Genial daneben | 16.02.2017

Abbitte an das Establishment

Das Establishment ist unverzichtbar. Das wissen wir nun dank Roland Nelles. Bevor wir länger, gleich den Populisten, den Untergang beschwören, treten wir lieber den Gang nach Canossa an.

Was haben wir all die Jahre mit unseren Eliten gehadert, uns mit dem Establishment überworfen, es kritisiert, gewarnt und bemängelt. Was haben wir wegen all den Schäubles, Sinns, Steinmeiers, Merkels, Gabriels und Gaucks nicht getobt, sind angesichts dieses und jenes verzweifelt und haben nicht selten resigniert.

Doch das völlig zu Unrecht, wie wir jetzt endlich dank dieser Zeilen erkennen dürfen:

»Populisten wie Donald Trump schimpfen über die politischen Eliten. Dabei ist das Establishment unverzichtbar – wie das Beispiel Frank-Walter Steinmeier zeigt.«

So klingt es, das hohe „antizyklische Loblied“ auf das Establishment von Roland Nelles, das am 11. Februar, im Jahr 2017 nach Christus auf Spiegel Online erschienen ist. Nun hat all die Unrast, das Leid und die Verzweiflung ein Ende. Wir wurden von einem Heiland erlöst. Und wie könnte es auch anders sein – von jemanden aus der Elite der schreibenden Zunft, geformt in der Kaderschmiede des Axel-Springer-Verlags, gestählt durch den Dienst an verschiedenen Frontstellungen der Sturmgeschütze der Demokratie, bei deren strategisch wichtigster – dem Spiegel – er sich nun das Kommando über die Artillerie verdient hat.

»Es ist zu einfach, immer nur zu sagen, das Establishment habe dies und jenes versäumt und deshalb seien die Populisten auf dem Vormarsch. Denn es gibt auch eine Verantwortung der Wähler, sich politisch zu informieren und auf billige Populistentricks nicht hereinzufallen. (…) Leute wie Frauke Petry, Nigel Farage, Alexander Gauland, sie alle sind seit vielen Jahren Outsider, ihre intellektuellen Kapazitäten, Netzwerke, ja, vielleicht auch ihr Glück, reichten nicht aus, um es im politischen Betrieb ganz nach oben in die Entscheiderebene zu schaffen.«

Wir, die allzu kritischen Ökonomen, kruden Außenseiter und Journalisten der Blogs, kleinen Zeitungen und alternativen Medien, die es auch nie nach oben geschafft haben in die verglasten Redaktionsstuben der Qualitätsmedien oder in die ehrwürdigen Gemäuer des Sachverständigenrates, haben in anmaßender Hybris unnötig aufbegehrt.

Doch, als die Einschläge des Geschützfeuers uns schon fast erreicht haben, da öffnet uns dieser Spitzenjournalist, der General des Faktischen, die Augen, reibt uns Balsam auf unsere Wunden, beruhigt unsere wutbürgerlichen, proletarischen Herzen, zieht uns aus dem Graben der selbstverschuldeten Unkenntnis, lässt uns unsere Waffen strecken.

Denn Nelles, von dem hier in aller Ehrfurcht zu sprechen ist, weiß:

»Zum Glück gibt es das Establishment.«

Und ganz den feudalen Aristokraten gleich, sind sie die Unberührbaren. Wir, die – unserer mangelhaften „intellektuellen Kapazitäten“ zum Trotz – wagten, rhetorisch Hand an sie zu legen, wir haben uns des unsäglichen Populismus schuldig gemacht.

Nein, wie konnten wir nur!

„Zum Glück gibt es Politiker, die wissen, was unsere westliche Welt im Inner[st]en zusammenhält – und im Auftrag der Wähler einigermaßen verlässlich so handeln, damit sie möglichst nicht auseinanderfliegt.“

Zum Glück, denken wir da, brauchen sie dafür, wo es statt Gott und Teufel nur noch den rationalen Technokraten gibt, keinen faustischen Pakt. Und zum Glück gibt es Nelles, um uns das zu verkünden.

Ja, warum nur haben wir all das nicht gesehen, kommt es nun beim Gedanken an unseren weisen Finanzminister Schäuble den gemarterten Kolonnen des Postfaktischen. Ist er es nicht, der mit eiserner Disziplin Europa zusammenhält? Und geht es den Deutschen nicht so gut wie noch nie dank Merkel, unserer Mutter Courage? Die wachsende Ungleichheit, war sie nicht schon immer eine Neiddebatte, von Populisten geführt und vom Establishment großzügig hingenommen? Und die Finanzkrise? Sie war doch allein die Schuld des White Trash, jener Trump-Wähler, die sich gar nicht genug Immobilienkredite aufschwatzen lassen konnten, um die Hütten unbedingt ihr eigen nennen zu dürfen.

Wir sinken desillusioniert ob unserer Verblendung auf die Knie, um uns den „Regeln“ und „Ritualen“ zu unterwerfen, die uns Ausgestoßene vor dem „Machtmissbrauch“ hindern.

Denn Nelles weiß auch, ein direkt vom Pöbel gewählter Präsident, das „hatten wir schon mal, es ging nicht gut aus.“ Dieses tiefe Wissen der Wenigen, es wird nur an den Gymnasien und Elitenschulen des Journalismus gelehrt. Deswegen, nun verstehen wir es, kann sich das Establishment nur aus sich selbst rekrutieren.

Hätten wir uns nur politisch korrekt informiert, statt uns durch Fake-News oder alternativen Fakten irreleiten zu lassen. Hätten wir nur fest geglaubt an die leitenden, unfehlbaren Informationszentralen, zu denen uns nun Nelles mit sanfter aber bestimmter Hand zurückführt, wir wären nicht auf „billige Populistentricks“ hereingefallen.

Das Establishment, es war uns doch stets Vorbild in seiner objektiven und reichen Kenntnis der Faktenlage, in seiner interessenfreien Expertise. Dass in deren Ministerien zunehmend externe Berater aus den Konzernen rekrutiert werden, wie etwa bei dem Gesetzesentwurf zur Volksbeglückung – Hartz IV -, hat sicher gute Gründe. Wie konnten wir nur zweifeln?

Warum bloß wird uns die logische Überzeugungskraft, die analytische Brillanz, die argumentative Überlegenheit eines Spiegel-Chefredakteurs erst jetzt, in dieser dunklen Stunde gewahr? Die Wahrheit, die Fakten, die Aufklärung, das Investigative, hingen sie nicht wie reife Früchte vom Baum der Erkenntnis? Wir aber sahen die Frucht vor lauter Früchten nicht.

Nun aber, gerade noch rechtzeitig, hat uns mit Nelles einer der Wissenden gelehrt, dass nicht das Chaos einer auseinanderfliegenden Welt den Populismus schafft, sondern „das zur Seite drängen“ Welt zusammenhaltender „vernünftiger Politiker“ durch „selbst ernannte Heilsbringer“. Der Untergang – sicher meint Nelles damit auch die Europäische Währungsunion – er wird nur dann eintreten, wenn er von den Populisten beschworen wird.

Wir müssen Nelles, unserem mutigen General, dafür danken, dass er für uns die Welt und die alte Ordnung wieder vom Kopf auf die Füße gestellt hat. Wir leisten Abbitte. Denn um das „Durcheinander“ aufzuräumen, gibt es schließlich das Establishment. In Zukunft schweigen wir Geläuterten immer 4 Jahre lang und wählen dann … genau, Sie ahnen es.

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