Genial daneben | 30.01.2017 (editiert am 31.01.2017)

SPD: Auf die Erzählung kommt es an

Ein leicht trüber Blick ist offenbar hilfreich, wenn man bei einem Medium wie Spiegel-Online schreibt, das zwar gerne von der Wahrheit schwafelt, aber manche Sachen nicht so gerne klar und deutlich sieht. Ein Artikel von Thomas Fricke liefert für diese These einen empirischen Beleg.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Schreiben für Spiegel-Online irgendwie automatisch den Blick trübt. Auch Leute, die früher recht scharf schauen konnten, sehen, sobald sie in die Autorenliste dieses Mediums aufgenommen worden sind, nur noch ganz verschwommen. Vielleicht bekommt man da eine Brille mit vorgetrübter Linse, so dass alles etwas unscharf erscheint. Zu beobachten ist das Phänomen gerade bei Thomas Fricke. Der kann plötzlich nicht mehr sehen, dass es die Agenda-Politik der SPD war, die Deutschland einen Exportboom, einen Aufschwung und damit den Abbau der Arbeitslosigkeit zu Lasten der europäischen Partner gebracht hat.

Die Agenda-Politik, sagt er treuherzig (hier), habe vielleicht gar nicht viel bewirkt:

„Das Irre ist, dass bei näherem Hinsehen überhaupt nicht so klar ist, ob die Agenda so großen Anteil daran hat, dass in Deutschland die Arbeitslosigkeit just in den Jahren danach, ab 2006, deutlich zurückgegangen ist und die Wirtschaft hier zeitweise stärker wuchs als anderswo; Experten haben große Schwierigkeiten, das empirisch zu bestätigen. Die Wendung lag womöglich stärker daran, dass irgendwann die größten Einheitslasten verdaut waren, die Bauwirtschaft keine Überkapazitäten mehr hatte, die Weltwirtschaft zum Boom ansetzte und die Regierung eben nichts großes mehr reformierte oder kürzte, also auch keinem mehr so viel wegnahm. Gut für die Konjunktur.“

Es sei vielleicht nur eine gute Geschichte gewesen, die man nach 2006 erzählt hat und – pardauz – schon war Aufschwung. Daraus folgert er haarscharf, die SPD brauche jetzt nur eine neue Story und schon sei sie wieder wählbar. Ja, das ist wirklich irre. Man fragt sich, wo Herr Fricke seine Experten hernimmt, die große Schwierigkeiten haben, empirisch zu bestätigen, dass es in Deutschland ab Mitte der 2000er Jahre einen Exportboom ohnegleichen gegeben hat. Mit den Ökonomen-Experten, wir ahnen es, ist das so eine Sache. Da schadet es nicht, wenn man sich die Zahlen einmal selbst anschaut.



Der Vergleich der Exportentwicklung zwischen Deutschland und den anderen großen Industrieländern (Abbildung 1) zeigt, in welchem Tempo und in welchem Ausmaß Deutschland abgehoben und sich von den anderen entfernt hat. Lag das daran, dass die Weltwirtschaft zum Boom ansetzte, die deutsche Regierung keine Staatsausgaben mehr kürzte und die SPD eine gute Geschichte erzählte? Zufälligerweise hatte Deutschland durch sein Lohndumping (das allerdings schon vor der Agenda-Politik begann) und durch einen schwachen Euro gerade stark real abgewertet, also seine Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Aber das war ganz unwichtig und hätte man sich wohl schenken können, wenn man Frickes Experten glaubt.

Auch die Bedeutung des Lohndumpings kann man sehr klar zeigen – man muss allerdings klar sehen wollen (Abbildungen 2 und 3). Deutschland hat nach 1999 eine nur extrem zu nennende Entwicklung von Export und Binnennachfrage genommen, hier durch den privaten Konsum repräsentiert. Während der Export explodierte, blieb der private Verbrauch fast vollständig am Boden.



Das muss man erklären, wenn man ernstgenommen werden will. Wie kann ein Land im Innern so total versagen und nach außen wie Phoenix aus der Asche aufsteigen. Die einzige Erklärung, die es dafür gibt, ist Lohndumping in einer Währungsunion, also relative Lohnsenkung ohne Aufwertung einer nationalen Währung, die den Lohneffekt nach außen ausgleicht.

Um ein „normales“ Land dagegenzustellen, in Abbildung 3 die gleichen Variablen für Frankreich mit exakt dem gleichen Maßstab.



Man sieht, ein „normales“ Land mit einer „normalen“ Lohnentwicklung kann auch im Export erfolgreich sein. Es wird aber immer eine gewisse Balance wahren zwischen Export und Binnenmarktentwicklung, weswegen sich der Exportanteil (am BIP) bei normalen Ländern im Zeitverlauf nicht sehr verändert. Nur ein Merkantilist wie Deutschland schafft es, seinen Exportanteil in fünfzehn Jahren von 30 auf fast fünfzig Prozent zu steigern.

Es nutzt natürlich nichts, wenn man Zahlen anschaut, die Botschaft aber trübe bleiben muss, weil man bei einem Medium arbeitet, dessen Linsen bei kritischen Fragen naturtrüb sind. Doch für die SPD ist der Rat von Fricke schon bedenkenswert, weil Wahlkampf zu führen, bekanntlich nichts anders bedeutet, als im Trüben zu fischen. Sie könnte eine neue Story basteln, die in einigen Kreisen schon sehr beliebt ist und für die man auch genügend viele „Experten“ findet. Man sagt einfach, die Agenda-Politik habe gar nichts bewirkt, die ganze Sache sei ein gewaltiger Schuss in den Ofen gewesen. Die deutschen Unternehmen seien so tüchtig, dass sie die Lohnsenkung in Relation zu den Nachbarländern damals gar nicht gebraucht hätten. Die deutschen Unternehmen könnten jederzeit einen Aufschwung herbeiführen, wenn man ihnen nur eine gute Geschichte erzählt. Deswegen werde die SPD dafür sorgen, dass die Löhne wieder ordentlich steigen und den deutschen Unternehmen gleichzeitig erzählen, sie seien so tüchtig, dass höhere Löhne quasi ein Geschenk für sie seien.

Anmelden