Kommentar | 25.01.2017 (editiert am 26.01.2017)

Löhne rauf, die Wertschöpfungskette entscheidet  

Ein neuer alter Versuch, Leistungsbilanzüberschüsse zu rechtfertigen, macht die Runde. Wieder einmal ist es das Kieler Institut für Weltwirtschaft, das mit einer alten Theorie aufwartet, um den amerikanischen „Protektionismus“ zu geißeln und Deutschland aus der Schusslinie zu nehmen.

Einige Leser machen uns auf ein Interview aufmerksam, dass der Kieler Wirtschaftsforscher Stefan Kooths der Tagesschau gegeben hat (hier). Darin argumentiert er gegen Trumps America-First-Politik mit dem Argument, man müsse beachten, dass es im internationalen Handel „Wertschöpfungsketten“ gäbe, die zu unterbrechen auch für die USA sehr teuer werden könnte. Die USA sollten nicht auf bilaterale Salden schauen.

Die Wertschöpfungskettenidee ist in den vergangenen Jahren immer mal wieder vom Dachboden geholt worden, wenn man die Strukturen, die sich im Welthandel herausbildeten, als sozusagen naturgegeben verteidigen wollte. Im Grunde ist das überhaupt nicht neu. Der internationale Handel ist schon seit langer Zeit zu einem erheblichen Teil (jenseits des reinen Rohstoffhandels) auf Wertschöpfungsketten gegründet gewesen, also auf die Tatsache, dass man ein bestimmtes Teil einer Produktion in einem Land und ein anderes in einem zweiten Land herstellt und das Produkt vielleicht in einem dritten Land zusammenbaut. Das mag sich in den vergangenen Jahren verstärkt haben, da die Transportkosten gesunken sind, man Betriebsstätten digital vernetzen kann und die (temporären Monopol-) Gewinne, die durch Verlagerung von hochproduktiven Maschinen in Niedriglohnländer gemacht werden können, deutlich gestiegen sind.

Wertschöpfungsketten richten sich aber genau so wie jede einzelne Entscheidung für oder gegen einen Produktionsstandort nach den Kosten an dem jeweiligen Standort. Wer billiger ist, wird tendenziell mehr Produktion (mehr Wertschöpfung) auf sich ziehen als ein Standort, der dauernd in Sachen Kosten zurückliegt. Vergleicht man Standorte oder Länder miteinander, die etwa alle in die Gruppe der Hochlohnländer gehören, wird sich deren Einbettung in die Wertschöpfungsketten nach deren relativer Wettbewerbsfähigkeit richten, während die Bewegung der Wertschöpfungsketten in ein Niedriglohnland hinein, wie nach China vor zwanzig Jahren, beide Hochlohnländer gleichmäßig berühren. Insofern ändert sich durch die Einführung der Wertschöpfungsterminologie wenig gegenüber der herkömmlichen Vorstellungsweise vom Handel.

Saldenevidenz

Betrachtet man den deutschen Leistungsbilanzsaldo gegenüber der gesamten Welt (in blau und auf der linken Skala abgetragen in Prozent der BIP) und den bilateralen Saldo mit den USA (in absoluten Zahlen auf der rechten Skala), sieht man sehr klar, dass die Überschüsse gegenüber den USA und der gesamten Welt zur gleichen Zeit einsetzten, was wiederum mit der Phase des deutschen Lohndumpings zusammenfällt.



Deutschland beginnt im Gefolge der realen Abwertung, die von der Lohnzurückhaltung ausgelöst wurde (bei einem Eurokurs, der darauf nicht reagierte), mit dem Aufbau seiner Überschüsse sowohl gegenüber den USA als auch gegenüber Europa. Erst mit der Krise von 2008 brechen die Exporte in die USA vorübergehend ein. Inzwischen hat sich der deutsche Überschuss aber wieder erholt und steigt Jahr für Jahr. Auch gegenüber den europäischen Ländern (EWU) ist der Überschuss für einige Zeit in der größten Krise (wegen sinkender Importe in den Krisenländern vor allem) zurückgegangen, steigt inzwischen aber wieder (Abbildung 2).



Ein solche Evidenz spricht eindeutig für eine Veränderung der Wettbewerbsfähigkeit zugunsten des Überschusslandes als entscheidender Faktor, das sich die Wertschöpfungsketten nur sehr langsam und sicher sehr diffus ändern, wenn nicht ein Land plötzlich einen besonders großen Vorteil aufweist. Dass man diesen Vorteil (die reale Abwertung für Deutschland in der EWU und außerhalb) klar benennen und messen kann, ist der Befund sonnenklar. Es gab eine reale Abwertung, das Land weist andauernd hohe Leistungsbilanzüberschüsse auf, deswegen muss man als Defizitland real abwerten (oder pauschale Zölle erheben), um das auszugleichen.

Defizitländer verlieren immer

Was viele (in und um Kiel herum) nicht wahrhaben wollen, ist die Tatsache, dass es – Wertschöpfungsketten hin oder her – vollkommen unbestreitbar ist, dass steigende Überschüsse dauernde messbare Gewinne an Einkommen und Arbeitsplätzen bedeuten und steigende Defizite ebenso klare Verluste an Einkommen und Arbeitsplätzen. Dass Produktivitätseffekte des internationalen Handels als solchem, also Effekte, die jedem gleichermaßen zugute kommen (und an die man glauben kann oder auch nicht, die jedenfalls nicht konkret nachzuweisen sind), für die Defizitländer so hoch sein könnten, dass ein steigendes Defizit per Saldo wenigstens keinen absoluten Verlust bedeutet, kann niemand ernsthaft behaupten. Aber selbst wenn es so wäre, dann wären die Gewinne des Überschusslandes auf jeden Fall noch größer und das Defizitland würde relativ verlieren.

Wenn man als Kieler Wirtschaftsforscher ehrlich wäre, müsste man in einem solchen Interview immer dazu sagen: „Also aus meiner Sicht war es vollkommen überflüssig, dass Deutschland Anfang der 2000er Jahre eine Lohnmoderation gemacht hat. Bei komplexen internationalen Wertschöpfungsketten bringt das gar nichts. Deutschlands Überschuss kann man nur mit deutscher Effizienz erklären, deswegen kann man die Löhne jetzt kräftig erhöhen.“ Sagt aber keiner und das ist doch wirklich komisch.

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