Genial daneben | 13.02.2017 (editiert am 16.02.2017)

Der deutsche Lohn ist der beste, der beste auf der ganzen Welt

Der deutsche Merkantilismus ist global unter Druck geraten. Das wühlt die Medienlandschaft auf, die jahrelang jedes Problem geleugnet hatte. Selbst die deutschen Gewerkschaften sind verzweifelt, obwohl sie Grund zum Jubeln hätten.

Haben sie schon einmal gesehen, wie ein  Ameisenbär einen Termitenhaufen umpflügt? So ähnlich wirkt der Trumpsche Protektionismus auf die deutschen Merkantilisten. Sie möchten fliehen, aber sie können nicht, weil der Gegner so übermächtig ist. Ignorieren geht auch nicht, das spüren sie instinktiv. Also holen sie aus den Hinterstuben Ihrer Hirne alles raus, was rauszuholen ist, und sie schreiben sich die Finger wund in der Hoffnung, dieser schreckliche Alptraum möge bald vorbei sein.

Selbst die Tatsache, dass Deutschland sich seit vielen Jahren mit Lohndumping unter dem Schutz der Europäischen Währungsunion (hier zuletzt erklärt) seine internationale Wettbewerbsposition „erarbeitet“ bzw. erschlichen hat, können sie nun kaum noch bestreiten oder verschweigen. Also versuchen sie, mit allen möglichen und unmöglichen Argumenten dagegenzuhalten. Besonders beliebt ist es, mit unbelegten und unerklärten Zahlen um sich zu werfen, weil man damit offenbar den unbedarften Leser am besten verwirren kann.

In der Süddeutschen Zeitung (hier)schreibt Wirtschaftsoberkommentator Nikolaus Piper offensichtlich auch gegen seine Kollegen an, die – unter dem Druck der internationalen Gehirnwäsche – drohen, von der Fahne des Merkantilismus und der Austerität zu gehen (hier z. B.).

„Der Vorwurf mit den Dumpinglöhnen ist absurd. In Amerikas Industrie liegen die Lohnstückkosten um ein Viertel niedriger als in Deutschland. Zudem steigen die deutschen Löhne inzwischen wieder kräftig, und es gibt keinen Grund dafür, mehr zu tun und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu gefährden.“

Klar, was die Süddeutsche so lange verheimlicht hat, muss absurd sein. Lohnstückkosten in absoluten Größen und auch noch ohne Angabe der Währung zu vergleichen, ist jedoch noch niemand außer Nikolaus Piper gelungen. Wenn das so wäre mit den amerikanischen Lohnstückkosten (in der Industrie alleine sind Lohnstückkosten sowieso nicht aussagekräftig) und wenn es relevant wäre, müsste der Dollar ja um ein Viertel aufwerten gegenüber dem Euro. Will er uns das sagen?

Lügen und andere Ausflüchte

Dass die deutschen Löhne wieder kräftig steigen, ist eine glatte Lüge, weil 2,3 Prozent Lohnzuwachs (nominal, hier die Statistik) im vergangenen Jahr weniger ist als in den beiden Vorjahren und weit weniger als das, was in der Europäischen Währungsunion selbst ohne deutschen Wettbewerbsvorsprung notwendig wäre (nämlich mindestens drei Prozent, siehe die Analyse hier und die dort verlinkten Artikel). Angesichts des deutschen Rückstandes sind jedoch viel höhere Steigerungsraten erforderlich. Das hat inzwischen sogar der englische „Economist“ verstanden, der gewiss nicht zur Avantgarde der aufgeklärten Ökonomen gehört (hier).

In der Financial Times gibt es eine heftige Debatte zum gleichen Thema, weil Wolfgang Münchau zu Recht und laut in das gleiche Horn gestoßen hat (hier). Darauf antwortet der Chefökonom des BMF in der gleichen lächerlichen Art und Weise, die wir schon kennen (hier), und der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise, bemüht sich mit den gleichen abwegigen Argumenten wie Nikolaus Piper, die deutschen Löhne zu relativieren. Heise entblödet sich nicht einmal, die absoluten Löhne in den USA und Deutschland zu vergleichen (hier) und der BMF-Chefvolkswirt schreibt, die deutschen „Löhne“ stiegen in den letzten Jahren kräftig und sogar stärker als in der Eurozone (hier).

Am tollsten aber ist, dass der „Chefvolkswirt“ des BMF allen Ernstes offenbar wieder hinschreibt, man habe in Europa eine „wachstumsfreundliche Fiskalkonsolidierung“ betrieben, also das Wachstum angeregt, indem man Staatsausgaben kürzte. Das ist nicht mehr unverschämt, das ist nur noch verrückt. Den gleichen Blödsinn schreibt Jens Spahn, Parlamentarischer Staatssekretär im BMF und Hoffnungsträger der CDU, im Wall Street Journal (hier). Da haben offenbar alle Adlaten von Wolfgang Schäuble den Auftrag bekommen, die deutsche Position offensiv zu verteidigen. Dass man sich mit solchen Argumenten auf der ganzen Welt mehr als lächerlich macht, will in Berlin offenbar keiner begreifen.

Der DGB weiß nicht ein noch aus

Aber das Beste kommt noch. Was würde ein normaler Mensch erwarten, wenn es eine intensive globale Diskussion über zu niedrige deutsche Löhne gibt? Man würde doch erwarten, dass die deutschen Gewerkschaften medienmäßig aus allen Rohren schießen, um sich der internationalen Kritik anzuschließen und stark steigende Löhne zu fordern. Doch wo sind die deutschen Gewerkschaften? Schweigen im Walde!

Das einzige, was ich finden konnte, ist ein „Klartext“ des DGB aus der letzten Woche (hier), der so heftig hin- und her rudert, dass er vollkommen das Gleichgewicht zu verlieren droht. Dort wird zum einen der kräftige Reallohnzuwachs des vergangenen Jahres (von 1,8 Prozent) bejubelt, an dem die Gewerkschaften dummerweise keinen Anteil haben, weil er ja nur auf die geringe Preissteigerungsrate zurückzuführen ist. Dann wird, allerdings weniger als halbherzig, tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Löhnen und Leistungsbilanzüberschuss hergestellt:

 „2016 erreichten die Exportüberschüsse trotz Reallohnzuwächsen erneut Rekordstände. Allein gute Lohnzuwächse scheinen die Exportüberschüsse nicht aufzuhalten. Doch der private Konsum kann auch durch eine steuerliche Entlastung der unteren und mittleren Einkommen bei gleichzeitiger höherer Besteuerung der Top-Verdiener gestärkt werden.“

Das, für sich genommen, ist nicht viel besser als das, was die deutschen Medien und die Offiziellen von sich geben, doch dann folgt ein Satz, der mich fast vom Hocker gehauen hat:

„Trotz guter Lohnentwicklung: Die weitere Stärkung der Binnennachfrage in Deutschland bleibt auch 2017 eine wichtige Aufgabe für alle politischen Akteure.“

Aha, offenbar haben die deutschen Gewerkschaften mit der Binnennachfrage rein gar nichts zu tun. Offenbar geht es nicht darum, die Nominallöhne wesentlich stärker zu erhöhen, weil nur das die deutschen Wettbewerbsposition wieder ins Lot bringt, oder darum, über stärker steigende Reallöhne die Binnennachfrage zu normalisieren. Die Lohnpolitik macht offenbar alles richtig und nur die Politik ist gefordert. Das ist eine Art von Volksverdummung, die der, die man üblicherweise den deutschen Medien nachsagt, kaum nachsteht.

Das zeigt vollkommen klar, dass sich die deutschen Gewerkschaften sich mit Nominallohnzuwächsen von zwei Prozent abgefunden haben. Sie denken gar nicht daran, ihre Politik durchgreifend zu ändern und die Rolle zu spielen, die Gewerkschaften in einer Währungsunion nun einmal spielen müssen.

Das einzig relevante empirische Bild ist weiterhin das unten stehende. Die deutschen Lohnstückkosten sind auch 2016 (nach Schätzung der Kommission, aber durchaus realistisch) immer noch unterhalb des Zielpfades der Inflation gestiegen. Der Abstand zu den beiden anderen großen Ländern hat sich nur deswegen etwas verringert, weil diese beiden Länder inzwischen so viel Druck auf die Löhne ausüben, dass die Lohnstückkosten auf einen deflationären Pfad eingeschwenkt sind. Das bringt unmittelbar eine Schwächung der Inlandsnachfrage in Frankreich und Italien, verschlechtert die Lage am Arbeitsmarkt und gibt nationalistischen Parteien Auftrieb. Ist das solidarische Gewerkschaftspolitik á la DGB?

 

 

Die deutschen Gewerkschaften hätten dafür zu sorgen, dass die deutschen Löhne, die unglaublich lange Zeit hinter den Möglichkeiten zurückgeblieben sind, spätestens jetzt wieder so stark steigen, dass die Wettbewerbspositionen wieder ausglichen werden  bzw. die vorher zurückgefallenen Länder wieder aufholen können. Bei relativ niedriger Arbeitslosigkeit sollten dazu in Deutschland die Machtverhältnisse günstig sein. Beharren die deutschen Gewerkschaften aber wie die deutschen Unternehmen auf dem Erhalt des derzeitigen Standes der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, ist das ganze System von vorneherein Scheitern verurteilt.

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