Zölle und andere Handelsschranken gibt, immer sind es die Staaten und nicht Märkte, die darüber entscheiden, auf welche Weise und mit welchen Auswirkungen Güter und Kapital über die Grenzen strömen. Die Finanzmärkte, insbesondere die internationalen, funktionieren niemals so, wie sich das eine naive neoklassische Theorie ausgedacht hat.

Noch wichtiger ist, dass die Arbeitsbeziehungen (um das Wort Arbeitsmarkt zu vermeiden) nirgendwo auf der Welt den „Gesetzen“ der Neoklassik bzw. des Neoliberalismus folgen. Es gibt keine funktionierenden Arbeitsmärkte im neoklassischen Sinne, weil es keine unabhängigen Angebots- und Nachfragekurven am sogenannten Arbeitsmarkt gibt (vgl. dazu den Artikel hier). Damit die Arbeitsbeziehungen funktionstüchtig sind, muss der Staat immer wieder in der verschiedensten Form eingreifen.

Damit ergibt sich von vorneherein ein Bild der Welt, bei dem die mit Abstand wichtigsten Preise in der Marktwirtschaft, der Zins, der Lohn und der Wechselkurs, niemals frei von staatlicher Einflussnahme sind oder sogar vollständig vom Staat gesetzt werden.

Angemessen für die Behandlung solcher Phänomene wie Globalisierung und Automatisierung ist daher nur eine Vorgehensweise, die im Lichte dessen, was wir an dynamischer Theorie kennen, immer sofort und konsequent danach fragt, welche Rolle die Wirtschaftspolitik bei den Entwicklungen spielt, die von enger verbundenen Märkten oder neuer Technologie angestoßen werden.

P.S.: Für diejenigen, die noch ein wenig tiefer in die Thematik einsteigen wollen: Ich habe 1997 mit zwei Mitarbeitern für die Friedrich-Ebert-Stiftung eine kleine Studie zum Thema Globalisierung gemacht, von der ich auch heute noch nur wenig zurücknehmen muss (hier zu finden).

Lesen sie im zweiten Teil, wie sich die Prozesse, die von der Globalisierung und diejenigen, die von der Automatisierung angestoßen werden, unterscheiden und was das für die Wirtschaftspolitik bedeutet.

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