Aufgelesen | 16.02.2017

Fuest und Becker: Oder wie man systematisch die falschen Fragen beantwortet

Obwohl mir meine gescheiterte Besprechung von Michael Hudsons Buch über den Finanzsektor viel Kritik eingetragen hat – ich muss es noch einmal tun. Ich rezensiere ein Buch, das ich gar nicht kenne.

In der FAZ hat man den Autoren Johannes Becker und Clemens Fuest (FB im folgenden) viel Platz eingeräumt, um eine These zu verteidigen, die offensichtlich das Kernstück eines neuen Buches ist. Unter dem Titel „Der Odysseus-Komplex: Ein pragmatischer Vorschlag zur Lösung der Eurokrise“, erscheint es nächste Woche.

FB umgehen in dem Artikel alle wichtigen Fragen zum Euro von vorneherein, indem sie sich einer Reihe von Fragen widmen, die man so, wie sie es anlegen, zwar mehr oder weniger beantworten kann, die aber mit der eigentlichen Problematik in Europa, der Eurokrise nämlich, nichts zu tun haben. Wer sich damit aber nicht auseinandersetzt, kann auch keinen Lösungsvorschlag für die Krise machen.

Zunächst beschäftigen sie sich mit der allgemeinen Frage, ob ein Land profitiert, wenn es Mitglied einer Währungsunion ist. Dabei wägen sie viele Argumente ab und kommen zu dem Ergebnis, die Antwort der „Wirtschaftstheorie“ sei zwiespältig. Zwar gebe es Vorteile für die Unternehmen in einer Währungsunion, gesamtwirtschaftlich sei das aber kontraproduktiv. Im Text heißt es dazu:

»Dies ist aus Sicht des einzelnen Unternehmens begrüßenswert, weil unwiderrufliche Wechselkurse wie eine kostenlose Vollversicherung gegen Wechselkursschwankungen wirken. Wenn diese das wahrgenommene Preisrisiko reduzieren, könnte dies den Handel befördern. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht allerdings sind fixierte Wechselkurse eher kontraproduktiv. Marktpreise passen sich in vielen Fällen nicht schnell genug in alle Richtungen an – insbesondere Lohnsenkungen auf breiter Front sind nur selten zu beobachten.«

Lohnsenkungen auf breiter Front sind nur selten zu beobachten. Das stimmt. Und wenn sie zu beobachten sind, ist es immer problematisch, müsste man hinzufügen. Generell  sind die oben zitierten Aussagen jedoch mehr als problematisch, weil der Eindruck erweckt wird, es gebe funktionierende Systeme flexibler Wechselkurse, was, wie wir vielfach gezeigt haben, einfach nicht stimmt.

Zudem wird hier schon darauf verzichtet, die entscheidende Frage zu stellen, nämlich warum ein System fixierter Wechselkurse oder eben eine Währungsunion problematisch sein sollte, wenn sich die Mitgliedsländer freiwillig darauf einigen, eine gemeinsam festgelegte Inflationsrate, ein Inflationsziel, einzuhalten. Wer das in einem Buch über die Krise in einer Währungsunion nicht problematisiert, macht einen nicht wieder gut zu machenden Fehler.

FB fragen statt dessen mehr als naiv, ob der Euro den innereuropäischen Handel belebt hat und kommen zu dem Ergebnis, die Marktanteile im Handel hätten sich stark zugunsten des Nordens verschoben. Hier wäre die Ursachenanalyse mit einer Würdigung der deutschen Rolle angemessen gewesen, aber – Fehlanzeige.

Dann folgt eine längliche Abhandlung über den Einfluss des Euro auf Wachstum und Investitionen, ebenfalls mit einem Ergebnis, das wenig aussagekräftig ist. Das ist aber klar, weil hier wiederum die entscheidende Frage falsch gestellt ist. Natürlich werden Investitionen von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bestimmt und nicht nur vom Export. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung aber ist, das liegt in der Natur der Sache, in einem Land gespalten, das Lohndumping in einer Währungsunion betrieben hat. In diesem Land läuft die Binnenkonjunktur (wie hier gezeigt) schwach und der Export stark.

Was dabei an Wachstum insgesamt herauskommt, muss nicht grandios sein, selbst wenn das Land im Export extrem erfolgreich war. Deswegen kann man die Wirkung der Politik dieses Landes auf die Partner in der Währungsunion nicht danach bemessen, wie seine eigene wirtschaftliche Entwicklung verlaufen ist. Wer aber einen Lösungsvorschlag zur Lösung der Eurokrise machen will (siehe Titel des Buches), muss sich genau damit auseinandersetzen. Tut er es nicht, kann auch seine Lösung nicht viel taugen.

Dann endlich kommen die Autoren zu der relevanten Frage. Nämlich, ob es Deutschland gelungen ist, in der Eurozone seine eigene Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern zulasten der anderen. Hier wird es aber ärgerlich, weil – in guter Münchner Tradition – wieder nur die Inflation im Süden erwähnt wird und Deutschland Absolution erteilt wird, weil:

»Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Eurozone sich auf diese Weise verbessern (konnte), ohne dass die deutschen Arbeitskosten tatsächlich nominal sinken mussten.«

Das ist die übliche Augenwischerei, denn um nominal sinken geht es ja gar nicht, es geht um relatives Zurückbleiben und um Zurückbleiben hinter dem gemeinsam vereinbarten Inflationsziel.

Dann wird behauptet, der Boom des Südens habe den Eurokurs angehoben (warum, wo doch höhere Inflation eher zu Abwertung führt) und die Position Deutschlands verschlechtert. Auf die Idee, reale effektive Wechselkurse anzuschauen, um das zu überprüfen, sind die Autoren offenbar nicht gekommen (siehe unsere Analyse dazu hier). Die aber zeigen klar, dass es bei der Unterbewertung Deutschlands geblieben ist. Auch die Exportentwicklung Deutschlands haben FB offenbar niemals mit der seiner Nachbarstaaten verglichen.

Dann wird eine zweite Version der These vom deutschen Profitieren diskutiert, die ebenfalls irrelevant ist, nämlich die These vom zu schwachen Euro. Hier wird dann tatsächlich einmal die niedrige deutsche Inflationsrate erwähnt, aber in einer Weise, die nur verwirrt; ich konnte es jedenfalls nicht verstehen.

Stark ist, dass FB dann sagen, ein zentraler Satz der Handelsökonomik (was immer das sein mag) zeige, dass eine künstlich niedrig gehaltene Währung auf Dauer mehr schadet als nützt. Ihre Begründung:

»Dass Deutschland davon profitieren soll, wenn es das reale Einkommen seiner Verbraucher zugunsten seiner exportierenden Unternehmen senkt, ist kaum zu begründen. Der Einwand, dies helfe beim Abbau der Arbeitslosigkeit, ist hinfällig. Wenn die deutsche Ökonomie nicht auf der Höhe ihres Potentials arbeitet, ist der Wechselkurs ihrer Währung auch nicht zu niedrig.«

Dunkel ist der Worte Sinn, klar ist aber, dass eine unterbewertete Währung den Exporteuren nützt. Dass es Deutschland insgesamt nützt, hat, so weit ich sehe, noch niemand behauptet.

Dann kommt wiederum eine Behauptung, die schwer verständlich ist und, selbst wenn sie richtig wäre, überhaupt nicht weiterhilft:

»Es bleibt dabei: In konjunktureller Normallage profitiert Deutschland am meisten von einem gleichgewichtigen Wechselkurs, der weder Exporte subventioniert noch Importe besteuert. Denn langfristig führt ein zu niedriger Wechselkurs nur zu Wachstumseinbußen aufgrund einer verzerrten Produktionsstruktur.«

In der Tat, Deutschland hat eine total verzerrte Produktionsstruktur. Mit fast 50 Prozent Exportanteil, der in den vergangenen fünfzehn Jahren von 30 auf 50 gestiegen ist, spricht vieles genau dafür. Aber was folgt daraus? Gibt es irgendeine Automatik, die diese Struktur entzerrt? Warum folgt nicht hier wenigstens einmal eine Kritik der Wirtschaftspolitik oder eine klare Ansprache der Ursachen für diese Verzerrung?

Den Rest des Artikels habe ich mir geschenkt. Hier reden zwei Autoren mit Gewalt um den Brei herum, statt sich mit den relevanten Thesen auseinanderzusetzen. Schon wieder ein Buch also, das ich mit Sicherheit nicht lesen werde.

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