Finanzsystem | 03.02.2017

Wechselbriefe im 18. Jahrhundert – Eine Lektion für Vollgeldreformer

Das historische Beispiel der Wechselbriefe zeigt: eine wachsende Wirtschaft braucht neues Finanzkapital. Ein Verbot der Geldschöpfung durch Banken würde nur alternative Finanzprodukte entstehen lassen, die sich der Regulierung entziehen.

Auf Makroskop wurde häufig betont, dass die Geldschöpfung durch Kreditvergabe der Banken ein Kernbestandteil unseres heutigen Wirtschaftssystems ist und dass beispielsweise Vollgeld-Ideen zur Verbesserung unseres Finanzsystems in die Irre führen. Ein kurzer Blick in die Geschichte des internationalen Handels beleuchtet die Kernargumente von einer anderen Seite: Im 18. Jahrhundert gab es nicht genügend Banken, die den international agierenden Kaufleuten ein angemessenes Zahlungsmittel sowie die nötigen Kredite bereitstellen konnten. Ohne Beistand des Finanzsektors entwickelten die Kaufleute eine Zahlungsmethode aus dem 17. Jahrhundert, den Wechselbrief, weiter, so dass dieser zum dominierenden Zahlungs- und Kreditmittel wurde.

Das Fehlen von international anerkannter Währungen erschwert den Handel – und Gold ist denkbar unpraktisch

Mitte des 18. Jahrhunderts stieg der Seehandel zwischen europäischen Staaten, aber auch zu Übersee-Kolonien stark an. Das spanisch-portugiesische Imperium wurde bereits durch das niederländisch-englische abgelöst. Zur gleichen Zeit, nämlich im Jahre 1776, lieferte Adam Smith mit seinem Werk „The Wealth of Nations“ die ersten intellektuellen Grundlagen zur Freihandelstheorie (wir hatten hier darüber berichtet und heutige Auslegungen des Werkes kritisiert). In der Tat löste man sich in dieser Zeit von einigen protektionistischen Maßnahmen. Zusammen mit beispielsweise entscheidenden Reformen in der Bodennutzung sowie Entwicklungen in der Infrastruktur sanken die Transportkosten für Waren wie Zucker, Kaffee oder Seife deutlich und neue Märkte, etwa in Südamerika, konnten erschlossen werden.

London und Amsterdam waren die damaligen Finanzzentren und hier konnten auch verschiedenste Kredite aufgenommen und Zahlungen abgewickelt werden. Vor Ort in den Kolonien oder aber auch in anderen europäischen Hafenstädten war der Zugang zu Finanzkapital jedoch häufig beschränkt. Ohne eine international akzeptierte Währung wie den heutigen US-Dollar und ohne digitale Überweisungen stellte die Bezahlung von Handelswaren eine Herausforderung dar. Offensichtlich war es keine gute Idee, Schiffsladungen in Gold zu bezahlen, da dies mit einem erheblichen Sicherheitsrisiko verbunden war. Darüber hinaus war es häufig so, dass der Käufer den nötigen Geldbetrag zum gewünschten Kaufzeitpunkt noch nicht besaß. Der Käufer hätte also gerne einen Kredit, den er erst dann wieder zurückzahlt, sobald er seine Ware in beispielsweise London mit einem Preisaufschlag verkauft hat.

Der Wechselbrief wird dominierendes Kredit- und Zahlungsmittel im Handel

Anders ausgedrückt, das Bankenwesen war zu dieser Zeit nicht in der Lage, die potentiellen Wachstumsmöglichkeiten des Handels zu realisieren und die Marktteilnehmer mit ausreichendem Finanzkapital und Zahlungsmitteln auszustatten. Wie funktionierte nun also der Wechselbrief, der dieses Problem teilweise löste, prinzipiell unabhängig vom Bankensektor war und den Handel enorm erleichterte? Und was können wir dadurch über unser heutiges Geldsystem lernen?

Es gab verschiedene Arten und Verwendungen des Wechselbriefs, im Folgenden soll die Kernidee dieses Dokuments aber an einem typischen Beispiel illustriert werden: Angenommen ein Geschäftsinhaber A in England möchte Tabak, Elfenbein oder Olivenöl im Hafen von Marseille einkaufen. Typischerweise hat dieser Geschäftsinhaber einen Mittelmann B vor Ort in Marseille, der für ihn die Geschäfte abwickelt. Der Geschäftsinhaber A schreibt nun ein Dokument (die ‚Schöpfung’ des Wechselbriefs) mit seiner Unterschrift auf den Namen seines Mittelmanns B. In diesem Dokument steht, dass ein noch festzulegender Zahlungsempfänger C, eine gewisse Summe in Pfund in einem Jahr in London von dem Geschäftsinhaber A ausgezahlt bekommt. Die Person A kann dieses Dokument gefahrenlos nach Marseille schicken, da es namentlich an die Person B gebunden ist und ein Dieb nichts mit dem Dokument anfangen könnte.

Der Mittelmann B in Marseille kann diesen Wechselbrief nun benutzen um von einer dritten Person C Tabak abzukaufen und diesen Tabak nach London verschiffen. Dies geschieht, indem der Mittelmann die Person C namentlich als Zahlungsempfänger auf dem Dokument vermerkt. Der Zahlungsempfänger C akzeptiert den Wechsel, indem er ihn auch unterschreibt. Die Person C kann nun bis zum Ende der Laufzeit des Wechsels warten (in unserem Beispiel ein Jahr), anschließend nach London reisen und sich dort von dem Geschäftsinhaber A das Geld in Pfund auszahlen lassen (wir werden später sehen, dass aber oft etwas Anderes geschah).

Der Wechselbrief dient als Kreditmittel und ermöglicht wachsenden Handel

In einer modernen Marktwirtschaft ist der Unternehmenssektor durch den kreditfinanzierten Investitionsprozess typischerweise ein netto Schuldner (wir haben auf Makroskop oft darüber berichtet, beispielsweise hier). In einer expandierenden Wirtschaft nehmen Unternehmen also Kredite auf, um den Produktionsprozess zu realisieren, wodurch zusätzliches Geld geschaffen wird. In unserem Beispiel aus dem 18. Jahrhundert ist etwas Ähnliches passiert: Der Zahlungsempfänger C hat dem Geschäftsinhaber A einen Kredit in Höhe des Wertes des Tabaks gewährt. Person C wurde mit einem Stück Papier bezahlt, dass es zuvor nicht gegeben hat.

Der Wechselbrief erfüllte also zu einem gewissen Teil die Rolle der heutigen Geldschöpfung der Banken. Heutzutage hätte Person A das Geld aus seinem bestehenden Vermögen entweder direkt überweisen oder sich einen Kredit bei seiner Bank aufnehmen und das Geld dann überweisen können. Ein offensichtlicher Unterschied aber ist, dass dies für den Zahlungsempfänger den Vorteil hat, dass er sofort sieht, ob das Geld auch tatsächlich angekommen ist. Wenn wir uns aber in das 18. Jahrhundert versetzen, stellt sich die Frage, wieso Person C einen Zettel von dem ihm wahrscheinlich unbekannten Geschäftsinhaber A akzeptieren sollte.

Der Wechselbrief dient als Zahlungsmittel, da er auf weitere Personen überschrieben werden kann

In der Tat schreibt die Ökonomin Veronica Aoki Santarosa, dass der Wechselbrief nicht nur dominierendes Kredit- sondern auch dominierendes Zahlungsmittel wurde (den englischen Artikel gibt es hier). Als nächstes werden wir also sehen, wie der Wechselbrief nicht nur der Rolle der Kreditvergabe, sondern auch der Rolle des Zahlungsmittels gerecht wurde.

Schauen wir uns erneut das Ausgangsbeispiel an: Für den Zahlungsempfänger C gibt es attraktivere Möglichkeiten, als (zu einem hohen Preis) nach London zu reisen und dort seinen Wechsel einzulösen. Person C kann den Wechsel vielmehr weiterverwenden, um zum Beispiel eigene Rechnungen oder Schulden zu tilgen. So ist es gut möglich, dass Person C eine Rechnung mit einem Lieferanten D aus Nordafrika zu bezahlen hat. Wenn dem so ist, kann der Tabakverkäufer C nun einfach den Namen von Lieferant D auf dem Brief vermerken. Nun ist die Person D der neue Zahlungsempfänger und könnte sich die Summe am festgeschriebenen Datum in London auszahlen lassen, oder erneut eine weitere Person damit bezahlen.

Wie wird Betrug zwischen privaten Personen über tausende Kilometer Entfernung eingedämmt?

Je nach Laufzeit zirkulierten viele Wechselbriefe über Monate oder Jahre hinweg mit immer neuen Zahlungsempfängern. Der Kernpunkt ist nun, dass theoretisch alle Personen, die den Wechselbrief unterschrieben haben, auch dafür hafteten. So hat beispielsweise auch der Mittelsmann B seine Unterschrift auf diesen Wechselbrief gesetzt. Wenn die Person C (oder D) nun den Wechsel in London einlösen will, die Person A aber nicht bezahlen kann oder will, so darf Person C das Geld auch von Person B verlangen.

Ein typisches Beispiel ist, dass Person A zahlungsunfähig oder mit der Qualität der Ware nicht zufrieden ist und sich deswegen weigert, den Wechselbrief einzulösen. Da der Zahlungsempfänger nun auch das Geld vom Mittelsmann B verlangen kann, hat letzterer ein Interesse, den Tabak in Marseille zu kontrollieren, bevor er ihn nach London verschiffen lässt.

Gerät ein Händler in Verruf, weil er seine Wechsel nicht einlöst, werden andere Händler Wechselbriefe mit seiner Unterschrift womöglich nicht mehr akzeptieren. Dieser Kontrollmechanismus (gesamtschuldnerische Haftung) half also dabei, kriminellen Betrug einzudämmen (mehr Details dazu gibt es in dem oben erwähnten Artikel von Santarosa).

Was uns der Wechselbrief trotz seiner Überholtheit lehren kann

Der Wechselbrief war natürlich alles andere als perfekt: es kam häufig zu Streitigkeiten, Zahlungsausfällen und rechtlichen Unklarheiten aufgrund mangelnder international anerkannter Gerichtbarkeit. Darüber hinaus wurde mit Wechselbriefen nicht nur gehandelt, sondern auch spekuliert, was die Planungssicherheit der Unternehmer behinderte.

Heutzutage übernehmen Banken das Monitoring der Kreditnehmer und es können alle Arten von Versicherungen und Zahlungsverträgen abgeschlossen werden, die den Wechselbrief aus dem 18. Jahrhundert überflüssig machen. Dennoch können wir aus dem 18. Jahrhundert lernen, dass eine wachsende Wirtschaft nicht mit existierenden Ersparnissen auskommt, sondern neues Finanzkapital braucht (siehe auch hier).

Darüber hinaus würde ein Verbot der Geldschöpfung der Banken in die Irre führen (wir hatten Vollgeldideen bereits hier und hier kritisiert). In solch einem Extremfall würden die Marktteilnehmer alternative Finanzprodukte erschaffen, die sich der Regulierung der Finanzmarktaufsicht entziehen und zunächst sicherlich viel anfälliger sein würden. Erst auf Basis dieser Erkenntnisse lässt sich sinnvoll über eine Verbesserung unseres Finanzsystems diskutieren.

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