Weltwirtschaft | 24.02.2017

Wachstum durch Freihandel – Ein Mythos

Protektionismus führt zu Krieg und Stagnation, Freihandel zwangsläufig zu Wachstum. Diese Erzählung ist ein neoliberales Paradoxon aus der Zeit vor 1913. Es lohnt ein genauerer Blick in die Geschichte.

Seit Donald Trump das Amt des Präsidenten übernommen hat, geht die Angst vor dem Protektionismus um. Unisono warnen führende Ökonomen in den Massenmedien vor dem Unheil, das der Protektionismus bereits über die Menschheit gebracht habe.

Immer häufiger fällt dabei der Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der in der Literatur bekanntermaßen das Ende der ersten Ära der Globalisierung markiert. Gabriel Felbermayr, Leiter des Münchner Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft, sah schon vor der US-Wahl im November das Ende der Globalisierung kommen und führte die Katastrophe des Ersten Weltkriegs (1914 – 1918) auch auf wachsenden Protektionismus zurück (hier). Die Botschaft scheint klar zu sein: sobald wir den „Freihandel“ in irgendeiner Weise einschränken, führt das in ein wirtschaftliches Desaster.

Wenn solch radikale Vergleiche gezogen werden, lohnt ein genauerer Blick in die Geschichte, in unserem Fall auf die Entwicklung der Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert. Zwei Aspekte werden dabei besonders deutlich. Zum einen entbehrt das Argument, dass der Freihandel zu mehr Wachstum und der Protektionismus in die Katastrophe führte, scheinbar jeglicher historischen Grundlage. Zum anderen veranschaulicht die Wirtschaftspolitik, die zum Aufstieg der Industrienationen führte, mit welcher Doppelzüngigkeit in der westlichen Welt von freien Märkten gepredigt wird.

Das goldene Zeitalter des Liberalismus (1870 – 1913)

Um die Rolle des Freihandels in der ersten Ära der Globalisierung beurteilen zu können, müssen wir circa 200 Jahre zurück in die Vergangenheit gehen. Nach den napoleonischen Kriegen war die Entwicklung der Weltwirtschaft zunehmend durch den Austausch von Waren, Kapital und Ideen geprägt. Die intellektuelle Grundlage dafür schuf bereits Adam Smith mit seinem Modell der absoluten Kostenvorteile (1776), demzufolge der weltweite Wohlstand dadurch maximiert würde, wenn sich nur jedes Land auf die Produktion des Gutes spezialisiert, welches es am besten herstellen kann. David Ricardo erweiterte dieses Modell durch sein Theorem des komparativen Kostenvorteils (1817), das trotz absurder Annahmen heute noch als Hauptargument für den „Freihandel“ dient (hier ein Artikel von Heiner Flassbeck dazu).

Neben dieser intellektuellen Grundlage sorgten vor allem technologische Innovationen (insbesondere der Dampfmaschine) und sinkende Transportkosten dafür, dass ich sich der Wert der weltweit getätigten Exporte zwischen 1820 und 1870 verzehnfachte. Die Erschließung neuer Handelswege, wie unter anderem die Fertigstellung des Suezkanals 1869, die Entwicklung der Schifffahrt oder die Erweiterung des Schienenverkehrs, eröffneten zuvor nicht vorhandene Möglichkeiten des Warenhandels.

Aufgrund des Wirtschaftswachstums und der weitreichenden globalen Integration wird die Zeit vor dem ersten Weltkrieg (1870 – 1913) in der Literatur auch als das „goldene Zeitalter des Liberalismus“, als „erste Ära der Globalisierung“ oder als „Belle Époque“ bezeichnet. Einige Wissenschaftler schließen – mit Verweis auf die Erfolge dieser Zeit, wie zum Beispiel einem durchschnittlichen Anstieg der Reallöhne oder höherer Lebenserwartung – nicht nur direkt auf die Vorteile des Freihandels und global integrierter Finanzmärkte. Sie scheuen sich auch nicht, daraus wirtschaftspolitische Empfehlungen für die Gegenwart abzuleiten (etwa Jeffrey Sachs und Andrew Warner 1995). Sobald man das „goldene Zeitalter des Liberalismus“ allerdings ein wenig differenzierter betrachtet, erscheint vieles weder golden, noch liberal.

Wachstum und Freihandel

Das starke Wachstum des Welthandels (vgl. Abbildung 01) wird neben den technologischen Innovationen vor allem der Liberalisierung des Handels zugeschrieben. In der Tat entwickelte sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ein dichtes Netz an bilateralen Freihandelsabkommen. Beginnend mit dem Cobden-Chevalier-Vertrag 1860 zwischen England und Frankreich, welcher nicht nur die Zölle zwischen den größten Volkswirtschaften Europas zu jener Zeit reduzierte, sondern auch als erster Vertrag eine Most-Favoured-Nation (MFN) Klausel enthielt, folgte eine Reihe weiterer bilateraler Abkommen. Frankreich schloss Handelsverträge mit Belgien (1861), dem deutschen Zollverein (1862), Italien (1863), der Schweiz (1864), sowie Schweden, Norwegen und den Niederlanden (1865). In den 1860ern vereinbarten viele weitere europäische Staaten untereinander diverse Freihandelsabkommen, sodass der intrakontinentale Handel einen bisher nicht gekannten Grad der Liberalisierung erreichte.



Obwohl dem Handel eine immer größere Bedeutung für den zu beobachtenden wachsenden Wohlstand zugesprochen wurde, unterschieden sich die Handelsströme im Jahr 1913 interessanterweise nicht dramatisch von denen aus dem 18. Jahrhundert. Die westlichen Industrienationen (namentlich Westeuropa, um die Jahrhundertwende auch die USA und Japan) exportierten hauptsächlich Industriegüter, während der Rest der Welt die Arbeiter in diesen Ländern und deren Produktion mit Rohstoffen und Agrargütern fütterte.

Die Folgen dieser Handelsströme waren gravierend. Zunächst verhinderte die Abhängigkeit von Rohstoffexporten, sowie steigende Importe von Industriegütern (insbesondere Textil und Kleidung) im Süden eine eigene Industrialisierung. Die Zerstörung der indischen Textilindustrie wird in der Literatur dabei als primäres Beispiel für diese Deindustrialisierung gesehen, doch auch in anderen Regionen, unter anderem in China, Lateinamerika und dem Mittleren Osten, gab es ähnliche Niedergänge wichtiger industrieller Sektoren. Insgesamt ging der Anteil der Entwicklungsländer an der weltweiten Herstellung von Industriegütern zwischen 1860 und 1913 von einem Drittel auf weniger als ein Zehntel zurück.



Eine weitere Folge dieser Entwicklung war, dass sich die Einkommensunterschiede zwischen dem industriellen Norden und dem Rohstoff exportierenden Süden in dieser Zeit deutlich vergrößerten (vgl. Abbildung 03) – ein Prozess, den der Historiker Kenneth Pomeranz als „Great Divergence“ bezeichnete und der maßgeblich zur heutigen Situation vieler armer Länder des globalen Südens beitrug. Wenn die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg von daher als Beleg gesehen wird, dass der „Freihandel“ vorteilhaft für alle Beteiligten ist, stellt sich, ähnlich wie heute, die Frage, wer denn mit „alle“ gemeint sei.


Abbildung 03: BIP pro Kopf in ausgewählten Ländern, 1820-1938 (1990 Internationale Dollar)

Quelle: Maddison (2001), WTO World Trade Report 2013 (p. 49)


Protektionismus inmitten des goldenen Zeitalters des Liberalismus

Die starke Liberalisierung des Handels erfuhr nach zwei Dekaden bilateraler Abkommen erhebliche Rückschläge, sodass sich in Europa ein zunehmender Protektionismus abzeichnete. Die Problematik des Freihandels, von dem in der Theorie eigentlich alle profitieren sollten, zeichnete sich bereits im 19. Jahrhundert ab, als die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer der Globalisierung gespalten wurde. Erstere waren hauptsächlich die Arbeiter in den Städten, da sich die Preise für Lebensmittel durch geringere Transportkosten deutlich reduzierten. In einer Zeit, in denen der Großteil des Einkommens für die lebensnotwendigen Grundbedürfnisse ausgegeben werden musste, konnten so die Realeinkommen zwischen 1870 und 1913 um bis zu 43 % (in Großbritannien) steigen.

Die Verlierer hingegen waren vor allem auf dem Land lebende Bauern, da die Preise für Agrarprodukte durch die billigen Importe fielen und sich deren Einkommen beträchtlich verringerte. Unzureichende staatliche Unterstützung sowie eine dem Goldstandard geschuldete deflationäre Politik verschärften die Situation für die Bauern. Als Antwort auf den wachsenden Preiskampf und die 1870 einsetzende Depression setzten die Landwirte zusammen mit neu entstandenen Unternehmen in der Industrie in weiten Teilen Europas einen stärkeren Protektionismus durch, der bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs bestand hatte. Österreich-Ungarn erhöhte die Zölle 1876, Italien folgte 1878 und Deutschland schloss sich 1879 diesem Trend an.

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks hatte die starke wirtschaftliche Entwicklung der USA wenig mit freiem Handel zu tun. Nach dem Sieg der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg 1865 begann die Regierung durch staatliche Eingriffe mit ihrem Programm der importsubstituierenden Industrialisierung (ISI, eng. Import Substitution Industrialization) die eigene Wirtschaft zu fördern. In den Jahren 1866 bis 1883 verschanzte sich die USA hinter Einfuhrzöllen von durchschnittlich 45% auf industrielle Güter (die geringsten Zölle betrugen dabei 25%, die höchsten 60%), und erlangte trotz – oder wegen (?) – dieser Wirtschaftspolitik ein beträchtliches Wachstum und technologischen Fortschritt.

Umso erstaunlicher ist es in diesem Zusammenhang, dass wir mit dem angelsächsischen Kapitalismus der heutigen Zeit das genaue Gegenteil dessen assoziieren, was den Grundstein für den Wohlstand der USA legte.

Während so gut wie alle reichen Länder ab 1870 damit begannen, protektionistische Maßnahmen zu ergreifen, wurde den Entwicklungsländern, zumeist über den kolonialen Einfluss, eine radikale Marktliberalisierung aufgetragen. Der Historiker Paul Bairoch beschreibt die Situation im Jahr 1913 äußerst zutreffend mit den Worten:

»Wenn die Handelspolitik bis 1913 in der industrialisierten Welt als Insel des Liberalismus, die von einem Meer des Protektionismus umgeben ist, beschrieben wird, dann sollte die industrialisierte Welt am besten als Ozean des Liberalismus mit Inseln des Protektionismus charakterisiert werden.« (freie Übersetzung)

Diese Situation kommt einigen Entwicklungsländern heute sicher nicht unbekannt vor, wobei es in den letzten Jahrzehnten anstelle der Kolonialmächte die Marktfundamentalisten des Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Weltbank waren, die den Regierungen eine neoliberale Wirtschaftspolitik aufzwangen.

In der Literatur gibt es eine kontroverse Diskussion darüber, inwiefern der Imperialismus des 19. und 20. Jahrhunderts als zwangsläufige Konsequenz einer kapitalistischen Weltordnung angesehen werden kann. Einige, darunter vor allem der britische Ökonom John Atkinson Hobson, vertraten die These, dass die koloniale Expansion zwangsläufig mit der Suche nach neuen Absatzmärkten und billigeren Produktionsstätten einherging. Dem gegenüber steht die Meinung, dass ökonomische Motive allein keine ausreichende Erklärung sein können, da häufig nur ein Bruchteil der Investitionen in die Kolonien floss.

Im Falle des British Empires erhielten sämtliche britische Kolonien (ausgenommen Australien, Kanada und Neuseeland) 16,9% aller Kredite und Investitionen, wohingegen allein die USA bereits einen Anteil von 20,5% verbuchten. Deutsche (2,6%) und französische (8,9%) Kolonien erhielten ebenfalls nur einen eher unbedeutenden Teil der ausländischen Investitionen und Kredite ihrer jeweiligen Besatzungs- bzw. Verwaltungsmacht. Zudem spielte das politische Ansehen eines Landes, welches als Kolonialmacht etabliert war, zweifellos ebenfalls eine Rolle.

Neoliberale Widersprüche aus der ersten Ära der Globalisierung

In Anbetracht der bisher dargestellten Zusammenhänge wirft die Argumentation, dass die Liberalisierung des Handels zwangsläufig zu mehr Handel, Wachstum und Wohlstand führen würde, zwei entscheidende Fragen auf.

Erstens, wie kann es sein, dass führende Ökonomen auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg verweisen, um zu zeigen, dass der „Freihandel“ ein wesentlicher Bestandteil für Wirtschaftswachstum ist?

Zweitens, auf welcher Grundlage steht die Behauptung, dass der in den 1870ern entstehende Protektionismus in der Katastrophe von 1914 mündete?

Insbesondere die Neoliberalen müssten vor einem Rätsel stehen, was das Wachstum des späten 19. Jahrhunderts betrifft. Zum einen haben wir gesehen, dass das „goldene Zeitalter des Liberalismus“ eine sehr starke protektionistische Komponente hatte und ein Großteil des Welthandels allein zwischen den reichen Ländern stattfand. Zum anderen sahen wir die hohe Einkommensdivergenz zwischen dem Norden und Süden, obwohl Freihandel eigentlich zu einer Konvergenz führen sollte.

Hinzu müsste die Frage gestellt werden, wie sich die USA so positiv entwickeln konnte, wo doch hohe Zölle zum Schutz der heimischen Industrie erhoben wurden. Vergleicht man diese Entwicklung mit der Wirtschaftspolitik, die China und den „Asian Tigers“ zum Ende des 20. Jahrhunderts zu starkem Wachstum verhalf, scheint sie keineswegs überraschend, obwohl sie doch dem neoliberalen Dogma des Freihandels diametral gegenüberstehen.

Noch deutlicher wird die Problematik der Kausalität, dass Freihandel zu mehr Handel und somit mehr Wachstum führe, bei der Betrachtung der Wachstumsdaten in Bezug auf die jeweils vorherrschende Wirtschaftspolitik (vgl. Abbildung 04). Erstaunlicherweise legte sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Zahl der Exporte mit zunehmendem Protektionismus zu.

Dasselbe Muster finden wir, wenn wir die Zeit unter dem Bretton Woods System (in der Tabelle 1950-1970) mit der anschließenden Phase der Liberalisierung (1970-1990) vergleichen, in der das Wachstum sowohl in den Industrienationen als auch den Entwicklungsländern gerade einmal die Hälfte betrug. Häufig wird als Begründung dabei auf den „Nachholbedarf“ verwiesen, den die Industrienationen nach dem Zweiten Weltkrieg hatten. Doch angesichts des Zustandes, in dem sich heutzutage viele Entwicklungsländer befinden, und dem gewaltigen Nachholbedarf, den die meisten Industrienationen in den Bereichen Bildung, Ökologie und Infrastruktur haben, ist das Argument aus meiner Sicht unzureichend.

In jedem Fall lässt sich festhalten, dass sich die Vorstellung, eine Liberalisierung des Handels ginge zwangsläufig mit höherem Wachstum einher, definitiv nicht pauschalisieren lässt. Sie bleibt insbesondere in Bezug auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein Hirngespinst der neoliberalen Schule.



Viel überzeugender scheint hingegen das Argument zu sein, dass die Kausalität in die entgegengesetzte Richtung läuft: höheres Wirtschaftswachstum führt zu mehr internationalem Handel. Bairoch und Kozul-Wright untermauern diese Denkweise mit den Entwicklungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der Zeit von 1860 bis 1879, in der der Handel stark liberalisiert war, war sowohl das Wachstum der Produktion als auch der Exporte äußerst schwach. Während der anschließenden protektionistischen Phase allerdings stieg die jährliche Wachstumsrate der Produktion um mehr als 100 % und die Exporte legten um 35 % zu.

Eine nähere Betrachtung der einzelnen Länder verdeutlicht diesen Zusammenhang (vgl. Abbildung 05). Mit Ausnahme Italiens, erlebte jedes Land einen rapiden Anstieg des Bruttonationaleinkommens im Zuge ihrer protektionistischen Politik. Auch der Handel legte auf lange Sicht (20 Jahre) in den meisten Fällen deutlich zu, nachdem die Exporte in den ersten zehn Jahren in vielen Ländern zunächst zurückgegangen waren.



Verdrehung von Tatsachen

Das Argument, dass der Protektionismus vor 1914 zum Ausbruch des ersten Weltkriegs beitrug, hat keine fundierte Grundlage. Zum einen begannen die Industrienationen bereits 1870 protektionistische Maßnahmen zu ergreifen, zum anderen stiegen sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Exporte in der Folgezeit.

Vielmehr verdeutlicht diese Epoche das, was die neoliberalen Ideologen nicht wahrhaben wollen: dass „Freihandel“ insgesamt nur wenige reich gemacht hat, und dass wirtschaftliches Wachstum auch ohne radikalen Marktfundamentalismus möglich ist. Tatsächlich scheint die Verfechtung des Freihandels in Anbetracht der Geschichte ein wahrlich hy­po­kri­tischer Akt zu sein. Die heute lautstarken Vertreter des angelsächsischen Kapitalismus, die USA und Großbritannien, haben selbst zu Beginn ihrer Industrialisierung ihre Firmen und Industrien durch hohe Zölle geschützt. Einen ähnlichen Anfall von Geschichtsvergessenheit hatte zuletzt auch der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping, der sich in Davos lautstark gegen den Protektionismus aussprach (hier).

Der Cambridge-Ökonom Ha-Joon Chang kritisiert solche Argumentationsweisen zurecht als „ahistorisch“, da die Analyse der Vergangenheit durch Mathematik und abstruse Annahmen verdrängt wurden. Die Tatsache, dass „die meisten wohlhabenden Länder durch eine Kombination von Protektionismus, Subventionen und anderen wirtschaftspolitischen Maßnahmen [reich geworden sind], […] den Entwicklungsländern [aber von genau diesen Maßnahmen] abraten“, bezeichnet er als „wegstoßen der Leiter“. Nicht zu vergessen sind zudem die vielen bestehenden Zölle und Subventionen im reichen Norden, welche es den Entwicklungsländern noch schwieriger machen, ihre Produkte zu vertreiben.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass ein gewisser Protektionismus für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes sehr hilfreich sein kann, wenn er im Rahmen einer klugen strategischen Handelspolitik angewandt wird, die dem jeweiligen Stand der Entwicklung entspricht. Doch nicht nur für Entwicklungsländer, sondern auch für führende Industrienationen können sich aus protektionistischen Maßnahmen Vorteile ergeben. Vor allem wenn es darum geht, sich gegen unfaire Handelsvorteile anderer Länder zu schützen.

So langsam setzt sich die Vorstellung durch, dass hier der eigentliche Kern des Problems liegt. In Deutschland möchte man noch nicht wahrhaben, dass die gewaltigen Überschüsse auf unfaire Art erwirtschaftet wurden und zu Lasten der Defizitländer gehen. Deshalb ist es hierzulande auch einfacher, den Protektionismus zu verurteilen. Doch wie wir gesehen haben, taugt die Zeit vor 1914 nur schwerlich als Beleg für die Argumentation einiger deutscher Medien und Ökonomen.

Sinnvoller wäre es, wenn sich die öffentlichen Meinungsmacher mit den Folgen des Merkantilismus auseinandersetzen würden? Ist es so schwer zu erkennen, welcher Logik die deutsche Wirtschafts- und Handelspolitik folgt?

»Die normalen Mittel […] zur Steigerung unseres Wohlstands und Vermögens sind die über den Außenhandel, wobei wir immer folgende Regel beachten müssen: wir müssen jährlich mehr an andere verkaufen als wir an fremden Waren konsumieren.« (freie Übersetzung)

The ordinary means […] to encrease our wealth and treasure is by Forraign Trade, wherein wee must ever observe this rule; to sell more to strangers yearly than wee consume of theirs in value.«

Nein, dieser Satz stammt nicht von Merkel oder Schäuble, wie man bereits an der altertümlichen Sprache erkennen könnte. Ebenso wenig ist es ein Auszug aus dem Programm der Troika, die diese Politik in ihren „Reformen“ manifestierte, um die „Wettbewerbsfähigkeit“ Europas zu erhöhen. Diese wirtschaftspolitische „Strategie“ wurde von Thomas Mun, einem ehemaligen Direktor der East India Company, in seinem Werk „England’s Treasure by Forraign Trade” im Jahr 1664 festgehalten. Man erkennt, wie wenig fortgeschritten die geistige Haltung einiger Politiker, Medien und Wissenschaftler ist.

 


Literaturverzeichnis

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