Genial daneben | 06.01.2017

So klug sind unsere Diplomaten

Wie testet man geeignete Bewerber für den diplomatischen Dienst? Das Auswärtige Amt setzt auf die Abfrage von Wissen. Wieso das zeigen soll, ob ein Beamter später in der Lage ist, nationale oder internationale Probleme zu lösen, bleibt das Geheimnis des Amtes.

Bisher glaubte ich, dass man spätestens im Zeitalter von Google, Wikipedia und anderen Internetinstrumenten begreifen wird, dass reines Wissen, die Tatsache also, dass jemand einen konkreten Sachverhalt kennt oder einen Sachverhalt zeitlich einordnen kann, noch lange nichts mit Intelligenz zu tun hat. Doch weit gefehlt. Nicht nur, dass es fast jeden Tag Quiz-Shows im Fernsehen gibt, wo man erst dem Menschen seinen unentbehrlichen Helfer bei der Beantwortung von reinen Wissensfragen, nämlich den mit dem Internet verbundenen Computer, wegnimmt, um ihn dann Sachen zu fragen, die kein vernünftiger Mensch wissen kann und womit er sein Gehirn – gerade wegen Google und Co. – auch nicht belasten sollte. Vermutlich ist es die Schadenfreude der Zuschauer, die zuhause am Computer die Antwort schon herausgefunden haben, bevor der Kandidat auch nur zu denken anfängt, die diesen Rateshows ihren eigenartigen Reiz gibt.

Die Verwechslung von Wissen und Intelligenz führt allerdings auch in ganz anderen Kreisen zu skurrilen Ergebnissen. So feiert Spiegel-Online (hier) schon zum wievielten Male den Test, der den Zugang zu einer Diplomatenkarriere in Deutschland schaffen soll, als „härtesten Auswahltest des Landes“. SPON fordert seine Leser auf, sich an dem Test mit 40 Fragen zu versuchen und verbreitet den Eindruck, nur absolute Intelligenzbolzen kämen da durch, da nur einer von 44 diesen Test besteht.

Klickt man sich durch diesen Test (ich habe es bis Frage 15 getan und dabei etwa 12 falsch gemacht), stellt man schon nach den ersten Fragen fest, dass hier reines Wissen abgefragt wird. Ob beispielsweise der Internationale Strafgerichtshof seit 2002 existiert oder erst seit 2012 (eine der drei Antworten, die ich zufälligerweise wusste), kann jeder normale Mensch, der in seiner Arbeit mit einer Frage dazu konfrontiert wird, heute in ungefähr fünf Sekunden beantworten, weil die Eingabe bei Wikipedia etwa drei Sekunden dauert und die Antwort nach wenigen Zehntelsekunden vorliegt und blitzschnell ausgewertet werden kann.

Man mag sich darüber amüsieren, aber das hinter einem solchen Test stehende Problem reicht tief in das weit verbreitete Verständnis dessen, was ein guter Staatsdiener, ob Diplomat oder nicht, machen und können soll. Wer bei der Aufnahme von Diplomaten schon solche Kandidaten aussucht, die viel Wissen (juristisches Wissen ist offenbar in besonderer Weise gefragt) ihr Eigen nennen, schließt unter Umständen gerade die aus, von denen man für die Zukunft einen großen Beitrag zur Lösung von Problemen erwarten kann.

In einem solchen Test müsste es eigentlich darum gehen, herauszufinden, ob ein Kandidat logisch denken kann, Verbindungen und Zusammenhänge sieht, die Bedeutung von Fakten bei der eigenen Analyse ebenso sicher einordnen kann wie Werte und Glaubenssätze. Ich habe selbst bei den Vereinten Nationen 12 Jahre als Diplomat gearbeitet und leider sehr viel leeres Gerede von Diplomaten aller Herren Länder und aller denkbarer Institutionen anhören müssen. Das wundert nicht, wenn schon im ersten Schritt hin zu einer diplomatischen Karriere plattes Wissen viel bedeutender ist als praktische Intelligenz.

Es passt aber auch zu einem System, in dem Diplomaten als Alleskönner und Alleswisser erzogen werden, um für alles einsetzbar zu sein. Der Generalist, der von fast allem etwas weiß, aber nichts wirklich versteht, ist das Ideal, das von fast allen Regierungen und sogar von vielen internationalen Organisationen angestrebt wird. Die herangezüchteten Universalgenies können internationale Handelsverhandlungen genauso gut führen wie Klimaverhandlungen oder die berühmten „Partnerschaftsabkommen“ mit Entwicklungsländern. Und das können sie auch deswegen so gut, weil sie fast nie an dem zweifeln, was da herauskommt, weil sie das ja nicht verstehen, denn für das Verstehen wurden sie nicht ausgebildet. Sicherlich lernt man in seiner Ausbildung zum Diplomaten, wie gut und hilfreich der Freihandel ist. Aber auch das lernt man vermutlich mehr auswendig, als dass man ein kritisches Verständnis dafür entwickeln könnte, wie problematisch der freie Handel gerade für Entwicklungsländer sein kann.

Schön, dass das Auswärtige Amt in Berlin uns via Spiegel-Online an seinen Auswahlkriterien für den diplomatischen Dienst teilhaben lässt. Nun wissen wir wenigstens, warum die Politik so unfähig ist, die entscheidenden politischen und wirtschaftlichen Probleme anzugehen, geschweige denn Lösungen zu finden. Wer selbst keine Ahnung hat, sollte sich wenigstens gut beraten lassen. Wer jedoch Beamte heranzieht, deren entscheidende Qualifikation sich mit einer Anhäufung von universal verfügbarem Wissen beschreiben lässt, verzichtet von vorneherein auf die Möglichkeit, die Dinge zum Besseren zu wenden.

»Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles, was man in der Schule gelernt hat, vergisst.«

Dieses vermeintliche Einstein-Zitat habe ich nur ungefähr gekannt, aber bei Wikipedia in etwa fünf Sekunden gefunden (hier).

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