Theorie | 19.01.2017 (editiert am 27.01.2017)

Was die Wirtschaft antreibt: Globalisierung, Automatisierung und Wirtschaftspolitik – 2

Im zweiten Teil dieser Serie wird erklärt, welche Prozesse die Globalisierung mit sich bringt und wie sie sich auf Industrieländer auswirken. Damit wird die Beantwortung der Frage vorbereitet, ob und welcher Handlungsbedarf sich für die Wirtschaftspolitik ergibt.

Was ist Globalisierung? Oder besser, welche Prozesse werden heute üblicherweise unter dem Begriff der Globalisierung abgehandelt? Im Grunde geht es um zwei nicht unmittelbar miteinander in Verbindung stehende Vorgänge. Der erste ist der einfache Austausch von Waren und Dienstleistungen, das, was wir üblicherweise als internationalen Handel bezeichnen. Der zweite ist die Verlagerung von Produktion von einem Land in ein anderes, etwa deswegen, weil in einem Entwicklungsland die Löhne niedriger sind und sich daraus Möglichkeiten ergeben, Dinge, die bisher in einem Hochlohnland produziert wurden, billiger herzustellen.

Automatisierung, das kann ich hier kurz fassen (hier wurde das ausführlicher behandelt), ist immer ein Prozess, bei dem mehr Kapital in einem bestimmten Produktionsprozess zum Einsatz kommt oder aber der Einsatz einer ganz anderen Technologie. Beide führen dazu, dass bei gegebenen Löhnen schon bekannte Produkte billiger hergestellt werden. Aber auch die Schaffung ganz neuer Produkte geht oft mit Produktionsverfahren einher, für deren Herstellung man relativ wenig menschliche Arbeitskraft braucht. Folglich kann man den Vorgang aus gesamtwirtschaftlicher Sicht immer als einen Prozess beschreiben, bei dem die Arbeitsproduktivität (also das BIP pro geleisteter Arbeitsstunde) steigt und – bei steigenden Löhnen und damit gegebener Inflationsrate – das Realeinkommen in der Volkswirtschaft steigen kann (bzw. bei konstanten Löhnen über fallende Preise das Realeinkommen steigt).

Globalisierung und die ToT

Auch bei den verschiedenen Globalisierungsvarianten spielt steigende Produktivität eine entscheidende Rolle. Schon bei der Zunahme des normalen Handels vermutet man üblicherweise, dass durch einen intensiveren Handelsaustausch sich die Terms of Trade (ToT) verbessern, was einer Verbesserung der Produktivität gleichkommt. Die ToT (das Verhältnis der Exportpreise zu den Importpreisen) verbessern sich für eine Volkswirtschaft, wenn Importe billiger werden oder die eigenen Exporte zu höheren Preisen verkauft werden können. Klassisch sind ToT-Gewinne für die Industrieländer, wenn die Rohstoffpreise fallen, dann können die eigenen Bürger, ohne sich mehr anzustrengen, über mehr Güter verfügen. Ist der Rückgang der Rohstoffpreise allerdings nicht das Ergebnis erhöhter Produktivität bei der Förderung oder der Erzeugung in den Entwicklungsländern, haben wir es hier mit einem klassischen Nullsummenspiel zu tun, die Welt ist nicht reicher geworden, sondern nur die Einen zulasten der Anderen.

Wird der Handelsradius der Industrieländern lediglich ausgeweitet, schließen sie also Handelsabkommen mit Ländern ab, die bisher noch nicht in den internationalen Handel integriert waren, kann auch das zu einer Verbesserung der ToT führen, hier ist allerdings zu vermuten, dass es gleichzeitig zu internationalem Strukturwandel in dem Sinne kommt, dass bestimmte Produktionen, die bisher in den Industrieländern stattgefunden haben, nun verlagert werden, weil Produzenten in den neu integrierten Ländern billiger sind (z. B. weil die Löhne dort noch niedriger sind als es den Unterschieden in der Produktivität entspricht) als die herkömmlichen Produzenten und so Produktion an sich ziehen, indem sie ihre Marktanteile ausweiten. Ob dann die regionale Verlagerung der Produktion für das Industrieland per Saldo einen Gewinn oder einen Verlust darstellt, ist eine offene Frage. Sie entscheidet sich an der Teilhabe des Industrielandes bei der Erweiterung des Marktes (das Entwicklungsland importiert vermutlich auch mehr) und an der Wettbewerbsfähigkeit des Industrielandes gegenüber den anderen Industrieländern, weil das darüber entscheidet, welchen Anteil der Importe des Entwicklungslandes es an sich ziehen kann.

Ohne größere Schocks bei den realen Wechselkursen (also der Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften), bei den Rohstoffpreisen oder bei der Integration „neuer“ Entwicklungsländer, verlaufen diese Prozesse relativ langsam und sind bei der Gesamtentwicklung einer normalen industrialisierten Volkswirtschaft nur in bestimmten Sektoren oder Regionen deutlich spürbar. Verlagerung von Produktionsprozessen in sich entwickelnde Länder (nach Asien vor allem, also nach Japan und Korea in einer frühen Phase ihre Entwicklung) gab es zwar immer wieder und für einige Industriezweige auch in großem Maße (man denke an die deutsche Textilindustrie, aber auch an die Kameraindustrie, die schon in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Japan übernommen wurde), aber die volkswirtschaftlichen Effekte blieben per Saldo doch gering, weil der Strukturwandel der Volkswirtschaften, der sich aus technologischen Veränderungen und deren positiven Einkommenseffekten ergab, die negativen Effekte des internationalen Strukturwandels, wenn es sie in nennenswertem Maße gab, überlagerte und verdeckte.

Die Rolle Chinas

Quantitativ von größerer Bedeutung war und ist sicherlich die Integration Chinas in die Weltwirtschaft, was mit der schieren Größe dieser Volkswirtschaft zu tun hat, aber auch mit einer besonderen Art der Integration. China ist weit mehr als andere asiatische Länder vor ihm einem Entwicklungsmodell gefolgt, das zum größten Teil getragen war von Direktinvestitionen aus den Industrieländern. Dadurch waren die Verlagerungseffekte zeitweise sehr groß, denn die Kombination hoher westlicher Produktivität mit geringen chinesischen Löhnen versprach hohe Gewinnmargen. Gleichzeitig aber waren auch die positiven Effekte, die sich aus der Größe des chinesischen Binnenmarktes ergaben, beträchtlich. Westliche Unternehmen konnten von China aus den gesamten Weltmarkt beliefern und gleichzeitig auf dem chinesischen Markt expandieren, der angesichts steigender Einkommen der Masse der Bevölkerung rasch zu einem Eldorado für westliche Unternehmen wurde.

Ob die positiven Effekte, die sich aus der Expansion der chinesischen Volkswirtschaft ergaben, die für sich genommen negativen Effekte der Verlagerung von Produktion ausgeglichen oder gar mehr als ausgeglichen hat, ist eine offene Frage. Sicher ist jedenfalls, dass die gewaltigen Produktivitätsfortschritte, die wegen der Verlagerung von Produktion China zu verzeichnen hatte, der Weltwirtschaft über viele Jahre erhebliche Impulse gab. In China wurde rechtzeitig verstanden, dass nur eine Zunahme der realen Masseneinkommen im Ausmaß der Produktivitätszunahme es erlauben würde, das Land in die Weltwirtschaft zu integrieren und die zu Anfang des 21. Jahrhunderts noch extreme Exportabhängigkeit zu beenden.

Der Fall China zeigt exemplarisch, dass auch gewaltige Umstrukturierungen ohne Weiteres zu bewältigen sind, wenn große schockartige Veränderungen vermieden werden können. Das wiederum setzt voraus, dass die Anpassungsmechanismen, die für eine solche Integration zur Verfügung stehen, konsequent genutzt werden. Solche Anpassungsmechanismen sind in erster Linie der reale Wechselkurs, also die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften und Wachstumsdifferenzen zugunsten der im internationalen Strukturwandel aufholenden Volkswirtschaften. China hat beides genutzt, es hat in den vergangenen Jahren stark real aufgewertet, also die nominalen Löhne weit stärker erhöht, als es dem Zuwachs der Produktivität entsprach (nominale Aufwertung der chinesischen Währung spielte nur eine geringere Rolle). Da sich auch die realen Löhne sehr stark erhöhten, waren die Mengeneffekte groß und für die westlichen Volkswirtschaften auch quantitativ bedeutsam. Auf diese Weise wurde der zeitweise sehr große Überschuss in der chinesischen Leistungsbilanz erheblich geschrumpft. Im Jahr 2015 lag er, trotz der Sonderrolle, die China in Sachen globaler Produktionsstandort für westliche Unternehmen immer noch spielt, nur noch bei 3 Prozent des chinesischen BIP.

Leistungsbilanzsalden sind entscheidend

Ob und inwieweit die Globalisierung negative Effekte für die Industrieländer mit sich bringt, lässt sich generell am besten an der Entwicklung der Leistungsbilanzsalden feststellen. Nur wenn Entwicklungsländer über längere Zeit hohe und steigende Leistungsbilanzüberschüsse ausweisen, kann man unterstellen, dass die Wirtschaft in diesem Land in negativer Weise auf ihre Handelspartner einwirkt. Denn nur auf diese Weise werden die positiven und negativen Branchen- oder Unternehmenseffekte, die es im Handel immer gibt, angemessen zusammengefasst und gewichtet.

Es hat allerdings in den letzten Jahren Industrieländer in Europa gegeben, die steigende Überschüsse ausweisen, obwohl man sie nicht in die Klasse der Merkantilisten zählen muss. Das sind Länder wie Italien, Spanien und Portugal, deren Exporte nicht steigen, sondern deren Importe sinken, weil sie langanhaltende tiefe Rezessionen zu verkraften haben.

Der Leistungsbilanzsaldo ist dennoch der umfassendste Ausdruck der Effekte, die vom Handel und von der Globalisierung ausgehen. Wer behauptet, dass die Globalisierung und die Integration der Entwicklungsländer in den Welthandel den Industrieländern Schaden zufügt, müsste zeigen, dass die Entwicklungsländer auf dem Weg über steigende internationale Marktanteile und schließlich steigende Leistungsbilanzüberschüsse die Industrieländer bedrängen.

Doch davon kann nicht die Rede sein. Ein globaler Vergleich der Leistungsbilanzsalden zeigt, dass es nicht die Entwicklungsländer sind, die den internationalen Handel als Einbahnstraße ansehen und damit ihren Partnern schaden, sondern in erster Linie einige merkantilistisch ausgerichtete Länder in Europa (Abbildung 1 & 2).




Die größten Merkantilisten sprechen deutsch

Im Jahr 2015 war die Schweiz das Land mit dem weltweit höchsten Überschuss (wir haben nur einige Mini-Staaten aus den Daten entfernt), gefolgt von Irland (ein Fall ähnlich wie China mit vielen ausländischen Unternehmen im Land), Norwegen (ein Ölexportstaat) und dann kommen schon die großen Merkantilisten der Eurogruppe: Deutschland und Niederlande. Der Großteil der Entwicklungsländer weist Defizite aus. China, Thailand und Korea sind die asiatischen Staaten mit den höchsten Überschüssen, wobei Thailand und Korea gebrannte Kinder sind, die in der Asienkrise erfahren mussten, wie gefährlich es sein kann, Defizitland zu sein (wobei Korea aber ähnlich wie Deutschland auch merkantilistische Reflexe hat). Russland ist Ölexportland, hat stark abgewertet und weist deswegen und wegen einer tiefen Rezession einen recht hohen Überschuss aus (Saudi-Arabien hatte auch immer extrem hohe Überschüsse, leidet nun aber unter dem Rückgang des Ölpreises).

Bei dieser Faktenlage ist es eindeutig, dass von den Entwicklungsländern in den vergangenen Jahren keine Prozesse ausgelöst wurden, die in den Industrieländern mit Überschüssen in der Leistungsbilanz großen Schaden am Arbeitsmarkt oder sonst wo angerichtet hätten. Insoweit ist die Klage über die Globalisierung zumindest in diesen Ländern genau so hinfällig wie die Furcht vor der Automatisierung. In den industrialisierten chronischen Defizitländern wie den USA kann man das anders sehen. Wenn man allerdings den Spezialfall China herauslässt, weil dort die westlichen Unternehmen selbst den Part des Dumpings übernommen haben (vgl. eine Analyse zur Bedeutung von Direktinvestitionen für den internationalen Handel hier) und weil die Überschüsse dramatisch gesunken sind, dann gilt auch für die USA, dass es vor allem Industrieländer waren, die der amerikanischen Produktion Schaden zugefügt haben (was der neue amerikanische Präsident offenbar begreift, siehe unsere Analyse hier).

Die Länder, die für ihre Handelspartner Schaden angerichtet haben, sind folglich mehrheitlich in Europa zu suchen. Deutschland ist unter den großen Industrieländern mit Abstand der größte Merkantilist. Deutschland ist auch der einzige G20-Staat, der in den vergangenen Jahren entgegen vieler Aufforderungen durch die G20 seine Überschüsse immer weiter ausgebaut hat. Für 2016 sind mindestens 9 Prozent zu erwarten.

Lesen sie im dritten Teil, was diese Überlegungen für die Wirtschaftspolitik bedeuten.

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