Soziales | 24.03.2017 (editiert am 28.03.2017)

Das Scheitern des Marktes an der Sättigungsgrenze – 2

Der Markt hat im Vergleich zur Selbstversorgung gewichtige Nachteile. Wie aber könnte eine vernünftige Mischung von Markt und Selbstversorgung aussehen?

Projekt ausschreiben, Offerten einholen, vergleichen, Nachgebotsrunde, Qualität kontrollieren etc. etc. Wäre es da nicht einfacher, den Lieferanten aufzukaufen und das ganze hierarchisch zu organisieren? Für die Entdeckung, dass Markt teurer sein kann als Hierarchie, hat Ronald Coase 1991 den Nobelpreis für Ökonomie erhalten.

Die «Dreierregel»

Doch Coase’s Frage nach der optimalen Größe der Firma stellt sich auch für die Wirtschaft insgesamt: Was soll der Markt regeln, und wo verlassen wir uns lieber auf die uralten Koordinationsmechanismen, welche die Evolution in uns angelegt hat, lange bevor sie den Markt erfunden hat?

In der Tat haben 99,99% aller Menschengenerationen ihre gemeinsamen Tätigkeiten auch ohne Markt und Geld koordiniert.  Und wie Coase richtig beobachtet hat, ist auch in der heutigen modernen Marktwirtschaft längst nicht alles nur Markt. Dieser eignet sich, um den Austausch zwischen ganzen Städten und Ländern zu koordinieren. Kleinere Einheiten können sich auch ohne Geld und mit einem Minimum an politischen Institutionen organisieren.

Nach der „Dreierregel“ des Ethnologen Robert Dunbar organisieren sich Menschen und Primaten in Gruppen von 5, 15, 50, 150, 500 und 1500. Zwischen 150 (Freunde) und 500 (nahe Bekannte) nähern wir uns laut Dunbar der Grenze der Vertrautheit, bei der wir uns zur gegenseitigen Hilfe verpflichtet fühlen.

Das legt die Vermutung nahe dass sich Gruppen von etwa 500 Leuten selbst organisieren und sich so die hohen Kosten des Marktes sparen können. Wenn das so ist, wäre es sinnvoll, möglichst viele produktive Tätigkeiten auf diese (tiefe) Ebene zu verlagern. Welche Tätigkeiten das sind, hängt auch von den verfügbaren Produktionstechnologien ab. Sonnenenergie kann man auf jedem Hausdach herstellen. Für Atomkraftwerke sind oft sogar die Landesgrenzen zu eng.

Projekt „Alltag1“

So viel zur Theorie. Nun zur Praxis bzw. zum Projekt „Alltag1“.  In Zürich gibt es zwischen Sihl und Hauptbahnhof ein Gelände von etwa einem Hektar, das jetzt als provisorischer Busbahnhof dient. Dafür liegt ein Bebauungsvorschlag der Bau-und Wohngenossenschaft NeNa1 (Neustart-Nachbarschaft 1) vor. Auf dem Areal soll eine Modellnachbarschaft entstehen, die als Muster für die Umgestaltung des ganzen oberen Kreis 5 dienen soll. Der Plan sieht vor, den Busbahnhof (auf Kosten der Stadt) unter die Erde zu legen oder unter einem Deckel zu versorgen. Darüber wird ein 5-8-stöckiger Blockrandbau mit großem Innenhof errichtet. Er böte Platz eine Nachbarschaft von mehr als 500 Einwohnern. Rund zwei Drittel der überbauten Fläche ist Wohnraum, der Rest ist Wirtschafts- Kultur und Versammlungsraum – Gästehaus mit 20 Zimmern, ein Mikrozentrum mit Lebensmitteldepot, Bäckerei, Käserei, Restaurant, Lounge, Bar, Bibliothek, Wäscherei, Energie usw. Dazu kommt noch ein Werkhof und etwa 10 kleinere Räume für kulturelle und handwerkliche Aktivitäten. Die Baukosten für die ganze Nachbarschaft werden mit 60 Millionen veranschlagt, zuzüglich 20 Millionen für den Landerwerb (bzw. Baurechtszins). Die Miete wird auf 220 Franken pro Quadratmeter und Jahr kalkuliert. Das wären ca. 1850 Franken Monatsmiete für eine Vier-Zimmer-Wohnung.

Diese Nachbarschaft wiederum ist gekoppelt mit einem (nahe gelegenen) Landwirtschaftsbetrieb (Landbasis) von etwa 60 Hektaren Fläche. Damit lässt sich gut 70% des Kalorien- und Eiweißbedarfes decken. Nachbarschaft und Landbasis werden als Genossenschaft organisiert. Diese bietet den Genossenschaftern Kost und Logis, die mit einer Pauschale bezahlt werden. Um die finanziellen Kosten tief zu halten, kann (soll) man sich an gemeinsamen Arbeiten in Landbasis, Küche, Reinigung, Verwaltung, Instandhaltung etc. beteiligen.

Zurzeit muss ein Schweizer Haushalt pro Kopf und Woche weniger als 1,5 Stunden für Nahrung und Getränke ab Laden aufwenden, wovon maximal eine Stunde auf die Arbeit der Bauern entfallen dürfte. Der Grund dafür liegt darin, dass wir pro Stunde Arbeit in den Exportindustrien 10 bis 15 Stunden (mies bezahlte) Arbeit in der globalen Food-Industry einkaufen können.

Mit der Landbasis „erobern“ wir uns sozusagen Teil dieser Arbeit zurück. Dadurch werden die Nahrungsmittel (in Arbeitszeit gemessen) deutlich teurer. Damit nicht alle einfach auf billigere Nahrungsmittel von Aldi ausweichen, muss die Landbasis genossenschaftlich organisiert und (teilweise) mit „Fronarbeit“ bezahlt werden. Diese wiederum muss so organisiert werden, dass sie Spaß macht.

Nachbarbarschaft und Landbasis beanspruchen etwa 25 bezahlte Stellen, sowie pro arbeitsfähigen Erwachsenen und Woche etwa 2 Stunden unbezahlte Arbeit. Jeder nach seinen Fähigkeiten. Ein Arzt kann z.B. Vorträge halten und Fragen beantworten, Handwerker helfen in der Werkstatt aus etc. Das ist nicht bloß Theorie. Solche Genossenschaften gibt es bereits. Mit dem Projekt „Alltag“ hätte man aber erstmals die Möglichkeit ein Modellprojekt von Grund auf neu zu planen und Erfahrungen zu sammeln.

Von der Evolution angelegte Vorteile nutzen

Nachbarschaft plus Landbasis bilden eine „Spielanordnung“, in der die von der Evolution angelegten Vorteile der sozialen und räumlichen Nähe wie Kooperationsbereitschaft, intrinsische Motivation (Lust am gemeinsamen Tun), soziale Kontrolle, Bestrafung von Trittbrettfahrern etc. optimal genutzt werden können (siehe Teil 1).

Im Vergleich dazu ist die Koordination über den Markt viel aufwendiger – lange Arbeitswege, Transport, Werbung, Arbeitsmarktbürokratie, Justiz, entfremdete Arbeit etc. Bei Nestlé etwa entfallen auf je 100 Euro Warenkosten weitere 100 Euro auf Koordinationsaufwand (Werbung, Vertrieb, Verwaltung und Gewinn). Zudem verderben gemäß foodwaste.ch 33% der Ware (63% des Frischgemüses) auf dem Weg vom Feld auf den Tisch. Über alles gesehen, arbeitet das System Nestlé/Markt mit einem „Verlust“ von 66%.

Das System Nachbarschaft/Landbasis ist viel schlanker – kurze Wege, keine Werbung, keine Arbeitsmarktbürokratie, keine Gewinnmarge, nur etwa 10% Warenverlust. Entsprechend geringer ist auch der Arbeitsaufwand pro Kalorie. Vor allem aber – und damit sind wir zurück bei Coase – sorgt das System Nachbarschaft dafür, dass viel Arbeit vom Markt zurück in die geldlose Wirtschaft wandert. Damit würde der Trend der letzten 100 Jahre umgekehrt.

Der Status quo sieht etwa so aus. In der Schweiz hat – gemäß dem Bundesamt für Statistik – ein durchschnittlicher Erwachsener 2013 pro Woche 50 Stunden gearbeitet, wovon etwa 47% oder 23,5 Stunden auf bezahlte Arbeit entfallen. Nach unseren vorläufigen Berechnungen und Schätzungen sinkt der Arbeitsaufwand in einer ökologisch nachhaltigen Nachbarschafts-Landbasis-Gesellschaft auf 40 bis 45 Stunden, wovon nur noch etwa 10 bis 15 Stunden bezahlte Arbeit sein werden. Im Folgenden gehen wir von 30 unbezahlten und maximal 15 bezahlten Arbeitsstunden aus.

Von dieser Arbeitsmenge fallen fast 80 Prozent in Gehdistanz an – in der Nachbarschaft oder im Quartier (ca. 10 Nachbarschaften) und in den dazugehörenden Landbasen. Im Klartext: 80 % aller Arbeit (praktisch die gesamte unbezahlte und etwa 30% der bezahlten) wird von Quartierbewohnern für Quartierbewohner geleistet. Das betrifft die Bereiche Kindererziehung, Schule, Wohnen, Essen, Gastronomie, Altenbetreuung, Energie und Unterhaltung. Auch die in den Nachbarschaften angesiedelten Gewerbebetriebe arbeiten zu einem großen Teil für die interne Nachfrage.

Stärkung der Gemeinschaft, Entlastung der Gesellschaft

Die Nachbarschaft entlastet zudem den Sozialstaat. Alte und Kranke oder kinderreiche Familien dürfen einen kleineren Beitrag ans Gemeinwohl leisten. Arbeitslose finden leichter eine interne Beschäftigung. Weil vorwiegend für den Eigenbedarf gearbeitet wird, fällt es leichter, die Arbeitsmenge den Bedürfnissen anzupassen. Zudem werden massiv Gesundheitskosten gespart. Nach einer Metastudie der Brigham Young University in Provo/Utah bedrohen Vereinsamung und soziale Isolation die Langlebigkeit eines Menschen in einem ähnlich hohen Ausmaß wie Rauchen, Alkoholmissbrauch oder Fettleibigkeit.

Die restlichen rund 10 Stunden bezahlte Arbeit entfallen vor allem auf zentrale Dienste wie Verwaltung, Justiz, Energie, Kantonsspital aber auch privatwirtschaftliche Tätigkeiten wie Firmenzentralen und größere Industriebetriebe. Ein Teil dieser Arbeitszeit muss für die Exporte verwendet werden, mit denen wir unserer Importe bezahlen müssen. Diesen Anteil schätzen wir – für die Schweiz – auf maximal 3 Stunden oder etwa 7 Prozent der gesamten Arbeitszeit.

Diese Zahl mag erstaunen. Die Schweizer sind gewohnt, zu hören, dass jeder zweite Franken im Export verdient wird. Doch das ist irreführend. Erstens ist das ein Bruttowert. In den Exporten stecken auch importierte Waren und Dienste. Zweitens exportiert die Schweiz überflüssigerweise etwa einen Viertel mehr als zur Finanzierung der Importe nötig wäre. Drittens bezieht sich die Rechnung nur auf die bezahlte Arbeitszeit. Von der ganzen Arbeitszeit verwenden die Schweizer bereits heute nur etwa 14% für den Export, bzw. zur Deckung des Importbedarfs.

In einer ökologisch nachhaltigen Commons-Wirtschaft wird sich dieser Anteil zumindest halbieren. Traditionell musste die Schweiz vor allem Rohstoffe, Energie, Nahrungsmittel und schwere Industriegüter importieren. Energie wird heute überwiegend vor Ort produziert. Punkto Ernährung rechnen wir mit 70% Prozent Autarkie. Dank der 3-D-Technologie können auch kleine Serien vor Ort kostengünstig hergestellt werden. Der Bedarf an Autos sinkt erstens wegen der kürzeren Distanzen und weil das vorhandene Material dank Sharing-Plattformen besser genutzt werden kann. Und vor allem: Wir müssen den Ressourcenverbrauch ohnehin drastisch einschränken.

Eine Alternative zur reinen Marktwirtschaft

Einverstanden. Unserer Berechnungen sind sehr Handgelenk-Mal-Pi. Aber die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen, die sich daraus ergeben, hängen nicht von Kommastellen ab: Wir haben zwei Probleme, die eng miteinander zusammenhängen. Erstens:

Der Versuch, die Gesellschaft über die bezahlte Arbeit zu integrieren, ist längst gescheitert. Das hat in den Nachkriegsjahrzehnten funktioniert, doch inzwischen sind die Frauen emanzipiert und die Verteilungsfrage, also die Umwandlung der Produktivitätszuwächse in Reallöhne, lässt sich politisch offenbar nicht mehr lösen. So wird aus der Verteilungsfrage ein andauerndes Nachfrageproblem. Auch in Zukunft wird der Markt die Unternehmen zwingen, Arbeit durch Kapital zu ersetzen. Stößt der Konsum an die Verteilungsgrenze oder an harte ökologische Grenzen, können wir unsere Lebensqualität nur noch dadurch massiv verbessern, dass wir einen Teil der bezahlten Arbeit wieder in unbezahlte Tätigkeit für den Eigenbedarf zurück verwandeln. Wie alle einschlägigen Statistiken zeigen, nimmt die bezahlte Arbeit pro Kopf im langfristigen Trend ohnehin ab. Zwar gibt es gleichzeitig einen Trend zu einem höherwertigen – die Umwelt weniger belastenden – Konsum, doch jenseits der Sättigungsgrenze ist mehr Muße der höchstwertige Konsum.

Das zweite Problem liegt darin, dass die vom Geld regierte Hälfte unserer Wirtschaft die Anrechte auf ihre Beute so einseitig verteilt, dass das Mammut gar nicht mehr verzehrt werden kann. Zumindest nicht, ohne einen riesigen Berg von Schulden und Guthaben zu hinterlassen, der die Wirtschaft immer weiter destabilisiert und wertvolle Ressourcen verschlingt. Wir haben ein gröberes Verteilungsproblem. Wir können dieses Problem entschärfen, indem wir die Selbstversorgung stärken. Doch das allein genügt nicht. Wir brauchen Umverteilung und vor allem eine gerechtere Primärverteilung. Wie dieses Problem zu lösen wäre, kann man nicht zuletzt auf Makroskop nachlesen.

Die Chance liegt darin, dass die Marktwirtschaft immer mehr Leute aus der Gesellschaft ausschließt, worunter auch die Angehörigen und die Noch-nicht-Betroffenen leiden. Damit wächst eine kritische Masse von Leuten heran, die bereit ist, etwas Neues zu wagen. Und dieses Neue kann man scheibchenweise einführen. Ein „Alltag“ hier, ein „NeNa1“ dort, ein Bolsover in England. Weltweit gibt es schon tausende solcher Projekte – aber sie sind noch kein politischer Faktor. In absehbarer Zukunft wird der Punkt erreicht sein, wo sich herumspricht, dass es eine Alternative zur reinen Marktwirtschaft gibt. Das dürfte den Wandel massiv beschleunigen.

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